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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 206
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Calixtus II. Unterhandlungen mit Heinrich V. Konzil zu Reims. Calixt kommt nach Italien. Sein Einzug in Rom. Sturz des Gegenpapsts in Sutri. Das Wormser Konkordat. Heilsame Erschütterung der Welt durch den Investiturstreit. Friedliche Herrschaft Calixts II. in Rom. Denkmäler im Lateran verewigen das Ende des großen Streits. Tod Calixts II.

Gelasius hatte zu seinem Nachfolger den Kardinal von Palestrina gewünscht, aber Konon schlug den Erzbischof von Vienne vor. In so schwieriger Zeit war niemand tauglicher, Papst zu sein als dieser fürstliche Prälat. Guido, Sohn des Grafen Wilhelm Testardita, stammte aus dem Hause Burgund, war dem französischen Könige, selbst dem Kaiser verwandt, der glanzvollste Bischof Frankreichs, klug und fest, durch sein kühnes Auftreten im Investiturstreit überall berühmt. Daß man in Frankreich, dem Asyl des flüchtigen Papsts, einen Franzosen erwählte, war natürlich, und daß ein solcher an Ludwig VI. Schutz finden müsse, zweifellos. Ein seltener Fall trat ein: die sechs Kardinäle, des Gelasius Begleiter, und die wenigen andern Römer mit ihnen wählten im fremden Lande einen Ausländer zum Papst. Dies geschah in dem berühmten Kloster Cluny am 2. Februar. Aber Guido weigerte sich, den Purpur anzulegen, ehe nicht die Kardinäle in Rom seine Wahl bestätigten. Hier empfing der Kardinalvikar Peter von Portus die Wahlschreiben aus Frankreich; er versammelte die Römer erst zu St. Johann auf der Tiberinsel, dann auf dem Kapitol, und die Kardinäle, die katholisch gesinnten Großen, namentlich Pier Leone, dessen Sohn den Erzbischof Guido mitgewählt hatte, der Präfekt, Klerus und Volk stimmten einmütig bei. Die glänzenden Vorteile, welche Guido versprach, mäßigten das Gefühl des beleidigten Stolzes bei den Römern, doch bemerkten sie in ihrem Antwortschreiben, daß die Wahl in der Stadt oder ihrem Gebiet und aus den römischen Kardinälen hätte geschehen sollen.

Guido, fast überall anerkannt, wurde am 9. Februar 1119 in Vienne als Calixtus II. geweiht. Mit großer Kraft trat er sofort in Frankreich auf; sein Ziel war die Beilegung des Schisma und des langen Haders um die Investitur. Mit schwachen oder ungeschickten Päpsten konnte Heinrich V. ein leichtes Spiel haben, aber Calixt II., jener stolze Legat, der ihn in Vienne zuerst verflucht und dem Papst Paschalis mit der Aufkündigung des Gehorsams gedroht hatte, war ihm wohl gewachsen. Zerrüttung herrschte in Deutschland; die Empörung der Fürsten und des Klerus (an ihrer Spitze standen der Erzbischof von Mainz, der undankbare Albert, Friedrich von Köln und Konrad von Salzburg) schien eine Ausdehnung anzunehmen wie zu Heinrichs IV. Zeit. Man drohte mit einem neuen Tribur; ein dortiger Fürstentag anerkannte Calixt; geschickte Unterhändler bemächtigten sich des Streits, nach dessen Beilegung die Welt schmachtete, und Heinrich zeigte sich zu einer praktischen Ausgleichung bereit. Er zögerte indes und erschien nicht auf dem großen Oktober-Konzil zu Reims, wo dem Abkommen gemäß alles beigelegt werden sollte. Dieser listige Feind sann vielleicht, in der Nähe lauernd, auf eine neue Papstjagd, und die Verhandlungen zerschlugen sich auch dieses Mal. Am 29. Oktober bestätigte sodann Calixt II. zu Reims vor 424 Bischöfen der Christenheit die Investiturverbote; am folgenden Tage tat man Heinrich V. und seinen Papst nochmals in den Bann, wobei 424 brennende Kerzen mit Zorn, mit Widerstreben oder mit Lächeln auf den Boden geschleudert wurden. Dies war das letzte Aufflammen des weltberühmten Streites, der bald nachher erlosch.

Im folgenden Frühjahr konnte Calixtus seine Reise nach Rom antreten. Durch die Provence, über die Alpen nach der Lombardei, durch Tuszien ziehend, wurde er auf allen Wegen mit gleichem Jubel begrüßt. In Rom selbst rüstete ihm die katholische Partei einen Triumph. Dort hatte sich Gregor VIII. mühsam gegen den Bannerträger der Kirche gewehrt; Bruno von Trier, ihm vom Kaiser beigegeben samt einer Schar von Deutschen, war sein einziger Schutz; denn dieser Erzbischof verteidigte mit den Frangipani Rom mannhaft gegen die Normannen Roberts von Capua. Aber das Gold floß zu sparsam in die aufgehaltenen Hände der Römer; die kaiserliche Partei mußte nach einigen Stürmen nach Trastevere weichen, worauf Gregor VIII. beschränkt blieb. Endlich verließ er bei der Annäherung Calixts das verräterische Rom und schloß sich im festen Sutri ein. Er beschwor seine Parteimänner, die Engelsburg und den St. Peter zu halten, doch Pier Leone öffnete sie mit einem Schlüssel von Gold.

Calixt II. hielt am 3. Juni 1120 seinen feierlichen Einzug; unmittelbar nach der Unglücksgestalt des schwachen Gelasius sah man die majestätische Erscheinung eines wahren Königs im Papstgewande. Solche Gegensätze waren nur hier, innerhalb der Kirche, möglich. Drei Tage weit holte ihn die Miliz ein; vor der Stadt begrüßten ihn die Kinder mit Blumenzweigen, vor den Toren Adel, Volk und Geistlichkeit. Der Papst ritt auf einem weißen Zelter gekrönt nach dem Lateran, während die Straßen mit seidenen Pallien, mit Kränzen und Kleinodien geschmückt waren. Der ungewöhnliche Empfang galt dem glücklichen Nachfolger zweier unscheinbarer und gedemütigter Päpste, in welchem fürstliche Abkunft und Reichtum den Glanz der kirchlichen Würden erhöhten. Calixtus konnte zufrieden sein: die Partei des Burdinus wurde durch Bestechung leicht gewonnen, und der Adel drängte sich gierig zur Huldigung.

Der Papst ging indes bald nach dem Süden; denn schon lange war es Regel, daß die neuernannten Päpste Apulien besuchten, des kostbaren Benevents sich zu versichern, die Lehnspflicht der Normannen zu erneuern, und, so es Not tat, mit einem Heere zurückzukehren. Zwei Monate blieb er in Monte Cassino; er empfing am 8. August die Huldigung Benevents und bald darauf der Fürsten Apuliens. Dann zog er Truppen zusammen und kehrte im Dezember 1120 nach Rom zurück, wo er das Osterfest des folgenden Jahres mit ungewohntem Glanze beging. Den Kardinal Johann von Crema schickte er zur Belagerung Sutris ab und folgte ihm in Person nach. Der hoffnungslose Burdinus, welcher einen Guerillakrieg unterhalten und die Wege beunruhigt hatte, konnte sich nur acht Tage lang verteidigen. Dies kaiserliche Idol wurde schneller preisgegeben als zuvor Cadalus. Nach den ersten Stürmen lieferten die Bürger Sutris schon am 22. April 1121 Burdinus aus. Die Soldknechte Johanns von Crema behandelten den Gefangenen mit bestialischer Rohheit, und der Papst mißbrauchte einen ruhmlosen Sieg, indem er den Erzbischof von Braga zum possenhaften Vorreiter seines Einzuges in Rom machen ließ. Gregor VIII., in ein zottiges Bocksfell gesteckt, verkehrt auf dem Küchenkamel des Papstes reitend, wurde unter Geißelschlägen und Steinwürfen wie ein wildes Tier durch die Stadt geführt, ins Septizonium eingekerkert, dann zum ewigen Exil verdammt und hin und her in die Türme Kampaniens, nach Passerano, nach der Burg Janula bei S. Germano, nach dem Kloster La Cava geschleppt, bis er dort oder in Fumone sein Ende fand. Dies waren die rohen Triumphzüge des Mittelalters in Rom.

Der Fall des Gegenpapsts zog die Demütigung vieler Kapitäne nach sich. Die Grafen von Ceccano und Segni, germanischen Geschlechts, Lando, Godfried und Rainald, unterwarfen sich, und nachdem Calixtus auch die Türme des Cencius Frangipane hatte umstürzen lassen, konnte sich nach langer Zeit wieder ein Papst den Gebieter der Stadt nennen und friedlich in ihr wohnen. Diese schnellen Erfolge wirkten auch auf Deutschland; der Triumph über den kaiserlichen Papst galt auch dem Kaiser selbst und seinen Ansprüchen, Päpste einzusetzen oder zu bestätigen. Der monströse Fall Gregors VIII. wurde der Welt vor Augen gehalten wie ein Sturz des Simon Magus, und er beschleunigte das Ende des Streits um die Investitur.

Das empörte Reich endlich zu friedigen, entschloß sich Heinrich, durch das Schicksal seines Vaters belehrt, nachzugeben, und Calixt, ein Mann von weiterem Horizont als seine mönchisch beschränkten Vorgänger, war gleich belehrt und gleich versöhnlich. Ein Reichs- und Kirchenfriede wurde auf mehreren deutschen Tagen zwischen den Fürsten und den Kardinallegaten Lambert von Ostia, Gregor und Sasso vereinbart. Wie zu Paschalis' Zeit wurden wiederum zwei Verträge ausgefertigt: der Kaiser verzichtete darnach auf die Investitur mit Ring und Stab, er anerkannte die Freiheit der Wahl und Ordination der Geistlichkeit und versprach die Herstellung aller Kirchengüter: dagegen der Papst genehmigte, daß die Wahl der Bischöfe im Deutschen Reich vor des Kaisers Boten geschehe; daß in Deutschland der Erwählte durch das Zepter mit dem Krongut beliehen werde; daß außerhalb Deutschlands erst die Weihe, dann innerhalb sechs Monaten die Bezepterung zu geben sei. Der Sieg der Kirche war entschiedener als der Vorteil des Staats, welchem ein großes Prinzip, die Wahlfreiheit des Klerus, abgerungen war. Nur tastete die Kirche nicht mehr das weltliche Untertanenverhältnis der Bischöfe an; sie setzte dieselben in das geistliche Amt und der Kaiser sie in ihr lehnspflichtiges Fürsten- oder Herrentum.

Als diese aufrichtigen Urkunden am 23. September 1122 zu Worms vor zahllosem Volk gelesen wurden, als der Kardinal Lambert den Sohn des unglücklichen Heinrich feierlich in die Kirchengemeinschaft wiederaufnahm, war die Freude groß: die Wunden eines mörderischen Krieges schlossen sich, die verwüstete Welt fand Frieden. Der Investiturstreit dauerte ein halbes Jahrhundert, und nicht minder wütend als der dreißigjährige Krieg hat er Deutschland (und auch Italien) verheert und die Blüte des damaligen Geschlechtes aufgebraucht. Darf vielleicht ein Satiriker als die Resultate eines so langen Vernichtungskampfs zwei besiegelte Pergamente der Welt vorzeigen und die Menschheit verhöhnen, welche eine scheinbar so leichte Lösung ihrer schwierigen Fragen vor sich liegen hatte, aber sie in blinder Wut übersah, bis sie nach schrecklichen Irrgängen durch ein halbes Jahrhundert in weitem Kreise darauf zurückgeführt wurde? Bedurfte es so vieler Blutströme, um Ring und Stab mit dem Zepter zu vertauschen oder die Wahrheit zu entdecken, daß die Forderungen des Staats nur dem Staatlichen, die der Kirche nur dem Geistlichen gelten sollten? Es ist eine traurige Wahrheit, daß die Menschheit ihr langsames Fortschreiten durch den gewaltsamen Stoß der Kriege erkämpfen muß und daß die Gewinste von Jahrhunderten nur als kleine Bruchteile im humanen Kosmos erscheinen: indes die Wormser Pergamente waren nicht die Resultate des Investiturstreits. In großen Weltkämpfen wird deren ursprüngliches Objekt aufgezehrt und ein geistigeres und höheres kommt daraus hervor. Als ein Kampf der beiden Prinzipien, die den Geist in der Menschheit darstellten, war jener größte Streit des Mittelalters eine der heilsamsten Erschütterungen, welche Europa jemals erfuhr. Er hat durch die Gewalt der Gegensätze und durch die Leidenschaft, welche alle Klassen zwang, Partei zu ergreifen, die Einseitigkeit oder Stumpfheit des barbarischen Zeitalters aufgehoben, dieses selbst abgeschlossen und mit den Kreuzzügen vereint die Periode einer neuen Kultur eröffnet. Es war während dieses Kampfs, daß der philosophische und der ketzerisch protestierende Gedanke erwachte, daß die Wissenschaft vom römischen Recht zugleich mit der Liebe zum Altertum wiedererstand, daß die republikanische Gemeindefreiheit erblühte und die bürgerliche Gesellschaft eine selbständige, menschlich mildere Form gewann. Und so haben Heinrich IV. und Gregor VII. als die tragischen Helden, Heinrich V. und Calixt II. als die glücklichen Friedensstifter dieses ewig denkwürdigen Prinzipienstreits ihre glänzende Stelle in den Annalen der Geschichte.

Calixt ließ den Abschluß des Friedens auf dem ersten allgemeinen Lateranischen Konzil im März 1123 bestätigen, und Rom hatte seit Jahrhunderten keine so große Versammlung gesehen. Sie besiegelte den Sieg der Kirche und die Durchführung der gregorianischen Reform. Das Papsttum hatte seine rechtliche Unabhängigkeit vom Kaisertum erkämpft und konnte fortan auf dieser festen Grundlage seiner von Europa anerkannten Freiheit seine geistliche Macht zur Weltmacht entwickeln. Allein der Friede zu Worms war am Ende, was damals kaum ein Mann begriff, nur ein Waffenstillstand zwischen den beiden Gewalten des Reichs und der Kirche, die einander zum erstenmal als die Grundmächte der Welt anerkannt hatten.

Seit Jahrhunderten saß kein Papst auf dem Stuhle Petri, der sich so glücklich fühlte wie Calixt. Seine Klugheit hatte daran so viel Anteil wie seine Kraft. Die Landgrafen wie die Stadt gehorchten dem Friedensstifter; die Parteikämpfe schwiegen; solange er lebte, wurde in den wüsten Straßen Roms kein Kampfgeschrei gehört. In dieser schönen Pause konnte der Papst sogar für das städtische Wohl sorgen; denn nach langer Zeit hören wir wieder von hergestellten Wasserleitungen und Stadtmauern, vom Bau und Ausschmuck einiger Kirchen. Der Zustand Roms nach dem Investiturstreit war kläglich genug; die Stadt lag halb in Trümmern; die geschändeten Tempel des Friedens, in Kriegs-Kastelle verwandelt, hatten auch die Schicksale solcher erfahren. Calixt mußte auf dem Konzil ausdrücklich verbieten, Kirchen wie Burgen zu befestigen; er verbot den Laien, die Opfergaben von den Altären zu reißen, und setzte das Anathem auf die Mißhandlung der Rompilger. Vielleicht reinigte er den Dom des Apostelfürsten von seiner schrecklichen Vergangenheit durch eine solenne Feier; er schmückte ihn wieder mit Weihgeschenken, täfelte seinen Boden, restaurierte den Hauptaltar und stattete die Basilika mit Grundstücken aus.

Der Lateran war in gleichem Verfalle seit Robert Guiscards Zeit. Nach Leo IV. hatte kaum ein Papst mehr am dortigen Palast gebaut; erst Calixt II. begann ihn herzustellen; er baute dort eine neue St. Nikolaus von Bari geweihte Kapelle, in deren Tribune er seine berühmten Vorkämpfer von Alexander II. abwärts in Farben malen ließ. Dies Bethaus konnte als Monument aller Päpste gelten, die mit dem Kaisertum den großen Zwist ausgefochten hatten; aber Calixt stellte den Triumph der Kirche auch noch in einem neuen lateranischen Audienzsaal dar, wo man ihn selbst, Gelasius, Paschalis, Urban, Victor III., Gregor VII. und Alexander II. gemalt sah, unter sich die Gegenpäpste, die ihnen als Fußschemel dienten. Schlechte Distichen bezeichneten sie, während der Inhalt des Wormser Konkordats auf der Wand geschrieben zu lesen war. Seit Jahrhunderten war der Kunst kein gleich großer Gegenstand geboten worden als der fünfzigjährige Kampf und seine Beilegung; aber er stellte zu frühe Forderungen an die Historienmalerei, die vor Giottos Zeit kaum ihre ersten Keime trieb; und jenes prahlerische Gemälde konnte nur die Barbarei einer Epoche bezeugen, wo sich die Päpste beglückt fühlten, die größten Taten der Kirche in rohen Malereien dargestellt zu sehen. Leider sind diese historischen Denkmäler des Papsttums und der Kunst im XVII. und XVIII. Jahrhundert untergegangen.

Auch darin war Calixt II. das Glück hold, daß es ihn bald nach seinem Siege sterben ließ; das römische Fieber raffte ihn am 13. Dezember 1124 im Lateran hin. Passend fand er dort seine Gruft neben Paschalis II., der Friedensstifter neben dem Opfer des Kampfs; so passend, wie sie schon fünf Monate nach ihm Heinrich V. fand, als man ihn im Dom zu Speyer neben dem mißhandelten Vater bestattete.

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