Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

1. Sturz des Aëtius. Ein Weiberroman. Ermordung Valentinians III. 455. Maximus Kaiser. Eudoxia ruft den Vandalenkönig Geiserich.

Das abendländische Reich neigte sich schon tief dem Untergange zu, und diesem gingen der Tod zweier Kaiser und eine zweite Plünderung Roms voraus, welche gleich jener ersten dem verhängnisvollen Sturze eines Helden auf dem Fuße folgte.

Der Fall des kriegsberühmten Aëtius war wie der des Stilicho mit Hofkabalen verwebt, zu denen sich noch die Mitwirkung zweier schöner Frauen gesellte. Der Bezwinger der Hunnen, vom römischen Volk als Retter gefeiert, von seinen Neidern gehaßt, unermeßlich reich und auf dem Gipfel der Macht, hatte den begreiflichen Ehrgeiz, durch die Bande des Bluts an das kaiserliche Haus sich noch fester zu ketten. Er besaß zwei Söhne, Carpilion und Gaudentius; Valentinian zwei Töchter, Eudocia und Placidia. Durch Eidschwur hatte der Kaiser seinem General gelobt, eine dieser Prinzessinnen dem einen oder andern der Jünglinge zu vermählen. Die Höflinge, unter ihnen der Eunuch Heraclius, scheinen diese Verbindung hintertrieben zu haben, indem sie Aëtius, vielleicht an sein falsches Spiel mit Bonifatius erinnernd, als einen übermütigen Verräter schilderten und von geheimen Einverständnissen mit den Hunnen flüsterten, seinen seit den Tagen des Tyrannen Johannes ihm ergebenen Freunden, mit deren Hilfe er die Herrschaft an sich zu bringen trachte.

Valentinian befand sich im Jahre 454 in Rom, wo er überhaupt öfters seine Residenz nahm. Eines Tags bestürmte ihn in den Gemächern des Palastes Aëtius; auf seinen Ruhm und seine Dienste trotzend, forderte er die Vollziehung der eidlichen Versprechungen. Es scheint, daß diese Szene durch die arglistigen Feinde des Generals angelegt worden war, um die Katastrophe herbeizuführen: Aëtius, welcher der feigen Seele eines Valentinian niemals eine andere als weibische Handlung zugetraut hatte, sah den Kaiser plötzlich das Schwert ziehen und fühlte es in demselben Augenblick seinen Leib durchstoßen. Als er auf den Marmorboden des Gemachs niederstürzte, durchbohrten ihn die Dolche und Degen eines Schwarms von Eunuchen und Hofschranzen. Jauchzend von Rachlust, bedeckten sie selbst noch die Leiche des letzten der großen Feldherren Roms mit Wunden, während vielleicht der »rasende Halbmann« Valentinian von dem Stoß, den er geführt hatte, ohnmächtig in die Arme eines Verschnittenen gesunken dalag.

Der Sturz des Aëtius riß viele seiner Freunde mit sich, darunter den Präfekten des Prätorium Boëthius aus dem anicischen Geschlecht, den Großvater des nachmals berühmten Philosophen. Die Anhänger des Generals wurden umgebracht.

Dies ist der einfache Bericht vom Untergange des Aëtius, und auch der wahrscheinlichste. Wenigstens ist es dem natürlichen Gange der Dinge angemessener zu glauben, daß der mächtige, hochverdiente und ehrgeizige Mann wie andere seinesgleichen als Opfer des Neides oder Argwohns gefallen sei, als daß ihn ein Weiberroman gestürzt habe. Ein solcher spielte im Palast und griff in die Schicksale der Stadt tief ein.

Valentinian, mit Eudoxia, der Tochter Theodosius' des Jüngeren und der Griechin Athenais oder Eudokia vermählt, fand sich durch die Reize seiner Gemahlin nicht befriedigt. Er richtete sein Verlangen auf die Gattin des Senators Petronius Maximus, des damaligen Hauptes des anicischen Geschlechts, eine Frau, welche Schönheit mit Tugend vereinigte und die letzte Lucretia Roms zu werden bestimmt war. Da seine Bewerbungen fehlgeschlagen, machten seine Kämmerlinge das Brettspiel zum Kuppler. Maximus, mit dem Kaiser spielend, verlor eine Summe Goldes, für die er seinen Ring zum Pfande gab. Mit diesem Zeichen in der Hand eilte ein Eunuch in das Haus des Senators, und dessen Weibe den Ring des Gemahles vorweisend, gab er vor, abgesandt zu sein, sie in einer Sänfte zur Begrüßung der Kaiserin abzuholen. Im Palast angekommen, wurde die Ahnungslose in ein abgelegenes Gemach zu Valentinian geführt.

Als Maximus nach Hause zurückkehrte, fand er sein Weib in Tränen der Scham und Verzweiflung, die sie nur stillte, um ihn mit Verwünschungen als den Verkäufer ihrer Ehre anzuklagen. Der Ehemann hatte kaum den Zusammenhang der Dinge begriffen, als er auch einen Racheplan faßte. Er beschloß, den Schimpf im Blute des Elenden abzuwaschen, und hier ist es, wo Procopius, der dies erzählt (er verwirrt die Zeiten), berichtet, daß Maximus, um sein Vorhaben mit Sicherheit auszuführen, zuerst durch Ränke Aëtius aus dem Wege räumte, weil er ihn als das größte Hindernis seiner Rache betrachtete. Er selbst war der reichste und vornehmste Mann in Rom, zweimal Konsul gewesen, viermal Stadtpräfekt, auch Präfekt des Prätorium Italiens und durch eine öffentliche Statue im Forum des Trajan geehrt. So konnte es ihm und dem anicischen Geschlecht nicht an Mitteln fehlen, seinen Racheplan auszuführen.

Es war ein auffallendes Zeichen eines abgestumpften Despotengemüts, daß Valentinian nach der Ermordung des Aëtius mehrere von dessen Dienern in seine eigenen Dienste nahm; er beleidigte ihr Ehrgefühl durch die Vorstellung, daß er ihnen keines zutraute oder nicht einmal den Gedanken hatte, diese Menschen, Barbaren, könnten einer edlen Regung fähig sein. Er gab ihnen Gelegenheit zur Blutrache. Maximus war es vielleicht selbst, der des Aëtius Anhänger in den Dienst Valentinians brachte, um sich ihrer Dolche zu bedienen. Als der Kaiser am 16. März 455 in der Villa ad duas Lauros, am dritten Meilenstein der Via Labicana, den Übungen der Truppen zusah, wurde er von Meuchelmördern, darunter zwei Goten, Optila und Traustila, niedergestoßen. Zu seiner Rettung sah man kein Schwert aus der Scheide ziehen.

Mit Valentinian III. erlosch der erbliche Stamm Theodosius' des Großen, und dies war ein schweres Unglück für Rom.

Maximus ließ sich zum Kaiser ausrufen, schon am 17. März; sein Gold siegte über den Nebenbuhler Majorianus, und so bestieg mit ihm das berühmte Geschlecht der Anicier den Thron. Nachdem er die Leiche Valentinians am St. Peter bestattet hatte, suchte er (seine unglückliche Gattin war aus Gram gestorben) die Kaiserin-Witwe zu bewegen, den Tod eines unwürdigen Gemahls in seinen eigenen Armen zu vergessen; denn durch diese Verbindung wollte er sich die Anhänger ihres kaiserlichen Hauses versöhnen und seine Herrschaft befestigen. Die stolze Tochter Theodosius' des Jüngeren ergab sich den Drohungen und der Gewalt, und noch wußte sie nicht, daß Maximus der verlarvte Mörder ihres Gatten war. Der neue Kaiser zwang die Witwe des Schänders seiner Gemahlin wenige Tage nach der Ermordung jenes, sein Lager zu besteigen, und er war boshaft genug, ihr dann zu sagen, was er vollführt hatte. Das in der tiefsten Seele verwundete Weib faßte sofort den Plan, sich am Usurpator des Thrones ihres Mannes und ihrer Ehre zu rächen.

Indem sie nun, so erzählen die byzantinischen Geschichtschreiber, hin und her sann und erkannte, daß von Konstantinopel nichts zu hoffen sei, weil ihre Mutter Eudokia in der Verbannung zu Jerusalem lebte, ihr Vater Theodosius aber und ihre Tante Pulcheria schon gestorben waren, so gab ihr der blinde Haß ein, den Vandalenkönig Geiserich aus Afrika zu ihrem Rächer aufzurufen, einen Menschen, fast so wild, so häßlich und furchtbar wie Attila. Sie sandte ihm Boten und bewog ihn zum schleunigen Aufbruche nach Rom. Es gibt starke Gründe des Zweifels an der Wahrheit dieser Berichte; es mag sein, daß die Einbildungskraft der Griechen den zweiten Fall der Stadt mit jener Sage ausgeschmückt hat. Da sie nicht mehr zu erweisen ist, so mag sie auf sich beruhen, und der Geschichtschreiber kann dem Beispiel eines Chronisten folgen, welcher, nachdem er den Sturz des Valentinian und die Usurpation des Maximus erzählt hat, einfach zu berichten fortfährt, daß der Thronräuber die Exzesse seiner Leidenschaft bald genug gebüßt habe, denn schon nach dem zweiten Monat seiner Herrschaft sei die Flotte Geiserichs aus Afrika in die Tibermündung eingelaufen.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.