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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 197
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Verhältnis Heinrichs IV. zum ersten Kreuzzug. Der Papst stellt sich an die Spitze der Weltbewegung. Welf V. trennt sich von Mathilde. Die Welfen gehen ins Lager Heinrichs über. Heinrich IV. kehrt nach Deutschland zurück (1097). Schluß seiner tragischen Kämpfe. Urban II. stirbt (1099). Der König Konrad stirbt (1101). Heinrich IV. stirbt (1106).

Der erste Kreuzzug machte die Schwäche des Kaisertums kund, welches unter seinem Begriff geblieben war. War es nicht die Aufgabe des Kaisers, sich als das weltliche Haupt der Christenheit an die Spitze dieser großen Bewegung zu stellen, ihre Fahne zu entfalten und Fürsten und Völker in den heiligen Kampf zu führen? Das Kaisertum ließ durch die Schuld der Verhältnisse und Heinrichs IV. einen Augenblick von solcher Bedeutung an sich vorübergehen, wie er nicht mehr wiederkehrte. In der gesamten Geschichte des Mittelalters gibt es keine Stelle, auf der man das Phänomen der geistigen Strömungen in der Menschheit mit so hohem Staunen betrachten darf, als jene des Beginnes der Kreuzzüge ist, und nirgendwo anders wird der Beobachter mit gleicher Verwunderung sowohl über die Gewalt religiöser Triebe als über das Glück und Genie der Päpste erfüllt. Indem das Papsttum die Aufgabe an sich riß, welche dem Kaisertum gehörte, setzte es dieses von der welthistorischen Höhe herab, auf die es sich selber stellte. Gregor VII. hatte die Bedeutung des Kampfes Europas mit Asien klar erkannt und darnach gestrebt, sein Führer zu werden; diesen Gedanken ließ er seinen Nachfolgern, und der feine Urban erbte ihn von ihm. Es kam nicht darauf an, ob er selbst als Papst der Führer des Zuges war oder nicht, denn die Welt gehört der Idee, und die Päpste führten diese. Indem die Kreuzzüge von der Kirche ausgingen, bewies diese der Welt, daß sie es sei, welche die Einheit der Völker zusammenhalte. Heinrich IV. finster brütend in einem Schlosse Oberitaliens, während eine neue Epoche der Weltgeschichte durch die Parlamente in Piacenza und Clermont ohne ihn eingeleitet wird, Heinrich IV. als ihr anteilloser Zuschauer erscheint uns fast in einem tieferen Fall, als da er in Canossa als Büßer stand; der Fluch des Papsts hatte ihn gleichsam aus der Geschichte verbannt.

Wir sahen Heinrich nach der Empörung seines Sohnes in Italien unterliegen; seine Sache schien hier verloren und war auch in Deutschland in großer Gefahr. Aber das launische Glück, dem er zum Spielball diente, hob ihn plötzlich aus seiner Versunkenheit. Ein häuslicher Zwist ist eine sonderbare Episode in dem großen Kampf der Kirche mit dem Staat, welcher sich in der größeren Bewegung der Kreuzzüge eben zu verlieren schien. Ideen bewegen die Welt nach der Ferne, aber Vorteile lenken die nächsten Schritte der Menschen, und der »heilige Hunger nach Gold«, welcher in der Menschheit noch wirksamer ist als der idealste Trieb der Religion, wird uns immer daran erinnern, daß die Hälfte der Geschichte der gemeinen Materie angehört. Die Ehe zwischen Mathilde und Welf war vielleicht mit ihrem Willen und der Politik Roms platonisch; die Gräfin wollte keinen Gatten, sondern einen Bannerträger im Kampf gegen Heinrich, keinen Erben ihrer Güter, sondern einen Diener ihrer Zwecke. Verdienste und reifere Männlichkeit gaben jedoch dem jungen Welfen den Mut, aus der unterwürfigen Haltung gegen seine Gemahlin herauszutreten; er wollte ihre Länder regieren und besitzen, und Mathilde behandelte ihn als einen anmaßenden Knaben. Dieser Zwist enthüllte wahrscheinlich, was man beiden Welfen verschwiegen hatte: das mathildische Erbe war bereits der Kirche geschenkt worden, denn die Gräfin hatte ihrem Freunde Gregor alle ihre Länder durch eine Urkunde zugesprochen. Obwohl die nächsten Ursachen des Zerwürfnisses zwischen beiden Gatten dunkel sind, darf man doch annehmen, daß jene Schenkung dazu gehört hat. Nach dem Konzil zu Piacenza trennte sich der junge Welf öffentlich von Mathilde, und dies geschah schwerlich ohne Mitwirkung Urbans; der kluge Papst löste eine Scheinehe auf, nachdem sie ihre Dienste geleistet hatte; er entfernte einen Prätendenten der Güter Mathildes. Die Welt hatte eben die Enthüllungen einer Königin gehört, die ihren Gemahl des abscheulichsten Mißbrauchs der Ehe beschuldigte, nun vernahm sie die Geständnisse eines Fürsten, der seine berühmte Gemahlin entweder anklagte, sich der Ehe versagt zu haben, oder diesen platonischen Zustand, welche Ursache er immer haben mochte, offenkundig machte, um die Gründe seiner Trennung zu verschleiern.

Der alte Welf eilte nach Italien: als er einsah, daß sein Sohn nur als die Puppe des Ehemanns gebraucht und um die mathildische Erbschaft getäuscht worden sei, ging er mit ihm voll Entrüstung in das Lager Heinrichs. Die Habsucht der Welfen setzte sich plötzlich über alle religiösen und politischen Bedenken hinweg; der exkommunizierte Feind wurde augenblicklich der innigste Freund. Jetzt verließ Heinrich seine Einsamkeit, um Mathilde wieder zu bekämpfen, und die Welfen eilten nach Deutschland, wo sie die Partei des Kaisers zum Befremden aller mit Eifer verstärkten.

Indes Italien ging für Heinrich verloren. Die große Gräfin schmückte sich dauernd mit dem Ruhm, daß sie in einem zwölfjährigen Kriege den Waffen des Kaisers unbesiegten Widerstand geleistet und das Papsttum mit ihrem Schilde wirklich gedeckt hatte. Der Kaiser mußte ihr das Feld überlassen, indem er im Jahr 1097 für immer nach Deutschland heimkehrte; sein Papst Clemens III. setzte zwar noch einen schwachen Widerstand auf seinen Burgen fort, doch er blieb ein machtloser Mann in seinem Erzbistum Ravenna, während Urban II. endlich in den Besitz Roms kam. Die Engelsburg gewann sein Beschützer Pierleone am 24. August 1098 durch Verrat, und nun konnte sich der Papst den Gebieter der Stadt nennen. Urban war feiner und glücklicher als Gregor VII., zu dem er sich verhielt wie Augustus zum Caesar; nach so gewaltigen Stürmen, nach einem im Exil oder auf der Wanderung in großartiger Tätigkeit hingebrachten Leben genoß dieser Papst eine kurze Ruhepause des Triumphs. In Süditalien befestigte er seinen Bund mit den Normannen, welchen er innig befreundet war; er ernannte sogar (zu Salerno am 5. Juli 1098) den Grafen Roger von Sizilien und dessen Nachfolger zu apostolischen Legaten in jenem Lande. In Rom versammelte er nach Ostern 1099 ein großes Konzil, auf dem er alle seine und seiner Vorgänger Dekrete erneuerte.

Dem Geschichtschreiber, welcher von dem tragischen Kampfe Heinrichs IV. mit den Päpsten berichtet hat, bleibt fast nichts übrig, als vom Tode der Hauptpersonen zu melden. Urban starb am 29. Juli 1099. Wenn die Kunde vom Falle Jerusalems unter die Kreuzfahrer am 15. Juli noch sein Ohr erreichte, so konnte er mit Befriedigung sein Auge schließen. Er starb nicht im Lateran. Der päpstliche Palast war damals verfallen und die Stadt noch immer voll von fanatischen Schismatikern und meuchelmörderischen Feinden. Der glückliche Papst, der die Kreuzzüge eingeleitet hatte, war gezwungen, in dem finstern Palast eines seiner Beschützer zu wohnen; er starb im festen Hause des Pierleone neben der Kirche S. Niccolò in Carcere, und selbst seine Leiche mußte auf Umwegen durch Trastevere in den St. Peter gebracht werden.

Auch Clemens III. sollte bald und früher als Heinrich erlöst werden, während die große Gräfin alle ihre berühmten Zeitgenossen überlebte. Der junge Konrad starb verachtet und verlassen zu Florenz schon im Jahre 1101. Seinem unglücklichen Vater dürfen wir nicht nach Deutschland folgen und weder seine ferneren Kämpfe, noch die ruchlose Empörung seines zweiten Sohnes Heinrich, noch endlich sein tragisches Ende schildern. Er starb zu Lüttich am 7. August 1106, von der Kirche verflucht, von den deutschen Fürsten abgesetzt, von dem unnatürlichsten Sohne mißhandelt, in den Armen einiger unerschütterlich treuer Freunde. Wir werfen nur einen Blick der Trauer auf den Sarkophag Heinrichs, der, von den fanatischen Pfaffen in der Lütticher Kirche ausgegraben, nach einer öden Insel in der Maas gebracht worden war, und wir sehen neben ihm einen Mönch, einen Wallfahrer aus Jerusalem sitzen, weinen und Totenpsalmen singen. Der Tote in diesem Sarge war ein genialer Sünder und ein tapferer Kriegsheld zugleich; jedes leidenschaftslose Urteil verdammt ihn, zumal in der ersten Hälfte seiner Laufbahn, als einen Wüstling und Despoten, doch seine Fehler werden zum Teil durch jene unseligen Verhältnisse erklärt, in die seine verwaiste Jugend fiel und die ihn zum Gegenstande des Streites der Parteien und ihrer verächtlichen Habgier machten. Sein Kampf gegen den gewaltigsten der Päpste zeigt alle Widersprüche einer schwankenden Natur; seinen Fall in Canossa mildert der Charakter jener abergläubischen Zeit der Kirchenflüche, der äußeren Bußübungen, der Erniedrigung männlicher Würde unter die Geißel des Priesters; seine Haltlosigkeit neben der ruhigen Kraft Gregors wird Königen wie Bürgern zeigen, daß der Mensch einem von Winden hin und her getriebenen Schiffe gleicht, wenn ihn nicht ein inneres Gesetz des Rechts und der Pflicht in sich selbst befestigt und ihm ein bestimmtes Ziel nicht die Konsequenz des Handelns verleiht. Gregor VII. gab, abgesehen von allen anderen Waffen, welche ihm sein Charakter und Genie und endlich die Kirche liehen, das überkommene Ziel eine große Überlegenheit; dem Könige Heinrich aber wurde sein Ziel erst spät völlig klar, und auch dann blieb es immer durch solche Verhältnisse getrübt, in welchen ihm die Macht der religiösen Meinung feindlich entgegenstand. Indes sein unermüdlicher Kampf gegen die römische Alleingewalt war ruhmvoll genug, er hat sein Vaterland ihm zu ewigem Dank verpflichtet; denn ohne seinen heroischen Mut wäre Deutschland in die Vasallenschaft der geistlichen Tyrannei Roms gefallen. Heinrich IV. war ein Vorläufer der Hohenstaufen; in der Geschichte der deutschen Nation wird er als ein großer, tragischer Athlet unsterblich bleiben.

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