Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 196
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

3. Das Phänomen der Kreuzzüge. Kräftigung des Papsttums durch diese allgemeine Bewegung. Urban II. predigt das Kreuz in Piacenza und in Clermont (1095). Verhältnis der Stadt Rom zu den Kreuzzügen und zum Rittertum. Die Normannen Italiens nehmen das Kreuz. Durchmarsch des französischen Kreuzheeres durch Rom, woraus Clemens III. vertrieben wird. Rückkehr Urbans II.

Die langen Kriege zwischen der Krone und der Tiara hatten das ganze Reich in unbeschreibliches Elend gestürzt; die Wut der Parteien hatte alle Kreise der Gesellschaft mit unnatürlichem Haß, mit Zwist und Schuld erfüllt. Konrads Abfall von seinem Vater war nur das grelle Symbol, in welchem das damalige Menschengeschlecht seinen eigenen Zustand erkannte. Denn es standen in der Welt Vater gegen Sohn, Bruder gegen Bruder, Fürst gegen Fürst, Bischof wider den Bischof, Papst wider den Papst. Eine Spaltung des Lebens so tiefgehender Natur, wie sie nie zuvor in der Geschichte war gesehen worden, schien das Christentum selbst zu zerreißen und die ehrwürdige Macht seiner Mysterien zu vernichten. In die Finsternis des tötenden Fluchs war die Welt gehüllt; und wo blieb der Heiland des Segens und der Gnade? Wenn damals Christus zurückgekehrt wäre, so würde er mit Erstaunen bemerkt haben, daß die von ihm gestiftete Religion der Liebe bis zur Unkenntlichkeit von den reinen Quellen ihres Ursprungs sich entfernt hatte, und Petrus würde mit Überraschung gefunden haben, daß die Nachfolger in seinem apostolischen Amt auf den Trümmern Roms über seinem Grabe einen Cäsarenthron zu errichten geschäftig waren, sich Pontifex Maximus nennend, wie auch die Kaiser Roms sich genannt hatten.

Am Ende jenes Jahrhunderts glich die europäische Welt einem Schlachtfelde, worauf sich dichte Nacht niedergesenkt hat und wo die Heere ermüdet, doch voll Haß, nach Frieden schmachtend, doch von ungelöster Schuld zu weiterem Bruderkriege verurteilt, den Morgen erwarten, um sich von neuem wütend ineinanderzustürzen. Aber bei anbrechendem Tage glauben sie einen Cherub am Himmel zu sehen, der ihnen ostwärts zu folgen winkt, der ihnen befiehlt, den Gottesfrieden zu schließen und in Waffen nach dem heiligen Jerusalem zu ziehen, wo sie ihre und der Welt Sünden am Grabe des Erlösers zu sühnen hätten.

Man sieht, wie das wunderbare Phänomen der Kreuzzüge sich aus dieser Zeit erklärt. Der Investiturstreit war einer der Hebel dieser ungeheuren Bewegung, wenn auch viele andere Motive hinzutreten. Die Geschichte entwickelt alle ihre Resultate aus der geheimen Arbeit der Triebe und Bedürfnisse, und Schuld, Wahn oder Irrtum sind in ihr bewegende Ursachen wie die Tugend, die Vernunft und das Genie. Nach der tiefen Verderbnis des XV. Jahrhunderts, welche Huß, Hieronymus und Savonarola zu Märtyrern machte, sehnte sich die Menschheit nach der Entsühnung, und die Reformation suchte den verlorenen Christus in der Schrift wieder auf. Im XI. Säkulum war das Menschengeschlecht um vier volle Jahrhunderte kindlicher und roher: es suchte den Heiland in seinem wirklichen Grabe. Die Kreuzzüge stellten demnach die Rückkehr der Menschen zu den Quellen des Heils in einem wirklichen Auszug nach der Wiege der christlichen Religion im Osten dar.

War nicht Christus von der Welt fast vergessen? Hatte ihn nicht der Kultus der Jungfrau, der Apostel und einer Legion von Heiligen verdrängt? Hatte nicht Rom das Bild eines mit dem weltlichen Patriziat bekleideten Apostelfürsten aufgerichtet, von dem ein Papst schon im VIII. Jahrhundert sagen durfte, daß ihn das ganze Abendland wie einen Gott auf Erden verehre? Petrus war das Sinnbild der römischen Hierarchie, der Einheit der allgemeinen Kirche, doch nicht des Heils überhaupt, welches jeder Christ erflehte. War es nicht besser, statt sich an den Pförtner des Himmels zu wenden, den Sohn Gottes selbst zu suchen? Durch die Tore Roms, so hatte man die Welt glauben gelehrt, sollte der sicherste Weg zum Himmel führen, aber aus diesen Toren war der Fluch Gregors VII. in die Welt gedrungen und hatte sie mit Plagen heimgesucht. Die Ehrfurcht vor Rom minderten seit langem die Laster des Klerus, viele verwerfliche Päpste, die Greuel ewiger Parteikriege, und in der Zeit Heinrichs IV. gelangten die Pilger kaum noch zur Stadt, kaum noch in den entweihten St. Peter, der sich in eine Festung der Wibertisten verwandelt hatte. Indem schon seit längerer Zeit immer mindere Pilgerscharen nach dem Grabe des Apostelfürsten, immer häufigere nach dem Grabe Christi zogen, erhielt Rom eine Nebenbuhlerin der Heiligkeit an einer jüdischen Stadt im fernen Asien.

Nachdenkende Römer hätten die Kreuzzüge verwünschen mögen, weil sie die frommen Pilger- und Geldströme ihnen vorbei in eine andere Richtung entführten; die Stadt sollte auch das Versiegen jener Quelle bitter empfinden, aber die römische Kirche schöpfte aus dem neuen Enthusiasmus neue Kraft. In einer Zeit, wo ihr Schicksal in dem noch unbeendigten Streit mit Heinrich IV. zweifelhaft war, stellten sich die Päpste schnell an die Spitze einer unermeßlichen Bewegung, gingen mit dem Element des Zeitgeistes vor, erhoben sich aus den kleinen zersplitterten Zwisten und Dingen, in welche der Reformkampf hinuntergestiegen war, zu einer allgemeinen christlichen Idee, zu einem erhabenen Gegenstand für die religiöse Phantasie, leiteten ferne und nahe Feinde und die Stoffe für Häresie und Schisma nach Syrien ab, einigten die Kirche in einer großen europäischen Leidenschaft wieder und errangen auch sich eine neue weltgeschichtliche Hoheit.

Unser Menschengeschlecht blickt mit Verwunderung auf ein Jahrhundert zurück, wo ein Eremit in schmutzigem Aufzuge die Welt auf einem Esel durchreitend, wie ein Abgesandter Gottes empfangen ward, wo die Schilderung der Bedrängnis der Christen im fernen Jerusalem halbe Völkerschaften zu einer frommen Furie entflammte und von ihrer Heimat in das offene Grab Asiens trieb. Die Not der Christen Syriens war nicht einmal übermäßig hart; die damaligen Geschichtschreiber haben von keiner Niedermetzelung von 25 000 Menschen zu berichten gehabt, wie sie im Jahre der Kultur 1860 in Damaskus geschehen ist. Mit einer solchen Tatsache hinter sich, würde Peter von Amiens wahrscheinlich halb Europa auf Asien gestürzt haben, aber heute würde man ihn nur noch als einen Tollen verlachen. Das Menschengeschlecht ist glücklicherweise unfähig geworden, für religiöse Vorstellungen mörderische Heerfahrten zu unternehmen, aber es hat vielleicht die flammende, jugendliche Empfänglichkeit für das Übergewaltige und Erhabene in der Menschheit selbst eingebüßt. Es ist töricht, nach acht Jahrhunderten darzutun, daß die Kreuzzüge eine Tat des religiösen Wahnsinns gewesen seien; sie sind eine Offenbarung des Weltgeistes, ein Produkt der vollen Natur des Mittelalters, eine große Epoche im Leben der Menschheit selbst. Das Schauspiel der elektrischen Wirkung eines Triebes und der dadurch vereinten Tatkraft von Völkern so verschiedener Art, die nie mehr ein allgemeines Ziel verband, ist für die zersplitterte und engherzige Ohnmacht des Zeitalters der Politik von einer beschämenden Größe.

Urban II. schmückte seinen Pontifikat mit dem ersten Kreuzzuge, den er selber predigte. Von der Gräfin Mathilde nach Toskana geladen, schrieb er ein Konzil in Piacenza aus. Der Jubel, welcher ihn in der Lombardei empfing, die Menge der Kleriker und Laien, die sich (anfangs März 1095) dort versammelten, zeigte ihm, daß die Sache Heinrichs verloren, die seine gewonnen sei. Kein Dom faßte die Flut dieses Parlaments; es mußte im Freien tagen. Eine tiefe Aufregung hatte die durch Gregor VII. erschütterte Welt ergriffen; ein neuer Geist durchwehte sie. Die erste um Hilfe flehende Gesandtschaft des byzantinischen Kaisers stellte sich dem Konzile dar und wurde mit dem Versprechen des Beistandes getröstet. Aber eine zweite allgemeine Versammlung wurde für den November nach Clermont ausgeschrieben, wo die ritterlicheren Franken von einem Papst, der selbst Franzose war, zum Schutz der orientalischen Kirche sollten aufgerufen werden. Ehe Urban dorthin abging, empfing er in Cremona die Huldigung des jungen Konrad und bot ihm unter der Bedingung des Verzichts auf das Investiturrecht die Aussicht auf die Erlangung des Kaisertums. Der verblendete Rebell eilte nach Pisa, seine reiche Braut, die Tochter Rogers von Sizilien, in Empfang zu nehmen, der Papst nach Frankreich zum Konzil.

Auf dem Felde zu Clermont begrüßte ihn der Eifer von 13 Erzbischöfen und 205 Bischöfen, die Huldigung vieler Großen französischer Lande und das fieberhafte Geschrei der zusammengeströmten Tausende, die einer elektrischen Wolke gleich um die Stadt lagerten, nur der Berührung durch das Wort harrend, um in Feuerflammen zu stehen. Alle Redner Griechenlands und Roms würden Urban um die großartigste Stellung, aber auch um die Empfänglichkeit der Zuhörer beneidet haben, die ihm auf diesem welthistorischen Parlament entgegenkam; und kaum anderswo hat sich das Wort als eine gleich hinreißende Macht bewiesen. Die Sprache Ciceros lieh noch in so später Zeit einem Redner Roms ihre volltönende Majestät, eine Menge zu entflammen, in deren Munde das alte Latein schon längst verdorben war. Wenn sonst Redner ihre Hörer für eine große Idee begeistern wollten, wendeten sie sich voll Schmeichelei an ihre edelsten Tugenden, die sie wenigstens voraussetzten, doch der priesterliche Redner sah in jenen Tausenden meist nur Räuber und Mörder, und diese Prädikate, weit gefehlt, den Enthusiasmus zu dämpfen, gaben ihm nur einen stärkeren Schwung. Ein sonderbarer Gegensatz: das erhabenste Ziel wird vor dem Weltgefühl aufgestellt, und Räuber und Mörder werden, eben weil sie dies sind, aufgerufen, dies Höchste zu erringen. Urban II. hielt nicht eine Rede, sondern eine Predigt, und die stärkste aller Triebfedern für jene Menge war die Sündenbuße, der Kreuzzug selbst ein Akt der Disziplin zur Erlangung der Absolution. Der Papst schilderte kurz die Gefangenschaft der heiligen Stadt des Königs der Könige, wo er wandelte, litt und starb; er rief Tränen, Seufzer und die Sprüche der Propheten zu Hilfe, seiner Ermahnung Nachdruck zu geben; er forderte die Christenheit auf, sich einmütig mit dem Schwert zu gürten und Christus aus den Türkenketten zu befreien. »Erhebet euch, kehrt eure Waffen, die von Brudermord triefen, gegen die Feinde des christlichen Glaubens. Ihr Unterdrücker der Waisen und Witwen, ihr Meuchelmörder und Tempelschänder, ihr Räuber fremden Gutes, ihr, die ihr Sold nehmt, um Christenblut zu vergießen, die ihr gleich Geiern vom Geruche der Schlachtfelder angezogen werdet: eilt, so ihr eure Seele liebt, unter dem Feldhauptmann Christus zum Schutze Jerusalems auszuziehn. Ihr alle, die ihr solche Verbrechen verschuldetet, die euch vom Reiche Gottes trennen, kauft euch um diesen Preis los, denn dies ist Gottes Wille...«

Oftmals hat die glühendste Beredsamkeit nicht vermocht, eine Menge für ihre eigenen nächsten Vorteile zu erwärmen, doch Urban riß das Parlament in Clermont zur Begeisterung für ferne Glaubensbrüder und eine ferne Stadt hin, welche von Europa durch Länder, Meere und ein Jahrtausend getrennt war. Die dichtgedrängten Zuhörer (wenig Reine mochte man unter ihnen zählen) unterbrachen den Papst wiederholt mit dem fanatischen Ruf Deus lo volt, Deus lo volt. Fürsten, Ritter, Bischöfe, Knechte hefteten mit zitternder Hast ein rotes Kreuz auf ihr Gewand; Ehrgeiz, Abenteuerlust und jedes Verbrechen konnten sich unter dies Zeichen flüchten, alle Unfreien, Geknechteten, Verschuldeten und Gebannten sich unter dem Banner des Zuges sammeln und gewiß sein, dafür im Leben Sündenerlaß, im Tode das Paradies und zuvor goldene Berge in Syrien zu finden. Der Erfolg war vollständiger, als Urban erwartet hatte. Obwohl einige Bischöfe in ihn drangen, sich selbst an die Spitze des Zuges zu stellen, lehnte er dies dennoch ab, aber er ernannte in dem Bischof Ademar von Puy seinen Stellvertreter.

Der Geschichtschreiber der Stadt Rom sieht sich nach den Römern um, welche zu den Fahnen des Erlösers strömten, damit er auch ein römisches Heer in das Feld der Geschichte der Kreuzzüge stellen und dann die Gesta Dei per Romanos nach Pflicht beschreiben könne; indes er entdeckt deren keine. Wahrscheinlich würden Senat und Volk spöttisch gelacht haben, wenn Urban sie aufgefordert hätte, sich mit heiliger Begeisterung zu erfüllen, den Schutthaufen Rom zu verlassen und zur Befreiung der Stadt Jerusalem auszuziehen, die einst römische Kaiser zerstört hatten, an deren Fall noch der Bogen des Titus erinnerte, deren Bundeslade der Lateran zu bewahren sich rühmte und deren späteste Enkel seit Pompejus als eine verachtete Fremdenschole an den Tiberbrücken wohnten. Enthusiasmus für große Ideen hat die Römer selten entflammt, und der romantische Sinn des Rittertums blieb ihnen fremd. Überall wo der germanische und normannische Geist lebendig waren, entwickelte sich das Rittertum in seiner heldenhaften Kraft, in seiner die Welt genießenden oder mißhandelnden Willkür und in der land- und meerbefahrenden Tatenlust; doch der größte Teil Italiens stellte solchem Wesen in jener Periode nichts Gleiches an die Seite. Den aufstrebenden Städten, namentlich den Seerepubliken Pisa, Genua und Venedig, welche die Eroberung Syriens mit ihren Flotten erleichterten, wurden die Kreuzzüge eine Quelle des Gewinns durch den Levante-Handel und die Anlage von Kolonien, aber für Rom waren sie die Ursache größeren Verfalls. In dieser Stadt selbst konnte das Rittertum nicht Gestalt gewinnen; die Kirche, welche die Entfaltung aller weltlichen Blüte hinderte (und die Frauen tragen viel zu ihr bei), ließ es dort nicht aufkommen, und zugleich machte die Überlieferung des Altertums aus den edlen Römern Senatoren und Konsuln, aber keine Ritter. Für ein römisches Turnier auf der grasbedeckten Arena des alten Circus würden sowohl die Kirchen und Klöster als die Trümmer des antiken Rom eine widerspruchsvolle Umgebung gewesen sein, und auf die Stufen des Colosseum hätte man fast ebensoviel weinende Nonnen als lachende Frauen, ebensoviel Priester als Edle und Bürger zum Zuschauen versammeln müssen. Der Feudalismus war zwar in das römische Land eingedrungen, aber das zusammengesetzte System der Vasallenschaft, auf dessen Grunde das Ritterwesen stand, konnte sich nur an einem weltlichen, nicht an einem geistlichen Hofe ausbilden. Die römischen Nobili jener Zeit waren ein rohes, in alten Monumenten hausendes Geschlecht, zertrennt in Parteien, miteinander, mit den Päpsten und Kaisern in beständigem Kampf, alle geldgierig und arm. In der Campagna wiederum hausten Grafen als große und kleine Räuber in Felsennestern, deren Aussehen so schrecklich war wie am heutigen Tag; denn jene alten Grafensitze Segni, Ceccano, Monterotondo, Palestrina, Civita Castellana, Galeria hat die Kultur zu keiner Zeit berührt. Die Schlösser dieser wilden Herren besuchte kein wandernder Troubadour, und nie versammelte sich dort oder in Rom ein Hof schöner Frauen, um einen triumphierenden Ritter mit Blumen zu kränzen. Die reizende Poesie des Mittelalters ließ sich nie auf den düstern Trümmern Roms nieder, wo auf den umgestürzten Granitsäulen die ernsten Schatten alter Senatoren zu sitzen und den Fall ihrer Stadt zu beklagen schienen.

Anders war es am Hofe der Normannenfürsten Süditaliens. Diese geborenen Ritter hatten sich ihre schönen Länder als fahrende Abenteurer kühn erkämpft; mit ihren Lanzen hatten sie die Moslem aus Sizilien gejagt und den griechischen Kaiser geschreckt: der Klang der heiligen Trompete machte sie daher jubelnd aufspringen, neue Taten zu bestehn, neue Länder zu erbeuten, und das normannische Italien verherrlichte den ersten Kreuzzug durch die unsterblichen Helden Tancred und Boëmund. Tancred, die Blume des Rittertums, folgte den Fahnen seines Verwandten Boëmund, als dieser älteste, doch seinem jüngeren Bruder Roger nachgesetzte Sohn Guiscards seine Zelte vor dem belagerten Amalfi abbrach, um nach Jerusalem zu ziehen (im Jahr 1096). Unter diesen beiden Führern sammelten sich italienische Scharen, vielleicht auch aus dem römischen Gebiet, doch der Chronist, welcher als poetischer Vorgänger Tassos über sie Heerschau hielt, nannte Römer nicht darunter.

Die Teilnahme der Normannen wurde durch den Marsch eines Kreuzheeres veranlaßt. Die Westfranzosen, die französischen und englischen Normannen führten Hugo von Vermandois, der Bruder des Königs von Frankreich, Robert von Flandern, Robert von der Normandie, Sohn Wilhelms des Eroberers, und Stefan von Chartres und Blois über Toskana, Rom und Apulien, wo sie sich in Bari einschiffen sollten. Diese Fürsten trafen den nach Rom heimreisenden Papst im Oktober zu Lucca, wo er ihnen seinen Segen und dem Prinzen Hugo das Banner St. Peters gab. Er konnte sich dieser Kreuzfahrer bedienen, indem er Rom durch sie unterwerfen und die Wibertisten aus dem St. Peter vertreiben ließ. In der noch frischen Erinnerung an die Plünderung unter Robert Guiscard mußten die Römer die Normannen Frankreichs und Englands voll Angst heranziehen sehen; sie konnten sich glücklich schätzen, daß dieser prachtvoll gerüstete Zug aus geregelten Truppen bestand, welche die glänzendsten Fürsten des Abendlandes befehligten. Wenn uns die Chronisten mehr von dem Aufenthalt jener Kreuzesscharen in Rom gesagt hätten, so würden wir sie vielleicht einige Monumente bestürmen sehen, worin die Wibertisten lagen. Die Ritter Frankreichs und Englands erstaunten, daß sie auf dem Marsch nach Jerusalem mitten im Heiligen Rom ihre Schwerter gegen die wütenden Feinde des Papsts ziehen und mit dem Blute der Schismatiker beflecken mußten, die sie nicht einmal überwältigen konnten. Sie mußten erschrecken, daß sie die Türken schon in Rom fanden, daß sie, die geweihten Pilger, im Heiligtum St. Peters von meuchelmörderischen Christen bedroht wurden, wenn sie an der Konfession des Apostels ihr Gebet verrichteten. »Als wir«, so berichtet ein Augenzeuge unter jenen Kreuzfahrern, »in die Basilika traten, fanden wir dort die Leute des einfältigen Papsts Wibert mit Schwertern in der Faust; sie rissen die Opfergaben an sich, die wir auf die Altäre legten; sie kletterten auf das Gebälk der Kirche und warfen von dort Steine auf uns herab, wenn wir kniend im Gebete lagen, denn sie wollten jeden morden, der ihnen als ein Anhänger Urbans erschien.« Fulcher gestand, daß die Kreuzfahrer diesen entsetzlichen Zustand der christlichen Hauptstadt mit Abscheu betrachteten, aber die Rache Gott überließen; denn viele von ihnen kehrten aus Feigheit schon in Rom nach Hause zurück, und die andern setzten ihren Zug über Monte Cassino nach Bari fort.

Dies war das Verhältnis der Stadt Rom zu den Kreuzzügen, und das lebendige Gemälde Fulchers erspart dem Geschichtschreiber jedes weitere Wort. Übrigens war der Durchmarsch der Kreuzfahrer für Urban von Gewinn. Sie zwangen Wibert, die Stadt zu verlassen; sie eroberten wahrscheinlich einige Türme und Festen; der nach ihnen in Rom eintreffende Papst konnte wenigstens die Weihnachten ruhig begehen. Nun war er Herr fast der ganzen Stadt, denn nur die Engelsburg, mit deren Belagerung die Kreuzfahrer sich nicht hatten aufhalten wollen, blieb noch in der Gewalt der Wibertisten.

 << Kapitel 195  Kapitel 197 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.