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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 193
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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5. Abzug Gregors VII. aus Rom ins Exil. Sein Sturz. Sein Tod in Salerno. Seine Gestalt in der Weltgeschichte.

Die Greuel seiner Befreier verdammten Gregor VII. seither zum ewigen Exil, welches im höchsten Sinn irdischer Geschicke seine gerechte Strafe war. Seine Laufbahn endete in den Trümmern Roms. Obwohl ihm die Römer Unterwerfung gelobt hatten, mußte er sich doch vorstellen, daß er das Opfer ihrer Rache sein werde, sobald die Normannen abgezogen waren. Robert nahm Geiseln, legte Besatzung in die Engelsburg und zog im Juni mit dem Papst nach der Campagna, wo er Tivoli vergebens bestürmte, aber andere Burgen brach. Gregor mußte sich endlich mit peinvollen Gefühlen von irgendeiner Höhe zum letztenmal gegen Rom wenden, um von dem Theater seiner Kämpfe, der Ewigen Stadt, Abschied zu nehmen, die er in Trümmern ließ. Er durfte sich sagen, daß er nicht unterlegen sei, aber auch nicht gesiegt habe. Seine trüben Gedanken konnten Heinrich am Po gewahren, wie er triumphierend in seine Heimat zog, nachdem er die Stadt erobert, die Kaiserkrone sich aufgesetzt, den Gegenpapst erhoben und ihn selbst gezwungen hatte, sich mit dem Fluche Roms zu beladen und als Flüchtling ins Exil zu gehen. Während der eine dieser Gegner nordwärts hinzog, mußte der andere mit den Scharen gefangener Römer südwärts ziehen, zur Dankbarkeit gegen einen Vasallen verdammt, der ihn mit sich in die Fremde nahm. Der Abzug dieses großen Papsts aus dem zerstörten Rom, im Schwarm von Normannen und Sarazenen, gegen deren Glaubensgenossen er einst das Kreuz gepredigt hatte, seine traurige Fahrt nach Monte Cassino und Salerno, wo er das Brot des Exils von der Hand seines Freundes Desiderius zu essen ging, gibt dem Drama seines Lebens einen tragischen Schluß, in welchem die ewige Gerechtigkeit so herrlich triumphiert wie in Napoleons einsamem Tode auf St. Helena.

In Salerno mit dem Plane beschäftigt, an der Spitze eines Heeres nach Rom zurückzukehren, starb Gregor am 25. Mai 1085. Der Sterbende seufzte: »Weil ich die Gerechtigkeit liebte und das Unrecht haßte, ende ich im Exil.« Dies Wort offenbarte den tiefsten Grund seiner Natur, welche groß und männlich war. Aber dieser Geist vom mächtigsten Stil, ein Charakter fast ohnegleichen, steht nicht in der schönen Reihe der Weisen und Reformatoren, zu denen alle Völker ohne Unterschied als zu Wohltätern der Menschheit emporsehen. Ihm gebührt ein Platz unter den Herrschern der Erde, welche die Welt gewalttätig, doch heilsam erschüttert haben. Nur hebt ihn das religiöse Element in eine weit höhere Sphäre, als es die der weltlichen Monarchen ist. Napoleon sinkt neben ihm in tiefe Ideenarmut herab.

Auch Gregor VII. war schon Erbe alter Ziele des Papsttums. Aber das unvergleichliche Genie des Herrschers und Staatsmannes ist sein eigen, und seine revolutionäre Kühnheit hat weder im alten Rom noch in neuerer Zeit ein Mann erreicht. Dieser Mönch bebte nicht vor dem Gedanken, die bisherige Ordnung Europas umzustürzen, um auf ihren Trümmern den Thron des Papstes zu erheben. Seine wahre Größe liegt jedoch hinter seinem Papsttum. Als Papst griff er zu hoch, weil er in die flüchtige Minute seiner Macht die Wirkung von Jahrhunderten zusammenfassen wollte. Wer das Unmögliche will, wird als Schwärmer erscheinen, und dahin gehört sein Versuch, die Herrschaft der politischen Welt zu ergreifen.

Die Kraft, womit Gregor VII. die Freiheit der Kirche eroberte und die Herrschaft der Hierarchie gründete, ist staunenswert. Das Reich von Priestern, die keine anderen Waffen in der Hand führten als ein Kreuz, ein Evangelium, einen Segen und einen Fluch, ist bewundernswürdiger als sämtliche Reiche römischer oder asiatischer Eroberer. Dies geistliche Imperium wird, solange die Erde steht, ein einziges unwiederholtes Phänomen moralischer Macht sein. Gregor VII. war ein Heros nur dieses Priesterreichs. Sein Gedanke umfaßte zwar die Menschheit als Kirche, aber diese doch nur in der Gestalt der päpstlichen Monarchie. Die Idee, einen Sterblichen als unfehlbares und gottähnliches Wesen hinzustellen, die Schlüssel des Himmels und der Hölle in der Hand, und diesem Apostel der Demut, aber Vikar Gottes als Alleinherrn die Welt zu unterwerfen, ist so befremdend, daß sie das Staunen noch der spätesten Geschlechter erregen wird. Sie war das Erzeugnis eines Zeitalters der Sklaverei, der Rohheit und Not, wo die leidende Menschheit das Prinzip des Guten in einer Persönlichkeit vor Augen haben wollte, die tröstlich sichtbar und erreichbar bleibe. Die Übertragung der Macht, im Sittlichen zu binden und zu lösen, auf einen Menschen ist vielleicht die erstaunlichste Tatsache, welche die Weltgeschichte kennt; aber sie erklärt sich daraus, daß die Kirche im Mittelalter die allgemeinen Bedürfnisse, die stärksten Leidenschaften und zugleich die höchsten Ideen der Menschheit darstellte. Es war erst nach den Kämpfen, die mit Gregor VII. den Anfang nahmen, daß auch die Weltlichkeit, bisher roh, geistlos und häßlich, vom Geist zu blühen begann.

Kein Wunder also, daß die Größe der Kirche in Gregor diesen kühnen Charakter fand. Allein die Geschichte hat sein unchristliches Ideal nicht bestätigt, denn es blieb hinter dem höheren Begriff der Menschheit zurück. Die Lehren der Apostel dauern; die hierarchischen Grundsätze Gregors hat die Zeit längst verzehrt, oder die allgemein gewordene Bildung spottet ihrer als verspäteter Träume von Finsterlingen und Fanatikern. Man darf Gregor vorwerfen, daß er die Kirche in zwei Hälften zerrissen hat: in die unheilige, nicht einmal mehr wahlberechtigte der Laien; in die heilige, sich selbst erwählende Priesterkaste. Der Begriff der christlichen Republik wurde durch die gregorianischen Grundsätze in der Tat verfälscht, denn die Hierarchie setzte sich an die Stelle der Kirche. Gregor flößte ihr einen cäsarischen Geist ein. Wenn dieses seiner Verfassung nach vollkommene System alle politischen Formen, Demokratie, Aristokratie, Monarchie, in sich vereinigte, so erzeugte doch seine von einem Einzelwillen gelenkte Maschinerie und die Vereinigung aller dogmatischen Macht in einer Kaste alle Übel geistlicher Willkür und Tyrannei, und man wird begreifen, daß das Werk Gregors VII. die deutsche Reformation nach sich ziehen mußte.

Das Beste, was Gregor tat, war die von ihm nicht geahnte Auferweckung des Geistes in der Welt durch einen Kampf, der zum erstenmal alle sittlichen Tiefen des Lebens ergriff. Eine unermeßliche Bewegung ging von diesem einen Menschen durch alle Kreise in Kirche und Staat aus. Der riesige Kampf dieser beiden Formen, die das soziale Ganze darstellen, ihre erst barbarisch feudale Vermengung, ihre mähliche Scheidung, ihre dauernde Spannung macht das historische Leben des Mittelalters aus. Und noch heute handelt es sich darum, Kirche und Staat als völlig frei darzustellen, sie aus ihrer letzten hierarchischen Starrheit zu erlösen, in den Grundsätzen der Freiheit und Gerechtigkeit auszugleichen, sie gesellschaftlich zu machen und so erst das allgemeine Reich der Kultur und des Friedens aufzubauen. Im Zeitalter des Faustrechts und der Barbarei war die Menschheit unfähig, den hohen Gedanken des Christentums zu fassen. War etwa die Kirche Gregors VII. und des Mittelalters die Verwirklichung des Christentums? Sind dessen reine Ideen, welche die ewige persönliche und soziale Natur selbst aussprechen, heute schon durchgeführt? Das Ausgehen des fränkischen Feudalstaats und das Vergehen der Macht der gregorianischen Kirche haben vielmehr angefangen, eine neue Phase im Menschengeschlecht zu bezeichnen. Jene noch riesigen Trümmer des Mittelalters sinken vor unseren Augen eins nach dem andern in den großen Strom der Lebensharmonie, welche diese harte und langsame Welt nach zahllosen Kämpfen denn doch ergreift und einem Glücke entgegenführt, dessen Ahnung schon edle Geister beseligen muß.

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