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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 191
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Abzug Heinrichs nach Kampanien. Abfall der Römer von Gregor; sie übergeben die Stadt (1084). Gregor verschließt sich in die Engelsburg. Ein römisches Parlament setzt ihn ab und erhebt Clemens III. Der Gegenpapst krönt Heinrich IV. Der Kaiser erstürmt das Septizonium und das Kapitol. Die Römer belagern den Papst in der Engelsburg. Not Gregors. Der Normannenherzog rückt zum Entsatz heran. Abzug Heinrichs. Einnahme Roms durch Robert Guiscard. Furchtbarer Ruin der Stadt.

Wenn Heinrich mehr Geld hätte ausstreuen können, so würde er die Stadt schnell gewonnen haben; denn es kam nur darauf an, das Volk wieder auf seine Seite zu ziehen. Er verwüstete im Frühjahr 1084 das Landgebiet und brach dann zu einem Zuge nach Apulien auf. Aber kaum war er fort, als römische Boten ihn einluden, die Stadt in Besitz zu nehmen, welche von Gregor abfalle, seine Krönung und die Erhebung Clemens III. sehnlich wünsche. Dieser plötzliche Umschlag ging weniger vom Adel als vom Volke aus, das sich nach dem Ende seiner Qualen sehnte und bereits selbständiger dem Stande der Kapitäne entgegenzutreten begann. Die Römer hatten sich lange Zeit mutig für den Papst geschlagen; nun wurden sie müde, sich für seine Zwecke zu opfern, die nicht ihre Vorteile waren. Ihr Abfall war ein schwerer Schlag für Gregor, denn er machte seinen Sturz unvermeidlich, aber die starke Seele dieses Papsts blieb auch jetzt unerschüttert. Ein normannischer Mönch dieser Zeit, der die Greuel nicht bemerken wollte, welche Guiscard bald darauf in Rom verübte, nahm sich heraus, diese wankelmütigen, geldgierigen Römer, die Opfer des Papsts und des Kaisers, mit Schmähungen zu überschütten, aber ein Verleumder war er deshalb so wenig als Jugurtha in alter Zeit. »Rom«, so rief Gaufried aus, »du verdirbst in deiner verächtlichen Hinterlist; niemand fürchtet dich, jeder Geißel bietest du den Nacken dar. Deine Waffen sind abgestumpft, deine Gesetze verfälscht. Du bist voll Lug, voll Völlerei und Geiz. Nicht Treue, nicht Zucht, nichts als simonistische Pest ist in dir. Alles ist bei dir käuflich. Statt eines Papsts mußt du zweie haben; gibt der eine, so jagst du den andern fort, hört jener zu geben auf, so rufst du diesen zurück. Mit dem einen bedrohst du den andern, so füllst du deine Säckel an. Einst die Quelle aller Tugend, nun die Grube aller Schmach. Keine edle Sitte ist mehr in dir; sondern mit schamloser Stirn gehst du niederträchtigen Künsten des Gewinnes nach.«

Heinrich kehrte im Eilmarsch nach Rom zurück, rückte am 21. März 1084 wie ehemals Totila durch das Tor St. Johann ein und bezog mit dem Gegenpapst die Residenz im Lateran. Mit ihm waren seine Gemahlin, mehrere deutsche wie italienische Bischöfe und Herren. Wie wenig er auf diesen Erfolg gehofft hatte, zeigt, was er nach seiner Krönung dem Bischof Dietrich von Verdun schrieb: »Am Tage St. Benedictus sind wir in Rom eingezogen; diese Wahrheit scheint mir ein Traum; ich möchte sagen, Gott hat mit zehn Mann in uns gewirkt, was unsere Ahnen nicht mit 10 000 vermochten. Verzweifelnd, Rom zu nehmen, wollte ich schon nach Deutschland heimkehren, da riefen uns die römischen Boten in die Stadt, die uns jubelnd empfing.«

Gregor, welcher eher sterben als sich vor dem Könige erniedrigen wollte, saß in der Engelsburg, gedeckt von den Schilden und Speeren eines Häufleins entschlossener Männer; und noch war nicht alles für ihn verloren. Ein großer Teil des Adels hing ihm noch an; die festesten Punkte in Rom blieben noch in seiner Gewalt. Sein Neffe Rusticus hielt den Coelius und Palatin; das Geschlecht der Corsi das Kapitol; die Pierleoni lagerten an der Tiberinsel. Nun aber eilte Heinrich, durch einen politischen Akt in Rom selbst den Feind zu vernichten: ein Parlament der Römer, der Großen und Bischöfe seines Lagers lud Gregor vor, erklärte ihn, da er nicht erschien, für abgesetzt und anerkannte Wibert in aller Form als Papst. Clemens III. wurde am Palmsonntag im Lateran eingesetzt und von lombardischen Bischöfen geweiht, worauf er am Ostertage, dem 31. März, nach einem schwachen Widerstande der Gregorianer Heinrich und seine Gemahlin Berta im St. Peter krönte. Zugleich übertrugen die Römer ihrem neuen Kaiser auch die patrizische Gewalt. Kaiser und Papst ordneten sofort die kirchliche und weltliche Verwaltung: ein lateranisches Ministerium, ein Richterkollegium, der Präfekt wurden eingesetzt; Clemens III. umgab sich mit einem Gegensenat von Kardinälen und ernannte neu die sieben Bischöfe des Lateran. Rom und das Landgebiet gehorchten fast durchgängig seinem Befehl, und gerichtliche Akten wurden fortan mit seinem Pontifikat datiert.

Nun stürmte Heinrich schnell die Festungen in Rom; sie mußten fallen und die Engelsburg die kostbarste Beute herausgeben; denn hatte dies Kastell nicht auch Otto III. erobert? Der Neffe Gregors wehrte sich verzweifelt im Septizonium auf dem Palatin, welches die Mönche von St. Gregor auf dem Clivus Scauri in die festeste Burg verwandelt hatten. Heinrich belagerte es wie ein Kastell, denn so großartig war alles, was die alten Römer schufen, daß selbst die Bauwerke schöner Kunst durch Stärke die Burgen des modernen Geschlechts beschämten. Die prachtvollen übereinanderstehenden Säulenreihen wurden von Maschinen zermalmt und eins der schönsten Monumente Roms halb zerstört, bis Rusticus sich ergab. Auch das Kapitol ward erstürmt; hier lagen die Corsi in Türmen, ein Geschlecht, welches aus der Korsenkolonie Leos IV. stammen mochte, Anhänger Gregors. Ihre Paläste wurden zerbrochen und verbrannt, und Heinrich konnte mit Selbstgefühl auf dem altersgrauen Kapitol vorübergehend Wohnung nehmen.

Nun die Engelsburg, die den Papst verbarg! Die Römer selbst belagerten und ummauerten sie, ihn auszuhungern, indes die atemlosen Boten Gregors Kampanien durchjagten, Robert Guiscard sich zu Füßen zu werfen und ihn zum schleunigen Entsatze aufzurufen. In demselben Kastell, wo neunzig Jahre früher ein Römer die Freiheit der Stadt gegen einen Kaiser verteidigt hatte, belagerte jetzt ein Kaiser einen Papst, welcher die Freiheit der Kirche von der weltlichen Gewalt erkämpfte. Die tragische Geschichte dieses Grabmals Hadrians, die Zeiten Belisars und Totilas, Alberichs und der Marozia, des Crescentius, die Päpste, die darin erwürgt worden waren, mochten vor dem bekümmerten Geiste Gregors vorüberziehen, als er in den finstern Gewölben der Burg saß, welche die Wut der Römer und Deutschen umlärmte. Was konnte sein Los sein, wenn er in die Hände Heinrichs fiel? Der Rächer des Schimpfes von Canossa würde ihn, wie einst sein Vater mit Gregor VI. getan hatte, hinter sich her über die Alpen geschleppt haben, und der größte aller Päpste endete dann als Gefangener in irgendeiner Burg im Schwarzwald oder am Rhein. Gregor übersah von den Zinnen dieses Grabes die Trümmer der Leostadt und Rom; er ließ seine Blicke über die tuszische Ebene schweifen, wo sich die Scharen seiner Freundin nicht zeigten; er richtete sie mit peinlicher Erwartung auf die lateinische Campagna, ob er die Reitergeschwader des Normannenherzogs endlich gewahren möchte; bis er eines Tags ihre Lanzen unterhalb Palestrina blitzen sah. Als Guiscard von der Not des Papstes hörte, beschloß er zum Entsatz herbeizueilen; denn der Fall Gregors würde die Waffen Heinrichs gegen ihn selbst gewendet und eine furchtbare Verbindung aller seiner Feinde bewirkt haben. Er brach auf anfangs Mai mit 6000 Reitern und 30 000 Mann Fußvolk, worunter sich beutehungrige Völker Kalabriens und noch wildere Sarazenen Siziliens befanden. Seinen Anmarsch meldete Desiderius dem Papst, aber auch dem Kaiser: ein zweideutiges Benehmen, welches ihn hartem Tadel aussetzte; denn der Abt war verurteilt, mit Klugheit zweien Herren, Feinden, zu dienen. Das Glück hatte für Heinrich nur ein ironisches Lächeln; dieser Tantalus des Mittelalters genoß nie einen reinen Erfolg. Er konnte sich weder den schrecklichsten Kriegern der Zeit entgegenwerfen, denn seine Truppenmacht war gering, noch in Rom standhalten, denn die Römer waren wankelmütig, und die Gregorianer besaßen noch Festungen in der Stadt. Da er sie aufgeben mußte, ehe er selbst darin belagert wurde, ließ er die Türme auf dem Kapitol und die Mauern der Leonina einreißen; er versammelte, wie einst Witiges beim Herannahen Belisars, ein Parlament der Römer, erklärte ihnen, daß die Geschäfte des Reichs ihn nach der Lombardei riefen, ermunterte die Bestürzten zum Widerstande, gab Hoffnung baldiger Rückkehr und überließ sie ihrem Schicksal. Am 21. Mai zog er mit Clemens III. auf der Flaminischen Straße ab nach Civita Castellana, um von dort weiter nordwärts zu gehen.

Während Heinrich abzog, streiften schon die Reiter Guiscards am Lateranischen Tor. In Eilmärschen war er auf der Lateinischen Straße durch das Tal des Sacco herangekommen; am 24. Mai traf er vor Rom ein, drei Tage nach dem Abmarsche des Kaisers. Er schlug erst sein Lager bei der Aqua Martia auf, wo er vorsichtig drei Tage lang stehen blieb, ungewiß, ob Heinrich ihn durch seinen Abzug nur getäuscht habe, um ihm plötzlich in den Rücken zu fallen. Die Römer hielten die Stadt gesperrt. Ihr männlicher Widerstand gegen Robert Guiscard füllt rühmlich ein kurzes Kapitel ihrer mittelalterlichen Geschichte aus. Ihre Not war einer aufrichtigen Klage wert; ihr Kaiser, dem sie die Stadt überliefert, hatte sie preisgegeben, und das unglückliche Rom sah sich nach den Qualen dreijähriger Belagerung der Beutegier von Normannen und Sarazenen ausgesetzt, welche der Papst gerufen hatte. Robert unterhandelte mit Verrätern und Gregorianern drinnen, deren Führer der Konsul Cencius Frangipane war. In der Dämmerung des 28. Mai erstiegen seine Ritter das Tor S. Lorenzo, und die einziehende Schar eilte nach der Porta Flaminia, welche sie aufbrach. So rückte das dort bereitstehende Heer in die Stadt ein. Die Römer warfen sich zwar den Normannen entgegen, aber der Herzog drang endlich durch die Flammen des Marsfeldes über die Tiberbrücke, befreite den Papst aus der Engelsburg und führte ihn nach dem Lateran.

Die Einnahme Roms, ein Ruhm, mit dem sich nur wenige Helden geschmückt haben, glänzt in der Geschichte des großen Kriegsfürsten, dem das Glück treuer war als dem Pompejus und Caesar. Die Heere des Kaisers des Ostens hatte er in Albanien vernichtet, den Kaiser des Westens eben in die Flucht gejagt, den größten der Päpste wieder auf den Thron der Christenheit gesetzt. Gregor VII. neben seinem Retter Guiscard bietet ein so merkwürdiges Schauspiel dar, wie deren die Geschichte nicht viele kennt. Als der Papst den Helden von Palermo und Durazzo dankend in seine Arme schloß, konnte er Leos IX. gedenken und Guiscard selbst mit Verwunderung die Umwandlung der Dinge betrachten, indem er sich an das Schlachtfeld bei Civitate erinnerte, wo er vor einem Papst gekniet hatte, der sein Gefangener war, während er jetzt einen andern Papst aus der Hand seiner grimmigen Feinde gerettet hatte.

Aber das unglückliche Rom, seinen Kriegern zur Plünderung hingegeben, wurde der Schauplatz mehr als vandalischer Greuel. Die Römer erhoben sich am dritten Tage und stürzten sich mit rasender Wut auf die barbarischen Sieger; die wiedergesammelte kaiserliche Partei hoffte Befreiung durch einen verzweifelten Überfall, doch der junge Roger eilte mit tausend Reitern aus dem Lager seinem hart bedrängten Vater zu. Die Stadt kämpfte mannhaft und erlag; die Verzweiflung der Römer wurde in Blut und Feuer erstickt, denn Robert ließ zu seiner Rettung einen Teil der Stadt anzünden. Als sich Flamme und Kampfgewühl gestillt hatten, lag Rom vor den Augen Gregors als qualmender Schutthaufen da; verbrannte Kirchen, Trümmer von Straßen, die Leichen der Römer waren tausend Ankläger gegen ihn; der Papst mußte sich abwenden, wenn er die Römer scharenweise mit Stricken gebunden, von Sarazenen ins Lager fortschleppen sah. Edle Frauen, Männer, die sich Senatoren nannten, Kinder und Jünglinge wurden öffentlich wie das Vieh in die Sklaverei verkauft, andere, unter ihnen der kaiserliche Präfekt, als Staatsgefangene nach Kalabrien abgeführt.

Goten und Vandalen waren indes glücklicher gewesen als die Normannen, denn sie hatten in Rom noch unermeßliche Schätze vorgefunden, während die Beute der Moslems im Dienste des Herzogs nicht einmal mehr jener gleichkommen konnte, die ihre Vorfahren vor 230 Jahren aus dem St. Peter entführt hatten. Die Stadt war jetzt tief verarmt, und selbst die Kirchen waren leer an Schmuck. Verstümmelte Statuen standen auf trümmervollen Straßen oder lagen im Schutt unter Ruinen von Thermen und Tempeln. Hie und da saßen in Basiliken, welche auch schon in Trümmer gingen, häßliche Heiligenbilder und boten dem Räuber das Gold dar, welches etwa noch als Weihgeschenk an ihnen haftete.

Die bestialische Wut der Eroberer sättigte sich tagelang an Plünderung und Mord, bis die Römer, den Strick und das bloße Schwert am Halse, sich dem Herzog zu Füßen warfen. Der grimmige Sieger fühlte Mitleid, aber er konnte ihre Verluste nicht mehr ersetzen. Die Verwüstung Roms bleibt ein dunklerer Flecken in der Geschichte Gregors als in der Guiscards; es war die Nemesis, welche diesen Papst zwang, ob schaudernd und widerwillig, dennoch in die Flammen Roms zu starren. War Gregor VII. im brennenden Rom (und es brannte um seinetwillen) nicht ein so schrecklicher Mann des Fatum wie Napoleon, wenn er ruhig über blutige Schlachtfelder dahinritt? Sein schönes Gegenbild ist Leo der Große, der die Heilige Stadt vor Attila bewahrt und ihr Los vor dem Grimme Geiserichs mildert. Nicht einer unter den Zeitgenossen hat bemerkt, daß Gregor den Versuch gemacht, Rom vor der Plünderung zu retten, oder über den Fall der Stadt eine mitleidige Träne geweint habe. Was war diesem Menschen des Schicksals das halb zerstörte Rom im Verhältnis zu der Idee, welcher er den Frieden der Welt zum Opfer brachte?

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