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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 190
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Heinrich IV. belagert Rom zum drittenmal (1082–1083). Einnahme der Leostadt. Gregor VII. in der Engelsburg. Heinrich unterhandelt mit den Römern. Festigkeit des Papstes. Jordan von Capua huldigt dem König. Desiderius vermittelt den Frieden. Vertrag Heinrichs mit den Römern. Sein Abzug nach Toskana. Mißglückte Novembersynode Gregors. Die Römer werden dem König eidbrüchig.

Es ist ermüdend, den Hin- und Hermärschen Heinrichs zu folgen, der am Ende des Jahrs 1082 zum drittenmal vor Rom stand, so hartnäckig in seinem Angriff wie sein bedrängter Feind im Widerstande.

Er fand die Lage der Dinge unverändert; denn Clemens III., sein Papst und auch sein General, hatte den Sommer über Rom zwar durch Ausfälle von Tivoli her geängstigt, die Landschaft verwüstet, doch nichts erreicht. Der König lagerte wieder auf dem Felde des Nero, und seine Geduld wurde noch durch sieben lange Monate auf die Probe gestellt. Vielleicht beweist die Macht Gregors über die Menschen nichts so glänzend als die dreijährige Hingebung, welche die belagerten Römer ihm widmeten, obwohl er ihr Papst und ihr Landesherr war.

Der ungeduldige Feind berannte jetzt den Vatikan und die Feste bei St. Paul, doch die Stürme schlugen fehl. Indes die Not wurde so unerträglich, daß Gregor den Abfall Roms nur durch Gold hinderte, welches ihm Guiscard statt des Entsatzes sandte. Ermüdung der Wachen überlieferte dem Könige endlich die Leostadt; mailändische Vasallen Tedalds und Sachsen unter Wigbert von Thüringen erstiegen die Mauern, hieben die Wächter nieder und bewältigten einen Turm. Jubelnd stürzten die Scharen Heinrichs durch die eingerissene Mauer in die Leostadt; man sagt, daß Gottfried von Bouillon sie zuerst betrat (am 2. Juni 1083). Nun wurde mit Wut um den St. Peter gekämpft; dorthin flüchteten die Gregorianer, dorthin drangen die Deutschen, und der heilige Tempel wurde zum Schauplatz blutigsten Gemetzels. Die Römer setzten sich noch im Porticus fest, die Sieger stürmten auch diesen am folgenden Tag. Sie suchten rachevoll nach Gregor; denn ihn zu fangen war der Triumph des Tags, das Ende des ganzen Kriegs; doch der Papst war unter dem Schurze Pierleones in die Engelsburg entflohen.

So betrat Heinrich nach langer Anstrengung den St. Peter, während er seinen furchtbaren Feind in nächster Nähe im Kastell eingeschlossen wußte, aus dessen Schießscharten er vielleicht herabsah, als der Büßer von Canossa, umringt von Rittern, Bischöfen und römischen Edlen, den Gegenpapst neben sich, über die rauchenden Trümmer triumphierend nach dem Dom sich bewegte. Die Klänge des Te Deum erhoben die Seele Heinrichs; diese Rache war süß, aber sie befriedigte ihn nur halb. Noch war sein Papst (eine Puppe, die er jeden Augenblick konnte fallen lassen) nicht geweiht, noch die Kaiserkrone nicht auf sein Haupt gesetzt. Er hätte sie im St. Peter nehmen können, doch Klugheit verbot ihm dies; denn er bedurfte dazu der Stimme der noch uneroberten Stadt Rom, mit welcher er unterhandelte; außerdem hoffte er, Gregor selbst zur Krönung und zum vorteilhaftesten Frieden zu nötigen.

Der König besaß mit der Leonina den Schlüssel zur Stadt, wo sein Sieg tiefen Eindruck machte. Die endlose Belagerung, die beginnende Hungersnot, der drohende Grimm Heinrichs schreckten das Volk; alle Zugänge waren besetzt, niemand wagte sich hinein noch hinaus. Der Vergleich, welchen Heinrich bot, schien annehmbar; indem er voll List die Römer vom Papste abwendig zu machen gedachte, sagte er ihnen, daß er die Krone aus Gregors Händen nehmen, mit ihm sich versöhnen wolle; sie sollten dazu behilflich sein; den schwebenden Streit möge eine Synode entscheiden. Den stürmischen Vorstellungen der Römer, selbst seiner treuesten Anhänger im Klerus, die ihn auf Knien beschworen, in hoffnungsloser Lage sich mit dem Könige zu vertragen und das Vaterland zu befreien, setzte Gregor unerschütterte Ruhe entgegen. Nicht Menschenfurcht noch die Laune des Glücks bewegte seine Seele. Dieser bewundernswürdige Mann trotzte dem Schicksal so im Grabmale Hadrians wie im Turme des Cencius. Er wollte Heinrich nicht als König noch Kaiser anerkennen, sich nichts abzwingen lassen; er bestand auf der Unterwerfung unter sein Gebot, dem Vertrag zu Canossa gemäß; eine allgemeine Synode wollte er zum November berufen.

Die Römer in der Stadt, Heinrich in der Leonina, Gregor in der Engelsburg bildeten drei abgesonderte Lager, während die Waffen ruhten, aber eifrig unterhandelt wurde. Auch Gesandte des Kaisers Alexius kamen, Heinrich zum versprochenen Zuge nach Apulien aufzufordern, und die Zeit erschien günstig genug. Jordan von Capua, welcher den heimgekehrten Guiscard mit Mut und Glück bekämpfte, hoffte jetzt seinen Nebenbuhler zu verdrängen und den herzoglichen Stuhl Apuliens einzunehmen. Er eilte, dem Könige zu huldigen, da der Fall Roms gewiß schien. Er drang in den Abt von Monte Cassino, mit ihm zu gehn, den Frieden zwischen dem König und Papst zu vermitteln. Heinrich selbst wünschte das, und Desiderius folgte zögernd seiner wiederholten Ladung. Mit dem Fürsten von Capua abreisend, stellte er sich dem exkommunizierten König in Albano dar. Hier huldigte Jordan, zahlte großen Tribut und empfing Capua als Lehen des Reichs; doch der mutige Abt beteuerte, daß er die Investitur nur dann von Heinrich annehmen dürfe, wenn er zum Kaiser gekrönt sei. Der König gab den Fürbitten Jordans nach und bestätigte Desiderius durch eine goldene Bulle huldvoll die Besitzungen seines herrlichen Klosters. Der dankbare, doch hartnäckige Abt sehnte sich, aus der Grube der Ketzer zu entrinnen, aber er mußte tagelang mit ihnen verkehren und selbst mit dem »Antichrist« Wibert über die brennenden Fragen der Zeit disputieren. Gregor, der seinen Freund, als vom Bann angesteckt, hätte bannen müssen, war gezwungen, vom Kanon abzusehen.

Die Gesandten der Römer, des Papsts und Heinrichs unterhandelten in S. Maria in Pallara auf dem Palatin. Man beschwor einen Vertrag, wonach der Papst im November eine des Königs Sache entscheidende Synode berufen sollte, von der keinen Bischof abzuhalten dieser eidlich versprach. In einem geheimen Artikel verpflichteten sich jedoch die Römer, ihm innerhalb bestimmter Zeit zur Krönung zu verhelfen, es sei denn, Gregor wäre entflohen oder tot. Trat dieser Fall ein, so sollte ein neu zu wählender Papst ihn krönen, das römische Volk ihm den Eid der Treue schwören.

Heinrich war froh, die Römer in einer Fessel zu halten, und zog mit ihren Geiseln nach Toskana; er hatte einen Teil der Leonischen Mauern einreißen lassen, und nur 400 Ritter unter Ulrich von Godesheim in eine Schanze gelegt, die man auf dem Hügel Palatiolus in der Leonina errichtete. In Toskana stand die Markgräfin noch immer für die Sache Gregors in Waffen. Die Bitten ihrer eigenen Bischöfe, die Vorstellungen der Gräfin Adelheid und das Geschrei ihrer verwüsteten Städte bestürmten sie nachzugeben, da der Fall des Papstes unvermeidlich sei. Sie wankte einen Augenblick, dann verwarf sie jeden Vergleich. Dieses mutige Weib wollte nicht vor ihrem großen Freunde erröten, der, von Feinden und Verrätern umringt, in der Engelsburg seinem Verhängnis entgegensah. Mathilde empfand einen tiefen Schmerz, daß sie Gregor nicht befreien konnte; sie selbst hatte Mühe, sich der Angriffe Heinrichs zu erwehren, und war froh, als der König nach einem verwüstenden Streifzuge durch ihr Land sich wieder ins Römische wandte, denn die Zeit der Synode stand bevor.

Zu ihr hatte Gregor alle nicht in den Bann verflochtenen Bischöfe geladen, in seinem Rundschreiben erklärend, daß er die wahren Urheber des unheilvollen Streites entlarven, die ihm gemachten Anklagen vernichten wolle und Frieden mit dem Reiche zu stiften hoffe. Er hatte Gott zum Zeugen aufgerufen, daß der König Rudolf wider seinen Willen erwählt gewesen sei, Heinrich aber die Schuld alles Unheils beigemessen, weil er die Verträge von Canossa gebrochen habe. Der Papst konnte zum Konzil keine andern Bischöfe laden als die nicht gebannten, der König solchen, also gregorianisch gesinnten, als Richtern sich nicht unterwerfen, ohne seine Sache von vornherein verloren zu geben. Da brach er, die Absicht des Papstes erkennend, den Vertrag; er hinderte die Bischöfe, nach Rom zu reisen, namentlich die eifrigsten Anhänger Gregors, Hugo von Lyon, Anselm von Lucca, Reginald von Como. Auch die Gesandten des deutschen Gegenkönigs ließ er aufheben und den Kardinal Otto von Ostia, welcher als Bote Gregors an diesen abgeschickt war, festnehmen.

Das spärlich besuchte Novemberkonzil erreichte daher seinen Zweck nicht. So groß war die Erbitterung Gregors, daß er sich kaum davon zurückhielt, Heinrich nochmals zu bannen; doch exkommunizierte er alle diejenigen, welche das Reisen nach Rom hinderten.

Als sich Heinrich gegen Weihnachten 1083 der Stadt wieder näherte, schien seine Sache dort schlecht zu stehen. Die Fieber hatten die Besatzung im Palatiolus hingerafft, die Römer die Schanze selbst zerstört. Der Zeitpunkt, bis zu welchem sie dem Könige, der ihre Geiseln besaß, die Krönung versprochen hatten, war nahe, und sie sahen sich deshalb gezwungen, dem Papst dies geheime Abkommen zu offenbaren. Sie entschuldigten sich mit der Lüge, dem Könige versprochen zu haben, nicht daß Gregor ihn feierlich salbe, nur daß er ihm die Krone reiche. Ging ein so ernster Mann wirklich auf das Possenspiel ein, welches sie ausdachten? Heinrich wies ihr Ansinnen von sich, die Krone entweder feierlich als unterwürfiger Diener des Papsts zu nehmen oder sich dieselbe von den Zinnen der Engelsburg an einem Rohre reichen zu lassen. So waren die Verträge gebrochen, und der König konnte den Römern erklären, daß nicht er, der zum Frieden geneigt gewesen, sondern der halsstarrige Papst und der verräterische Adel an der Fortdauer des Krieges schuld seien.

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