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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 189
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Sechstes Kapitel

1. Heinrich IV. rückt gegen Rom (1081). Erste Belagerung der Stadt. Zweite Belagerung im Frühjahr 1082. Abzug nach Farfa. Er rückt nach Tivoli, wo Clemens III. seinen Sitz nimmt. Er verheert die Länder der großen Gräfin.

Die Stadt Rom wurde der Schauplatz des jahrelangen Kampfs beider erbitterter Gegner, des Kaisers und des Papsts, worüber sie selbst fast zugrunde ging und in solchen Ruin versank, daß derselbe in ihrer Geschichte eine Epoche macht. Dieser merkwürdige Krieg um Rom glänzte nicht wie frühere der Art durch heldenhafte Taten, denn die Mittel und die Massen, die man in Bewegung setzte, waren sehr klein; aber die Bedeutung des Kampfs, die Schicksale des Belagernden und die moralische Größe des Belagerten verliehen ihm einen ungewöhnlichen Reiz. Heinrich IV., Gregor VII., Robert Guiscard, die große Gräfin sind die Helden dieses Trauerspiels.

Seit dem Sommer 1080 befand sich Wibert in Ravenna, wo er Truppen zusammenzog, während Gregor sich anstrengte, einen Kreuzzug gegen ihn zu vereinigen. Allein die Normannen verließen ihn. Obwohl Guiscard ein Bündnis mit Heinrich ablehnte, folgte er doch nicht den Mahnungen des Papsts; er rüstete sich zum Zuge nach Griechenland, wohin er einen byzantinischen Betrüger in der Maske des entthronten Michael Dukas führen wollte. Der Papst billigte aus Not sein Vorhaben, obwohl es ihn der normannischen Hilfe gerade jetzt beraubte. Da sich Jordan von Capua auf Heinrichs Seite wandte, blieb Gregor auf den Schutz Mathildes beschränkt.

Dem Heranzuge seines Feindes sah er jedoch mit dem Mut eines Belisar entgegen; hinter den alten Mauern der Stadt wollte er dessen Beispiel nachahmen. Nach dem Falle des Gegenkönigs drang man in ihn, sich mit Heinrich zu vergleichen; man sagte ihm, daß er von Deutschland nichts hoffen könne, daß die Vasallen der Gräfin deren Widerstand für Wahnsinn hielten; er gab nicht nach. Er forderte die Deutschen auf, einen neuen König zu wählen, aber er erinnerte sie, daß dies ein gehorsamer Lehnsmann der Kirche sein müsse.

Heinrich kam im Frühjahr 1081; das Vaterland hinter ihm war noch nicht bezwungen, doch sein Anhang dort stark genug, der römischen Partei standzuhalten. Drei schreckliche Jahre des Kampfs mit den Waffen des Kriegers wie des Politikers hatten diesen reichbegabten Fürsten zum Manne gemacht; er kam nun, den Schimpf von Canossa zu rächen, die Kaiserkrone zu holen, das Papsttum dem Reiche wieder dienstbar zu machen. Er brauchte drei andere heiße Jahre, seine Absichten zu erreichen, nur die letzte führte er nicht aus, denn das Papsttum, welches das Genie Gregors von der Kaisergewalt befreit hatte, sank nie mehr unter diese herab.

Sein Heer hoffte er in Ravenna zu verstärken und Guiscard für sich zu gewinnen, doch dies mißlang. Der listige Herzog, auch für die Bitten Gregors taub, segelte schon nach Ostern 1081 nach Durazzo. Heinrich aber nahm die italische Krone, ließ auf einem Konzil in Pavia die Lombarden Wibert als Clemens III. anerkennen und zog endlich, von der Markgräfin nicht aufgehalten, nach Rom.

Als er am 22. Mai auf dem Felde des Nero lagerte, konnte Gregor die Weisheit seiner Vorgänger segnen, welche die feste Leonina angelegt hatten. Normannen, Toskaner, Stadtmilizen hüteten ihre Wälle; außerdem war die königliche Partei in Rom schwach oder ohne Führer. Seit Totila hatte die Stadt keine so langwierige Belagerung erlebt, als sie jetzt Heinrich zu beginnen kam; doch seine Mittel waren dürftig, und sein erster Zug blieb eindruckslos. Er versammelte in seinem Lager die Römer von der alten Faktion des Cadalus und Benzo; einige Landgrafen, namentlich die Tusculanen, fanden sich bei ihm ein; er schuf einen Gegensenat oder eine Kurie, teilte Palastwürden aus, ernannte neue Richter und einen neuen Präfekten. Das war zweckmäßig, denn es stärkte die Partei. Doch die Stadt hielt zu Gregor und wies seine Anträge ab. Die Päpstlichen konnten über die Pfingstprozession lachen, welche er, die Krone auf dem Haupt, in seinem Lager hielt; er und sein Papst blickten hoffnungslos nach dem St. Peter, wo die beiden Kronen verschlossen lagen, welche sie einer dem andern zu reichen begehrten. Nach vierzig Tagen brach Heinrich die Zelte ab und zog nach Toskana. Der machtlose Feind hatte erst seinem Gegner das Schwert gezeigt, nichts mehr.

Die blühenden Städte Pisa, Lucca und Siena eilten, sich der Herrschaft der Markgräfin zu entziehen und stärkten ihre bürgerliche Freiheit durch kaiserliche Diplome, nur Florenz schlug die Stürme Heinrichs ab. In Ravenna, wo er überwinterte, empfing er Boten des von Guiscard hart bedrängten Kaisers Alexius, der ihn durch große Geldsummen zu schneller Hilfe zu bewegen suchte. Er schloß einen Bundesvertrag mit ihm; die byzantinischen Hilfsgelder kamen erwünscht, denn Rom schien eher durch Gold als durch das Schwert einnehmbar. Aber auch im Frühjahr 1082 war dem Könige das Glück nicht hold. Die Päpstlichen in der Leonina hielten sich gut; eine Bresche wurde nicht benutzt, eine verräterische Feuersbrunst am St. Peter schnell gelöscht. Heinrich mußte wieder in die Campagna abziehn; er umging den Soracte, setzte dort mit vieler Schwierigkeit über den Tiber und machte am 17. März in Farfa halt.

Diese reichsunmittelbare Abtei diente ihm als trefflicher Stützpunkt in der Sabina. Die Mönche, immer im Streit mit den Crescentiern aus dem Geschlecht Oktavians, von dessen und der Rogata Sohne Crescentius, Johannes, Guido, Cencius und Rusticus stammten, waren den Päpsten feind, weil diese die alte beurkundete Freiheit des Klosters zu unterdrücken trachteten. Der Abt Berard blieb Heinrich treu; er feierte die Ankunft seines Oberherrn mit aufrichtigen Festen und unterstützte ihn durch Zufuhr und Geld.

Heinrichs Zug nach der Sabina sollte ihn dort gegen die Markgräfin decken und Latium näher bringen, wo ihm die Tusculanen die lateinische Straße bewachten. Er besetzte Tivoli; denn hier sollte der Gegenpapst seinen Sitz aufschlagen, Rom zu belagern und zugleich im nahen normannischen Gebiet den Aufstand zu unterhalten. Die Abwesenheit Roberts benutzten seine Feinde, seine italischen Länder aufzuwiegeln. Dort schmachteten die Langobarden unter dem Joch ihrer normannischen Würger in gleich elender Lage wie die Angelsachsen unter der Tyrannei Wilhelms des Eroberers. Sie hofften auf Heinrich; er nahm griechisches Gold und rückte doch nur bis Tivoli vor. Der byzantinische Kaiser wünschte nichts sehnlicher als seinen königlichen Verbündeten zu einem Kriegszuge nach Apulien zu bewegen, damit er Robert sich vom Halse schaffe, und dem Könige wiederum war die Entfernung des Herzogs in Griechenland erwünscht. Beide Verbündete suchten einer den andern als Blitzableiter zu benutzen, darum geschah von seiten Heinrichs nichts. Indes die Empörung in Apulien, durch Jordan von Capua am eifrigsten geschürt, nahm große Verhältnisse an; und Guiscard mußte zurück; er übertrug seinem Heldensohne Bodmund den griechischen Krieg, eilte selbst nach Apulien und konnte, wenngleich nur mit langer Anstrengung, doch des Aufstandes Herr werden.

Heinrich zog nach Ostern in die Lombardei. Das Schicksal verdammte ihn, zeitlebens mit einem Priester und einer Amazone zu streiten. Denn in Oberitalien war es immer wieder Mathilde, die ihn zu einem schwierigen kleinen Krieg in den Apenninen und am Po zwang, wo sie viele Festungen besaß. Und auch dort kam es zu keiner Entscheidung. Die Städte wurden verheert, die Kirchen verbrannt; der Fanatismus artete in die Wut eines Religionskrieges aus. Ein Chronist jener Zeit konnte den Palast der großen Gräfin mit einem Hafen für die katholische Welt vergleichen; denn in ihn flohen vor dem Schwert des Königs Priester, Mönche, Vertriebene jedes Ranges, und ihr von halb Italien beanspruchtes Vermögen war immer groß genug, auch Gregor VII. aus seiner Not zu reißen.

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