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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 186
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Bruch Gregors mit Heinrich. Der König läßt zu Worms den Papst absetzen. Sein Brief an Gregor. Heinrich wird zu Rom gebannt und abgesetzt. Aufregung darüber in der Welt. Verhältnis beider Gegner zueinander. Die 27 Artikel Gregors.

Als der jugendliche Heinrich, durch seinen Sieg über die Sachsen mit Selbstgefühl erfüllt, keine seiner Versprechungen mehr hielt, nach wie vor geistliche Stellen verkaufte und die gebannten Räte an seinen Hof zog, nahm sich Gregor hievon Anlaß, ihn zum Äußersten zu treiben. Sein letzter Brief an den König war die Herausforderung eines feinen und klugen, in der Stille gerüsteten Gegners: er verlangte ein reuevolles Sündenbekenntnis, sogar den Schein irgendeines Bischofs, welcher die Bußfertigkeit des Königs beglaubige; er gab Heinrich dreist zu verstehen, daß er das Ende Sauls finden könne. Römische Legaten waren schon vorher nach Goslar abgegangen; sie forderten den König auf, wegen seiner Sünden und Laster Buße zu tun, und sie verkündigten ihm im Falle der Weigerung den Kirchenfluch.

Der Sohn Heinrichs III., der erste Fürst der Christenheit, vernahm diese Ladung mit gerechtem Zorn; statt aber dem Papst mit maßvoller Ironie zu begegnen, brauste der Jüngling sofort auf und schlug ungestüm und plump auf seinen Gegner los. Die Legaten ließ er schimpflich fortweisen, berief wutentbrannt ein Konzil nach Worms, und die übereilten deutschen Bischöfe erklärten am 24. Januar den Papst für abgesetzt. Jeder wahre Staatsmann hätte den jungen König verdammen müssen, der durch diesen unüberlegten Schritt so völligen Mangel an politischem Verstand offenbarte. Er glaubte den Papst, welcher durch seine Dekrete alle weltlichen und bischöflichen Gewalten im Reich gegen sich aufgebracht hatte, wehrlos. Er selbst täuschte sich über seine eigene Stärke, und die Feinde Gregors täuschten ihn über dessen unsichere Lage in Rom, denn der gebannte, ruhelose Kardinal Hugo war der eifrigste Ankläger vor der Synode von Worms, welcher er als Abgesandter der Römer beizuwohnen sich den Anschein gab. Das lange und kindische Register von Verbrechen, die man Gregor zur Schuld legte, werden selbst seine erbittertsten Gegner bezweifelt haben, aber das Freiheitsgefühl regte sich in der deutschen Landeskirche gegenüber einem herrschsüchtigen Papst, welcher dem Episkopat die letzte Selbständigkeit raubte, Bischöfe ohne Synodalprozeß absetzte, selbst die Gemeinden aufrief, ihnen den geistlichen Gehorsam zu versagen, und der außer sich in der Welt nur Untertanen zu kennen schien. Heinrich rief also zunächst die bedrohte Landeskirche ins Feld gegen den Papst.

Wenn wir heute, wo das Papsttum nur noch die Ruine dessen ist, was es war, und wo seine theokratische Gewalt über Könige uns schon wie eine staunenswürdige Fabel erscheint, die Akten jener Zeit lesen, so atmen wir ruhige Betrachter der Vergangenheit noch etwas von ihrer leidenschaftlichen Glut. Der König schrieb an den Papst:

»Heinrich, nicht durch Anmaßung, sondern durch Gottes heiligen Willen König, an Hildebrand, nicht Papst, sondern falschen Mönch.

Diesen Gruß hast du Unruhestifter verdient, der du jeden Stand in der Kirche statt zu segnen verfluchst. Laß mich kurz sein: die Erzbischöfe, Bischöfe und Priester hast du als willenlose Sklaven unter deine Füße getreten. Sie alle stellst du als unwissend, dich allein als den Wissenden dar. Wir duldeten alles, aus Ehrfurcht vor dem Apostelsitz; du hieltest Ehrfurcht für Furcht; du erhobst dich gegen die königliche Gewalt selbst, die uns Gott verlieh, und drohtest, sie uns zu entziehn, als ob Herrschaft und Reich nicht in Gottes, sondern in deiner Hand ständen. Christus hat uns zum Reich, nicht dich zum Papsttum berufen. Du gewannst es durch List und Betrug; zum Hohn deiner Mönchskutte erlangtest du mit Geld Gunst, mit Gunst Waffen, mit Waffen den Friedensstuhl, von dem herab du den Frieden zerstört hast, denn die Untergebenen waffnest du gegen die Obrigkeit und predigst Verachtung gegen die von Gott berufenen Bischöfe, welche abzusetzen und zu verdammen du selbst den Laien die Befugnis erteilst. Willst du mich, einen schuldlosen König, den nur Gott richtet, absetzen, da die Bischöfe das Urteil selbst über einen Julian Apostata einzig Gott überließen? Sagt nicht Petrus, der wahre Papst: fürchtet Gott, ehret den König? Weil du Gott nicht fürchtest, mißehrest du mich, seinen Eingesetzten. Das Anathem St. Pauls trifft dich, das Urteil aller unserer Bischöfe verdammt dich und sagt dir: steige herab vom Apostolischen Stuhl, den du usurpiert hast, daß ein anderer ihn einnehme, der nicht der Religion Gewalt antue, sondern die unverfälschte Lehre Petri lehre. Ich Heinrich, von Gottes Gnaden König, rufe dir mit allen unsern Bischöfen zu: steige herab, steige herab!«

Dies sagte der Brief Heinrichs an Gregor, ein kostbares Aktenstück jener Zeit. Die unrechtmäßige, weil einseitige Absetzung des Papsts durch eine deutsche Synode war ein in den Annalen der Kirche unerhörter Akt; das ganze Abendland wurde davon aufgeregt. Aber die königlichen Boten eilten über die Alpen; die lombardischen Großen und Bischöfe empfingen sie mit Jubel, versammelten sich in Piacenza, stimmten den Wormser Beschlüssen bei und setzten den Papst auch ihrerseits ab.

Roland, ein niederer Kleriker aus Parma, wurde beauftragt, die Dekrete von Worms und Piacenza nach Rom zu bringen; auch an die Römer hatte Heinrich eine Proklamation gerichtet, worin er als ihr Patricius sie zum Abfall von Gregor und zur Wahl eines neuen Papstes ermunterte. Es ist der Beachtung wert, daß die Würde des römischen Patriziats Heinrichs, der nicht Kaiser war, für sein Verfahren gegen den Papst scheinbare Rechtsgründe darbot, denn auch bei der Absetzung, die er über Gregor aussprechen ließ, berief er sich auf seine patrizische Gewalt. Der Bote traf einen Tag vor dem Konzil ein, welches sich am 22. Februar im Lateran versammelte. Kaum war die erste Sitzung mit dem üblichen Gesang einer Hymne eröffnet worden, als Roland hervortrat und furchtlos zum Papste sprach: »Mein Herr, der König, und alle Bischöfe von jenseits der Berge befehlen dir Augenblicks vom angemaßten Stuhl herabzusteigen, denn ohne ihren und des Kaisers Willen darf niemand zu solcher Würde gelangen. Euch aber, Brüder (und der Sprecher wandte sich an den Klerus), lade ich auf kommende Pfingsten vor des Königs Angesicht, wo ihr aus seinen Händen einen Papst empfangen werdet; denn dieser hier ist nicht Papst, sondern ein reißender Wolf.« Ein Schrei der Entrüstung folgte diesen Worten; die Versammelten fuhren von ihren Sitzen auf; der Kardinal von Portus rief, daß man den Frevler greifen solle, und der Stadtpräfekt stürzte mit dem Degen auf Roland zu. Das kühne Gebäude Gregors hätte vielleicht ein fanatischer Schwertschlag zertrümmert; aber der Papst verhinderte schnell einen Gesandtenmord.

Die wieder beruhigte Synode drang auf energisches Handeln. Die lombardischen und deutschen Bischöfe, welche jene Dekrete unterzeichnet hatten, wurden exkommuniziert, und Gregor hatte schon die Genugtuung, beim Beginne des Konzils einige jener deutschen Prälaten zu empfangen, die voll Furcht über die Alpen geeilt waren, sich ihm zu Füßen zu werfen. Gegen den König forderte die Synode die äußerste Strafe des Kirchenbanns, während die Kaiserin Agnes in der Basilika als Teilnehmerin eines Konzils dasaß, von dem jedes Wort auf ihr eigenes Herz zu zielen schien. Die Witwe des kraftvollen Heinrich hatte sich von dessen Sohne hinweg und den römischen Priestern zugewandt, aber die Gefühle der Mutter konnte der Weihrauch nicht völlig abgestumpft haben, den sie in Rom atmete.

Der Bannstrahl Gregors flammte wie ein wirklicher Blitz durch die Welt und traf wie ein solcher das Haupt des ersten Monarchen der Christenheit. Nie hat der Donnerkeil eines Fluchs eine ähnliche Wirkung gehabt. Alle Bannstrahlen der Päpste werden matt gegen diesen einen weltgeschichtlichen Gregors, von dem das Abendland in Brand geriet. Es ist ein furchtbares und schönes Schauspiel aus dem dunklen Mittelalter, und es wird immer staunenswürdiger, je weiter die fortschreitende Menschheit sich von jener Epoche entfernt.

Der allgemeine Glaube gab dem Haupt der Kirche die Gewalt des Segens und Fluchs, und keine weltliche Macht bestritt ihm das Recht der Kirchenstrafen. Könige unterlagen wie alle anderen Laien der Kirchendisziplin, und der stolze Gregor konnte sagen: »Als Christus zu Petrus sprach, weide meine Schafe, nahm er da etwa die Könige aus?« Anatheme waren die anerkannten Waffen der Päpste; sollte es nun ein Gregor verschmähen, sie gegen einen König zu wenden, der die Kirche durch Mißbräuche entstellte und den Papst für abgesetzt erklärt hatte? Aber die unerhörte Kühnheit dieses Anathems erschütterte die Welt. So hoch war denn doch die Vorstellung von dem Papst noch nicht getrieben, daß man nicht vor seiner Tat erschreckte, den König der Römer zu bannen, und noch mehr staunte man über die bisher beispiellose Anmaßung des römischen Bischofs, das Haupt des Reichs seiner Kronen für verlustig zu erklären, seine Untertanen ihres Eides zu entbinden und so Haß und Rebellion durch die Länder auszusäen. Wird es ein späteres Jahrhundert noch ganz begreifen, daß es Zeiten gab, wo der Papst eine so gottähnliche Macht von einem friedlichen und armen Apostel herleitete? Unsere Zeit, dem Mittelalter noch einigermaßen nahe, befremdet schon tief die Usurpation göttlicher Majestät in der Person eines elenden Sterblichen, des flüchtigen Sohnes der Minute, der über eine Ewigkeit voll Segen oder Verdammnis gebieten will, während ihn der Hauch eines für ihn unberechenbaren Augenblicks spurlos verlöschen kann. Eine schauerliche Größe liegt in jenem mittelalterlichen Priestertum, welches sich so kühn über die Grenzen der Endlichkeit erhob.

Die Kunde von der Absetzung des römischen Königs machte ein unglaublich großes Aufsehen im Abendlande. Das ganze Römische Reich, so sagt ein Chronist jener Zeit, erbebte davon; das Urteil der Menschen wurde durch eine unerhörte Handlung verwirrt, indes die Priester die Annalen des Papsttums durchsuchten, zur Rechtfertigung Gregors ähnliche Vorgänge aufzufinden, und das unwillige Staunen durch einige auf diesen Fall nicht passende Beispiele bischöflicher Gewalt zu beschwichtigen hofften.

Heinrich und Gregor, jetzt Gegner auf Leben und Tod, hatten sich auf gleichen Standpunkt des Angriffs gestellt, beide einer den andern für abgesetzt erklärt, beide den Boden des Rechts verlassen und sich eine Befugnis angemaßt, die sie nicht besaßen. Aber ihre Waffen waren nicht gleich. Ein König jener Zeit, auch mit einem Heldenschwert in der Hand, war machtlos gegen einen Papst mit dem Bannstrahl in der Hand. Der Kampf eines Königs mit einem Papst war wie der eines gewöhnlichen Menschen mit einem Magier. Heinrich hatte sich mit blindem Ungestüm in diesen Kampf gestürzt, aber Gregor mit weiser Kunst seinen Operationsplan ausgerechnet, und der Papst, welcher anscheinend ohne Bundesgenossen war, konnte endlich deren stärkere ins Feld stellen als sein königlicher Feind.

Beide waren despotische Naturen; aber die Willkür des Königs wurde durch das verfassungsmäßige Gegengewicht der Reichsstände gebrochen, während die hierarchische Gewalt des Papsts an den Bischöfen und Konzilien keine Schranken mehr fand. Der leichtsinnige Charakter eines lasterhaften Fürsten mindert die Teilnahme für sein Los; die wirklichen Mißbräuche in der Kirche, welche er schützte, machten den Sieg des Papsts wünschenswert, wo er eben jene betraf; aber das überspannte Programm päpstlicher Infallibilität und Allgewalt, welches Gregor aufstellte, erschreckt das Urteil und mindert den Anteil an jener heilsamen Reform, selbst bei der Erkenntnis, daß die Freiheit der Kirche von der politischen Gewalt eine notwendige Forderung sei. Obwohl die Fassung der 27 Artikel, die man in die Regesten Gregors eingeschoben hat, zweifelhaft ist, wollen wir die maßlosesten doch bemerken, denn sie sprechen ganz und gar dasjenige aus, was Gregor VII. bezweckte und was er selbst in seinen Briefen offen erklärt hat.

»Die römische Kirche ist von Gott allein gestiftet. Der Papst allein hat das Recht, neue Gesetze zu erlassen, neue Gemeinden zu gründen, ohne Synodalspruch Bischöfe abzusetzen. Er allein hat das Recht, sich der kaiserlichen Insignien zu bedienen. Er allein reicht allen Fürsten den Fuß zum Kusse dar. Sein Name allein wird in allen Kirchen angerufen. Sein Name, Papst, ist einzig in der Welt. Er hat das Recht, Kaiser abzusetzen. Er kann die Untertanen ihrer Treue gegen ungerechte Obere entbinden. Ohne seine Autorität ist kein Kapitel, kein Buch kanonisch. Sein Ausspruch ist unantastbar. Er darf von niemand gerichtet werden. Die römische Kirche hat nie geirrt und wird in Ewigkeit nicht irren, wie es die heilige Schrift bezeugt. Wenn der römische Papst kanonisch geweiht ist, so wird er durch die Verdienste St. Peters heilig. Nur der ist katholisch, der mit der römischen Kirche übereinstimmt.«

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