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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 185
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Zustände in Rom. Die Gegner Gregors. Wibert von Ravenna. Heinrich IV. Widerstand in Deutschland gegen die Dekrete Gregors. Beschluß gegen die Laien-Investitur. Attentat des Römers Cencius gegen Gregor.

In Rom selbst fand Gregor heftigen Widerstand. Hunderte von Geistlichen lebten hier den Synodalbeschlüssen zum Trotz im Konkubinat; ihre Kinder oder Nepoten waren gewohnt, vom Kirchengute reich zu werden und die Pfründe des Vaters oder Oheims zu erben. Ein Chronist hat uns die Zustände römischer Kirchen geschildert, indem er einen Blick in den St. Peter warf. Es gab dort sechzig Mansionarii, beweibte Laien, Tempelwächter; diese Männer pflegten täglich die Fremden zu täuschen, indem sie als Kardinäle verkleidet Messe lasen und Opfergaben empfingen. Sie feierten nachts Orgien im Dom, und die Stufen der Altäre wurden durch Wollust, Raub und Meuchelmord befleckt. Gregor hatte Mühe, diesen Schwarm zu vertreiben.

Alle die abgesetzten Priester und ihre Klienten und Sippen haßten ihn bis auf den Tod; sie verbanden sich mit dem widerstrebenden Adel in der Stadt. Auch der Erzbischof Ravennas verstand sich heimlich mit den Mißvergnügten. Dies war damals Wibert, einst Kanzler und Statthalter Italiens, die Seele des Schisma unter Cadalus, der geschworene Widersacher Hildebrands, ein junger Mann voll Ehrgeiz, Klugheit und Mut. Er hatte gegen das Ende des Pontifikats Alexanders II. den Patriarchenstuhl in Ravenna mit feiner Kunst erlangt; der Synode von 1074 wohnte er persönlich bei und nahm, scheinbar unterwürfig, den ihm gebührenden Sitz zur Rechten des neuen Papstes ein, welchen er haßte. Aber er weigerte sich, seine Vasallen zum beabsichtigten Normannenkriege zu stellen, noch wollte er sie aufbieten, den rebellischen Grafen von Bagnorea zu züchtigen. Er hielt mit Cencius in der Stille Zusammenkünfte, und wahrscheinlich hatte ihm der deutsche Hof aufgetragen zu erkunden, auf welche und eine wie große Partei man in Rom zählen könne.

Der Bruch mit dem Papste war vorauszusehen. Als der junge Heinrich den empörten Sachsen weichen mußte, hatte er zwar Gregor das demütige Versprechen der Unterwerfung unter die Reformbeschlüsse gemacht; doch sein erbärmlicher Brief war nur durch die augenblickliche Not diktiert. Er betrieb den Verkauf geistlicher Stellen rücksichtslos; die Kirche Deutschlands war wie die in allen Ländern simonistisch, und die meisten Priester lebten beweibt. Das Unternehmen, so fürstengleiche Prälaten, so viele tausend Geistliche im Reich zum Gehorsam gegen die Beschlüsse Roms zu zwingen, mußte daher wahrhaft vermessen erscheinen. Als nun Gregor nach seinem ersten Konzil seine Legaten in Begleitung der Kaiserin-Mutter nach Deutschland schickte, erregten seine Dekrete dort einen unsagbaren Sturm. Die öffentliche Meinung mußte den Kauf geistlicher Ämter verdammen, die Bischöfe fanden keine Gründe für die Entschuldigung der Simonie, doch deren genug, das mönchische Verbot der Ehe als unchristlich zu bekämpfen. In diesem tragischen Kampf, welcher das Institut der Ehe zu einem Gegenstande für die Bewegung der Weltgeschichte machte, unterlag die Natur und blieb der finstere Mönchsgeist Sieger. Die mystische Ansicht der Zeit kämpfte für ihn, auch war das Dekret der Ehelosigkeit geschickt mit dem heilsamen Verbot der Simonie verkettet.

Die päpstlichen Gesandten – es ist die Bemerkung wert, daß der Gebrauch der Legaten seit Hildebrands Zeit einen ganz neuen Charakter annahm, daß diese Nuntien jetzt wie Prokonsuln des alten Rom in die Provinzen der allgemeinen Kirche gingen – die päpstlichen Gesandten forderten von Heinrich die Entlassung schon von Alexander II. exkommunizierter Räte, denen man hauptsächlich den Verkauf geistlicher Ämter schuld gab, und die Durchführung der Synodalbeschlüsse in Deutschland. Doch der mutige Erzbischof Liemar von Bremen rettete die Würde der deutschen Kirche, indem er sich mit andern Bischöfen weigerte, eine in Deutschland vor römischen Legaten abzuhaltende Synode anzuerkennen.

Ganz Deutschland, Frankreich und Italien standen in Flammen für und wider den Papst. Der unermeßliche Kampf, dem er entgegensah, erfüllte diesen selbst mit Bangigkeit. Seine Feinde in Rom, die Bischöfe Lombardiens, die Normannen machten ihn besorgt; er suchte Verbündete; er richtete verzweifelte Wünsche selbst nach Dänemark, dessen König Sueno er aufforderte, zur Unterstützung der Kirche herbeizukommen, wofür er ihm den Besitz einer Provinz in Süditalien versprach. Wie die byzantinischen Kaiser Waräger des Nordens, Sarmaten und Hunnen für ihre italienischen Kriege in Dienst nahmen, so würde Gregor die Kämpen Jütlands und Seelands gegen die ihnen stammverwandten Normannen und andere Feinde geführt und sie dann ohne Rücksicht auf sein Vaterland Italien mit den von ihnen besetzten Küsten beliehen haben.

Auf seinem zweiten Konzil (am Ende des Februar 1075) verbot er die Laien-Investitur der Geistlichkeit; kein Bischof oder Abt sollte fortan von Königen oder Kaisern, von Herzögen oder Grafen mit Ring und Stab beliehen werden, und so warf er den Fehdehandschuh kühn der gesamten weltlichen Macht hin. Wenn die Reformpäpste den Kauf geistlicher Stellen durch Laien untersagten, so trafen sie damit einen verdammlichen Mißbrauch, aber Gregor griff ein uraltes Recht der Könige an, welche Bischöfe wegen der Güter, die sie vom Staat zu Lehen trugen, mit Ring und Stab vor ihrer Weihe investierten. Der staatsrechtlich gewordene Lehnsverband zwischen Laien und Geistlichen sollte plötzlich zerrissen, der Klerus aus dem Feudalsystem herausgenommen werden. Es war dies berühmte Dekret, welches einen fünfzigjährigen Kampf entzündete, und so rächte sich an der Christenheit jene fromme Schwäche, den Kirchen Güter und Städte zu schenken, und die Torheit der Könige, Priester mit fürstengleicher Macht zu begaben. Der Besitz von Krongütern erzeugte freilich schreckliche Übel in der Kirche; geistliche Stellen wurden von der weltlichen Gewalt ohne Rücksicht auf Befähigung, selbst ohne vorgängige Wahl an die elendesten Geschöpfe der Hofgunst verkauft oder verschenkt. Der König ernannte oft Bischöfe und Äbte augenblicklich, indem er ihnen einen Stab übergab; sie wurden dann Vasallen der Krone, in Person dienend wie Generale in Krieg und Schlacht, und kaum unterschied sie noch das geistliche Gewand von dem Herzog oder Grafen, mit dem sie Rechte und Pflichten im Staat, Bedürfnisse und alle Laster gemein hatten. Das Priestertum von so unapostolischer Verweltlichung zu reinigen, war eine Forderung der Religion und Humanität. Nun aber wollte Gregor VII. die Kirche von jeder Abhängigkeit vom Staat befreien und sie doch in ihrem unermeßlichen Besitz erhalten; er würde es nicht begriffen haben, wenn ihm ein wohlmeinender Idealist gesagt hätte, daß der kürzeste Weg zur Befreiung der Priesterschaft von der politischen Macht der sei, sie wieder güterlos und geistlich zu machen, wie die Apostel es gewesen waren. Sein kühner Plan war, den Kirchen in allen Ländern ihr reiches Dominium Temporale zu sichern, sie der Lehnspflicht gegen die Krone überall zu entziehen, dem Papst allein zu unterwerfen und so halb Europa in einen römischen Kirchenstaat zu verwandeln.

Die Zeit, dem Könige das Investitur-Recht zu entreißen, schien günstig, denn Heinrich war von den Sachsen hart bedrängt. Aber sein Sieg an der Unstrut im Juni 1075 machte ihm die Hand frei, und nun begann er sich als König zu fühlen. Mailand, Ravenna, Rom, die Normannen boten sich als natürliche Verbündete dar, und eine geschicktere Leitung als die des Cencius, des Wibert und des wieder von der Kirche abgefallenen Kardinals Hugo hätte einen furchtbaren Bund gegen Gregor zustande gebracht. Die königliche Macht war in Mailand hergestellt. Nachdem diese Stadt jahrelang durch den Krieg der Patariner zerfleischt worden war, erhoben sich Adel und Volk gegen die unerträgliche Tyrannei Erlembalds. Der berühmte Kapitän fiel, das Banner St. Peters in der Hand, im Straßenkampf; die Mailänder forderten und empfingen von Heinrich einen Erzbischof, und Gregor, an dessen Hof der vertriebene Erzbischof Atto lebte, konnte die Investitur Tedalds nicht hindern. Er enthob ihn des Amts, doch mit dem Falle Erlembalds war sein Einfluß in Mailand zerstört.

Sein tätigster Feind war Cencius, das Haupt aller Mißvergnügten in Rom. Der Stadtpräfekt faßte den Mut, diesem gewalttätigen Manne den Prozeß zu machen; aber man wagte nicht, das über ihn verhängte Todesurteil zu vollziehen; selbst Mathilde verwendete sich für ihn. Cencius stellte Geiseln, sein Turm wurde zerstört, und eine Weile blieb er ruhig. Er sann auf Rache. Als der Bruch mit Heinrich unheilbar geworden war, entwarf er einen Plan zum Sturze Gregors. Er forderte jenen im Namen der Römer auf, die Gewalt in der Stadt zu ergreifen, und versprach, ihm den Papst gefangen auszuliefern. Ein Attentat auf das Leben oder die Freiheit des Papsts wie zur Zeit des ersten Bilderstreits sollte, so hoffte man, allem Kampf ein Ende machen. Ob Heinrich daran beteiligt war, ist ungewiß. Indes die Verschwörung, weder von den Lombarden, noch von den Normannen, noch vom Könige tatsächlich unterstützt, sank zu dem vereinzelten Frevel eines Banditen herunter, dessen Gehässigkeit Ort und Zeit noch erhöhten.

Die Weihnachtsszene des Jahres 1075 ist eine der grellsten Episoden aus der Geschichte Roms im Mittelalter. Der Papst las am heiligen Abend die übliche Messe am Altar der Krippe in S. Maria Maggiore; Geschrei und Waffenlärm erhebt sich; in die Kirche stürzt Cencius, das Schwert in der Faust, mit dem verschworenen Adel. Er greift den Papst am Altar bei den Haaren, schleppt den blutig Mißhandelten hinweg, wirft ihn auf sein Pferd und sprengt durch das nächtliche Rom nach seinem Palast oder Turm in der Region Parione. Die Stadt bewegt sich, die Sturmglocken läuten, das Volk greift zu den Waffen; die Priester verhüllen jammernd die Altäre; die Milizen sperren alle Tore; man durchzieht mit Fackeln alle Straßen: niemand hat den Papst gesehen. Am Morgen versammelte sich das Volk zur Beratung auf dem alten Kapitol; die Tage der catilinarischen Verschwörung schienen wiedergekehrt zu sein. Es kam Meldung, der Papst sei gefangen im Turm des Cencius. Gregor befand sich dort verwundet und allein. Man mißhandelte ihn; der Räuber, welcher ihn aus der Stadt nicht hatte entführen können, forderte Belehnung mit den besten Kirchengütern; seine Vasallen verhöhnten den Papst, seine verwilderten Schwestern überschütteten ihn furiengleich mit einer Flut von Reden, in denen der Name Mathilde wahrscheinlich oftmals gehört wurde; doch Gregor verlor seine Würde nicht. Wenn die Faktion des Cencius Rom zur Freiheit aufzurufen versuchte, so fand sie kein Gehör; ihr kurzer Widerstand wurde schnell niedergeschlagen, und das wütende Volk stürmte den Palast, Gregor zu befreien. Als Cencius sich verloren sah, bat er um Gnade oder forderte sie mit gezücktem Schwert; der Papst verzieh und versprach ihm die Absolution, wenn er nach einer Wallfahrt nach Jerusalem zu seinen Füßen reuevoll würde zurückgekehrt sein. Gregor hat seinen Mut vielleicht nie glänzender und seinen Charakter nicht edler gezeigt als in jener Nacht und nach seiner Rettung. Er hielt sein Wort selbst dem Mörder, den er vor der Volkswut schützte. Man führte ihn im Triumph nach S. Maria zurück, wo dieser wunderbare Mann, glücklicher als Leo III., die unterbrochene Messe beendigte. Das Volk zerstörte unterdes die Häuser des Cencius und seiner Partei, während der wilde Kapitän mit seiner Sippschaft das Weite suchte. Die Wallfahrt nach Jerusalem gab er schon am ersten Meilenstein auf, er warf sich vielmehr hohnlachend in eines seiner Kastelle auf der Campagna, versammelte Vasallen und Mißvergnügte und verwüstete die Domänen der Kirche ungestraft.

Dies widerspruchsvolle Schicksal erfuhr der größte aller Päpste; die Welt zitterte vor ihm, Könige knieten zu seinen Füßen, aber die rebellischen Römer schleppten ihn bei den Haaren mit sich fort. Er demütigte seine gekrönten Feinde, doch er konnte die verächtlichsten seiner Gegner nicht züchtigen; in der Stille seines Herzens mußte er über die Nichtigkeit aller irdischen Majestät salomonische Betrachtungen anstellen.

Gregor ging aus jener Nacht mit dem Glanz eines unerschütterlichen Mannes und eines Märtyrers hervor. Auch das Volk von Rom hatte ihm Anhänglichkeit und Ehrfurcht vor seinem Genie glänzend dargetan. Dies war ihm wichtig und erhebend zugleich. Seine Freunde mochten Heinrich des Anteils an dem Frevel beschuldigen, und die einzige Frucht des wahnsinnigen Attentats war die Vereitlung auch der letzten Hoffnung eines Vergleichs. Jetzt warf der aufgeregte Gregor die letzte Fessel der Menschenfurcht von sich, wenn ihn noch eine band; dem größten seiner Feinde unter den Fürsten wollte er rasch entgegentreten. Im Römischen Reich galt es jetzt, die weltliche Gewalt unter die Dekrete der Kirche zu beugen. Der Kampf zwischen Heinrich IV. und Gregor VII., den beiden Repräsentanten von Kirche und Staat, ist vielleicht das kunstvollste Drama, welches die politische Geschichte jemals aufgestellt hat.

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