Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 183
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

1. Alexander II. stirbt. Hildebrand besteigt den Päpstlichen Stuhl. Seine Laufbahn, sein Ziel. Er wird am 29. Juni 1073 ordiniert.

Alexander II. starb am 21. April 1073; sein Nachfolger wurde Hildebrand. In diesem Herrscher-Genie lebte der ernste und großartige Geist der alten Römer wieder auf. Er steht auf der Grenze zweier Gesellschafts-Epochen, einer vergehenden und einer werdenden. Sein Grundwesen ist politischer, nicht geistlicher Natur, und kaum scheint ihm das priesterliche Gewand zu eignen. Seine Bedeutung ist diese, daß er das bisher bestehende Verhältnis der Kirche zur Welt und zur weltlichen Gewalt durch eine der gewaltsamsten Revolutionen umgeformt hat, welche die Geschichte kennt. Er war der Caesar des päpstlichen Rom, die Alleingewalt des Papsttums sein politisches Ziel.

Hildebrand war jedoch nicht Römer noch Lateiner von Geburt. Sein Vater Bonizo soll ein armer Tischler im tuszischen Soana gewesen sein, und der größte Papst Roms gehörte der langobardischen Rasse an, von welcher Toskana stark bevölkert war. Als Knabe kam er in die Obhut eines Oheims zu Rom, Abts von S. Maria auf dem Aventin. Dort mochte er die Kutte der Benediktiner genommen haben, denn er wurde Mönch und trat später in den Orden Clunys, dessen hierarchische Ideen in seinem Genie die herrschende Gestalt gewannen. Seine leidenschaftliche Natur begrub sich nicht in die asketische Mystik jener Zeit, aus welcher seine Seele mit fanatischer Kraft, doch gesund wiederkam. Er lernte die Welt verachten, aber sie zu beherrschen blieb ihm begehrenswert.

Das beschränkte Ideal eines Klosterheiligen lebte nicht in dem Geiste Hildebrands, welcher geboren war, ein tatkräftiges Verhältnis auf die Welt zu haben. Der Anblick einer tief verderbten Gesellschaft trieb den gefühlsseligen Damiani in die Einsiedelei, doch Hildebrand betrachtete mit noch größerem Schmerz den hierarchischen Verfall der Kirche Roms. Man muß sich vorstellen, daß er in aufstrebender Jugend ein moralisches Ungeheuer auf dem Stuhle Petri sitzen sah, daß die römische Kirche damals zu dem niederen Range eines Provinzialbistums herabgekommen war, welches ein wildes Grafengeschlecht als Investitur für seine jüngeren Söhne betrachtete. Ein nachsinnender Geist, der vom Bewußtsein der welthistorischen Aufgabe des Papsttums erfüllt war, mußte sich bald die Ursachen von dessen Ruin klarmachen und nach den Mitteln seiner Erneuerung suchen. Jene waren das Übergewicht der weltlichen Gewalt über die feudal gewordene Geistlichkeit und die Auflösung der Kirchendisziplin; diese bot dar die Reform der Disziplin, die Vereinigung der gesamten Kirche in der Oberhoheit Roms, die Befreiung des Papsttums erst vom Einflusse des städtischen Adels, dann vom königlichen Patriziat, die Befreiung des Klerus von der Laien-Investitur.

In Zeiten der Bedrängnis durch Schisma und städtische Faktionen waren die Päpste gewohnt, die deutschen Könige nach Rom zu rufen und zu Kaisern zu krönen; sie bezahlten deren vorübergehende Dienste jedesmal mit der erneuerten Vasallenschaft unter der Reichsgewalt. Der junge Hildebrand erlebte die Synode zu Sutri, in deren Folge Heinrich III. das Papsttum zu einem Bistum herabsetzte, mit dem er seine deutschen Günstlinge belieh, wie er es in Bamberg oder Mainz zu tun gewohnt war. Er führte Gregor VI. mit sich fort, und während Hildebrand seinen Papst ins Exil nach Köln begleitete, hatte er Muße, über die Knechtschaft nachzudenken, in welche das Papsttum durch seinen Befreier, den Kaiser, gestürzt worden war. Es galt nun, den Kampf aus dem städtischen Gebiet auf ein allgemeines Feld zu übertragen und das gesamte Reich zu seinem Schauplatz zu machen. Das Papsttum mußte von der kaiserlichen Oberhoheit befreit werden, und es konnte dies nur, wenn die Kirche vom Gesetze des Staates getrennt ward. Der Feudalismus hatte beide Ordnungen seit Jahrhunderten auf das engste verzweigt; nun sollte das Verbot der Belehnung von Laienhand die Kirche aus dem feudalen Reichsverbande lösen; die Ehelosigkeit sollte den gesamten Klerus von der weltlichen Gesellschaft, ihren Pflichten und Interessen trennen; dem Papst allein sollte er pflichtig sein, und dann durfte dieser, über alle Metropoliten und Landeskirchen als ihr gebietendes Haupt erhoben, es wagen, auch die königliche Gewalt zu seiner Dienerin herabzusetzen.

Allmählich gestalteten sich diese großen Pläne im Geiste Hildebrands. Wir sahen dessen rastlose Tätigkeit seit der Erhebung Leos IX., und wie er als Kanzler seit dem Wahlgesetz Schritt vor Schritt dem Papsttum Freiheit und Kraft errang. Große Geister entspringen und bilden sich in gewaltsamen Umwälzungen, und Hildebrand ging durch die Reformbewegung von sechs Päpsten hindurch, ehe er selbst Papst wurde. Die Schule seiner Herrschaft war lang und schwierig, aber nie übernahm ein Monarch sein Amt mit gleich tiefer Kenntnis der Weltverhältnisse, der Menschen und Mittel und mit einem gleich klaren Bewußtsein seines Ziels.

Die Reformpartei hatte einen Wahlplan entworfen, dem Beatrix von Toskana nicht fremd sein konnte. Im Sturm, wie durch göttliche Eingebung des Volks, sollte der Archidiaconus erhoben werden. Noch war am 22. April der tote Alexander im Lateran nicht beerdigt, so riefen enthusiastische Stimmen Hildebrand zum Papst aus; er wurde von den Kardinälen jauchzend hinweggenommen, unter dem Jubelgeschrei des Volks nach S. Pietro in Vincoli geführt und dort zum Papst gewählt oder ernannt. Die Kardinäle lasen das schon vorher gefertige Wahldekret, und das dicht gescharte Volk konnte dem Lobe beistimmen, welches die Tugenden des Gewählten, ohne ihm zu schmeicheln, pries.

Als der erste Gregor erwählt wurde, suchte er seinem Beruf durch die Flucht zu entgehen; dem siebenten Gregor, dem staatsgewandten Minister von fünf Päpsten, würde ein demutsvolles Sträuben nicht angestanden haben. Er buhlte nicht um die Wahl, er war ihrer sicher; er konnte den Zuruf furchtlos vernehmen, wie ein Feldherr, den nach zwanzig gewonnenen Schlachten die Legionen als Imperator grüßen. Und doch gerade dieser Mann des großen Schicksals bebte einen Augenblick vor dem Gipfel der Macht zurück, welchen oftmals kleine Geister mit froher Hast bestiegen haben, weil sie unfähig waren, seine verhängnisvolle Höhe zu messen.

Die Gegner Hildebrands, denen viel darauf ankam, in der Wahl eines solchen Papstes den Flecken der Simonie aufweisen zu können, sprengten aus, daß List und Bestechung sie bewirkt habe. Dies war eine Unwahrheit. Die große Mehrzahl der Römer mußte für ihn, den Mann der Zeit, stimmen; sein untadelhaftes Leben gebot Achtung, sein Genie Bewunderung. Und würde der vorsichtige Hildebrand die Tiara genommen haben, wenn eine unkanonische Wahl seinen zahllosen Feinden ihn sofort bloßgestellt hätte?

Das neue Wahldekret hatte Heinrich das Bestätigungsrecht ausdrücklich bewahrt; dies konnte Gregor nicht umgehen. Er meldete daher seine Wahl auch dem Könige; er suchte nicht um die Zustimmung nach, aber er verschob klug seine Weihe, bis er ihrer versichert war oder sie umgehen konnte. Die rücksichtslose Strenge, mit der ein solcher Mann die Reformdekrete durchführen mußte, ängstigte die simonistischen Bischöfe Galliens und Deutschlands. Man riet Heinrich, die Wahl nicht zu bestätigen. Wenn nun statt eines jungen, von Leidenschaften beirrten Fürsten ein kraftvoller Mann auf dem deutschen Throne gesessen wäre, so würde er die Erhebung Gregors nicht geduldet, sondern einen unvermeidlichen Gegner niedergeworfen haben, ehe er Kraft gewann. Aber dieser Papst hatte wie viele große Regenten das Glück, in einer Zeit zur Gewalt zu kommen, wo starke Männer tot und lebende Feinde schwach waren. Seine großartigen Siege, noch heute ein Gegenstand des Staunens der Nachwelt, waren nur möglich, weil das Deutsche Reich in Verwirrung lag, und so lange den deutschen Thron ein haltloser Jüngling einnahm.

Der Aufruhr der Völker Sachsens lähmte die königliche Macht eines unreifen Fürsten, und Heinrich wagte nicht, seine unsichere Lage durch den furchtbarsten aller Feinde zu verschlimmern. Er schickte den Grafen Eberhard nach Rom, das Recht der Krone wahrzunehmen, indem er den Wahlvorgang untersuchte. Dies war eine Form des Anstandes, nichts mehr. Gregor VII. wurde am 29. Juni, dem Tage der Apostelfürsten, zum Papst geweiht, im Beisein des kaiserlichen Kanzlers Italiens, in Gegenwart der Markgräfin Beatrix und der Kaiserin Agnes.

 << Kapitel 182  Kapitel 184 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.