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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 182
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Ohnmacht des Papsts in Rom. Auflösung des Kirchenstaats. Die Stadtpräfektur. Cencius das Haupt der Mißvergnügten. Cinthius Stadtpräfekt. Gottfried von Toskana stirbt. Tod Pier Damianis. Monte Cassino. Fest der Dedikation der von Desiderius neugebauten Basilika (1071).

Die Kämpfe um die Reform erfüllten die Regierung Alexanders II. mit fieberhafter Unruhe, und überhaupt hatte seit dem Bilderstreit das Papsttum keine gewaltigere Epoche erlebt. Der Papst war in ewiger Bewegung außerhalb Rom, zumal viel in Toskana und in seinem Bistum Lucca, auf welches er um der Einkünfte willen auch als Papst nicht verzichtete. Obwohl die Adelsfaktionen zum Schweigen gebracht waren, blieb der Zustand der aufgeregten Stadt dennoch unsicher, und Alexander verließ sie gern, sooft er es konnte. Seine weltliche Autorität war auf das geringste Maß beschränkt; gegen die Grafen in der Campagna blieb das Papsttum ganz ohne Macht. Die Päpste, welche in der karolingischen Zeit ihre Rektoren, Konsuln und Duces als Richter, Generale und Finanzbeamte in die fernsten Kastelle selbst der Pentapolis und Romagna geschickt hatten, besaßen in dieser Epoche kaum in der Nähe Roms solche Gewalt. Der karolingische Kirchenstaat hatte sich aufgelöst; Grafen, ehemalige Beamte oder Pächter der Kirche waren erbliche Herren der Städte geworden, wo sie ihre Vicecomites einsetzten, und in eximierten Bistümern und Abteien hatten die Prälaten selbst den Grafenbann und ernannten ihre Verwaltungsbeamte und Richter. Soviel damals vom Kirchenstaat sich erhalten hatte, Latium, die Maritima, ein Teil der Sabina und römisch Tuszien bildete nur dem Begriffe nach das Dominium der Kirche, in der Wirklichkeit waren diese Provinzen in hundert kleine Baronien aufgelöst.

In Rom selbst spotteten die großen Geschlechter der Landeshoheit des Papsts. Der Adel oder Senat übte unter hergebrachten Formen die städtische Verwaltung und Justiz aus. Nach wie vor sah man freilich auch noch den Papst den Vorsitz beim Zivilgerichte führen, oder er schickte seine Stellvertreter dahin ab. Der Stadtpräfekt hatte in dieser Epoche nicht nur einen großen Anteil an der Ziviljustiz, sondern als Präsident der Kriminaljustiz den Blutbann in Rom und im Stadtgebiet. Sein Amt wurde wichtiger als je; es drängten sich die Großen dazu mit Begier, und seine Besetzung erfüllte in der Regel Rom mit Tumult. Die Römer, welchen seit Nikolaus II. die Papstwahl entrissen worden war, hielten hartnäckig das Recht der Wahl ihrer wichtigsten Stadtmagistratur fest; sie erwählten in einem Parlament den Präfekten, aber der Kaiser gab ihm, sooft er seine patrizische Gewalt geltend machen konnte, die Investitur, oder er genehmigte, daß sie der Papst an seiner Statt erteilte. Natürlich bemühten sich die Päpste, die Stadtpräfektur aus einem kaiserlichen zu einem päpstlichen Amt herabzusetzen; wenigstens gelang es ihnen in dieser Zeit oft, Präfekten aufzustellen ohne Rücksicht auf die kaiserliche Investitur.

In den letzten Jahren Alexanders II. veranlaßte die Wahl dieses Beamten einen heftigen Zwiespalt. Der Römer Cencius fuhr auch nach dem Sturze des Cadalus fort, dem Papst zu trotzen; er muß dem Geschlecht der Crescentier angehört haben, in deren Besitz die Engelsburg (der Turm der Crescentier) gekommen war; aber er besaß diese wichtige Festung nicht mehr, weil sie ihm nach dem Falle des Cadalus entrissen war. Er strebte nach der städtischen Gewalt, hatte aber weder die Kraft noch das flüchtige Glück seiner Ahnen geerbt. Sein Vater Stefan war Stadtpräfekt und aus diesem Amt durch die hildebrandische Partei nicht verdrängt worden; als er starb, begehrte der Sohn, sein Nachfolger zu sein, doch die Reformpartei erhob einen frommen Mann zur Präfektur, Cencius oder Cinthius, den Sohn jenes Johannes Tiniosus, welchen Hildebrand im Jahre 1058 zum Präfekten gemacht hatte. Die Berichte jener Zeit schildern Cencius, des Stefan Sohn, als einen gottlosen Raubmörder und Ehebrecher, einen zweiten Catilina, und wahrscheinlich übertrieben sie die Frevel dieses Hauptes der Faktion des Cadalus nicht. Als er die Präfektur nicht gewann, sperrte er die Hadriansbrücke von der Stadtseite durch einen Turm, den er dort erbaute; er legte Wächter hinein, die von allen Hinübergehenden Zoll erhoben. Wenn ein römischer Großer wie ein Raubgraf am Eingange zu St. Peter wegelagern durfte, so mag man urteilen, wie gering die Gewalt der Päpste in der Stadt war. Hätten sie die städtische Miliz sich dienstbar zu machen vermocht, so würden sie Rom von dem räuberischen Adel gesäubert haben; aber sie waren nicht immer Herren derselben, sondern diese Bürgerkompanien standen oft ganz selbständig da und dienten ihren Parteizwecken oder den Großen, welche diese vertraten. Es gab keine geschlossene, durchgreifende Regierung des Papsts, vielmehr befand sich Rom gerade so wie Mailand in zwei große Lager geschieden und in angesehene Geschlechtergruppen mit ihrer Vasallenschaft zertrennt. Die Päpste besaßen keine anderen Anhänger als solche, welche sie durch Überredung und Gold auf ihre Seite zogen, oder als die Vasallen, denen sie Kirchengüter zu Lehen gaben, und weil die Patrimonien St. Peters in dieser Zeit fast aufgezehrt waren, so konnte die Zahl ihrer streitbaren Milites nur äußerst gering sein.

Hildebrand mochte alles aufgewendet haben, die Stadtpräfektur in die Hände eines Reformfreundes zu bringen. Cinthius, des Johannes Sohn, sollte in Rom die kreuzritterliche Aufgabe übernehmen, welche Erlembald in Mailand durchführte. Wenn sein Gegner Cencius in der Gestalt eines Teufels geschildert wird, so galt jener für seine Partei als Heiliger. Er war mit Hildebrand und den beiden Reformstreitern in Mailand innig befreundet und wie diese von einem glühenden Eifer beseelt, der indes nicht den Charakter eines düstern Fanatismus trug; denn Rom war ein unfruchtbarer Boden für Märtyrer. Die Römer blickten mit Erstaunen auf ihren Stadtpräfekten, der öffentlich im St. Peter Bußpredigten hielt; selbst Damiani mußte sich dessen wundern, daß ein Beamter der Republik predige und den Grundsatz der ersten Christen zu Ehren bringe, wonach jeder Christ auch Priester sei; eine Maxime, die in das hildebrandische System schwer paßte. Er nannte den seltsamen Prediger einen doppelten Arbeiter im Felde des Herrn, einen Moses und Aron, aber das Volk verlangte einen Präfekten, der es richte, nicht einen Richter, der es erbaue, und Damiani mußte seinen Freund ermahnen, über seinem Seelenheil nicht das weltliche Heil des Volks zu versäumen, denn das Recht sprechen, so sagte er, ist nichts anderes als beten. Es gibt nichts, was den Zustand des damaligen Rom besser bezeichnete als der Gegensatz zweier Römer: Cencius in einem Turm an der Engelsbrücke raubend und mordend, Cinthius im St. Peter predigend und das Recht versäumend.

Die letzte Zeit Alexanders II. war noch durch einige merkwürdige Ereignisse ausgezeichnet. Zwei berühmte Männer starben vor ihm, Gottfried von Toskana und Pier Damiani. Der Markgraf starb in Lothringen im Jahre 1069; dies Land erbte sein Sohn aus erster Ehe, Gottfried der Bucklige; er vermählte sich mit Beatrices einziger Tochter Mathilde, so daß Lothringen und das italienische Erbe bei der Familie verblieben. Der deutsche König machte aus Schwäche nicht das Recht geltend, die Markgrafschaft Toskana neu zu besetzen; das Prinzip der Erblichkeit wurde selbst in weiblicher Linie stillschweigend anerkannt, der Witwe blieben die Reichslehen ihres ersten Gemahls, welche sie hierauf ihrer Tochter vererbte, und die kluge römische Kirche, der ein deutschgesinnter Markgraf von Toskana, Spoleto und Camerino hätte verderblich werden müssen, fuhr fort, den Schutz der beiden erlauchten Frauen Beatrix und Mathilde zu genießen.

In dieser von religiöser Leidenschaft so tief aufgeregten Zeit traten in Italien einige ausgezeichnete Frauen hervor. In einem früheren Jahrhundert bemerkten wir die Gestalten einer Theodora und Marozia, einer Berta und Irmingard, die an der Spitze von Faktionen das Schicksal Italiens und Roms entscheiden halfen. In der Mitte des XI. Jahrhunderts waren es wieder Frauen, welche großen Einfluß auf ihre Zeit ausübten, deren Bedeutung aber von der ihrer Vorgängerinnen grundverschieden war. Neben Beatrix und ihrer Tochter glänzte schon seit längerer Zeit die Markgräfin Adelheid von Susa in Piemont durch Geist, Reichtum und Macht. Wie Beatrix war sie zweimal vermählt und zweimal Witwe, erst Hermanns, des Herzogs von Schwaben, dann des Markgrafen Oddo. Ihre Tochter Berta vermählte sie mit dem jungen Heinrich im Jahre 1065. Ihrer überdrüssig, wollte er sie verstoßen, aber die römische Kirche hinderte die Scheidung; Pier Damiani ging im Jahre 1069 als ihr Legat nach Worms, und der König beugte sich zum erstenmal dem päpstlichen Gebot.

Dies war die letzte Gesandtschaft, welche Damiani außerhalb Italiens im Dienste Roms übernahm. Er starb am 22. Februar 1072 zu Faenza, 66 Jahre alt, mit dem Ruf, der frömmste Mann der Kirche seiner Zeit und einer der eifrigsten Kämpfer um ihre Reform aus den reinsten Absichten gewesen zu sein. Kurz zuvor hatte er das glänzendste Kirchenfest erlebt, welches bisher in Italien gefeiert worden war. Denn am 1. Oktober 1071 wurde die Basilika geweiht, die der Abt Desiderius in Monte Cassino vollendet hatte.

Diese Abtei war damals die herrlichste Italiens. Zweihundert Mönche lebten dort, von denen viele profane wie geistliche Wissenschaften mit Eifer pflegten. Berühmte Männer waren aus ihr hervorgegangen. Stephan IX. war dort im Jahre 1057 Abt gewesen, doch sein Nachfolger Desiderius glänzte heller als er durch sein literarisches Talent oder durch die Wissenschaft der Gelehrten, die er in seiner Mönchsakademie vereinigte. Während die langobardischen Staaten zerfielen, sammelte Monte Cassino noch die letzte Blüte der Geister dieser germanischen Nation in seinem Schoß. Desiderius oder Dauferius war selbst aus dem Langobardenhause Benevent. Die meisten Klöster Italiens verarmten, doch der Reichtum Monte Cassinos blieb immer groß; das Landgebiet dieser auf einem unfruchtbaren Kalkgebirge thronenden Mönchsrepublik war mitten unter den jungen Staaten der Normannen oder der sterbenden der Langobarden ein eigener blühender Staat. Wenn auch Langobarden wie Normannen die Domänen der Abtei von Zeit zu Zeit plünderten, so wurden sie doch gezwungen, sie wieder herauszugeben, und die frechen Eroberer scheuten sich vielleicht weniger vor dem Fluch des Lateran, als sie vor dem Bannstrahl zurückbebten, welchen der Abt auf seinem wolkenhohen Berg Cassino oder Cairo wie ein kleiner Jupiter in Händen hielt und dann und wann auf ihre »nicht zusagenden« Häupter hinunterwarf. Monte Cassino war das Mekka sowohl der südlichen Langobarden als der wilden Normannen; sie plünderten, aber sie verehrten inbrünstig St. Benedikt und wallfahrteten psalmensingend zu seiner Gruft. Alle ihre Frevel moralischer wie politischer Natur eilten sie dort loszuwerden, indem sie die aufgehäuften Jahrhunderte der Bußdisziplin in Gold und Silber verwandelten, und so sammelte das Kloster mit Klugheit ihre und anderer Fürsten einträgliche Sünden samt griechischen Kaisergeschenken in den Schatzgewölben auf. Der Papst und die Kardinäle konnten voll Neid die Truhen betrachten, die von Goldbyzantinen voll waren, oder die Juwelen und Damastteppiche bewundern, die man dort besaß. Voll Kummer mußten sie die Erschöpfung des Lateran mit diesem märchenhaften Reichtum vergleichen, aus welchem Desiderius das Wunderwerk des damaligen Süditaliens, die neue Basilika, in fünf Jahren erbaut hatte.

Zum Fest der Weihe versammelten sich vornehme Gäste von weit und breit. Der Papst kam mit Hildebrand, mit Damiani und vielen anderen Kardinälen; zehn Erzbischöfe Unteritaliens, 44 Bischöfe waren anwesend. Auch die normannischen Grafen und die letzten Langobardenfürsten fanden sich ein: Richard von Capua mit seinem Sohne Jordan und sein Bruder Rainulf, vor kurzem Feinde Roms, jetzt versöhnte Vasallen; Gisulf von Salerno, Landulf, noch immer Herr von Benevent; Sergius, Herzog von Neapel, Sergius von Sorrent, die Grafen der Marsen, unzählige Ritter und Edle kamen; nur Roger und Robert Guiscard wurden vermißt, weil sie in eben diesen Tagen Palermo bestürmten. Die glänzende Versammlung glich einem großen Parlament Roms und Süditaliens, wie es in solcher Menge so berühmter Personen selten zusammengekommen war. Jeder Blick mochte hier bewundernd auf den Heroen des kirchlichen Kampfes ruhen, von deren Dekreten die Welt noch in Flammen stand, und man konnte sich leicht vorstellen, daß dem hinfälligen Alexander bald genug der große Hildebrand im Pontifikat folgen, aber kaum ahnen, daß auch der Abt Desiderius die Tiara tragen werde.

Das Fest währte volle acht Tage; Italien hatte nie ein ähnliches gesehen, und noch heute kann sich der Kundige einer Bewegung voll Pietät nicht erwehren, nimmt er in Monte Cassino, wo die berühmte Basilika des Desiderius nicht mehr steht, die große Pergament-Urkunde in die Hand, auf welcher am Tage der Einweihung Alexander II., Pier Damiani, Hildebrand, Desiderius, Richard von Capua, Jordan, Rainulf, Landulf von Benevent, Gisulf von Salerno ihre Namen zum Teil eigenhändig eingetragen haben.

Dies Fest war zugleich ein politisches Bundesfest zwischen Rom und den Normannen und eine national-italienische Kirchenfeier, in jedem Sinn eine große Demonstration gegen das Deutsche Reich. Die Bestrebungen Hildebrands feierten in ihm wie in einem Symbol die ersten Siege der neuen Zeit, die in der Geschichte der römischen Kirche angebrochen war.

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