Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 180
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

2. Anno wird in Deutschland gestürzt. Cadalus kehrt nach Rom zurück. Zweiter Stadtkrieg um das Papsttum. Fall des Cadalus. Endgültige Anerkennung Alexanders II.

Die Deutschen hatten Cadalus aufgegeben, aber die Römer hielten fortdauernd seine Fahne. Sie baten die Kaiserin Agnes dringend um die Rückkehr ihres Papsts Honorius. Dieser unglückliche Prätendent, der sich durch den deutschen Hof selbst verraten sah, leerte zu Parma seine Schätze, Truppen zu einem neuen Zuge nach Rom zu werben. Viele lombardische Bischöfe unterstützten ihn, und eine Reaktion am deutschen Hof verhieß ihm sogar den baldigen Sieg. Der verräterische Anno war durch den glanzvollen und ehrgeizigen Erzbischof Adalbert von Bremen aus der Gunst des jungen Königs verdrängt worden; die Partei der Kaiserin bemächtigte sich wieder des Regiments. Nun suchte Adalbert, Anno in Rom entgegenzuarbeiten; er forderte die Römer auf, mutig auszudauern, Cadalus, sich in Besitz des Päpstlichen Stuhles zu setzen, Benzo, ihn nach Rom wieder einzuführen.

Das Schisma wurde zum zweitenmal erklärt; die christliche Welt sah voll Unwillen auf diese wiederholten Kämpfe zweier Päpste um die Tiara, Kämpfe, welche Rom mit Blut bedeckten, die aber mit so geringen Streitkräften geführt wurden, daß sie mehr Verwunderung als Teilnahme erregen. Richard von Capua oder Robert Guiscard, fortdauernd in Unteritalien beschäftigt, konnten weder eine starke Truppenmacht nach Rom senden, noch wollten sie es überhaupt, denn diese schlauen Fürsten gewannen bei der fortdauernden Anarchie, und schon blickten sie gierig auf das römische Kampanien. Gottfried von Toskana verfolgte eine ähnliche Politik, während auf der andern Seite die Verwirrung Deutschlands und die Jugend des Königs einen Romzug unmöglich machte. Cadalus blieb deshalb auf seine Vasallen oder Söldner angewiesen, die er mit den römischen Anhängern vereinigte.

Der Stadtkrieg erneuerte sich im Jahre 1063, wo Cadalus vor Rom erschien. Er bemächtigte sich nachts des St. Peter und residierte in der Engelsburg unter des Cencius Schutz. Seine Truppen versuchten hierauf, sich den Weg nach dem Lateran zu bahnen. Man kämpfte mit Wut. Die Rettung Alexanders II., »des Idols der Normannen«, lag in den Schwertern der normannischen Ritter, deren Mut Hildebrand beteuerte, aber sie wurden nach einem heftigen Straßengefecht auf den Coelius zurückgedrängt. Nun hoffte Cadalus, sich des Laterans wirklich zu bemächtigen; indes die Waffen ruhten in Erschöpfung einen Monat lang, bis die Grafen der Campagna wieder einen Ausfall auf den päpstlichen Palast wagten. Er mißglückte, obwohl die Normannen beim opus Praxitelis, in den Thermen Constantins, wo die beiden Marmorkolosse standen, durch Hinterhalt Verluste erlitten. Der dankbare Gegenpapst hüllte die Grafen in kostbare Pelze und seidene Gewänder, beschenkte reichlich die Miliz, und die Römer tanzten jubelnd um das goldene Kalb Cadalus. Nun sollten die umliegenden Städte abwechselnd Besatzungen nach Rom legen; aber die Hildebrandischen verstärkten Zuzüge der Normannen und selbst der Toskaner. Der erbitterte Straßenkrieg wütete endlos fort. Kein anderes Lokal in der Welt bot solchen Anhalt für Stadtkriege dar als Rom, wo die Monumente der Alten ebenso viele natürliche oder künstlich ausgebaute Festungen geworden waren. Denn seit mehr als einem Jahrhundert hatten Große und Äbte Türme gebaut oder römische Denkmäler zu solchen erhöht, und vermöchten wir in das damalige Rom einen Blick zu werfen, so würde uns daraus ein Wald von finstern verschanzten Palästen und von Türmen an allen Brücken, auf vielen Plätzen und Straßen entgegenstarren.

Länger als ein Jahr ertrug Rom diesen greuelvollen Bürgerkrieg, während die beiden Päpste, um die er geführt ward, der eine im Lateran, der andere in der Hadriansburg saßen, Messe sangen, Bullen und Dekrete machten und einander verfluchten. Die germanischen Campagna-Grafen, unter ihnen Rapizo von Todi, hatten Cadalus versprochen, monatweise das Amt des Kapitäns in Rom zu führen, aber er bebte vor dem Gedanken, von den wankelmütigen Römern verraten zu werden; er verstreute daher ohne Aufhören Gold, und Damiani konnte ihn passend mit Jupiter, Rom mit Danae vergleichen, in deren Schoß er als Goldregen niederfiel. Cadalus, »der Verwüster der Kirche, der Zerstörer der apostolischen Disziplin, der Feind der Menschheit, die Wurzel der Sünde, der Herold des Teufels, der Apostel des Antichrist, der Pfeil vom Bogen des Satans, die Rute Assur, der Schiffbruch aller Keuschheit, der Kot des Säkulum, das Futter für die Hölle«, kurz, ein »scheußlicher und gekrümmter Wurm« lag also im Grabmal Hadrians und setzte die Welt zu seinen Gunsten in Bewegung; während Alexander oder Asinander, wie ihn Benzo nannte, die Patariner im Lateran empfing, gegen die Ehe der Priester zu dekretieren fortfuhr und die Welt mit »Nesseln und Vipern« überstreute. In so grotesker Weise griffen die Gegenparteien einander mit Pamphleten an.

Eine frische Normannenschar belagerte indes die Porta Appia und St. Paul. Benzo schrieb deshalb an den König Heinrich und an Adalbert im Namen der Römer klägliche Briefe, worin er sie an die ruhmvollen Romzüge der Ottonen, Konrads und Heinrichs erinnerte. Die Apostel Petrus und Paulus, so sagte dieser wunderliche Bischof, haben Rom, die Burg des Römischen Reichs, der eine mit dem Kreuz, der andere mit dem Schwert von den Heiden erobert, sie haben dieselben den Griechen, Galliern und Langobarden übergeben, zuletzt aber für immer den Deutschen übermacht. Ihr Räte des Deutschen Reiches aber verratet dies Besitztum, welches ihr demselben nicht erhalten wollet; statt Italien wie eure Väter zu behaupten, gabt ihr es den Normannen preis, und ihr Deutsche betet jetzt das sonderbare Gebet:

Von allem Guten, Herr, erlöse uns,
Von der Burg des Reichs erlöse uns,
Von Apulien und Kalabrien erlöse uns,
Von Benevent und Capua erlöse uns,
Von Salerno und Amalfi erlöse uns,
Von Neapel und Gerentia erlöse uns,
Vom schönen Sizilien erlöse uns,
Von Korsika und Sardinien erlöse uns.

Der Bote, der diese Briefe trug, kehrte mit der nichtigen Verheißung eines Romzuges zurück. Unterhandlungen, Gesandtschaften gingen und kamen. Constantin Dukas verhieß Flotte und Heer; Abgeordnete von Griechen und Langobarden aus Bari wurden durch Pantaleo von Amalfi in die Engelsburg geführt, wo sie dem verzweifelnden Cadalus als Boten des Himmels erschienen. Er schickte sogleich den deutsch redenden Benzo nach Quedlinburg, den jungen König dringend zum Romzuge aufzufordern. Benzo ging, kam mit Zusicherungen wieder, verkündete sie großsprecherisch den Römern im St. Peter. Was nutzte es, daß er ihnen durch die Versicherung schmeichelte, wie sehr sie ihrer Ahnen würdig seien, daß Scipio und Cato, Fabius und Cicero unter ihnen auferstanden seien und daß der König aus ihren Milites Senatoren, aus ihren Senatoren Fürsten machen werde? Honorius II. blieb hoffnungslos. Die hildebrandische Partei gewann auch in Deutschland wieder die Oberhand; Anno verdrängte Adalbert, und die Römer, welche die Ankunft Heinrichs vergebens erwarteten, wandten sich endlich von einem Papst, der ihnen langweilig wurde, hinweg. Nachdem er mehr als ein Jahr im Grabmale Hadrians geseufzt hatte, mußte er als Flüchtling kläglich davonreiten, noch zuletzt ausgeplündert von seinem Beschützer Cencius.

Anno errang einen vollständigen Sieg über seine Gegner. Auf einem deutschen Konzil hatte er schon die Beilegung des Schisma verlangt, nun forderte er in Rom selbst Alexander II. auf, sich der Form wegen einer Synode in Mantua zu stellen, wohin auch Honorius II. berufen wurde. Da dieser zuerst nicht erschien, dann einen mißglückten Überfall auf Mantua unternahm, wurde er (am 31. Mai 1064) abgesetzt, Alexander II. aber als rechtmäßiger Papst anerkannt. Honorius lebte seither noch einige Jahre als Bischof in Parma. Die Kirchenspaltung war beigelegt, Alexander zog unter dem Schutze Gottfrieds in Rom ein, und die Gegenpartei unterwarf sich dem hildebrandischen Regiment.

 << Kapitel 179  Kapitel 181 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.