Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 179
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel

1. Alexander II. Cadalus geht nach Italien. Benzo kommt als Gesandter der Regentin nach Rom. Parlamente im Circus und auf dem Kapitol. Cadalus erobert die Leostadt. Er zieht nach Tusculum. Gottfried von Toskana diktiert Waffenruhe. Umschwung in Deutschland. Alexander II. als Papst anerkannt (1062). Er zieht in Rom ein.

Ehe Cadalus gegen Rom zog, war Hildebrand unermüdlich tätig, Anhänger zu werben, mit Gottfried von Toskana, den Großen in der Lombardei und den Normannen zu unterhandeln. Alexander II., schwach und unselbständig, stellte sich vertrauensvoll hinter seinen Archidiaconus, den er sofort zum Kanzler erhob. Ihm zur Seite stand Damiani, dessen schwungvolle Feder er in Bewegung setzte, für die Sache Roms mit Flugschriften zu kämpfen. Cadalus nahm auf die feurige Philippika nicht Rücksicht, worin ihn der Eremit beschwor, von seiner Usurpation abzustehen, und ihm, jedoch als falscher Prophet, seinen Tod in Jahresfrist verkündete. Der Bischof von Parma, vordem Reichskanzler Heinrichs III., ein Höfling von einigem Verstande, fand keinen Grund, sich als Usurpator zu betrachten, aber Gründe genug, seinen Gegner so zu nennen. Seine persönlichen Eigenschaften waren zu gering, um die Hildebrandischen zu schrecken, doch sein Reichtum war fürstlich; mit einem goldenen Schlüssel hoffte er den St. Peter so leicht aufzuschließen wie die Tore des käuflichen Rom. Er rüstete Truppen und kam im Frühling 1062 nach Italien herab, wo ihn die kaiserliche Partei mit Ehren von Stadt zu Stadt geleitete, während Beatrix von Toskana ihm vergebens Hindernisse in den Weg legte. In Parma machte er halt, mit seinen Stiftsvasallen sein Heer zu verstärken, mit den aufständischen Römern sich zu vereinigen und dann gegen die Stadt zu ziehen.

Benzo, Bischof von Alba in Piemont, war als Gesandter der Kaiserin an die Römer ihm beigegeben. Dieser wütende Feind Hildebrands und seiner Päpste, gegen die er mit nicht ganz wirkungslosen Waffen der Satire zu Felde zog, verschmähte weder Verleumdung noch Lüge, und die Kühnheit persönlichen Angriffs wie sein Witz und Talent konnten auf die Italiener Eindruck machen, wenn er ihnen für ihren Beitritt zu Cadalus obenein goldene Berge versprach. Er machte erst in Toskana für ihn Partei, dann ging er, die Römer zu bewegen, die Sache eines ungesetzlich erhobenen Papstes aufzugeben. Die Anhänger des deutschen Hofs empfingen den muntern Gesandten am Tor S. Pancrazio und geleiteten ihn jubelnd nach dem Kapitol, wo man im Palast des Oktavian ihm Wohnung gab. Der großprahlerische Bischof kam sich dort wie der Legat eines alten Kaisers vor, die rohen Konsuln Roms und die Beamten des Palasts in ihren hohen weißen Mitren erschienen ihm als patres conscripti, und er mochte sich als Redner auf den Ruinen des Kapitols mindestens dem Cicero vergleichen. Der Adel versammelte sich zum Parlament in den Trümmern eines Circus oder Hippodroms. Der Circus Maximus (er begegnete uns einige Male in Urkunden wieder) war durch den Ruin eines halben Jahrtausends entstellt, seit ein Gotenkönig die letzten Wagenspiele in ihm gegeben hatte. Seine beiden Obelisken lagen umgestürzt, seine Triumphbogen standen zertrümmert, in seiner Arena wuchsen Gras und Kraut wie am heutigen Tag. Aber seine Stufenreihen konnten sich noch immer einer Versammlung zum Sitze darbieten. Dies uralte Theater der prachtvollsten Spiele Roms belebte sich im Jahre 1062 wieder durch die Scharen barbarischer Enkel, die bewaffnet dorthin zogen, um auf demselben Lokal, wo einst die Faktionen der Grünen und Blauen um ihre Wagenlenker gestritten hatten, nicht minder fanatisch um ihre Päpste zu streiten. Ein Parlament auf einem profanen Platz muß für das damalige Rom bedeutend erscheinen und lehren, daß die städtischen Elemente kräftiger emporkamen, seitdem sie die Erschaffung eines kirchlichen Senats und die monarchischen Pläne des Papsttums überhaupt zu größerem Widerstande reizten. Benzo gab der Zusammenkunft mit Geschick den Charakter einer römischen Volksversammlung; der Papst Alexander sah sich genötigt, in Person zu erscheinen, was schon ein Sieg der weltlichen Partei war. Als er nach der Rennbahn ritt, von Kardinälen und bewaffneten Anhängern umgeben, wurde er mit Tumult empfangen, und Benzo war beglückt, eine donnernde Rede an ihn zu richten. Er nannte ihn einen meineidigen Verräter des deutschen Hofs, dem er doch das Bistum Lucca verdanke, einen Eindringling, der mit normannischen Waffen über Rom hergefallen sei; er befahl ihm endlich im Namen des Königs, vom Stuhle Petri zu steigen und zu den Füßen Heinrichs Verzeihung zu suchen. Ein stürmischer Zuruf folgte seiner Rede, wüstes Geschrei der Antwort Alexanders, welcher erklärte, daß er aus Treue zum König die Wahl angenommen habe und eine Gesandtschaft an ihn schicken werde. Er ritt sodann mit seiner Faktion hinweg, und Benzo wurde von der seinigen nach dem Palast des Oktavian zurückgeführt.

Folgenden Tags berief er nochmals die kaiserliche Partei; er hat uns ein pomphaftes parlamentarisches Bild von dieser »Senatssitzung« gemalt und einige Reden der versammelten Väter verzeichnet, welche ihrem Range gemäß Platz genommen hatten: erst Nikolaus, der Magister des heiligen Palasts, ein erlauchter und reicher Römer, Sprößling der alten Trebatier, wie er wenigstens glaubte, dann der Vorstand der Richter, Saxo de Helpiza, Johannes, Sohn des Berardus, Petrus de Via, Bulgamin und sein Bruder, Berardus de Ciza, Gennarius, Cencius Francolini, Bonifilius und andere Große senatorischen Ranges. Der Magister Nikolaus setzte auseinander, mit welchen Mitteln Hildebrand Anselm erhoben habe; man lud hierauf Cadalus durch eine Gesandtschaft »vom Kapitol« ein, vom Papsttum schnell Besitz zu nehmen, und Benzo, der ihn erwartete, bemühte sich, die Römer bei seiner Fahne festzuhalten, denn er fand sie unbeständiger als »Proteus«.

Cadalus oder Honorius II., vom Kanzler Wibert, seinem Landsmanne, der als Haupt der kaiserlichen Partei ihn eigentlich zum Papst aufgestellt hatte, begleitet, brach von Parma auf; über Bologna zog er nach Sutri, wo er am 25. März eintraf, begrüßt von Benzo, von vielen römischen Edlen und den Grafen von Galeria. Sie rückten nach Rom und lagerten am Monte Mario. Nach einer fruchtlosen Unterhandlung mit Leo de Benedicto, dem Bevollmächtigten Alexanders, fielen die Hildebrandischen auf sie aus; der Kampf war wütend und blutig, aber Cadalus drang als Sieger am 14. April in die Leostadt. Hunderte von Erschlagenen bedeckten das Neronische Feld, viele Römer waren im Fluß ertrunken; die Stadt erschallte vom Wehgeschrei, während die Sieger frohlockten, daß seit Evanders Zeit Rom eine gleiche Niederlage nimmer gesehen habe. Auch Damiani, der bald darauf einen entrüsteten Brief an Cadalus schrieb, holte die Erinnerung an die Bürgerkriege zwischen Caesar und Pompejus hervor; er gedachte auch der Milde Totilas, der nach der Einnahme Roms die Bürger verschonte; und so wurde das Andenken eines Gotenkönigs noch in der Zeit geehrt, wo man seine verschollenen Taten nur noch im Buch der Päpste las.

Cadalus vermochte indes weder über die Hadriansbrücke, noch durch Trastevere in Rom einzudringen; er wagte nicht einmal, in der Leonina zu bleiben, sondern bezog wieder sein Lager auf dem Neronischen Felde. Fünf Tage lag er dort, dann hörte er, daß Gottfried im Anzuge sei; erschreckt brach er die Zelte ab, zog beim Kastell Flaianum über den Tiber, empfing den Zuzug von 1000 Mann unter den Söhnen des Grafen Burellus aus Kampanien, vereinigte sich mit den Grafen von Tusculum und lagerte bei diesem Kastell, dessen Haupt damals einer der Söhne oder Neffen Alberichs war, Gregor, Oktavian, oder Petrus und Ptolemäus. Diese Herren fuhren fort, sich legitime Rechte auf Rom zuzuschreiben und nannten sich daher noch immer Konsuln oder Senatoren der Römer.

Die Hoffnungen Honorius' II. belebten dort auch Gesandte des griechischen Kaisers, der ihn anerkannte und das römische Schisma begierig ergriff, um die Normannen, Verbündete Alexanders, mit Hilfe von dessen Gegnern aus Apulien zu treiben. Constantin Dukas hatte schon zuvor durch den Präfekten Pantaleo von Amalfi mit den Römern oder mit Benzo unterhandelt und sie aufgefordert, die deutsche Regentschaft zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen gegen die Normannen zu bewegen. Er erneuerte jetzt seine Anträge, doch fruchtlos, denn das Erscheinen Gottfrieds führte eine plötzliche Wendung herbei.

Wenn der Gemahl der Beatrix ein genialer Mann gewesen wäre, so würde er die Verhältnisse benutzt haben, sich des Patriziats zu bemächtigen und ein italienisches Königreich zu stiften; er entschloß sich nur, die Rolle des gebietenden Vermittlers zu übernehmen, denn ihm, so erklärte er, komme es zu, die Päpste nach Rom zu führen. Er rückte an die Milvische Brücke und forderte die Parteien auf, die Waffen ruhen zu lassen, dann diktierte er bei Tusculum einen Vergleich, wonach beide Päpste in ihre Bistümer zurückkehren sollten, während er selbst an den deutschen Hof gehen wollte, ihren Streit dort entscheiden zu lassen. Cadalus war froh, sich diese Vermittlung und den Abzug nach Parma mit großen Geldsummen erkauft zu haben, und auch Alexander ging folgsam nach Lucca.

Der Herzog legte Besatzung nach Rom; aber die Faktion des Cadalus behauptete die Festung bei St. Paul und die Leostadt, wo Cencius, der Sohn Stefans, sich im Besitz der Engelsburg befand. Beide Parteien suchten am deutschen Hofe für sich zu wirken; dorthin ging Gottfried, und sandte der Kardinal Damiani eine Schutzschrift. Des Lebens in Rom müde, hatte dieser Heilige das Bistum Ostia niedergelegt und sich nach Fonte Avellana zurückgezogen, aber er hörte nicht auf, der Kirche zu dienen, die ihn noch mehrmals als Legaten verwendete. Als Gottfried mit dem exkommunizierten Cadalus in Unterhandlung getreten war, hatte Damiani einen unwilliger Brief an ihn gerichtet, und nun verteidigte er die Sache der römischen Kirche durch eine Schrift in dialogischer Form.

Plötzliche Ereignisse in Deutschland, denen Hildebrand nicht fremd war, begünstigten indes die Sache Alexanders II. Der Erzbischof Anno von Köln, mit dem Herzog Gottfried einverstanden, hatte eben die Kaiserin von der Regierung verdrängt, den jungen Heinrich gewaltsam entführt und die Regentschaft sich angemaßt. Dieser habsüchtige und falsche Prälat war zum Unglück Deutschlands und des Reichs geboren; er gab die Kronrechte sofort preis, indem er das Wahldekret Nikolaus' Il. anerkennen ließ; er setzte es leicht durch, daß ein Konzil zu Augsburg am 28. Oktober 1062 die Wahl des Cadalus verwarf und Alexander II. als rechtmäßigen Papst erklärte. Der Sieg der Hildebrandischen, durch Anno möglich gemacht, war vollständig; denn auch Wibert, der einsichtigste Mann der kaiserlichen Partei und deren Seele, wurde verdrängt und das Kanzleramt Italiens dem Bischof Gregor von Vercelli übertragen. Zugleich wurde Herzog Gottfried zum Missus für Rom ernannt, wohin er Alexander II. von Lucca zurückführen sollte. Die hildebrandische Partei empfing demnach ihren Papst im Januar 1063 mit großer Freude; die Scharen Gottfrieds vereinigten sich mit den Normannen und hielten Rom, die Sabina und Campagna besetzt, wo sie die Burgen der Grafen belagerten oder zerstörten; aber sie waren nicht imstande, die kaiserlich gesinnten Römer aus der Johannipolis und der Leonina zu vertreiben, und Alexander II., nur im Besitz der eigentlichen Stadt, bezog seine Wohnung furchtsam im Lateran.

 << Kapitel 178  Kapitel 180 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.