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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 175
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Drittes Kapitel

1. Hildebrands Programm. Der Kaiser ernennt Gebhard von Eichstädt zum Papst. Gottfried von Lothringen vermählt sich mit Beatrix von Toskana. Heinrich III. kommt nach Italien. Victor II. Papst. Tod des Kaisers (1056). Regentschaft der Kaiserin Agnes. Victor II. Reichsvikar in Italien. Machtvolle Stellung Gottfrieds. Der Kardinal Friedrich. Victor II. stirbt. Stephan IX. Papst.

Die tiefe Bewegung der Kirche verdeckt oder beherrscht in dieser Epoche auch die Geschichte der Stadt Rom. Lange Zeit Schauplatz und Mittelpunkt der Kämpfe zwischen Kirche und Staat, konnte sie ihre eigene munizipale Selbständigkeit nur mit Mühe erringen und ausbilden: sie sank in den Dienst des Papsts oder des Kaisers, in deren Parteien sie sich teilte.

Nach dem Ende der Ottonen hatte der römische Adel das Papsttum sich untertan gemacht und eine Weile den Patriziat tumultuarisch behauptet; doch seine städtische Gewalt, ohne dauernde Form, zerfiel, sooft das Kaisertum oder das Papsttum eine kräftige Bewegung machte. Heinrich III., der die Tyrannei der Tusculanen vernichtete, hatte mit dem Patriziat auch die Papstwahl an Deutschland gebracht und durch seine deutschen Päpste der Kirche neue Lebenskraft eingeflößt; kaum war sie nun mit Hilfe Deutschlands wieder erstarkt, so forderte sie das Wahlrecht, endlich die völlige Freiheit von ihrem Retter zurück. Hildebrand wurde damals nicht nur der erste Mann Roms, sondern auch einer der größten Politiker aller Völker und Zeiten. Als Lenker der Reformbewegung machte er bald alle andern Personen zu seinen Werkzeugen, die Heiligen und Mönche, deren fanatischen Eifer er entflammte, die Päpste, denen er die Richtung gab, die Patariner Lombardiens, die er als Demagog gegen die Aristokratie und das trotzige Bistum ins Feld schickte, die schwärmerischen Markgräfinnen Toskanas, deren Freundschaft er erwarb, die räuberischen Normannen, in denen die römische Kirche Vasallen und Verteidiger gewann. Auf der Fahne, welche dieser kühne Priester in Händen trug, standen anfangs nur zwei dem disziplinarischen Kanon entlehnte Verbote: Konkubinat und Simonie; beide bezeichneten wirkliche Wunden jener Zeit, aber sie wurden mit großem Geschick endlich zu Breschen gemacht, durch die das Papsttum in den Staat eindrang, der deutschen Krone den Patriziat entriß und die geistliche Herrschaft über die Welt sich erwarb.

Im Programm Hildebrands nahm die freie Papstwahl, welche seit alters durch die Reichsgewalt beschränkt gewesen war, damals noch nicht die erste Stelle ein. Denn die Furcht vor einem mächtigen Kaiser und die Unsicherheit in Rom, wo sich der Adel der Wahl wieder würde bemächtigt haben, zwangen die Priesterpartei zur geduldigen Unterwerfung unter das kaiserliche Recht. Auch lag der Gedanke eines Bruchs mit Deutschland allen fern.

Vor seinem Ende soll Leo IX. das Wohl der Kirche Hildebrand empfohlen haben; aller Augen waren bereits auf diesen einen Mönch gerichtet, und die Zeloten verlangten ihn laut zum Papst. Er ging jedoch an den Hof Heinrichs, um, wenn er es vermochte, aus Deutschland noch einen Papst zu holen, dem die Unterstützung des reformeifrigen Kaisers nicht fehlen konnte. Die deutschen Großen blickten voll Erstaunen auf den Mönch, welcher als einer der Abgeordneten des römischen Klerus erschienen war, um sich in die Papstwahl einzumischen. Nachdem auch die römischen Gesandten von der deutschgesinnten Adelspartei an den Hof des Patricius gekommen waren, erhob Heinrich auf die dringenden Bitten Hildebrands und der Römer den Bischof von Eichstädt zum Papst. Gebhard, aus dem ihm verwandten Geschlecht der Grafen von Calw, ein in Staatsgeschäften erfahrener Mann voll Geist und Kraft und in noch jugendlichem Alter, war sein vertrauter Rat; es kostete ihm daher ein großes Opfer, ihn zu entlassen, aber er hoffte, die Einsicht eines treuen Freundes in Italien wohl zu verwenden, wo eben ein Reichsrebell eine sehr mächtige Stellung gewonnen hatte.

Bonifatius von Toskana war (am 6. Mai 1052) durch Mörderhand gefallen, seine Witwe Beatrix hatte sich zwei Jahre später mit Gottfried, dem Herzog von Lothringen, vermählt. Dieser war ein Feind des Reichs, als Flüchtling nach Italien gekommen und bemächtigte sich jetzt dem Kaiser zum Trotz der großen Länder des Bonifatius, die er fortan im Namen von dessen drei unmündigen Kindern regierte. So wurde er der machtvollste Fürst in ganz Italien. Dieses Land war fortdauernd das Theater für fremdes Glück; Fremde waren seine Kaiser und seine Herzöge; Fremde seine Päpste und viele seiner angesehensten Bischöfe; Fremde waren die Normannen, welche gerade jetzt ihr süditalisches Reich sich zusammenraubten. Wenn sich nun ein tapfrer und kluger Mann wie Gottfried mit ihnen verband, wenn er ganz Mittelitalien unter seinem Zepter vereinigte, konnte er dann nicht die italische und römische Krone gewinnen und nach Gefallen Päpste erheben?

Gebhard hatte das Papsttum nur unter der Bedingung angenommen, daß der Kaiser sich verpflichtete, dem Heiligen Stuhl zu allen seinen Besitzungen zu verhelfen; auch hatte ihm Heinrich gestattet, daß eine Nachwahl in Rom stattfinden dürfe. Der Bischof von Eichstädt verließ Regensburg im März und eilte nach Rom. Hier bestieg er als Victor II. den Apostolischen Stuhl nach einjähriger Vakanz am 13. April 1055. Der Kaiser selbst brach schon im März nach Italien auf, aber er kam nicht nach Rom. Er ordnete mit gewohnter Kraft die Angelegenheiten des Reichs in Oberitalien, wo die Großen ihm schnell gehorchten; auch Beatrix erschien, ihre Ehe mit einem ehemaligen Rebellen gegen das tyrannische Staatsprinzip zu verteidigen, aber der aufgebrachte Kaiser nahm sie und ihr Kind Mathilde in Haft. Ihr flüchtiger Gemahl blieb unerreichbar für seinen Zorn; er zwang sogar den Kaiser zur baldigen Rückkehr, indem er in Lothringen wieder die Waffen ergriff. Auf der Florentiner Synode im Juni traf Heinrich noch mit dem Papst zusammen, dann kehrte er nach Deutschland zurück. Er hatte Victor II. die Vollmacht eines Vikars in Italien übertragen, wo er den Herzog Gottfried in Schranken halten sollte. Dessen Bruder Friedrich hatte zu Leos IX. Zeit Dienste in der Kirche genommen, um sich dort eine Laufbahn zu eröffnen; er war von ihm zum Kardinaldiaconus und Kanzler erhoben, zuletzt als sein Legat nach Byzanz geschickt worden, wo er sich den Ruhm diplomatischen Talents und großer Charakterkraft erwarb. Als er nun mit vielen Schätzen heimkehrte, befahl der Kaiser dem Papst, ihn festzunehmen, doch der gewarnte Friedrich entzog sich dem Verderben durch die Flucht, nahm in Monte Cassino die Kutte und verbarg sich hier oder auf der Insel Tremiti vor dem Grimm des fernen Kaisers.

Victor II. lebte ein der Kirchenreform gewidmetes Jahr hindurch in Rom. Wie seine Vorgänger fühlte er sich hier unglücklich und sehnte sich nach Deutschland zurück. Er ging dorthin, gerufen in Angelegenheiten der Kirche und des Vaterlands, im Sommer 1056, und bald konnte er an der Leiche seines kaiserlichen Freundes klagen, daß Ruhm, Fülle der Kraft, Herrschermacht und Glück entseelt vor ihm lagen. Der große Heinrich III. starb, erst 39 Jahre alt, am 5. Oktober 1056; mit ihm endete die Reihe der gewaltigen Kaiser fränkischen Geschlechts, welche Deutschland auf den Gipfel seiner Weltmacht erhoben hatten. Der jähe Tod dieses Fürsten erschütterte, veränderte die Welt und war das größte Unheil für Deutschland selbst. Indem an seinem Sarge ein Weib als Vormund, ein Kind als König zurückblieben, sanken Deutschland und Italien in anarchische Verwirrung, aber die aufstrebende Kirche sah sich von der kaiserlichen Diktatur befreit. Während Victor II. an der Bahre seines Freundes weinte, wie einst Silvester II. an dem Sterbebett Ottos III. geweint hatte, konnte der Mönch Hildebrand seine Triumphe über den schutzlosen Erben der Reichsgewalt ahnen.

Die Kaiserin Agnes, die Tochter jenes Herzogs Wilhelm von Aquitanien, welchem einst die Lombarden ihre Krone angeboten hatten, wurde Regentin für ihren kaum sechsjährigen Sohn Heinrich IV., doch unter mehr Schwierigkeiten und mit weniger Talent, als einst Theophano gehabt hatte. Ihr Rat sollte zunächst der Papst sein, denn ihm waren vom sterbenden Kaiser Reich und Erbe empfohlen worden; er ordnete wohlwollend die deutschen Angelegenheiten, befestigte die Nachfolge des Kindes, mußte indes bald nach Rom zurück, wohin er als Reichsvikar Italiens entlassen wurde. Der Papst regierte hier (ein seltener Fall!) alle Länder der Krone in Kaisers Namen, und solange er lebte, verwaltete er auch Spoleto und Camerino als Herzog. Nur die Macht Gottfrieds beschränkte jetzt keine höhere Gewalt. Victor mußte ihn zu gewinnen eilen, ja, schon auf dem Reichstage zu Köln im Dezember 1056 hatte er ihn mit der Kaiserin versöhnt.

Gottfried konnte sein Weib und seine Stieftochter Mathilde nach Italien zurückführen, als Besitzer aller Lehen des Markgrafen Bonifatius vom Reiche anerkannt. Seine königgleiche Macht gab ihm fortan einen größeren Einfluß auf die Angelegenheiten der Kirche, als ihn ehedem die Herzöge Spoletos gehabt hatten. Er betrachtete sich als Patricius von Rom, dem es zustehe, die Papstwahl zu leiten oder die Päpste einzuführen; die Kaiserin Agnes hatte ihm ohne Zweifel, wenn auch nicht den Titel eines solchen, so doch die dauernde Gewalt des Missus für Rom und den Schutz des Papsttums wirklich in Köln übertragen. Und schon vorher hatte der Herzog Bonifatius die gleiche Stellung gehabt.

Als nun Victor II. im Frühjahr 1057 wieder nach Florenz kam, suchte er sich diese lothringische Familie zu verbinden. Gottfrieds Bruder Friedrich war von ihm schon als Abt von Monte Cassino bestätigt worden, nun machte er ihn in Florenz am 14. Juni auch zum Kardinalpriester von St. Chrysogonus in Trastevere. Hildebrand hatte den Lothringer zum künftigen Papst ausersehen; er stellte zwischen Rom und Deutschland diese mächtige, dem Deutschen Reich nur scheinbar versöhnte Familie, mit deren Hilfe er die Unabhängigkeit der Kirche zu erkämpfen hoffte.

Mit großem Pomp zog der neue Kardinal nach Rom, wo er als Bruder des ersten Fürsten Italiens ehrenvoll empfangen ward; er nahm Besitz von seiner Titelkirche und Wohnung auf dem trümmervollen Palatin im Kloster S. Maria in Pallara, worin schon damals Benediktiner von Monte Cassino saßen. Kaum befand er sich hier, als die Kunde eintraf, Victor II. sei tot. Die einzige Stütze des Reichs in Italien sank, und das lothringische Haus sah sich auf einmal dem Gipfel seiner Größe nahe. Nun konnte nach des letzten kaiserlichen Papsts Tode, während der Regentschaft eines schwachen Weibes, der Versuch einer freien Papstwahl gewagt werden. Natürlich durfte sie nur auf den lothringischen Kardinal fallen, denn er allein besaß die Macht, der deutschen Krone zu trotzen.

Friedrich, ein Mann von fürstlicher Art, klug, streng und kraftvoll, wurde augenblicklich von der Stimme Roms als Papst begehrt, obwohl Hildebrand, welchen er selbst anständigen Scheines wegen zum Kandidaten aufstellte, noch nicht eingetroffen war. Adel, Klerus und Volk eilten voll Ungeduld am 2. August nach dem Palatin; man führte den mächtigen Mann nach S. Pietro ad Vincula, wo man ihn in Eile erwählte und als Stephan IX. ausrief. Im Triumph wurde er zur Besitznahme nach dem Lateran geleitet und schon am 3. August im St. Peter ordiniert. Die Stimmen vieler Römer vereinigten sich gern in einem fürstlichen, vom deutschen Kaiser verfolgten Manne, an dem sie nach langer Zeit wieder die erste freie Papstwahl ausüben konnten.

Die Erhebung Stephans machte den Einfluß der Lothringer in Italien schrankenlos. Der Markgraf von Toskana riß nun auch Spoleto und Camerino an sich und vereinigte also fast alle Länder von Mantua und Ferrara herab bis nach dem römischen Gebiet. Was war natürlicher als der Gedanke, daß der neue Papst seinem Bruder die Kaiserkrone bestimmt habe, daß er von Gottfried nur in dieser Absicht zum Papst gemacht worden sei?

Der deutsche Hof vernahm den Tod Victors mit Kummer, die freie Wahl Stephans mit Unwillen; aber er war zu schwach, um die umgangenen Rechte des Patriziats, welche doch das römische Volk nicht nur Heinrich III., sondern auch seinen Nachfolgern übertragen hatte, mit Nachdruck zurückzufordern. Stephan IX. schickte nach einiger Zeit Hildebrand als seinen Nuntius nach Deutschland, wo dieser gewandte Diplomat entschuldigen und beschwichtigen sollte. Er hatte ihn zum Archidiaconus ernannt, ihm also den ersten Rang an der Kurie erteilt. Da er den Zwiespalt zwischen dem deutschen Hof und dem Heiligen Stuhle bevorstehen sah, eilte er, die mutigsten Streiter um sich zu versammeln. Hildebrand war das wahre politische Haupt der Reformpartei und Pier Damiani, welchen Stephan als Kardinalbischof von Ostia nach Rom zog, ihr eifernder Prophet. Die Erscheinung dieses Mönchs, seine Richtung und sein Wirken verdienen einige Aufmerksamkeit, weil sie ein großes Element damaliger Lebensströmung darstellen, von der auch die Geschichte der Stadt jener Zeit nicht zu trennen ist.

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