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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 174
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Leo IX. Papst (1049). Seine Reformtätigkeit. Verderbnis der Kirche. Simonie. Hildebrand. Mittellosigkeit des Papsts. Macbeth in Rom. Süditalien. Erwerbung Benevents durch Leo IX. Seine Kämpfe mit den Normannen. Seine Niederlage bei Civitate und sein Tod (1054).

Als die Römer im Februar 1049 ihren neuen Papst in die Stadt einziehen sahen, mit dürftigem Gefolge, barfüßig und betend, mußten sie über eine so ungewöhnliche Erscheinung erstaunen. Ein Apostel schien in das verwilderte Rom einzukehren. Nicht bewaffnete Scharen von Deutschen oder Toskanern, noch mächtige Große geleiteten diesen Bischof, welcher als Pilger an das Tor klopfte, die Römer zu fragen, ob sie ihn im Namen Christi zum Papst annehmen wollten. Ihn begleitete jedoch ein Mann, der mehr wert war als königliche Fürstenmacht, ein noch der Welt unbekanntes Genie, gehüllt in das unscheinbare Mönchsgewand Clunys. Dies war Hildebrand, jener Kapellan des exilierten Gregor VI. In Frankreich hatte ihn der neue Papst an sich genommen, und auf sein Drängen, so sagte man, hatte er das Pilgerkleid angelegt und sich bereit erklärt, den Heiligen Stuhl nicht eher zu besteigen, bis er nicht zu Rom in kanonischer Form gewählt sei. Hildebrand, still und scheinlos neben dem erwählten Papst in Rom einziehend, war selbst der Genius einer neuen Epoche, welcher das Papsttum eines ganz neuen Systems in die Ewige Stadt führte.

Die Römer empfingen den pilgernden Fremdling mit Prozessionen am Leonischen Tor. Er sagte ihnen in einer großen Versammlung im St. Peter, daß ihn der Kaiser zum Papst ausersehen habe, daß er aber in sein Bistum heimkehren werde, wenn ihm nicht die einstimmige Wahl des Klerus und Volks diese Würde übertrage. So wurde Bruno einstimmig als Papst anerkannt. Seine römische Wahl konnte nur scheinbar sein, aber das Prinzip, welches er öffentlich aussprach, gewann ihm das Volk und sicherte ihm ruhige Jahre in Rom. Da er die Zustimmung der Römer schon vom Kaiser als Bedingung seiner Annahme des Papsttums verlangt und jetzt im St. Peter erhalten hatte, schien er selbst die kaiserliche Diktatur als unkanonisch zu verdammen, und die Freiheit der Papstwahl wieder zu erobern wurde fortan das unausgesetzte Streben der Kirche.

Kaum saß seit dem 12. Februar Leo IX. auf dem Stuhle Petri, so fühlte die ganze Kirche den scharfen nordischen Hauch einer neuen Zeit strenger Reform. Die Annalen der Kirchengeschichte verzeichnen die fast fieberhafte Tätigkeit Leos, durch Konzile gegen die Simonie und den Konkubinat der Priester, durch praktische Ordnung der Verwaltung, durch die Hebung des Episkopats die Kirche zu reinigen. Ein Sittenmaler würde, wenn er in die Kloake der damaligen Zeit hinabstiege, Stoff genug finden, die Lasterhaftigkeit des römischen Klerus darzutun und zu diesem Zweck das Buch Gomorrhianus in die Hand nehmen, worin ein Heiliger, Pier Damiani, die Verbrechen der Geistlichkeit mit rühmlicher Entrüstung, aber mit ekelhafter Natürlichkeit beschrieben hat. Alle Zeitgenossen schildern die Sittenlosigkeit des Klerus mit den düstersten Farben; und verderbter konnte er nicht einmal in dem üppigen Mailand sein, als er in Rom war. Der Baal von Sodom und Gomorrha war indes der Kirche kaum gefährlicher, als Simon Magus es wurde, denn dieser gab den Klerus unter die Gewalt der weltlichen Mächte, von denen er seine Würden erkaufte.

Im Zeitalter der Patrizier oder Senatoren aller Römer wurden die Kirchenämter vom Lector bis zum Kardinalbischof hinauf an die Meistbietenden verhandelt, bis endlich auch das Papsttum selbst für eine Jahresrente losgeschlagen wurde. Als nun Leo IX. im April 1049 sein erstes Konzil hielt, erschreckte ihn die Wahrnehmung, daß die Kirchen Roms ohne Priester bleiben würden, wenn er mit Strenge verfahren wollte. Diese selbst lehnten sich heftig wider die Beschlüsse der Synode auf, und sie zwangen den Papst zur Milderung; aber mancher Bischof und Kleriker wurde doch mit Absetzung bestraft. Hinter Leo stand Hildebrand, jetzt sein Subdiaconus und Abt von St. Paul, fortan während der Regierung von sechs Päpsten der allesvermögende Minister oder Staatssekretär, wenn wir einen neueren Ausdruck gebrauchen wollen.

Der Kampf um die Reform und sein beständiges Hin- und Herreisen zwischen Italien und Deutschland hinderten Leo IX. anfangs, sich mit der politischen Lage des Kirchenstaats zu beschäftigen. Als er Papst wurde, fand er die Kassen leer; wenn von den Patrimonien noch Renten oder wenn sonstige Einkünfte noch in die Kammer geflossen waren, so hatte sie Benedikt IX. bis auf den letzten Heller geleert. So groß war die Finanznot, daß Leo seinen bescheidenen Hof nicht nähren konnte, daß er daran dachte, seine Gewänder zu verkaufen, und nur ein plötzliches Geldgeschenk aus Benevent hinderte seine Begleiter an der Flucht nach Deutschland. Das Elend Roms war groß; das Volk lebte ohne Erwerb; die zahlreichen Armen waren gewohnt, von der Kirche Almosen zu empfangen oder bei fremden reichen Pilgern betteln zu gehen. Die Chronisten haben bemerkt, daß im Jahre 1050 Macbeth, König von Schottland, nach Rom wallfahrtete und dort reichliche Almosen gab. Die mit Verbrechen belasteten Könige fuhren also auch in jener Zeit fort, nach Rom zu pilgern, wo sie ihr Gewissen und ihre Geldsäcke erleichterten. Die Stadt nahm alle diese Fremden mit Ehren und mit offenen Händen auf; unter jenen pilgernden Tyrannen aber ist die Erscheinung Macbeths in Rom nicht wenig anziehend.

Die Stadt blieb ruhig, denn Leo ließ die Formen ihres Regiments bestehen. Die Harmonie zwischen ihm und dem Kaiser machte die Römer furchtsam, und seine wirkliche Frömmigkeit flößte ihnen Achtung ein. Nachdem Benedikt IX. den Lateran zu einem liederlichen Haus gemacht hatte, verwandelte ihn Leo IX. in ein Kloster oder Hospital. Aber er verließ gern die unheimliche Stadt, wo er nur zeitweise seinen Sitz nahm. Er reiste unermüdet in Italien, Gallien und Deutschland umher, Synoden versammelnd zu dem einen großen Zweck der sittlichen Hebung der Kirche und der Befestigung. der Macht des römischen Stuhls. Indes selbst ein so geistlicher Mann konnte sich den weltlichen Bedürfnissen des Papsttums nicht verschließen. Als Pilger zog er nach dem Garganus und warf zugleich die Blicke des Staatsmannes auf Süditalien. Er sollte eines Tags das Mißfallen der Heiligen erregen, indem er wie Johann VIII. an der Spitze eines Heeres einherzog. In so seltsame Widersprüche brachte die Vermischung geistlicher und weltlicher Gewalt selbst die religiösesten unter den Päpsten. Doch es wäre töricht, sie darum zu schmähen oder den Besitz eines Kirchenstaats in einer Zeit zu verwerfen, wo jedes Bistum einen solchen besaß und wo die Kirche eines politischen Leibes bedurfte, um sich selbst zu erhalten.

Seit Karl dem Großen trachtete die römische Kurie nach Kampanien und Apulien. Ansprüche auf alte Domänen, welche der Bischof Roms dort während des Bilderstreits verloren hatte, dehnte er zu Rechten auf Provinzen aus, wozu ihm die Schenkung Constantins und andere Diplome als Anhalt dienten. Die Päpste, die Kaiser des Ostens und Westens beanspruchten alle die Herrschaft in Unteritalien; aber während die Imperatoren mit dem Schwert darum kämpften, konnten sich jene nur verstohlen unter die Löwen schleichen. Zugleich fuhren die Langobardenfürsten fort, Landesherren zu sein, fuhren die Seestädte fort, einer fast völligen Freiheit zu genießen, während die Normannen wiederum allen Parteien dienten, um alle zu betrügen. Zur Zeit Leos IX. herrschten der glanzvolle Waimar IV. in Salerno, Pandulf IV. und V., Vater und Sohn, in Capua und in Benevent Pandulf III. und Landulf sein Sohn. Die Normannen dagegen hatten nach heldenhaften Kämpfen mit den Griechen unter Tancred von Hautevilles Sohne, Wilhelm dem Eisenarm, seit 1043 ihre Soldaten-Republik in Apulien mit der Hauptstadt Melfi gestiftet und schon früher unter Rainulf in Aversa sich festgesetzt. Diese beiden Banden anerkannten vorerst den Fürsten von Salerno als ihr Lehnsoberhaupt. Heinrich III. hatte den Normannen auch Teile des Herzogtums Benevent verliehen, aus Rache gegen diese ihm einst rebellische Stadt. Doch gerade nach Benevent trachteten seit langem die Päpste. Leo IX. nun ging dorthin schon im Jahre 1050; er unterhandelte mit den Bürgern und konnte die Plünderungen der Normannen in jenem Gebiet mit Augen sehen. Die Beneventer, ihrer langobardischen Fürsten satt, fürchteten, in die Gewalt jener Banden zu fallen, die ihre Munizipalität würden vernichtet haben. Dagegen erschien ihnen unter allen Oberherren der entfernte Papst als der am mindesten drückende. Sie verjagten ihre Fürsten, die sich jetzt den Normannen in die Arme warfen, und am 5. Juli 1051 nahmen sie den Papst als ihren Landesherrn auf.

Im folgenden Jahre wurde Leo vom Kaiser als Statthalter jener Stadt bestätigt, denn Heinrich überließ ihm ihr Regiment zum Tausch für das Bistum Bamberg, welches ehedem Heinrich II. der römischen Kirche geschenkt hatte. So erwarben die Päpste mit Geschick den altberühmten Sitz der Langobardenherrscher, und sie haben ihn bis auf unsere Zeit behauptet.

Von diesem kostbaren Kleinod hatte Leo IX. schon im Sommer 1051 die Normannen abzuhalten gesucht; er hatte den Schutz Benevents dem Fürsten Waimar und selbst Drogo, dem Nachfolger Wilhelms in der Grafschaft Apulien, übertragen, hoffend, ihn in seine Dienste zu ziehen. Doch Drogo wie Waimar fielen bald darauf durch Mörderhand, und die raubgierigen Normannen fuhren fort, Benevent zu belagern und die Umgegend zu verwüsten. Die Bischöfe und Städte bestürmten den Papst, sie von mörderischen Fremden zu befreien, welche aus Söldnern zu wirklichen Despoten Süditaliens wurden. Leo hoffte, daß ihm dies gelingen werde. Er reiste eben deshalb zum Kaiser im Sommer 1052.

Deutsche Söldner und einen Schwarm von Abenteurern jeder Art konnte er im Februar 1053 mit sich über die Alpen führen, begleitet von Gottfried von Lothringen und von dessen Bruder Friedrich, dem Kanzler der Kirche. Er sammelte noch den Heerbann einiger Provinzen Italiens, ging dann im April nach Rom und zog nach Kampanien, wo mehrere langobardische Dynasten und apulische Grafen ihm ihre Vasallen zuführten. Die Italiener seines Heers standen unter den Söhnen des Grafen Burellus, unter den beiden Marsengrafen Trasmundus und Azzo, aber zwei deutsche Ritter, der Schwabe Werner und Rudolf, künftiger Rector von Benevent, befehligten die ganze nicht unbeträchtliche Truppenmacht. So verwandelte sich der fromme Leo IX. in einen Heerführer, und schon in seiner Jugend hatte er als Diaconus die Vasallen des Bischofs von Toul im Namen Konrads II. nach Italien geführt. Er selbst stammte aus einem kriegerischen Grafengeschlecht. Das widerspruchsvolle Doppelwesen des Priesters und Fürsten, welches die Bischöfe jener Zeit in sich vereinigten, konnte auch er nicht verleugnen, als es galt, sein weltliches Dominium zu schützen oder zu erweitern.

Leo hatte sich auch mit den Griechen verständigt, deren Katepan damals Argyros war, des Melus Sohn, jetzt in byzantinischen Diensten und geschmückt mit den pomphaften Titeln eines Dux von Italien, Kalabrien, Sizilien und Paphlagonien. Er hatte gehofft, einen Bund beider Kaiser, der Italiener und Langobarden zu vereinigen und so die fürchterlichen Normannen auszurotten. Seine Absicht schlug fehl; nicht einmal Argyros ließ Truppen zu ihm stoßen, aber die Stärke der Expedition machte die Normannen besorgt. Die persönliche Anwesenheit des Papsts, in dessen Banne sie standen, ängstigte sie. Ihre Boten verlangten friedliche Belehnung mit den Ländern, die ihnen schon der Kaiser verliehen hatte, und versprachen dafür der römischen Kirche Huldigung und Tribut. Kühne Eroberer durften stärkere Rechte auf den Besitz von Städten beanspruchen, welche sie mit dem Schwert gewonnen hatten, als sie die Päpste aus Schenkungsurkunden oder die deutschen Kaiser aus dem Titel abstrakter Reichshoheit herleiten konnten. Aber der verblendete Papst trotzte auf die Zahl seines Heers und hörte zu viel auf das Geschrei der tapfern Schwaben, welche über die kleinen Gestalten der Normannen spotteten und sich vermaßen, alle diese Räuber spurlos zu vertilgen. Die abgewiesenen Normannen zogen sich zurück, um nun den heiligen Vater als feindlichen General zu bekämpfen.

Die Schlacht bei Civitate in der Capitanata vom 18. Juni 1053 ist vielleicht die merkwürdigste in den Annalen des weltlichen Papsttums. Noch heute nach 807 Jahren lebte sie im Gedächtnis der Menschen wieder auf; man hat sie mit der Niederlage bei Castel Fidardo am 18. September 1860 verglichen, wo die exkommunizierten Piemontesen (kühne Räuber der Patrimonien St. Peters wie die gebannten Normannen zu Leos IX. Zeit) im Namen der Einheit Italiens die schwachen Fremdenlegionen Pius' IX. unter Lamoricière vernichtet haben. Denn der Kirchenstaat dauert noch heute, ist noch heute derselbe Gegenstand für den Angriff der Fürsten, für die Verteidigung der Päpste durch fremde Söldner und durch Bannbullen, und bis heute hat sich das Mittelalter in seinen Schicksalen wiederholt.

Drei tapfere Helden ordneten die Normannenschar, Graf Richard von Aversa, Sohn Asclittins, und die Söhne Tancreds von Hauteville, Graf Humfried von Apulien und Robert Guiscard. Ihr Schlachthaufen war nur 3000 Pferde und einiges Fußvolk stark, aber diese kleinen gewandten Reiter waren ebensoviel wilde Teufel auf Rossen, schnell zum Ansturm und schnell zur Flucht. Während der Papst auf den Zinnen Civitates sein Heer segnete, zweifelte er nicht an seinem Siege. Die Deutschen, ihre Schilder fest in der Linken und das Schlachtschwert in der Rechten, schlugen auch den Angriff der Normannen unter Humfried, welche pfeilwerfend und mit Lanzen ansprengten, siegreich nieder; aber die Italiener lösten sich beim ersten Ansturm Richards in wilde Flucht auf, und Guiscard faßte nun die wenigen Deutschen in der Flanke. Die tapfern Schwaben schlossen ein Viereck, kämpften und fielen bis auf den letzten Mann. Nun berannten die Sieger das Kastell Civitate, wo sich Papst und Kardinäle voll Angst verschlossen hielten. Die Vorstadt brannte; die Normannen stürmten draußen mit Wut, drinnen plünderten die Bürger das päpstliche Gepäck; sie drohten, den Papst auszuliefern, und sie trieben endlich ihn und die Kardinäle aus der Stadt. Jetzt sandte Leo in seiner Not Unterhändler zu den Normannen. Sie kamen ehrfurchtsvoll, den heiligen Gefangenen in ihren Schutz einzuladen. Sie hätten eine so kostbare Kriegsbeute von Rechts wegen in eins ihrer Kastelle fortschleppen dürfen, aber der gedemütigte Papst stand hinter dem Schilde St. Peters. Er vertauschte die Figur eines schlechten Generals mit der des guten Oberhirten, und die wilden Krieger knieten vor ihrem Gefangenen nieder und küßten voll Inbrunst seine apostolischen Füße. Dann nahmen sie ihn ritterlich in ihre Mitte und versprachen ihm frei Geleit nach Benevent.

Der gebeugte Papst betete zwei Tage lang für die Toten, die er feierlich begraben ließ. Obschon sein Biograph versichert, daß es ihn tröstete, die Leichen seiner Krieger unversehrt zu finden, während die Augen der toten Normannen von den Raben ausgehackt waren, so predigte ihm doch der Anblick des Schlachtfeldes, daß der Papst nicht berufen sei, das Blut der Gläubigen zu politischen Zwecken zu vergießen und die Palme der Heiligen mit dem Schwert der Generale zu vertauschen. Der schlaue Aberglaube jener Zeit ließ Leo IX. auf seinem Sterbebett die bei Civitate Gefallenen erblicken, in goldenen Gewändern ihm mit Palmen winkend, aber in Wirklichkeit waren diese »Märtyrer«, unter denen sich übrigens Mörder und Räuber genug befanden, Ankläger seines apostolischen Gewissens. Oder darf man glauben, daß die Päpste, weil sie auch weltliche Fürsten waren, zwei Naturen und zwei Gewissen besaßen?

Die Kunde von der Schlacht flog mit Windeseile über die Länder. Ein heiliger und verehrter Papst hatte, so sagte man sich, nicht gegen Sarazenen, sondern gegen gläubige Christen das Schwert gezogen und war in Feindes Gewalt gefallen. Wenn er die Normannen in jener Schlacht würde vernichtet haben, so hätte alle Welt ihn als Befreier Italiens von diesen räuberischen Banden gepriesen, nun er aber unterlegen war, wurde er zum Gegenstand erbitterten Tadels. Stimmen wurden laut, die in seinem Schicksal Gottes Strafgericht erkannten; »denn es zieme dem Priester, nur mit den Waffen des Geistes zu kämpfen, nicht um weltliche Dinge ein eisern Schwert zu ziehen; der Heiland habe seinen Nachfolgern nicht geboten, gleich Weltlichen Fürsten über die Völker herzufallen, sondern ihre Sünden mit frommer Lehre zu bekämpfen.« Wenn die Verteidiger Leos IX. diese gerechten Anklagen durch die Angriffe der Normannen auf das Kirchengut entwaffnen wollten, so würden ihnen Fromme mit dem heiligen Hieronymus Schweigen geboten haben: »Die Taube, welche einen andern Vogel sieht, wie er Futter aus ihrem Neste nimmt, regt trotzdem weder Feder noch Schnabel und Kralle, noch murret sie. So verlangt auch die Kirche Gottes, die wahre Taube, nicht das Geraubte wieder, sondern wie das Schaf reicht sie ihr Vlies dem Schermesser hin; und so soll die Kirche dem Räuber nicht das Ihre wieder entreißen, sondern es mit Geduld ihm überlassen. Denn um so viel als sie an irdischem Gut verliert, um so viel gewinnt sie am himmlischen.«

Es ist zweifelhaft, ob jener große Kirchenvater diesen Satz würde ausgesprochen haben, wenn in seiner Zeit ein Kirchenstaat bestand. Eine so übertrieben fromme Maxime ist unter Menschen jeder Art zu engelhaft, um nicht bis zum Lächerlichen unpraktisch zu sein. Jedoch die Ansicht der Zeit Leos IX. vom Verhältnis der Kirche zum Dominium Temporale war noch weit von dem Standpunkt entfernt, auf welchen diese merkwürdige Frage heute gestellt worden ist. Der heilige Damiani tadelte die Handlung des Papstes, seines Freundes, freimütig und scharf. Wie vor ihm Augustinus, wie nachher Dante, zog er eine Grenze zwischen dem Reich und der Kirche, dem Hirtenstab und dem Schwert. »Wenn für die Sache des Glaubens«, so rief er aus, »durch welchen die allgemeine Kirche lebt, kein Privatmann das Schwert erheben darf, wie darf dann für weltliche und vorübergehende Besitzungen der Kirche ein geharnischtes Heer mit dem Schwerte rasen? Wie darf um des Verlustes elender Güter willen der Christ den Christen morden? Hat man je gelesen, daß Gregor Ähnliches unternahm oder gebot, der doch von den wilden Langobarden so viel räuberische Gewalt erlitt? Hat sich je ein heiliger Papst in Waffen erhoben? Mag die Streitigkeiten der Kirche das Gesetz des Forum oder das Edikt der Konzile schlichten, aber was dem richterlichen Tribunal oder den päpstlichen Sentenzen gehört, darf nicht zum Schimpf der Kirche durch Kriegsgewalt entschieden sein.« Man sieht, Damiani hatte damals noch keinen Begriff weder von einem Kirchenstaat, noch von dem weltlichen Königtum eines Papsts; er kannte nur irdische und vorübergehende Besitzungen, elende Güter im Verhältnis zu jenen ewigen, die den Papst zum Papste machten.

Die Normannen hatten durch ihren Sieg ihren Eroberungen den Rechtsbestand erkämpft. Leo löste sie vom Bann. Seine Niederlage legte den ersten Grund zu spätern Lehnsverträgen, woraus die Päpste (so rätselhaft war ihr Glück) als Lehnsherren des Königreichs Neapel hervorgingen.

Mit ritterlicher Artigkeit und praktischer Klugheit führten die Sieger ihre Gefangenen nach Benevent, wo der Papst, krank und von Schmerz gefoltert, fünf Tage nach der Schlacht eintraf. Der glänzende Empfang in jener Stadt konnte ihn nicht mehr trösten; er blieb dort den ganzen Winter in normannischer Haft, während die Sieger auf den Vollzug von Bedingungen drangen, die wir nicht kennen. Leo IX. lag der Gedanke eines dauernden Vertrags mit ihnen so fern, daß er vielmehr daran dachte, einen neuen Bund gegen sie zu vereinigen. Denn von Benevent aus schickte er die Kardinäle Friedrich von Lothringen und Humbert mit einem Schreiben nach Konstantinopel, worin er dem griechischen Kaiser Constantinus Monomachus in einer verschleiernden und die Tatsachen verstellenden Weise sein Unglück erzählte, ihn aufforderte, nach einem gemeinsamen Plan mit dem Kaiser Heinrich die Normannen zu bekämpfen, und ihn zugleich ersuchte, der römischen Kirche ihre alten Domänen in Süditalien herzustellen, oder vielmehr ihr alles das herauszugeben, was Constantin und seine Nachfolger ihr einst geschenkt hatten. So berief sich auch dieser Papst auf eine fabelhafte Schenkung, welche dem Heiligen Stuhle Rom, Italien und das Abendland zum Eigentum gegeben hatte.

Graf Humfried geleitete ihn am 12. März 1054 nach Capua, von wo Leo am 3. April nach Rom zurückkehrte, nicht triumphierend, wie einst Johann X. vom Garigliano heimgekommen war, sondern als ein gedemütigter Mann, der keinen frohen Augenblick mehr genoß. Er erkrankte heftig und erkannte seinen Tod. Am 13. April ließ er sich aus dem Lateran in den St. Peter tragen, und kaum hörten die Römer davon, als sie zur Plünderung nach jenem stürzten. Aber die Verdienste Leos, so sagt ein gläubiger Chronist, waren so groß, daß diese Frevler mit festgewurzeltem Fuß vor dem Palast stehen blieben. Leo IX. starb am 19. April; er hatte nur das fünfzigste Jahr erreicht. Das Dominium Temporale der Kirche war, wie bei so vielen Päpsten, die Veranlassung auch seines frühen Todes. Das Unglück bei Civitate trübt seine glänzende Gestalt, eine Zierde des Heiligen Stuhls; es schwächt nicht den Nimbus der Heiligkeit, womit die dankbare Kirche die großen Verdienste eines frommen Reformators belohnt hat, aber es mischt ihm, wie das bei allen menschlichen Tugenden der Fall ist, recht viel Irdisches bei.

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