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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 173
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Beginn der Kirchenreform. Heinrich III. zieht nach Unteritalien, dann über Rom nach Deutschland heim. Clemens II. stirbt (1047). Benedikt IX. bemächtigt sich des Heiligen Stuhls. Bonifatius von Toskana. Heinrich erhebt Damasus II. Ende Benedikts IX. Tod des Damasus. Ernennung Brunos von Toul zum Papst.

Kaum war wieder ein deutscher Bischof auf den Stuhl Petri gestiegen, so begann ein reformatorischer Geist die Kirche zu ergreifen. Von den deutschen Päpsten schrieb sich die große Umwälzung her, welche in dieser Epoche an Gregor VII. ihren Helden fand. Derselbe Heinrich III., der den Apostolischen Stuhl der Reihe nach mit vier deutschen Päpsten besetzte, brach dieser Reform mit glühendem Eifer die Bahn. Nun sollten Deutschland und Italien von dem Unwesen des geistlichen Ämterkaufs gereinigt werden.

Unter seiner Mitwirkung hielt Clemens II. schon im Januar 1047 sein erstes Konzil gegen den Mißbrauch der Simonie; dann begleitete er den Kaiser am Ende desselben Monats nach Unteritalien. Auf seinem Marsch durch Latium brachte dieser einige Kapitäne zum Gehorsam, ohne jedoch die Tusculanen zu unterwerfen. Wir folgen nicht seinem Zuge nach Monte Cassino, Benevent und Capua, wo überall dieser große Monarch die Reichsgewalt durch sein bloßes Erscheinen befestigte. Er kehrte schon im ersten Frühling über Rimini und Ravenna nach Deutschland zurück, und dorthin nahm er Gregor VI. als Staatsgefangenen mit sich, welchen Hildebrand ins Exil nach Köln begleitete. Der abgesetzte Papst wurde mit gutem Grunde entfernt, weil seine Anwesenheit in der Stadt Ursache neuer Zerwürfnisse hätte werden können. Clemens war nach Rom zurückgekehrt, wo der noch frische Eindruck der Macht des Kaisers ihm eine vielleicht nur kurze Ruhe sicherte; denn obwohl sich die Römer der Kaisergewalt unterworfen hatten, fuhren sie doch fort, sie als ein Joch zu hassen; und selbst dem gewaltigsten Herrscher gelang es nie, die Stadt zu bändigen, in welcher er nicht wohnte und keine Besatzung zurückließ.

Unterdes betrachtete Benedikt IX. von Tusculum aus die Umwälzung in Rom; er hatte hier seine Agenten und wartete auf eine Gelegenheit, sich des Papsttums wieder zu bemächtigen. Der deutsche Papst starb plötzlich am 9. Oktober 1047 im Kloster des heiligen Thomas bei Pesaro. Nun drang Benedikt IX. sofort in die Stadt und setzte sich im November hohnlachend wieder auf den Apostolischen Stuhl.

Bonifatius von Toskana war zu seiner Herstellung unter der Hand behilflich gewesen. Dieser mächtigste aller damaligen Fürsten in Italien aus langobardischem Stamm, der Enkel Azzos, des Kastellans von Canossa, hatte ein Ländergebiet zusammengerafft, welches ihn zum Feinde der deutschen Interessen machen mußte. Sein Vater, der Markgraf Tedald, erwarb Mantua und Ferrara, Brescia, Reggio und Modena durch die Gunst Heinrichs II., dessen treuester Vasall er während der Kämpfe mit dem Nationalkönig Arduin war. Tedald konnte einen reichen Besitz auf seinen Sohn Bonifatius vererben, der sich zuerst nicht minder eng mit Deutschland verband. Vom Kaiser Konrad an die Stelle des widerspenstigen Markgrafen Rainer von Toskana gesetzt, gebot Bonifatius seither auch über diese Mark. Nach dem kinderlosen Tode seiner Gemahlin Richilda vermählte er sich mit Beatrix, der Tochter des Herzogs Friedrich von Oberlothringen; er feierte seine Hochzeit in Italien mit mehr als königlichem Glanz.

Beatrix gebar ihm Friedrich und Beatrice und im Jahre 1046 Mathilde, dereinst seine Erbin, die nachher berühmte Gräfin von Toskana.

Mit Argwohn sah Heinrich die große Macht dieses Vasallen; sie war drohender als jene Mailands, welche Stadt nach dem Tode Ariberts sich unterworfen und den königlichen Erzbischof Guido angenommen hatte. Auf seiner Heimkehr versuchte der Kaiser, sich des Markgrafen zu bemächtigen, doch dieser entzog sich ihm durch die Flucht. Bonifatius haßte das deutsche Königtum; er strebte nach dauerndem Einfluß in Rom, nach dem Patriziat, unwillig, daß Heinrich auch diese Gewalt an sich genommen hatte. In Rom hatte er jedoch der königlichen Majestät mit Huldigungen geschmeichelt, und der Kaiser scheint ihn damals, um seinen Papst durch ihn zu schützen, tatsächlich zu seinem Stellvertreter in den römischen Angelegenheiten ernannt zu haben. Die Herzöge von Spoleto waren früher die Missi der Karolinger für Rom gewesen; dieselbe Gewalt muß Heinrich dem Markgrafen nach seiner Krönung übertragen haben.

Bonifatius begünstigte also die Umwälzung in Rom, um den deutschen Einfluß zu brechen; er duldete es, daß Benedikt IX. zum dritten Male vom Papsttum Besitz nahm. Doch römische Bevollmächtigte von der deutschgesinnten Partei waren schon zum Kaiser geeilt, um seinen Willen wegen der Neuwahl zu erbitten. Sie schlugen ihm Halynard vor, den Erzbischof von Lyon, der in Rom beliebt war und eine seltene Fertigkeit in der italienischen Sprache besaß. Heinrich ließ indes am 25. Dezember 1047 zu Pöhlde den Bischof Poppo von Brixen zum Papst wählen. Er sendete ihn zu Bonifatius und befahl diesem seinem Missus, den designierten Papst nach Rom zu führen. Der Markgraf weigerte sich; Poppo mußte zum Kaiser zurückkehren, und erst die entschiedene Drohung Heinrichs machte den alten Bonifatius folgsam. Seine Boten verjagten jetzt Benedikt IX. aus Rom, und er selbst führte hierauf den deutschen Papst in den Lateran; als Damasus II. bestieg derselbe am 17. Juli 1048 den Heiligen Stuhl.

Nachdem Benedikt IX. acht Monate und neun Tage lang zum letzten Male Papst gewesen war, kehrte er, vom Markgrafen preisgegeben, in seine Burg Tusculum zurück. Sein Ende ist unbekannt. Wenn er sich, wie man sagt, lebenssatt in das Kloster Grottaferrata zurückzog und sich hier aus einem Heiden in einen Heiligen verwandelte, so wird dies keiner für unmöglich halten, der den Charakter jener Zeiten kennt. Mt ihm endete die Tyrannis der Grafen von Tusculum, aber dies Geschlecht, welches Rom fünf und vielleicht mehr Päpste gegeben hatte, Johann XI., Johann XII., Benedikt VIII., Johann XIX., Benedikt IX., behielt hier wegen seiner Hausmacht noch bis tief in das XII. Jahrhundert hinein Einfluß genug.

Der neue deutsche Papst hatte sich kaum den Römern gezeigt, als er die Stadt verließ. Sommerhitze oder Furcht trieben den armen Damasus fort, welcher sich als Bischof eines kleinen Orts in Tirol glücklicher gefühlt hatte, als er in Rom als Papst sein konnte. Er ging nach Palestrina, dem alten Praeneste. Diese Stadt befand sich noch als Kirchenlehen im Besitz der Nachkommen Benedikts und der Senatrix Stephania; der Markgraf Johann war gestorben, aber seine Schwester Emilia besaß das Lehen. Die Streitigkeiten mit der römischen Kurie waren geschlichtet, die Besitzer Palestrinas Crescentier, also Feinde der Tusculanen, weshalb Damasus II. ruhig dort wohnen konnte. Aber ein plötzlicher Tod raffte ihn hinweg am 9. August 1048, nur dreiundzwanzig Tage nach seiner Ordination. War es das Sommerfieber, welches ihn getötet hatte? Oder hatte ihm der fürchterliche Benedikt IX. Gift gemischt? Als die Abgesandten der Römer in Sachsen erschienen, den Patricius Roms um einen dritten Papst zu bitten, wurden sie von den Deutschen mit Grauen betrachtet, und niemand begehrte die tödliche Tiara. Heinrich wurde endlich nach langen Verhandlungen durch den Bischof von Toul aus seiner Verlegenheit befreit, denn dieser ausgezeichnete Mann besaß weniger Ehrgeiz als frommen Eifer, sein Leben an die Reform der Kirche zu wagen. Er nahm die ihm dargebotene Würde an, doch nur mit der Bedingung, daß ihn eine in Rom zu vollziehende Wahl des Klerus und des Volks vor dem Vorwurf schütze, ein Eindringling zu sein.

Bruno, ein Sohn des Grafen Hugo von Egisheim im Elsaß, nahe verwandt mit Kaiser Konrad, lebte in seinem Bistum als ein Geistlicher, der sich durch seltene Bildung und apostolische Tugenden hohen Ruf erworben hatte. Dieser vierte deutsche Papst wurde eine Zierde des Heiligen Stuhls; er leitete eine neue Periode Roms ein. Durch Reformen, welche die Kirche und ihr Verhältnis zur weltlichen Macht umgestalteten, unter großen politischen und sozialen Umwälzungen Italiens erhob sich endlich das Papsttum zur geistigen Universalmacht der Welt.

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