Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 171
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

1. Die Römer verjagen Benedikt IX. und erheben Silvester III. Benedikt vertreibt ihn. Er verkauft den Heiligen Stuhl an Gregor VI. Drei Päpste in Rom. Eine römische Synode beschließt, Heinrich III. als Befreier nach Rom zu rufen.

Manches Jahr verging, ehe der neue deutsche König nach Italien zog; dies war Heinrich III., seines Vaters Nachfolger, jung, kraftvoll und gottesfürchtig, ein herrlicher Fürst, berufen wie Karl und Otto der Große, Rom wiederherzustellen, von den Tyrannen zu befreien und die fast untergehende Kirche zu reformieren. Denn noch immer wurde das Papsttum von Benedikt IX. entehrt. Ein höllischer Dämon schien in der Maske des Priesters auf Petri Stuhl zu sitzen und mit den heiligen Mysterien der Religion sein freches Spiel zu treiben.

Benedikt, im Jahre 1038 wieder eingesetzt, beschützt von seinem Bruder Gregor, der als Senator der Römer die Stadt regierte, führte im Palast des Lateran ungehindert das Leben eines türkischen Sultans; er und seine Familie erfüllten Rom mit Raub und Mord; jeder Rechtszustand hatte aufgehört. Da erhob sich endlich gegen das Ende des Jahres 1044 oder im Beginne des folgenden das Volk in wütender Revolution; der Papst entfloh, doch seine Vasallen behaupteten die Leostadt gegen die Stürme der Römer. Die Trasteveriner hielten zu ihm; er rief Freunde und Anhänger; der Graf Gerard von Galeria rückte mit vielen Reitern an das Sachsentor, schlug die Römer zurück, und ein Erdbeben vermehrte die Greuel der empörten Stadt. Die alte Chronik, die davon erzählt, sagt nicht, ob nach einem dreitägigen Kampf Trastevere erstürmt ward, sie berichtet nur, daß die Römer sich einstimmig von Benedikt lossagten und den Bischof Johann von der Sabina als Silvester III. zum Papst erwählten.

Aber auch dieser verdankte seine Erhebung dem Golde, womit er die Aufständischen und deren Haupt, Girardo de Saxo, bestach. Dieser mächtige Römer hatte Benedikt IX. voll Arglist erst seine Tochter zum Weibe versprochen, dann sie ihm verweigert; denn der Papst scheute sich nicht, allen Ernstes um die Hand der ihm verwandten Römerin zu werben. Der Vater lockte ihn mit der Hoffnung auf ihren Besitz, indem er von ihm verlangte, daß er zuvor die Tiara niederlege. Der von Wollust entflammte Papst wollte dies und tat es während des Aufstandes der Römer. Dämonische Sinnlichkeit beherrschte ihn; das abergläubische Volk sagte ihm nach, daß er in Wäldern mit den Teufeln verkehre und durch Magie die Weiber an sich ziehe; man wollte im Lateran die Zauberbücher gefunden haben, mit denen er die Dämonen beschwor. Indes den stolzen Sinn seines Hauses entflammte die Vertreibung und seinen Haß das falsche Spiel Girardos zur Rache; seine zahlreiche Partei hielt noch die Engelsburg, und sein Gold gewann ihm neue Freunde: Silvester III. wurde schon nach 49 Tagen vom Apostolischen Stuhl verjagt, welchen nun jener Tusculane im März 1045 wieder bestieg.

Seither herrschte Benedikt IX. noch einige Zeit in Rom, während Silvester III. in einer sabinischen Burg, wenn nicht in einem festen Monument Roms Schutz fand und fortfuhr, sich Papst zu nennen. Eine wohltätige Finsternis bedeckt die Greuel dieses Jahres. Gehaßt von den Römern, unsicher auf dem Thron, in beständiger Angst vor dem Wiederausbruch der Revolution, sah sich Benedikt endlich zur Abdankung genötigt. Der Abt Bartholomäus von Grottaferrata beredete ihn dazu, aber er verkaufte das Papsttum schamlos wie eine Ware für Geld. Um eine ansehnliche Rente, namentlich den Ertrag des Peterspfennigs von England, trat er durch förmlichen Kontrakt seine päpstliche Würde am 1. Mai 1045 an Johannes Gratianus ab, einen frommen und reichen Erzpriester der Kirche St. Johann am Lateinischen Tor. Konnte die Schändung des heiligsten Amtes der Christenheit weitergetrieben werden als durch dessen Verkauf? Und doch, so allgemein war damals der Handel mit geistlichen Würden in aller Welt, daß es nicht zu auffallend erschien, wenn endlich auch ein Papst den Stuhl Petri verkaufte.

Johann Gratian oder Gregor VI. setzte sich mit kühnem Mut, den vielleicht die wenigsten seiner Zeitgenossen begriffen, über den Kanon hinweg; er kaufte das Papsttum, um es den Händen eines Verbrechers zu entreißen, und dieser merkwürdige Papst, welcher in seiner schrecklichen Zeit als Idiot galt, war vielleicht ein ernster und hochgesinnter Mann. Doch schwerlich hatte Peter Damiani von jenem Kaufhandel Kunde, als er nach der Erhebung Gregors VI. an ihn schrieb, jubelnd, daß die Taube mit dem Ölzweige endlich in die Arche zurückgekehrt sei. Der Heilige mochte ihn persönlich kennen und von seinen geistlichen Tugenden überzeugt sein. Selbst die Chronisten jener Zeit, die ihn sicher mit Unrecht als so roh und einfältig schildern, daß er einen Stellvertreter annehmen mußte, haben ihn keines Lasters zu zeihen vermocht. Die Cluniazenser in Frankreich und die Kongregationen Italiens begrüßten alle seine Erhebung als den Beginn einer besseren Zeit, und neben diesen simonistischen Papst stellte sich plötzlich ein junger, kühner Mönch, der dies so tief gesunkene Papsttum nach heroischen Anstrengungen eines Menschenalters zu nie geahnter Größe erheben sollte. Hildebrand trat neben Gregor VI. zum erstenmal aus dem Dunkel hervor; er wurde sein Kapellan, und schon dies beweist, daß Gregor kein Idiot gewesen ist. Wie weit sich schon damals die Tätigkeit Hildebrands erstreckte, ob er an der ungesetzlichen Erhebung des Papsts Anteil hatte, wissen wir nicht; aber in dem »Stellvertreter«, von dem die Chronisten reden, ist wohl jener geniale junge Mönch zu erkennen, welcher der Ratgeber Gregors VI. war und sich später in dankbarer Erinnerung an ihn Gregor VII. nannte.

Während Benedikt IX. in Tusculum oder in Rom sein wüstes Treiben fortsetzte, war Gregor VI. fast zwei Jahre lang Papst. Er hatte den Willen, die Kirche zu retten, die eine gründliche Reform verlangte und bald nachher erhielt. Das Papsttum, bisher ein erbliches Lehen tuskulanischer Grafen, war ganz zerstört; das Dominium Temporale, dies verhängnisvolle Geschenk der Karolinger, die Pandorabüchse in der Hand der Päpste, aus welcher tausend Übel emporstiegen, Rom und die Welt zu verderben, dies Dominium war geschwunden; denn die Kirche gebot kaum noch über die nächsten Kastelle im Stadtgebiet. Hundert Signoren, die Kapitäne oder Lehnsleute des Papsts, standen bereit, über Rom herzufallen; alle Wege wurden von Räubern belagert, alle Pilger ausgeplündert; in der Stadt lagen die Kirchen in Verfall, während die Priester bei Bacchanalen schwelgten. Täglicher Meuchelmord machte die Straßen unsicher, und selbst in den St. Peter drangen römische Adlige, das Schwert in der Faust, die Gaben fortzuraffen, die noch fromme Hände auf den Altar legen mochten. Der Chronist, welcher diese Zustände schildert, rühmt von Gregor, daß er ihnen Einhalt tat. Die Kapitäne umlagerten zwar die Stadt, aber er sammelte mutig die Miliz, stellte einige Ordnung wieder her und eroberte selbst viele Burgen im Landgebiet. Wahrscheinlich hatte Silvester einen Versuch gegen Rom gewagt, doch er unterlag der Tatkraft Gregors. Die kurze und dunkle Zeit des Pontifikats dieses Mannes war schrecklich, und bald wurde er wegen seiner Strenge gegen die Räuber den Großen, selbst den gleich raubgierigen Kardinälen verhaßt.

Was er auch immer unter dem Einfluß französischer und italienischer Mönche gewirkt haben mag, um die Kirche so barbarischer Verwilderung zu entreißen, sie konnte doch nur durch die deutsche Diktatur gerettet werden wie zur Zeit Ottos des Großen. Die Anstrengungen Gregors VI. hatten bald keinen Erfolg mehr; seine Mittel waren erschöpft, und seine Gegner überwältigten ihn nach und nach. So heillos blieb die Anarchie in Rom, daß erzählt wird, alle drei Päpste hätten im St. Peter, im Lateran und in S. Maria Maggiore zu gleicher Zeit residiert. Die Blicke der besseren Römer richteten sich endlich auf den König Deutschlands; der Archidiaconus Petrus versammelte ohne Zuziehung Gregors eine Synode, und hier beschloß man, Heinrich dringend aufzufordern, herbeizukommen, die Kaiserkrone zu nehmen, die Kirche aus ihrem Ruin wiederaufzurichten.

 << Kapitel 170  Kapitel 172 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.