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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Fünftes Kapitel

1. Tod Alarichs im Jahre 410. Athaulf wird König der Westgoten. Er zieht aus Italien ab. Unternehmung des Grafen Heraclianus gegen Rom. Honorius kommt nach Rom im Jahre 417. Wiederherstellung der Stadt. Abschied des Rutilius von Rom.

So lange, als die Westgoten in Italien verblieben, mußte die verödete Stadt ihre Rückkehr und wiederholte Plünderung fürchten; daher fand sie nicht Ruhe noch Kraft, sich herzustellen und wieder zu bevölkern. Alarich starb indes schon im Herbst 410, mit dem ewigen Fluche gebrandmarkt, der Verwüster des schönen Griechenlands gewesen zu sein, und am Ende seines furchtbaren Vernichtungszuges durch die sterbende Welt des Altertums mit dem unauslöschlichen Ruhme geschmückt, daß er das große Rom bezwungen und dann geschont hatte. Seine Krieger bestatteten ihn im Fluß Busento, und sie wählten seinen Schwager Athaulf zu ihrem Könige. Wenn sich Alarich über den Charakter eines fahrenden Barbarenherzogs noch nicht hatte erheben können, so schien der berechnende und nicht minder kühne Athaulf geeigneter, ein gotisches Reich in Italien zu stiften. Er nährte diese Pläne, doch auch er führte sie nicht aus, und fast ein Jahrhundert voll von tumultuarischen Erschütterungen ging vorüber, ehe die Germanen, allmählich zu politischen Ideen herangereift, aus räuberischen Hilfstruppen im Dienst des Römischen Reichs zu wirklichen Herren Italiens wurden.

Wir wissen nicht genau, wie lange die Westgoten in Unteritalien verblieben. Glücklicher als die Krieger des Pyrrhus und des Hannibal, schwelgten sie ungestört in den elysischen Gefilden Kampaniens, und von den reichen Ufern des Liris bis nach Reggio hin, wo nicht die berühmte bezauberte Statue, die dort aufgestellt war, sondern ein Sturm Alarich am Übergange nach Sizilien gehindert hatte, schreckte sie kein feindlicher Trompetenstoß aus ihren Lagern auf.

Endlich rief sie Athaulf selbst zu den Waffen; der Friede mit dem Reiche war abgeschlossen; nach langen Unterhandlungen mit Honorius erklärte sich der Gotenkönig bereit, Italien zu verlassen und über die Alpen nach Gallien abzuziehen, um im Solde des Kaisers den Usurpator Jovinus zu bekämpfen. Das Pfand des Friedens war die Prinzessin Placidia, die kostbarste Beute aus der Plünderung Roms, erst die Gefangene Alarichs in Unteritalien und jetzt die kaiserliche Verlobte des tapfern Barbarenkönigs. Diese Vermählung deutete als geschichtliches Symbol die Mischung des germanischen Blutes und Wesens mit dem römischen an, aus welcher dann in einem fortgesetzten Prozeß von Jahrhunderten die italienische Nation erwuchs.

Der Stolz des Honorius mußte sich so tief herablassen, seine eigene erlauchte Schwester einem Barbaren und Plünderer Roms zum Weibe zu geben, aber Athaulf trat in des Kaisers Dienst und verzichtete auf seine kühnen Entwürfe, sich selbst zum Cäsar zu machen. Ein Geschichtschreiber jener Zeit hat diesem kraftvollen Heerkönige Bekenntnisse in den Mund gelegt, welche das Verhältnis der damals noch politisch unreifen Barbaren zum Reiche treffend bezeichnen. »Ich war«, so sagte Athaulf, »zuerst begierig, den Namen der Römer auszulöschen und das ganze Römerreich zu einem Gotenreich zu machen, so daß Gotia sein sollte, was bisher Romania, und Athaulfus, was bisher Caesar Augustus gewesen war. Aber weil mich Erfahrung belehrt hatte, daß weder die Goten um ihrer zügellosen Barbarei willen Gesetzen gehorchen können, noch daß ein Staat ohne Gesetze bestehen könne, so wählte ich mir lieber den Ruhm, das Römische Reich durch die gotische Kraft wiederherzustellen und von der Nachwelt als Restaurator des Staats gepriesen zu sein, da ich nicht vermögend bin, ihn umzuformen. Deshalb vermeide ich den Krieg und strebe nach dem Frieden.« In diesem merkwürdigen Ausspruche erscheint zum erstenmal die Idee eines germanischen Reichs auf den Trümmern der römischen Welt, wie sie in späterer Zeit verwirklicht werden sollte. Als nun Athaulf sein Volk (im Jahre 411 oder 412) aus Italien zurückführte, mögen die Goten Rom aufs neue geschreckt, aber jetzt wegen des Bündnisses mit Honorius verschont haben.

Auch ein anderes Unheil ging an Rom vorüber: der Graf Heraclianus hatte sich während der allgemeinen Verwirrung und Ohnmacht des Reichs im Jahre 413, wo er zum Konsul ernannt worden war, in Afrika empört; nachdem er die Getreideflotte, welche Rom nähren sollte, zurückgehalten, kam er selbst mit vielen Schiffen, in den Tiber einzulaufen und sich der Stadt, die er wehrlos und herrenlos glaubte, zu bemächtigen. Aber Marinus, Hauptmann der kaiserlichen Truppen (und solche erschienen wieder im Felde) brachte ihm an der Küste eine vollständige Niederlage bei, so daß er als Flüchtling in Afrika wieder erschien, wo der Usurpator seinen Kopf verlor.

Die Entfernung der Goten erleichterte die Sorge des Hofs in Ravenna um die Beruhigung Italiens. Die unglücklichen Flüchtlinge kamen aus allen Provinzen, doch nicht mehr in gleicher Anzahl, zurück. Olympiodorus sagt, daß deren an einem einzigen Tage 14 000 in Rom anlangten und daß Albinus, im Jahre 414 Präfekt der Stadt, dem Kaiser gemeldet habe, die Bevölkerung derselben sei bereits so sehr angewachsen, daß die festgesetzten Maße der Getreideausteilung nicht mehr zureichten. Der erste Schrecken, welchen der Fall der erlauchten Stadt verbreitet hatte, verlor sich in stumpfsinniger Gewöhnung. Außerdem blieb im Grunde der Glaube an den ewigen Fortbestand des Reichs der Römer unerschüttert. Zu der Prophezeiung Virgils: »Imperium sine fine dedi«, gesellte sich der Spruch Daniels in der Auslegung des Traums des Nebukadnezar: »Gott wird vom Himmel ein Königreich aufrichten, welches nimmermehr zerstört wird; und sein Fürstentum wird auf kein ander Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören, selbst aber ewiglich bleiben.« Noch tief bis ins Mittelalter dauerte dieser Glaube an die Ewigkeit des Reichs, und wenn die kirchlichen Geschichtschreiber an dessen letztes Ende dachten, so fiel mit ihm auch das Ende der Welt zusammen.

Honorius kam nach Rom erst im Jahre 417. Niemals war der Einzug eines Kaisers trauriger und schmachvoller. Seinem Wagen vorauf ging freilich Attalus in Ketten und mit Schande bedeckt, die er nur dem Kaiser zurückgab. Die Römer selbst, vom Gefühle ihrer Erniedrigung bedrückt, empfingen ihren Herrscher mit knechtischem Zuruf und mit stummen Vorwürfen. Honorius konnte sich jetzt weder mehr von den Lorbeeren Stilichos einen Abglanz, noch von der Muse Claudians das Lob des Triumphators erborgen. Er ermunterte die Römer, ihre Stadt aus dem Ruin wieder zu erheben, und wenn man den Berichten der Schriftsteller trauen darf, so erholte sich Rom von der gotischen Plünderung in kurzer Zeit so sehr, daß es »herrlicher als früher« dastand. Die feilen Stimmen der Schmeichler gaben dem Kaiser den großen Titel des Wiederherstellers. Daß Rom aber schon wenige Jahre nach der gotischen Eroberung noch immer glänzend dastand, hat uns Olympiodorus gezeigt, und auch Rutilius, der im Jahre 417 nach Gallien heimkehrte, durfte die Stadt über ihren Fall mit begeisterten Versen trösten, worin er ihr zurief, ihr ehrwürdiges Haupt wieder zu erheben, mit dem Lorbeer und getürmten Diadem zu schmücken und den strahlenden Schild aufs neue zu ergreifen. Das schreckliche Unheil der Plünderung möge Amnestie vergessen machen und der Blick gen Himmel den Schmerz beschwichtigen, denn auch die Gestirne gingen unter, um sich neu wieder zu erheben. Die Strafe für den siegreichen Übermut des Brennus habe die Allia nicht aufgehalten, und der Samniter sei durch Knechtschaft bestraft worden; auch die Siege des Pyrrhus und des Hannibal habe endlich Flucht und Untergang gerächt. Also werde Rom wieder als Gesetzgeberin der Jahrhunderte emporsteigen, sie allein die Gespinste der Parzen nicht fürchtend; die Länder werden ihr wieder Tribut reichen und die Beute der Barbaren ihre Häfen füllen; der Rhein ewig für sie ackern, der Nil für sie emporschwellen, Afrika ihr die reichen Ernten spenden, der Tiber selbst, als Triumphator mit dem Schilf bekränzt, römische Flotten auf seinen Wellen tragen.

Dies sind die Segenswünsche des noch heidnischen Dichters, der ihr mit weinender Stimme Lebewohl zuruft. Doch sie waren nicht prophetisch. Von dem ungeheuren Schlage richtete sich die Stadt nicht mehr empor. Das cäsarische Rom nahm zum Glücke der abendländischen Völker den entfallenen Lorbeerkranz nie mehr vom Staube auf. Und erst aus der Asche des Altertums erstieg die Stadt nach langen und schrecklichen Kämpfen der Wiedergeburt in neuer Gestalt, um die moralische Welt durch das Kreuzesbild jahrhundertelang zu regieren, nachdem sie die halbe Erde mit dem Schwert beherrscht hatte.

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