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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 168
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Kräftige Herrschaft Benedikts VIII. in Rom. Seine Unternehmung gegen die Sarazenen. Erstes Aufblühen von Pisa und Genua. Süditalien. Die Rebellion des Melus gegen Byzanz. Erste Normannenbanden (1017). Unglückliches Ende des Melus. Benedikt VIII. fordert den Kaiser zu einem Kriegszuge auf. Zug Heinrichs II. nach Apulien (1022).

In Rom selbst war Benedikt VIII. durch seine jetzt herrschende Partei befestigt und gesichert. Indem er die städtische Gewalt mit seiner eigenen Familie teilte, gelang es ihm, die römischen Großen und die Kapitäne oder Lehnsvasallen im Landgebiete zu unterwerfen. Romanus, für lange Zeit Haupt der städtischen Regierung, half dem Bruder, sich auf dem Päpstlichen Stuhle zu erhalten. Die Crescentier in der Sabina unterwarfen sich dem Papst, der in Person die Milizen gegen sie führte. Überhaupt war Benedikt voll Verstand und Kraft; es lebte in ihm der kriegerische Sinn seines Hauses. Wie Johann VIII. und Johann X. besaß er auch politische Klugheit genug, um das Papsttum, welches seine Vorgänger auf den kleinsten Kreis des Wirkens beschränkt hatten, wieder zu einer italienischen Macht zu erheben.

Damals waren die Sarazenen von neuem furchtbar geworden; sie bedrängten in Unteritalien Salerno; sie landeten in Toskana, wo sie Pisa verbrannten, dann sich Lunis bemächtigten. Benedikt bemühte sich im Jahre 1016, eine Bundesflotte zu vereinigen, und er selbst führte ein Heer gegen die Ungläubigen. Ein großer Sieg ward erfochten, eine reiche Beute gemacht. Weil aber der Führer der Moslem (arabische Geschichten nennen ihn Abu Hosein Mogêhid, christliche Musettus) aus der Schlacht bei Luni nach Sardinien entronnen war, vermittelte der Papst einen Bund mit den Seestädten Pisa und Genua: Mogêhid wurde aus der Insel verjagt, diese selbst bald darauf eine pisanische Kolonie.

Früher waren es die südlichen Republiken Amalfi, Neapel und Gaëta, mit denen die Päpste, wenn die Sarazenengefahr drohte, einen Bund schlossen; doch mit dem XI. Jahrhundert tauchten plötzlich Pisa und Genua aus einem langen Dunkel der Kindheit blühend empor, und wenn auch noch nicht völlig frei, so eröffneten sie doch schon die herrliche Epoche der Städterepubliken des nördlichen Italiens.

Zu gleicher Zeit bereiteten sich im Süden Ereignisse vor, die einen tiefen Einfluß auf das Papsttum und Rom haben sollten. Die uralte Herrschaft des griechischen Kaisers, das Erbe Belisars und Justinians, sollte dort endlich ausgelöscht, auch die Trümmer des Herzogtums der Langobarden, Benevent, Capua und Salerno, sollten beseitigt werden, um einem von räuberischen Abenteurern gestifteten Reiche Platz zu machen, welches jene schönen Provinzen zum erstenmal in ein politisches Ganzes verband. Seit der Niederlage Ottos II. hatten sich die Griechen wieder Kalabriens und Apuliens bemächtigt und drangen nach Kampanien vor. Ihr Katepan residierte in Bari, ein Vampir jener Länder, die durch ewige Raubzüge der Sarazenen, durch ewige Kämpfe zwischen ihnen, den Griechen, Langobarden und den Seestädten im tiefsten Elend schmachteten.

Der langobardische Stamm Süditaliens machte jedoch eine plötzliche Anstrengung, das griechische Joch abzuschütteln. Melus, ein angesehener Magnat aus Bari, ein Mann von großartiger Natur, empörte sich mit seinem Schwager Dattus schon im Jahre 1010. Er suchte Bundesgenossen; am Berge Garganus fand er Pilger aus der Normandie, zeigte ihnen den Zustand des Landes und lud sie oder ihre Heimatgenossen ein, unter seiner Rebellenfahne Sold zu nehmen. Der Fürst von Salerno, welche Stadt vierzig normannische Helden von den sie belagernden Sarazenen befreit hatten, sprach gleiche Wünsche aus. So geschah es, daß Melus im Jahre 1017 eine frisch geworbene Normannenschar gegen die Griechen ins Feld führen konnte. Diese Abenteurer unter Führung Giselberts, eines um Mordes willen ausgewanderten Ritters, hatte Benedikt VIII. in Rom ehrenvoll empfangen und sie in dem Plan bestärkt, unter Melus gegen die Griechen zu dienen. So leitete schon er durch ein zufälliges Zusammentreffen die Verbindung Roms mit den Normannen ein, welche später so folgenreich werden sollte.

Melus selbst ahnte nicht, daß er in jenen tapferen Söldnern Eroberer in sein Vaterland zog; seine vom Papst eifrig begünstigte Rebellion mißlang trotz aller heroischen Tapferkeit. Am Anfange des Oktober 1019 wurde er vom Katepan Bugianus beim alten Cannae aufs Haupt geschlagen, verließ Italien, eilte hilfesuchend zum Kaiser nach Bamberg und starb dort im April 1020 als »Herzog Italiens«.

Die Fortschritte der Griechen, auf deren Seite Pandulf IV. von Capua getreten war, erschreckten den Papst. Er fürchtete die Erstarkung der byzantinischen Macht, welche die Unabhängigkeit des Papsttums und dessen Absichten auf Unteritalien bedrohte, während die Crescentier wieder zu Einfluß in Rom gekommen waren. Auch er ging nach Bamberg in der Osterzeit 1020; er forderte Heinrich auf, die Griechen von den Grenzen Roms fortzudrängen, die Reichsgewalt im südlichen Langobardien herzustellen. Nach den glänzenden Festen der Einweihung seines Lieblingsdoms und einem gemeinschaftlichen Aufenthalt in Fulda entließ ihn Heinrich mit dem Versprechen seiner baldigen Ankunft und einem Diplom, worin er die Besitzungen der Kirche bestätigte.

Benedikt rief den Kaiser immer dringender herbei. Schon drohte der Katepan ins römische Gebiet zu rücken und den Papst zu bestrafen, welcher die Rebellion des Melus so eifrig gefördert hatte. Vom Abt Atenulf von Monte Cassino, dem Bruder Pandulfs von Capua, unterstützt, überrumpelte er im Juni 1021 den Turm am Garigliano, in welchen der Papst die Reste der Normannenlegion unter des Dattus Führung gelegt hatte. Er schleppte diesen Hauptmann gefangen nach Bari, wo er ihn ins Meer werfen ließ. Die Herrschaft der Griechen in Apulien schien gesichert, da sich die langobardischen Fürsten als Vasallen des byzantinischen Kaisers bekannten. Nahe bei Benevent bauten sie sogar eine feste Stadt, der sie den unsterblichen Namen Troja gaben, und Benevent selbst, wo Landolf V. regierte, drohte in ihre Gewalt zu fallen. Mit einem kühnen Marsch würden die Byzantiner Rom erreicht haben; allein der griechische General machte zaudernd am Garigliano halt, und schon im Dezember erschien Heinrich von Augsburg her in Verona.

Sein schneller Zug nach dem Süden im Anfange des folgenden Jahres war vom Siege gekrönt. Er selbst drang mit dem Hauptheer durch die Marken, andere Scharen führten Pilgrim von Köln und Poppo von Aquileja über Rom und durch das Marsische nach Kampanien; die Festungen der Griechen wie Langobarden, auch Troja, welches der Kaiser selbst belagerte, ergaben sich. Pandulf von Capua wurde nach Deutschland verbannt, an seine Stelle Pandulf von Teano gesetzt; die Abtei Monte Cassino erhielt der deutschgesinnte Theobald, nachdem Atenulf auf der Flucht zur See seinen Tod gefunden hatte. Auch die noch übriggebliebene Normannenschar unter Torstayn wurde mit Gütern in Kampanien belohnt, während die Neffen des Herzogs Melus zu Grafen und Vasallen des Reichs ernannt wurden. Nachdem Heinrich die kaiserliche Gewalt in einem Teile Apuliens hergestellt und als Pilger auf dem Garganus gebetet hatte, zog er über Rom, wo er nur wenige Tage im Juli verweilte, heimwärts nach Oberitalien. In Pavia hielt er mit dem Papst ein Konzil ab; hierauf kehrte er noch im Sommer nach Deutschland zurück, jedoch mit einem Heer, welches Fieber und Pest fast aufgerieben hatten.

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