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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 167
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Gregor zum Papst gewählt, wird von Theophylakt oder Benedikt VIII. verjagt. Heinrich entscheidet sich für den tuskulanischen Papst. Romfahrt und Kaiserkrönung Heinrichs II. (1014). Zustand Roms und des Landgebiets, wo erbliche Grafen aufgekommen sind. Der römische Adel als Senat. Romanus, Senator aller Römer. Kaiserliches Tribunal. Erdrückter Aufstand der Römer. Rückkehr Heinrichs II. Ende des Nationalkönigs Arduin.

Die Partei der Crescentier erhob zwar einen Römer Gregor auf den Päpstlichen Stuhl, aber der tuskulanische Gegenkandidat warf ihn herab. Theophylakt, Sohn Gregors von Tusculum, drang mit seinen Brüdern in die Stadt; beide Faktionen kämpften um den Besitz der Tiara und der städtischen Macht, bis Theophylakt seinen Nebenbuhler vertrieb, gewaltsam den Lateran einnahm und aus einem Laien sich zum Papst Benedikt VIII. weihen ließ. Dies geschah im Mai 1012.

Der römische Adel hatte das Wahlrecht wieder an sich genommen, seit es keinen Kaiser mehr gab; doch der verdrängte Gregor eilte zum Könige nach Deutschland, sein Recht zu fordern. Heinrich nahm seine päpstlichen Insignien an sich und vertröstete ihn auf seine Ankunft in Rom, wo er den Streit in kanonischer Form wolle untersuchen lassen.

Auch Boten Benedikts VIII. waren an den deutschen Hof gekommen; der tuskulanische Papst eilte, sich des Stuhles Petri zu versichern, indem er den gefürchteten König für sich gewann.

Heinrich II. überließ den vielleicht kanonisch gewählten Gregor seinem Schicksal und genehmigte, daß ein tuskulanischer Graf fortfuhr, Papst zu sein. Benedikt VIII., auf die Macht seines Hauses gestützt, befestigte sich im Pontifikat; die Crescentier verdrängte er; der Stadtpräfekt dieses Namens wurde kassiert und sein Amt einem andern Römer Johannes übertragen; die einflußreichsten Stellen kamen in die Hände der tuskulanischen Partei. Nur der Würde des Patriziats durfte sich niemand anmaßen, weil sie dem deutschen Könige zuerkannt war, aber der Papst stellte seine Brüder an die Spitze der Verwaltung und Justiz. Der »erlauchteste Konsul und Dux« Alberich, schon unter Otto III. Magister der kaiserlichen Pfalz, wohnte im Palast seines Ahnherrn bei den Santi Apostoli und hielt hier Gerichtstage wie früher der Patricius Johann.

Unterdes trat Heinrich seine Romfahrt an, nachdem er durch einen Gesandten Benedikt VIII. die Anerkennung zugesichert und von diesem die Zusage seiner Kaiserkrönung erhalten hatte. Er feierte die Weihnachten 1013 in Pavia und zwang Arduin, in seine Mark Ivrea sich zurückzuziehen. Während mit dem Tode des Patricius die nationale Partei in Rom geschwächt war, trug der mutige Piemontese noch den Purpur des Königs von Italien. Dieser große Titel entsprach nur einmal seinem Begriff, als das schöne Land unter dem Zepter der Goten wirklich vereinigt war; aber alle Könige, die sich seither mit ihm schmückten, nannten sich so von einem Reiche, welches sie nicht ganz besaßen. Arduin, der nichts sein nannte als einige Berglandschaften und Städte, darf indes den Ruhm beanspruchen, der letzte Nationalkönig Italiens vor Viktor Emanuel gewesen zu sein. Er machte den Versuch, Italien den Fremden zu verschließen; allein er sah den deutschen König nach Rom ziehen, und aufhalten konnte er ihn nicht.

In Ravenna traf Heinrich den Papst und brach dann nach der Stadt auf, wohin ihm dieser voranging. Hier war die Faktion der Crescentier noch zahlreich und von den Neffen des Patricius, Johann und Crescentius, geführt; mit ihr im Bunde reizten auch Agenten Arduins das Volk auf, sich der Erneuerung des Kaisertums zu widersetzen, welches sie doch vor nur fünfzehn Jahren aus Rom verbannt hatten. Allein die Bestrebungen der Nationalpartei drückte der Anblick der geharnischten Scharen Heinrichs nieder; mit Lobgesängen wurde der einziehende deutsche König alter Sitte gemäß vom Volk begrüßt. Am Tor der Leonina empfingen ihn und seine Gemahlin Kunigunde die Scholen, worauf zwölf Senatoren sie in ihre Mitte nahmen, von denen sechs mit langen Bärten, die übrigen bartlos, alle Stäbe in der Hand, »mystisch« einherschritten. Es ist möglich, daß diese zwölf Herren die Regionen der Stadt Rom vorstellten mit Ausschluß von Trastevere und der Leonina, welche beide Quartiere unter der päpstlichen Verwaltung standen. Am 14. Februar 1014 fand die Krönung unter den hergebrachten Formen im St. Peter statt. Der neue Kaiser weihte die Königskrone, die er bisher getragen hatte, dem Apostelfürsten und ein ihm vom Papst geschenktes Symbol seiner Reichsgewalt dem Kloster von Cluny, nämlich einen goldenen Reichsapfel, welchen ein Kreuz überragte. Nach dem Sinne jener Zeit bedeuteten der Globus die Welt, seine vierfachen Edelsteine die Kardinaltugenden, das Kreuz die Pflicht des Kaisers gegen Christus oder auch gegen den Papst, der als dessen Stellvertreter sich die Macht zuschrieb, Könige zu Kaisern zu erhöhen. Ein Bankett im Lateran beschloß die Feier, und beide Teile konnten zufrieden sein: Heinrich hatte das Imperium in seiner Nation hergestellt, Benedikt erwartete die Herstellung des Kirchenstaats.

Während der unruhigen Epoche Ottos III. waren die Länder St. Peters, so viele ihrer die Kirche noch besaß, neuen Plünderungen ausgesetzt gewesen, und die Herrschaft des Patricius Johann hatte noch zuletzt den Päpsten jede politische Gewalt entzogen. Zu beiden Seiten des Tiber waren erbliche Grafen emporgekommen. Die Tusculanen herrschten im Lateinergebirge, in der Campagna die Herren von Ceccano oder von Segni, vorzugsweise Grafen Kampaniens genannt; in der Sabina geboten die Crescentier; in Tuszien breitete sich der Stamm der Grafen von Galeria aus; vom Marsischen her drang das fränkische Geschlecht der Trasmundus, Berardus und Oderisius schon bis Subiaco vor. Das Feudalwesen zersprengte den alten Kirchenstaat; die Bischöfe hatten Grafenrechte erlangt, und die Päpste besaßen von dem Dominium, welches die Karolinger ihnen gestiftet hatten, wenig mehr als die vergilbten Schenkungsurkunden in ihrem Archiv. Benedikt VIII. vermehrte diese Pergamente durch eine Bestätigung des Kaisers, die in der Reihe der Privilegien als Diplom Heinrichs bekannt ist. Diese Urkunde gleicht der ottonischen durchaus, mit Ausnahme einiger Zusätze Fulda und Bamberg betreffend; die Urschrift kann nicht gezeigt werden, der zweifelhaften Kopie fehlt das Datum, und viele Gründe machen es wahrscheinlich, daß dies Diplom nicht dem Jahre 1014 angehört.

Wichtiger würde uns die Kenntnis von der Verfassung der Stadt sein, deren weltlichen Besitz Benedikt VIII. wieder ergriffen hatte. Aber tiefe Finsternis verhüllt auch in dieser Zeit das innere Leben Roms. Das Auftreten von Senatoren in Urkunden, wenn auch nicht in der Einzelheit, doch als Kollektiv, die feierliche Begrüßung Heinrichs durch zwölf Männer dieses Titels darf beweisen, daß die Erinnerung an den alten Senat seit Otto III. immer lebhafter wurde, bis sie zu seiner wirklichen Erneuerung führte. Der Adel, welcher fortfuhr, einen erlauchten Titel zu tragen, bildete indes schon damals einen geschlossenen Senatorenstand und besaß die Magistratur und Justiz in der Stadt.

Er beanspruchte das Recht der Kaiserwahl wie der Papstwahl, und seine Stimme war vor der Krönung Heinrichs II. ohne Frage gewonnen und gehört worden. Wir haben keine Kunde von den Komitien oder dem politischen Wesen dieser rohen Nobili, welche am Anfang des XI. Jahrhunderts unter den Trümmern der Stadt als Senatoren umhergingen. Ihre Namen sind hie und da in Urkunden auf uns gekommen, in denen wir bekannten Familien ottonischer Zeit begegnen, aber wiederum keinen einzigen Römer finden, der sich »Senator« unterzeichnet hätte. Denn die Einzelwürde des allgemeinen Senators der Römer dauerte auch jetzt noch fort; sie beweist, daß die städtischen Einrichtungen denen des X. Jahrhunderts gleich geblieben waren. Das weltliche Rom war noch immer, mochten die Päpste darin das Dominium haben oder nicht, eine Adelsrepublik unter dem Vorsitze eines Haupts, welches je nach den Umständen die Römer selbst erwählten oder der Papst ihnen gab.

Benedikt VIII. machte seinen Bruder Romanus zum Haupt dieser Republik, zum Senator aller Römer, oder vielleicht schmeichelte auch der Kaiser dem Tusculanen, indem er ihm diese Würde übertrug, während er selbst der Patricius Roms war, ohne sich so zu nennen. Der Senator war Fürst des Adels, welchen er versammelte, dessen Stimmen bei der Papstwahl er leitete oder beherrschte; er war wohl auch Führer der Milizen und vor allem Haupt der Ziviljustiz. Wir sahen im Jahre 1013 den Konsul und Dux Alberich als Präsidenten des Zivil-Tribunals Gerichtstage halten; zwei Jahre nachher erscheint jedoch sein Bruder im Besitz der städtischen Magistratur als Senator aller Römer, Alberich dagegen nur einfach als Konsul und erst später wieder als Pfalzgraf. Denn noch einige Zeit dauerten die alten Titel Konsul und Dux in Rom und im Römischen fort.

Der Kaiser errichtete übrigens sein eigenes Tribunal in der Stadt, wie seine Vorgänger es getan hatten. Hugo von Farfa verklagte dort den Grafen Crescentius, der noch immer jene Abtei plagte wie zu Ottos III. Zeit. Während der Herrschaft des Patricius hatte er dem Kloster wieder einige Kastelle entrissen, und sein Bruder Johann verlachte den Papst auf der Burg Palestrina, welche die Milizen Benedikts VIII. vergebens belagerten. Als nun der Kaiser zu Gericht saß und dem klagenden Abt durch einen Stab die Kastelle zusprach, forderte er den Papst auf, die römische Miliz mit seinen Truppen zu vereinigen und nach der Sabina zu ziehen. Doch ein Aufstand in Rom vertrieb die Parteien vom Tribunal. Der Haß der Römer, welche mit Arduin und den Markgrafen von Este einverstanden waren, brach am achten Tage nach der Krönung gewaltsam los; sie hofften, die Deutschen durch einen plötzlichen Überfall zu überwältigen, und die Hadrianische Brücke wurde der Schauplatz eines wilden Gemetzels, welches dann das gewohnte Ende nahm. Seit Otto I. wiederholten sich diese Tumulte fast bei jeder Krönung, so daß sie als Schlußszene der Feierlichkeit selbst betrachtet werden konnten. So oft die designierten Kaiser in Rom einzogen, wurden sie von offiziellen Hymnen begrüßt, aber wenn sie sich aus dem St. Peter oder von der lateranischen Tafel entfernten, erhob sich das wütende Römervolk, die Fremdlinge aus der Stadt zu treiben, und die Kaiser Roms verließen dieselbe oft in fluchtähnlicher Eile, nachdem sie ihren neuen Purpur durch tiefe Ströme von Blut geschleift hatten.

Heinrich ließ die Anstifter des Aufstandes gekettet über die Alpen führen; er selbst trat seine Rückkehr nach Deutschland an, beladen mit den Flüchen wie mit den Schätzen italischer Städte oder mit den eingezogenen Gütern seiner Feinde. Viele Grafen in Mittel- und Norditalien nahm er als Geiseln fest; ihrer manche hatte er in Rom, wo sie zur Krönung waren geladen worden, in Verwahrsam gegeben; aber kaum war er hinweg, so öffneten sich ihre Kerker, und diese Vasallen zogen wieder rachevoll das Schwert, um mit Arduin vereint den fremden Kaiser zu bekämpfen. Indes die Anstrengungen einer Partei der Italiener, die deutsche Reichsgewalt abzuwerfen, fruchteten nichts; denn Norditalien, in größere und kleinere Markgrafschaften, Grafschaften und eximierte Bistümer zerspalten, besaß damals nicht mehr die Kraft wie zur Zeit des Königs Berengar. Der letzte Nationalkönig Italiens sah sich auf ein kleines piemontesisches Gebiet beschränkt, wurde von Grafen und Bischöfen der deutschen Partei befehdet, warf endlich, von seinen Vasallen verlassen und vom Kaiser verachtet, sein Schwert hin und hüllte sich in die Kutte St. Benedikts, um im Kloster Fructuaria zu sterben (1015).

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