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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 166
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Siebentes Buch

Geschichte der Stadt Rom im XI. Jahrhundert

Erstes Kapitel

1. Weltgeschichtliche Stellung der Stadt Rom im XI. Jahrhundert. Wirkung der städtischen Elemente auf das Papsttum. Die Lombarden machen Arduin zum König, die Römer Johann Crescentius zum Patricius. Tod Silvesters II. im Jahre 1003. Johann XVII. und XVIII. Tusculum und seine Grafen. Sergius IV. Ende des Johann Crescentius im Jahre 1012.

Das elfte Jahrhundert war eine der bedeutendsten Epochen in der Geschichte des Papsttums. Ein so großer Gegensatz von tiefem Verfall und plötzlichem Aufschwunge einer Macht ist nirgendwo anders gesehen worden. Seit dem Ausgehen der Ottonen wiederholten sich in Rom Zustände gleich jenen nach dem Erlöschen des karolingischen Reichs. Die päpstliche Gewalt sank moralisch und politisch nieder, die Stadt aber strengte sich an, ihr für immer sich zu entziehen. Das gelang ihr nicht, weil das Papsttum als ein unzerstörliches, der städtischen Entwicklung feindliches Prinzip zurückblieb, welches nur vorübergehend niedergedrückt, nie entfernt werden konnte und durch die Hilfe fremder Mächte immer wieder sich aufrichtete. In Rom fand sich kein hinreichend starkes Bürgertum als feste Grundlage für eine weltliche Verfassung; es waren noch immer nur die mächtigen Adelsgeschlechter, die Kapitäne oder großen Lehnsvasallen der Kirche in Stadt und Land, welche den Päpsten die Gewalt entrissen und miteinander darum kämpften. Sie beherrschten Rom in der ersten Hälfte des XI. Jahrhunderts als Patrizier, sie ernannten Päpste aus ihren Geschlechtern, machten den Heiligen Stuhl zu ihrem Familienbesitz, und das Papsttum versank in eine so schreckliche Barbarei, daß die Zeiten der verworrensten Kaiser des Altertums zurückgekehrt zu sein schienen. Sodann aber trat jene merkwürdige Reaktion ein, welche die römische Kirche wunderbar schnell zu einer Weltmacht erhob.

Die städtischen Verhältnisse wirkten dazu sehr wesentlich mit; denn die Stadt selbst gab die nächsten Motive für weitreichende Bewegungen her; ihr jedesmaliges Verhältnis zu den Kaisern und den Päpsten, selbst die Ereignisse in dem engen Kreis ihrer Mauern, ihr Widerspruch gegen die geistliche Herrschaft, die Bedrängnis, in welche die Päpste durch den Stadtadel gerieten, der fortdauernde Zustand von Hilfsbedürftigkeit, Notwehr und Wachsamkeit, in dem sie erhalten wurden: kurz alles dies brachte Wirkungen in die Ferne und weitreichende politische Beziehungen hervor. Man darf behaupten, daß ohne den steten Widerspruch der Stadt Rom gegen das geistliche Regiment die Geschichte des Papsttums nicht den Gang würde genommen haben, welchen sie vor und nach Gregor VII. nahm.

Der Begriff des römischen Patriziats wurde seit dem XI. Jahrhundert von weltgeschichtlicher Bedeutung. Den deutschen Königen, welche diesen Patriziat dem Adel Roms entrissen und an ihre Krone brachten, verlieh er mit der Gewalt über die Stadt auch das Recht der Besetzung des Heiligen Stuhls. Er wurde gerade deshalb der nächste Gegenstand des Kampfes der sich befreienden Kirche mit der Staatsgewalt. Jene hatte kaum den Weg der inneren Reform betreten, als sie sich mit aller Kraft bemühte, das Joch der Patrizier abzuwerfen. Weder Adelspäpste noch Königspäpste sollte es mehr geben, die Papstwahl sollte frei gemacht, dem Klerus allein übertragen werden. So gab der Stadt-Patriziat die Veranlassung zu dem berühmten Wahlgesetz Nikolaus' II. und zur Erschaffung des Kardinal-Kollegium, und endlich erweiterte sich der Streit der Päpste gegen den Patriziat zu jenem allgemeinen um das Recht der Investitur überhaupt.

Der große Investitur-Streit beherrscht auch die Geschichte der Stadt in der letzten Hälfte des XI. Jahrhunderts. Rom blieb seine Quelle und der Schauplatz, auf welchem das Genie Hildebrands seine staunenswürdige Tätigkeit entfaltete, um nicht nur einen neuen Kirchenstaat mit Vasallenländern zu gründen, sondern das Papsttum nach seiner Befreiung vom Patriziat zur dominierenden Macht umzugestalten. Langdauernde Bürgerkriege, furchtbare Schicksale kamen infolge des großen Kampfes zwischen der Kirche und dem Reich über das unglückliche Rom, und wir werden diese Kämpfe noch in das XII. Jahrhundert sich hinüberziehen sehen, bis auch die Stadt selbst in der Epoche der emporblühenden Städterepubliken Italiens aus so großen Erschütterungen in neuer Gestalt als Republik hervorgeht.

Nach dem Tode Ottos III. sah sich Italien von seinem Könige, Rom von seinem Kaiser befreit. Kein Erbe konnte die Titel des ersten Otto beanspruchen: ein günstiger Augenblick für die Italiener, die deutsche Königs- und Kaisergewalt über ihr Land für erloschen zu erklären und die Selbständigkeit zu erringen. Norditalien übertrug die Krone der Lombarden wie zur Zeit Berengars sofort einem einheimischen Fürsten, denn schon am 15. Februar 1002 erhob man in Pavia zum Könige Arduin, den Markgrafen von Ivrea, einen mächtigen Herrn, welchen Otto III. in die Reichsacht erklärt hatte. Er hielt seinen Königsritt durch das Land, und machte sich sogar auf die Kaiserkrone Hoffnung. Mit Mühe erwehrten sich seiner die lombardischen Bischöfe, so viele deren dem deutschen Königtum ergeben waren, und unter diesen war der größte Widersacher Arduins Leo, Bischof von Vercelli, ein Günstling Ottos III.

Die Römer setzten dem Sohne des berühmten Crescentius das patrizische Diadem aufs Haupt, und Johannes herrschte seither zehn Jahre lang als Signor der Stadt. Sein Geschlecht war dem deutschen Königtum feind und den Römern teuer; denn es hatte sich für die Freiheit der Stadt aufgeopfert. Das Volk wandte sich daher von den Grafen Tusculums ab und den Crescentiern zu. Die Verwandten des neuen Patricius, Johann und Crescentius, Söhne Benedikts und der Theodoranda, beherrschten als Grafen die Sabina; Johannes nannte sich sogar Herzog und Markgraf, vielleicht weil er auch Spoleto und Camerino regierte. Einen andern Crescentius machte der Patricius zum Stadtpräfekten; seine eigene Schwester Rogata, nun Senatrix der Römer, hatte er mit Oktavian vermählt, dem Sohne Josefs, eines langobardischen Dux im Sabinischen.

Der greise Silvester beklagte indes seine Verlassenheit noch ein Jahr lang in dem öden Lateran, wo er bei seinen geliebten Pergamenten Trost suchen mochte, bis ihn ein vielleicht gewaltsamer Tod am 12. Mai 1003 erlöste. Sein dritter Nachfolger setzte ihm ein Denkmal in St. Johann, und noch heute kann man dort das Lob des berühmten Papstes lesen und der vielen Legenden gedenken, womit das Mittelalter das Leben dieses »Magiers« auf dem Stuhl Petri ausgeschmückt hat.

Die Grabschrift klagt, daß nach seinem Tode der Friede aus der Welt verschwand, die Kirche in Verwirrung geriet. Aber die Regierung zweier Päpste nach ihm ist völlig dunkel: Johann XVII. Sico starb schon nach sieben Monaten, worauf Johannes XVIII. am 25. Dezember 1003 den Heiligen Stuhl bestieg; beide Römer, Verwandte oder doch Geschöpfe des Patricius, der sie erhoben hatte.

Während seines mehr als fünfjährigen Pontifikats wagte Johann XVIII. kaum, schüchterne Blicke nach dem entfernten König von Deutschland zu richten. Der Bayernherzog, dort als Heinrich II. auf den Thron gelangt, begehrte das Imperium in der deutschen Nation zu erneuern, aber zwischen ihm und der Kaiserkrone stand noch Arduin, König wenigstens in seinen Alpenbergen. Er hatte diesen Nebenbuhler geschlagen, wenn auch nicht beseitigt, in dem rebellischen Pavia am 14. Mai 1004 die Krone Italiens genommen, jedoch er war nach Deutschland zurückgekehrt. Immer aber wirkten die Niederlage Arduins, die Krönung Heinrichs und die Erwartung seines Romzuges so viel, daß die deutsche Partei in der Stadt mehr Kraft gewann. Sie wurde damals von den Grafen Tusculums geführt, denn aus Haß gegen die Crescentier heuchelten dieselben Sympathien für das deutsche Königtum.

Fünfzehn Millien von Rom entfernt stehen noch heute hoch über Frascati die melancholischen Ruinen des antiken und des mittelalterlichen Tusculum. Diese Stadt war älter als Rom, denn ihr Ursprung verliert sich in die Mythen des Odysseus, von dessen und der Circe Sohn Telegonus sie gegründet sein sollte. Als lateinischer Ort kämpfte sie lange mit Rom; ihr Haupt Mamilius Octavius gab dort dem letzten Tarquinius, seinem Schwiegervater, ein Asyl, und er fiel dann in der Schlacht am See Regillus. Berühmte Geschlechter gingen aus Tusculum hervor, die Mamilier, die Fulvier, Fontejer, die Juventier und vor allen die Porcier, denn jene finstere Burg war die Wiege der Catonen. Manche Gestalt aus der Blütezeit der römischen Wissenschaft tritt dem Wanderer auf den Trümmern Tusculums entgegen; er wird die Stelle suchen, wo die Akademie Ciceros und seine Villa stand, in der er die tuskulanischen Quästionen schrieb. M. Brutus, Hortensius, Lucullus und Crassus, Metellus, Caesar, spätere Kaiser hatten dort ihre Villen; denn der blühende Berghang war zu Römerzeiten von prachtvollen Landhäusern bedeckt, wie noch heute die Großen Roms ihre schönsten Villen in Frascati besitzen, dem lieblichen Ort, welcher im Mittelalter schon lange bestand, ehe Tusculum unterging. Im X. Jahrhundert war das tuskulanische Municipium eine fast uneinnehmbare Stadt, voll Ruinen alter Herrlichkeit. Wer dies Kastell besaß, beherrschte das Lateinergebirge und einen Teil der Campagna; und diese Lage gab Tusculum eine größere Bedeutung, als sie jede andere Burg im Römischen haben konnte.

Das dortige Grafengeschlecht ( de Tusculana) stammte von Marozia und Theodora, und der in ihm dauernde Familienname Theophylakt beweist, daß jener »Senator der Römer« ein Ahne dieses Hauses gewesen war. Marozias Sohn Alberich mochte Tusculum als mütterliches Erbe besitzen, doch Dokumente reden davon nicht. Wir dürfen die Tusculanen dreist von Theophylakt herleiten, aber wir verschmähen es, den Spielereien mit Stammbäumen zu folgen, die uns bis zu Mamilius Octavius führen würden. Mit dem Titel de Tusculana erscheint zum erstenmal geschichtlich zu Ottos III. Zeit Gregor, Senator der Römer, Günstling jenes Kaisers, und ohne Zweifel Graf von Tusculum. Die Lebensbeschreibung St. Nils schildert ihn als einen reichen, schlauen und gewalttätigen Despoten und erzählt, daß er jenem Heiligen, als er im Jahre 1002 nach Rom kam, ein Stück Land schenkte, worauf das basilianische Kloster Grottaferrata entstand.

Gregor, Sohn oder Enkel Alberichs, war mit Maria vermählt und Vater von drei Söhnen: Alberich, Romanus und Theophylakt. Diese wilden Barone blickten vom steilen Tusculum wie Raubfalken auf Rom nieder, wo jetzt Johannes Crescentius als Patricius gebot und wo Alberich vor fünfzig Jahren königlich geherrscht hatte. Sie trachteten darnach, sich Roms wie eines Familienbesitzes zu bemächtigen, und die passende Gelegenheit blieb nicht aus. Wahrscheinlich gelang den Tusculanen eine Papstwahl in ihrem Sinn, als Johann XVIII. im Juni 1009 starb. Sein Nachfolger wurde Sergius IV., Bischof von Albano, vielleicht selbst ein Tusculane, unter dessen Pontifikat die Crescentier immer mehr Boden verloren. Indes Johann Crescentius fuhr fort, das Regiment zu führen, und die Akten der Zeit lehren, daß seine Epoche als Senator der Römer und Patricius auch noch im Jahre 1011 amtlich verzeichnet wurde. Sie zeigen ihn als Oberrichter Roms und des Stadtgebiets, in seinem Palast Placita haltend, wie ehedem Alberich, umgeben von seinen Richtern, die sich Senatoren nannten, neben sich den Stadtpräfekten Crescentius.

Aber Johann wurde von der Erinnerung an seinen unglücklichen Vater geängstigt; auch fürchtete er den Romzug Heinrichs II. Ihn wünschte der Papst herbei, ihn suchte der Patricius fernzuhalten. Seine Boten unterhandelten mit Arduin und selbst mit Boleslaw von Polen, den König jenseits der Alpen zu beschäftigen. Während er in Rom herrschte, den St. Peter beraubte, Kirchengüter einzog, schmeichelte er dem König Heinrich als seinem Herrn mit Briefen und Geschenken, doch auf jede Weise suchte er, seine Krönung zu vereiteln. Sein Regiment, nur möglich, solange es keinen Kaiser gab, füllte die Pause bis zur nächsten Kaiserkrönung aus. Er starb jedoch im Frühjahr 1012, ehe Heinrich kam, und sein Tod gab dem Papsttum einige Freiheit wieder, während er zugleich dem deutschen König den Weg nach Rom erleichterte. Es ist nur die Schuld der mangelhaften Chroniken, daß wir so wenig von einem Patricius zu berichten haben, welcher zehn Jahre lang die Herrschaft der Stadt besaß, die Päpste von der weltlichen Gewalt hinwegdrängte und den Römern ihre bürgerliche Freiheit für so lange Zeit wiedergab. Der Sohn des berühmten Crescentius muß ein Mann von kräftigem Geist gewesen sein; doch von seinen Einrichtungen in der Stadt wissen wir nichts. Sein Tod (der des Papsts Sergius folgte bald darauf) stürzte die Crescentier. Diese Familie, welche im barbarischen Mittelalter als ein Geschlecht verwilderter Gracchen oder Brutusse glänzt und immerhin mutige Kämpfer gegen Päpste und Kaiser erzeugt hat, erhielt sich noch lange im Sabinischen, aber in Rom, wo man noch über ein Jahrhundert dem Namen Crescentius oft begegnet, hat sie keine große Bedeutung mehr gehabt. Sie überließ das Feld den Grafen von Tusculum, die sofort wieder emporkamen, um Rom lange zu tyrannisieren und den Stuhl Petri in ihr Erbgut zu verwandeln.

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