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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 164
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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5. Wanderung durch Rom zur Zeit Ottos III. Palatin. Septizonium. Forum. St. Sergius und Bacchus. Infernus. Marforio. Kapitel. S. Maria in Capitolio. Campus Caloleonis. Die Trajanssäule. Die Säule des Marc Aurel. Campo Marzo. Mons Augustus. Die Navona. Farfensische Kirchen. St. Eustachius in Platana. Legende des St. Eustachius, S. Maria im Minervium. Camigliano. Arcus manus carneae. Parione. Tiberbrücken. Die Tempel der Fortuna Virilis und der Vesta. Schlußübersicht.

Der Leser mag uns auf einer kurzen Wanderung durch Rom zur Zeit Ottos III. begleiten oder vielmehr nur einige der berühmtesten Gebiete der Stadt aufsuchen. Wir betreten zuerst den Palatin. Die Kaiserpaläste waren noch in kolossalen Ruinen sichtbar und voll von vergessenem Bildwerk jeder Art. In diesem wüsten Labyrinth hatten manche Zimmer noch ihre kostbare Wandbekleidung; fand man doch daselbst noch zur Zeit Innocenz' X. einen mit Goldtapeten geschmückten Saal und Gemächer, deren Wände mit feinem Silberblech oder mit Bleitafeln bedeckt waren. Nur sparsam konnte damals der Palatinische Hügel bewohnt sein, denn nur wenige kleine Kirchen waren auf ihm erbaut, wie S. Maria in Pallara (Palatio) oder St. Sebastian in Palladio auf der Stelle des alten Palladium, wo dieser Heilige im Tempel des Heliogabalus getötet worden sein soll, und S. Lucia in Septa solis oder Septem viis, die schon zur Zeit Leos III. am Septizonium stand. Dies Prachtgebäude des Severus hieß im Mittelalter Septemzodium, Septodium, Septisolium, Septemsolia, selbst Sedem Solis, Sonnensitz, und lag am Südende des Palatin, etwa S. Gregorio gegenüber. Der Anonymus von Einsiedeln bemerkte es als Septizonium, und im Jahre 975 begegnet es uns in einer Urkunde. Man nannte es damals Templum Septem solia maior, zum Unterschied von einem unbekannten Monument in der Nähe septem solia minor, welches Stephan, Sohn des Konsuls und Dux Hildebrand, dem Abt Johann von S. Gregorio schenkte, um es nach Gefallen zu verwenden und selbst niederzureißen, je nachdem es die Rücksicht auf die Klosterfestung gebot. In jener Zeit der Parteikriege entstanden Türme und Burgen nicht allein des Adels, sondern auch der Klöster; viele alte Bauwerke waren in Privatbesitz gekommen und wurden zu solchem Zweck gebraucht, das große Septizonium aber war Eigentum jenes Klosters und bereits in eine Festung verwandelt. Die Mönche von St. Gregor besaßen damals auch den Triumphbogen Constantins, welcher sicherlich schon zu einem Turm erhöht worden war, und so hatte sich ihr Kloster rings mit antiken Denkmälern verschanzt. In einer Urkunde wird sowohl der Arcus triumphalis als der Circus (Maximus) wenn auch nur genannt, und wir erfahren, daß jener vornehme Römer einen Teil der Kaiserpaläste besaß, wovon er eine Halle mit 38 Krypten oder gewölbten Kammern besonders hervorhob. Wie damals der Circus Maximus aussah, wo die beiden Obelisken schon im Schutte lagen, oder noch am Anfange und Ende zwei Triumphbogen von der Graphia bemerkt werden, wie das Colosseum, das noch nicht Festung war, wissen wir nicht; aber wir stellen uns mit Grund vor, daß diese verwitterten Bauwerke noch den größten Teil ihrer Umfassungsmauern wie ihrer Sitzreihen bewahrten.

Der tief verfallene Tempel der Venus und Roma hieß schon Templum Concordiae et Pietatis, wie ihn die Graphia nennt; seine riesigen Monolithsäulen von blauem Granit standen noch unversehrt und boten einen herrlichen Anblick dar. Auf der Via Sacra ging man über antikem Pflaster durch den Bogen der »Sieben Leuchter« ins Forum, wo der kleine Hügel Velia noch tief hinunterstieg, weil das Forum noch nicht durch so hohen Schutt wie heute bedeckt war. Die Tempel, Portiken und Basiliken standen in großartiger Verwüstung ringsum da, und der Römer wanderte zwischen zahllosen Trümmern von Säulen, Architraven, Marmorfiguren in diesem seinem Nationalmuseum umher, dessen sagenvolle Verlassenheit und zertrümmerte Majestät einen unaussprechlichen Eindruck auf ihn machen mußten. Zu jener Zeit konnte das Forum noch nicht so tief verschüttet sein, daß auf ihm Vieh weidete. Aber die vielen Basen, welche sich gegen das Kapitol und vor der Basilica Iulia zusammendrängen, trugen schwerlich noch ihre Bildsäulen.

Wenn Otto III. auf solcher Wanderung von einem römischen Antiquar, dem unwissenden Nachfolger Varros, begleitet wurde, so wird dieser ihm in wunderlichem Gemisch wahrer und falscher Namen die antiken Denkmäler erklärt haben. Das Templum Fatale, den Janusbogen bei S. Martina, ein Templum Refugii bei S. Adriano in den Ruinen der alten Kurie wird er ihm gezeigt, den Arcus Fabianus bei S. Lorenzo in Miranda als templum Latone ausgegeben und den Tempel der Concordia bei St. Sergius ihm richtig benannt haben. Dieser berühmte Bau, wo einst Cicero glänzende Reden hielt, wurde vielleicht durch die Errichtung einer kleinen Kirche teilweise zerstört; schon der Anonymus von Einsiedeln sah dieselbe zwischen jenem Tempel und dem Severusbogen, welcher ihr wahrscheinlich als Glockenturm diente. Sie scheint in der Nähe der Rostra gestanden zu haben, und wahrscheinlich wurde durch sie so viel von den dort aufgestellten antiken Statuen erhalten, als sich noch seit dem VI. Jahrhundert gerettet hatte. Die Kirche war außer St. Sergius auch dem St. Bacchus geweiht, einem Heiligen, der auf diesem altheidnischen Lokal seltsam genug auftritt, aber in Rom nicht befremdet, wo wir Namen antiker Götter und Heroen unter den christlichen Heiligen wiederfinden, wie St. Achilleus, St. Quirinus, Dionysius, Hippolytus, Hermes, so also auch St. Bacchus.

Der Archäologe des X. Jahrhunderts würde uns in den großen Resten der Basilica Iulia oder in denen eines der Vestaheiligtümer, vielleicht der Wohnung der alten Vestalinnen, den Tempel des fürchterlichen Catilina gezeigt haben, und daneben die Kirche des St. Antonius, wo heute S. Maria Liberatrice, die Befreierin von den Qualen der Hölle, steht. Er würde uns gesagt haben, daß dieser dämonische, Infernus genannte Ort der Lacus Curtius sei, wo einst der großmütige Römer sich hinabgestürzt hatte, um sein Vaterland zu retten, und er konnte dann hinzusetzen, daß dort in einer von bronzenen Türen verschlossenen Höhle des Palatin ein Drache gelegen habe, welcher vom heiligen Silvester getötet worden war. Am Mamertinischen Gefängnis, der Privata Mamertini des Mittelalters, würde der Antiquar uns die Statue des als Marforio berühmten Flußgottes, welche dort jahrhundertelang ungekränkt liegen blieb, gezeigt und uns gesagt haben, daß sie ein Bild des Mars sei. Noch führte die mit breiten, plumpen Steinen gepflasterte Via Sacra und ihre Fortsetzung, der Clivus Capitolinus, oder der Weg der Triumphatoren an den Tempeln des Saturn und des Vespasian zwischen zahllosen Ruinen auf das Kapitol hinauf. Welchen tragischen Anblick dasselbe damals gewährte, wer vermag es zu sagen! Cassiodor hatte es zum letztenmal als das größte Wunder Roms genannt, und wir sahen, daß es schon im VIII. Jahrhundert als erstes Mirakel der Welt bezeichnet wurde. Aber in langer Zeit hörten wir nicht einmal seinen Namen mehr; es verschwand aus der Geschichte; nur die Graphia erzählt, daß seine Mauern mit Glas und Gold belegt waren, doch sie beschreibt es nicht. Schon um 882 wird das Kloster S. Maria in Capitolio erwähnt, jedoch noch nicht die daranliegende Kirche in Ara Coeli, wiewohl sie wahrscheinlich schon erbaut war.

Die einst prachtvollen Kaiserfora bedeckt tiefes Schweigen, außer dem Trajanischen; das Augusteische war mit Trümmern und Pflanzenwuchs so erfüllt, daß es vom Volk der Wundergarten, Hortus mirabilis, genannt wurde, und auch das Trajanische schon so sehr in Ruinen, daß Urkunden, welche es nennen, von den dortigen petrae oder Steinen reden. Der Name der Straße Magnanapoli, die vom Quirinal zu ihm führt, entstand schon in jener Zeit. Auf der andern Seite lag der Campus Caloleonis, heute verstümmelt Carleone, so genannt von dem Palast eines römischen Optimaten Alberichs. Über den majestätischen Trümmern der Ulpischen Bibliotheken und Basiliken erhob sich noch unerschüttert die herrliche Säule Trajans. Neben ihr stand die Kirche St. Nicolai sub columpnam Traianam; aus dem Material des Forum erbaut, hatte sie zu dessen Ruin gewiß viel beigetragen. Sie gehörte zum Sprengel der Santi Apostoli, und diese Basilika besaß wohl auch die Trajanssäule selbst.

Auch die große Säule Marc Aurels stand, wo sie noch heute steht. Im Jahre 955 bestätigte sie Agapitus II. dem Kloster Silvestro in Capite, und sieben Jahre darauf erneuerte Johann XII. das Diplom. »Wir bestätigen«, so heißt es darin, »die große marmorne Säule in integrum, welche Antonino genannt wird, wie sie da mit ihrem Bildwerk gesehen wird nebst der Kirche St. Andreas zu ihren Füßen und dem Boden ringsumher, wie sie von allen Seiten vom öffentlichen Wege umgeben wird in dieser Stadt Rom.« Man erkennt daraus, daß noch immer ein freier Platz um sie her lag. Und so hatte sich auch neben ihr eine kleine Kirche angebaut. Diese Kapellen waren die Wächterbuden, die Mönche darin die Schildwachen, und ihnen verdanken wir die Erhaltung jener erhabenen Wunderwerke, welche die Trümmer der Geschichte einsam überragen und auf denen jetzt St. Peter und St. Paul als Sinnbilder der zweiten Weltherrschaft Roms stehen; und wohl keinen passenderen Standort konnten diese Apostel finden als die Säulen der beiden Kaiser, die eine Philosophie bekannten, welche dem Christentum die Bahn bereitete. Pilger bestiegen die Säulen auf ihren inneren Wendeltreppen, wie wir es noch heute tun, um des köstlichen Blicks auf Rom zu genießen. Den Mönchen werden sie dafür ein Geldstück erlegt haben; wenigstens bemerkt eine Inschrift vom Jahre 1119, welche heute im Porticus von S. Silvestro zu lesen ist, daß die Pilger in der Kirche S. Andrea an der Säule Marc Aurels Oblationen darbrachten, weshalb sie das Kloster als eine einträgliche Rente zu verpachten pflegte. Es ist höchst merkwürdig, daß Ähnliches schon im Altertum geschehen war. Denn bald nach der Errichtung der Säule hatte sich im Jahre 193 Adrastus, der Freigelassene des Kaisers Septimius Severus, in ihrer Nähe ein Haus gebaut, sie zu bewachen oder von denen, die sie bestiegen, Geld einzuziehen. Bei Ausgrabungen des Jahres 1777 wurden in jener Gegend zwei Marmorinschriften gefunden, welche Adrast in seinem Wächterhause hatte aufstellen lassen, und diese reden davon. Auch die kleinere Säule, welche Marc Aurel und L. Verus ihrem Vater Antoninus Pius errichtet hatten, stand in der Gegend des heutigen Monte Citorio. Sie war nur 50 Fuß hoch, aus rotem Granit; ihrer erwähnen weder der Anonymus von Einsiedeln, noch Graphia und Mirabilien, so daß sie vielleicht schon im XI. Jahrhundert umgestürzt war.

Im X. Säkulum bot das Marsfeld, schon Campo Marzo genannt, den prächtigsten Anblick einer in Ruinen liegenden Marmorstadt dar. Von den Anlagen der Antonine standen noch große Reste der Basiliken oder Tempel, wie heute noch die Säulenfront der Dogana lehrt, und man denke sich auf der Strecke vom Pantheon bis zum Mausoleum des Augustus die Trümmer der Thermen Agrippas und Alexanders, des Stadium Domitians und des Odeum, die alle beieinanderlagen; man stelle sich die zahllosen Portiken vor, welche von der Via Lata, der Porta Flaminia, der Hadriansbrücke dies Feld durchzogen, und man wird eine halbverschüttete Wunderwelt vor sich haben. Hier wohnten in finsteren Gewölben der Ruinen elende Menschen, gleich Schwalbennestern an die Trümmer angeklebt. Sie pflanzten dort Kohl und Weinreben auf Schutthaufen mitten im alten Marsfelde; Gassen bildeten sich daselbst und führten zu Kirchen, welche selbst in Trümmern aus Trümmern erbaut waren und jenen Entstehung und Namen gaben. Hie und da stieg aus Ruinen der schwarze Turm eines Römers auf, der sich Konsul oder Judex nannte.

Das Mausoleum des Augustus war damals noch nicht in eine Festung verwandelt. Seine hügelartige Beschaffenheit, da es mit Erde überdeckt und mit Bäumen bepflanzt gewesen, gab ihm den Namen eines Berges; es hieß im X. Jahrhundert Mons Augustus, woraus das Vulgär Austa oder L'austa machte. Die Sage erzählte, daß der Kaiser Oktavian von jeder Provinz des Reichs einen Korb voll Erde auf sein Grab werfen ließ, um so gleichsam im Boden der ganzen Welt zu ruhen, die er beherrscht hatte. Nach dem Beispiele des Grabes Hadrians hatte man auch auf der Spitze des Mausoleum des Augustus dem Erzengel Michael eine Kapelle gebaut. Neben dem Grabmal stand damals die Kirche S. Maria oder Martina in Augusta, welche später in das Hospital S. Giacomo degli Incurabili überging. Ringsum lagen Weingärten und Äcker jenes Klosters. Die verfallene, mit zersplitterten Türmen versehene Stadtmauer zog sich noch von der Porta Flaminia am Fluß bis zur Hadriansbrücke fort und wurde durch mehrere Posterulae oder Flußpforten unterbrochen.

Die heutige Porta del Popolo hieß noch immer Flaminia wie in der Graphia, aber auch schon St. Valentini von der Kirche außerhalb des Tores. In seiner Nähe stand ein Trullus genanntes antikes Monument, wahrscheinlich ein Grabmal, welches das Volk als Grab Neros bezeichnete. Vor dem Tore sah man noch eine Reihe von verfallenen antiken Grabmonumenten zu beiden Seiten der Via Flaminia, worunter sich das des berühmten Wagenlenkers Gutta Calpurnianus befand. Wo heute die Piazza del Popolo liegt, war Saat- und Gartenland, wie auf dem » Mons Pinzi« jener Zeit, auf welchem eine Kirche St. Felix lag. Zu Füßen des Pincius stand auf dem Platz ein anderes antikes Grabmal in Pyramidenform, etwa dort, wo heute S. Maria dei Miracoli steht. Man nannte es die Meta. Das ganze Marsfeld war von Wein- und Gemüsegärten durchzogen. Das Stadium des Domitian lag in Trümmern; der Anonymus von Einsiedeln nannte es falsch »Circus Flaminius, wo St. Agnes liegt«, von der alten Region dieses Namens, wozu es gehörte; aber im X. Jahrhundert hieß es im Volksgebrauch Agonis, von Agon oder Circus Agonalis. Indem man diese Gegend » in Agona« benannte, entstand daraus 'n Agona, endlich Navona, wie der heutige größte und schönste Volksplatz Roms genannt wird.

Aus dem Material des Circus waren schon früh manche Kirchen gebaut worden: auf der einen Seite die Diakonie St. Agnes in Agone, denn dort spielte die Legende der Heiligen; auf der andern die Parochie St. Apollinaris, wahrscheinlich auf den Trümmern eines Tempels des Apollo, den sein heiliger Namensbruder, der erste Bischof Ravennas, verdrängte. Die Kirche S. Eustachio hatte wie andere Klöster und Basiliken, welche nach und nach den Grund und Boden der Stadt samt ihren Monumenten an sich nahmen, in dieser Region Besitzungen, und selbst die ferne Abtei Farfa besaß Felder, Häuser, Gärten und Krypten des zerfallenen Stadium oder der nahen Thermen des Alexander Severus. Neben diesen zerstörten Bädern gehörten ihr drei kleine Kirchen, St. Maria, St. Benedikt und St. Salvator, wegen welcher sie in dauerndem Streit mit den Presbytern von S. Eustachio lag, und wir verdanken eben den Urkunden dieser Prozesse die topographische Kenntnis der Region in Agone oder in Scorticlariis. Die farfensische St. Maria soll heute S. Luigi de' Francesi sein; die Kapelle St. Benedikt ging unter, St. Salvator aber hat noch mit der Bezeichnung in Thermis Namen und Ort behalten. Hier lagen also die von Alexander Severus erweiterten Thermen des Nero, dem Stadium Domitians zur Seite, von S. Eustachio bis S. Apollinare. Aus ihren Trümmern wurde das neuere Viertel gebaut, wo S. Eustachio, Palast Madama, Giustiniani, S. Luigi stehen, und noch in später Zeit fand man dort prächtige Überreste von Hallen, Bogen, Säulen und Ornamente jeder Art. Wo heute sich der Brunnen der Scrofa befindet, stand eine uralte Kirche St. Trifon in Posterula neben Ruinen eines antiken Baues, der zur Verbrennung der toten Kaiser gedient hatte. Um das Jahr 956 wurde St. Trifon neu und prächtig aufgebaut und vom Stadtpräfekten Crescentius mit manchen Rechten ausgestattet.

Die Kirche St. Eustachius, zubenannt in Platana, vielleicht von einer dort stehenden Platane, war der Tradition nach in einem Palast der Alexanderthermen erbaut worden. Ihre Stiftung muß in eine sehr frühe Zeit fallen, denn schon unter Leo III. im Jahr 795 war sie eine Diakonie. Sie bildete im Mittelalter das Zentrum eines Viertels und gab so der Region wie einem berühmten Adelsgeschlecht den Namen. Die Legende des Heiligen ist merkwürdig. Sein heidnischer Name war Placidus; er war General Trajans, bezwang Dazier und Juden und kehrte im Triumph nach Rom zurück. Er verfolgte einst auf der Jagd zwischen Tibur und Praeneste einen Hirsch; das Tier flüchtete sich auf einen Berg Vulturellus (bei Guadagnolo), und der nachsetzende Placidus sah plötzlich zwischen dem Geweih des Hirsches das strahlende Antlitz Christi, welcher ihm befahl, nach Rom umzukehren und die Taufe zu nehmen. Placidus erhielt den christlichen Namen Eustachius, nannte sein getauftes Weib Trojana Theopista, seine Söhne Agapitus und Theopistus. Eine himmlische Schickung machte ihn arm wie Hiob, worauf er nach Ägypten in die Wüste wanderte. Schiffer entführten sein Weib, ein Löwe und ein Wolf trugen seine Söhne fort, und er selbst nahm Knechtsdienste bei einem ägyptischen Herrn. Trajan unterdes, mit den Persern in Krieg verwickelt, ließ die weite Welt nach dem Helden Placidus durchsuchen, bis ihn zwei alte Zenturionen an einer Narbe erkannten, die er einst im Kriege davongetragen. Sie bekleideten den Widerstrebenden mit Prachtgewändern und führten ihn nach Rom, wo er jedoch Hadrian bereits auf dem Throne seines Freundes fand. Er übernahm den Befehl im Kriege gegen die Perser, fand durch Zufall Weib und Kinder wieder und zog nach vollendetem Feldzuge lorbeerbekränzt in Rom ein. Der Senat dekretierte ihm einen Triumphbogen, aber der heimliche Christ weigerte sich, dem Jupiter die Siegesopfer darzubringen, er bekannte seinen Glauben, worauf er mit den Seinen zum Tode verurteilt wurde. Die Löwen der Arena legten sich vor ihnen in den Staub nieder; man warf die Märtyrer deshalb in einen glühenden Stier von Erz. Als der Henker die abgekühlte Maschine öffnete, lagen Eustachius, sein Weib und seine Kinder unversehrt, doch tot vor aller Augen da. Die Christen begruben sie im Hause des Toten, viele Römer ließen sich taufen, und der reuevolle Hadrian trank Gift in Cumae.

Eustachius hat für Rom noch eine andere Bedeutung: er wurde der Held einer Genealogie, die höchst sonderbar ist. Seit dem XII. Jahrhundert, und wohl schon früher, liebten es die Römer, ihren Adel aus dem Altertum abzuleiten; ihre Stammbäume entsproßten plötzlich als Ableger des berühmten Lorbeerbaums des Augustus auf dem Palatin, oder sie wuchsen in den Gärten des Maecenas und Pompejus, der Scipionen und der Maximi. Weil nun das Geschlecht der Grafen von Tusculum sich in die Conti di S. Eustachio sollte verwandelt haben, wurde es mit kühner Phantasie von jenem Octavius Mamilius von Tusculum hergeleitet, welcher in der Schlacht am See Regillus gefallen war. Von ihm stammten die Oktavier, vom Kaiser Oktavian stammte der Senator Agapitus Octavius, Vater des Placidus oder Eustachius. Zu derselben Familie gehörte denn auch Tertullus, der Vater des heiligen Placidus, des Schülers St. Benedikts, und diese Familie besaß noch immer von Mamilius' Zeiten her Tusculum, welches Tertullus dem Kloster Subiaco schenkte. Tertullus war natürlich auch ein Vetter des Kaisers Justinian; von der Familie der Oktavier stammte natürlich auch der große Papst Gregor und das Anicische Geschlecht. Und so entsproßten dem fabelhaften Octavius Mamilius nicht allein die Grafen von Tusculum, sondern auch die Pierleoni, die Grafen von Segni, von Poli, von Valmontone und die Frangipani, welche das Haus Österreich gründeten.

Auf der andern Seite des Pantheon fand schon der Anonymus von Einsiedeln das Kloster S. Maria im »Minervium«, das heißt in den Ruinen des alten Minervatempels, und noch die Graphia verzeichnet: »Neben dem Pantheon ist der Tempel der Minerva Chalcidie.« Nicht weit davon stand ein Triumphbogen, welchen man dem Camillus zuschrieb, daher diese Gegend auch Camigliano hieß. Eine sehr alte Straße wurde ebendaselbst »zu den zwei Liebenden« benannt, woher auch ein dortiges Kloster St. Salvator ad duos amantes hieß. Seitwärts lag das Iseum, und in seinen Ruinen standen damals noch die schönen Gruppen des Nil und des Tiber, die heute im Vatikan zu sehen sind. Sie entgingen dem Untergange so glücklich wie der Marforio.

Wir bemerken noch einen Triumphbogen im Gebiet S. Marco, welcher im Mittelalter oft genannt wird. Er hieß »von der steinernen Hand«, arcus manus carneae, und stand am Eingange der heutigen Straße Macell de' Corvi (Rabenmarkt), welchen Namen man mit oder ohne Grund als eine Verstümmelung von manus carnea betrachtet. Wahrscheinlich sah man dort die Hand eines Kohortenzeichens, und die Sage berichtete, daß dies die Hand des versteinerten Henkers sei, welcher die fromme Lucina zur Zeit Diokletians gemartert hatte.

Über den Zustand des Theaters des Pompejus wissen wir nichts, aber es wird noch als Theatrum oder Templum bemerkt. Seine Ruinen, wie andere antike Gebäude dort, waren noch so beträchtlich, daß das Viertel umher schon im X. Jahrhundert »Parione« genannt wurde, wie noch heute die dortige VI. Region heißt; man bezeichnete sie auch durch eine große antike Urne, die daselbst dem Volk ins Auge fiel. Der Circus Flaminius wird noch flüchtig erwähnt und taucht später als »Goldenes Kastell« wieder auf; das Theater des Marcellus führt in Urkunden noch seinen alten Namen, obwohl es das Volk auch schon Antonini nennen mochte, und längs dem Fluß begegnen uns als bekannt die Ripa Graeca vor S. Maria in Cosmedin und die alte Marmorata.

Eine merkwürdige Urkunde vom Jahre 1018 für das Bistum Portus, dessen Jurisdiktion sich damals über die Tiberinsel und Trastevere erstreckte, hat uns die Namen einiger Tiberbrücken in jener Epoche aufbewahrt. Indem sie die Diözese Portus nach ihren Grenzen umschreibt, wird der Ausgang genommen »von der zerbrochenen Brücke, wo das Wasser geht durch die Mauer der transtiberinischen Stadt, durch das Septimianische Tor, durch das Tor St. Pancratius«, dann in die Campagna über den Fluß Arrone, ans Meer über den Leuchtturm, dann zurück, »mitten durch den großen Fluß bis nach Rom zur gebrochenen Brücke neben der Marmorata, zur Brücke S. Maria, zur Brücke der Juden mitten in den Fluß und geradeswegs mitten zur vorgenannten gebrochenen Brücke, welche die nächste ist an den katholischen Kirchen in Trastevere, St. Maria, St. Chrysogonus und St. Caecilia, dem Kloster St. Pancratius und St. Cosma und Damianus.« Hieraus ergibt sich, daß der heutige Ponte Sisto schon damals eine gebrochene Brücke war, denn von ihm wird angefangen und längs der transtiberinischen Mauer durch das Septimianische Tor fortgegangen; daß es eine zweite zertrümmerte Brücke bei der Marmorata gab, die noch heute unter dem Aventin sichtbare, im Mittelalter Probi oder Theodosii in Riparmea ( ripa marmorea) genannte; daß der heutige Ponte Rotto, jetzt eine Kettenbrücke, damals St. Mariae von einer dort noch stehenden Kirche hieß; endlich daß die jetzige Brücke quattro Capi (ehemals Fabricii) Brücke der Juden hieß, weil die Juden schon damals an ihr wohnten.

An der Palatinischen Brücke erheben sich nahe beieinander drei merkwürdige Gebäude Roms: der sogenannte Tempel der Fortuna Virilis, die Rotunde der sogenannten Vesta und der verstümmelte Brückenturm, welchen man Haus des Pilatus oder des Crescentius, selbst des Cola di Rienzo nennt. Jener erste Tempel, ein Pseudoperipteros jonischen Stils, gut erhalten, von ernster und schöner Gestalt, gehört wohl noch den Zeiten der Republik an. Dies Heiligtum der männlichen Fortuna des Servius Tullius, wie man es zu nennen für gut fand, wurde der Tradition nach schon unter Johann VIII. in eine Kirche verwandelt; es zog darin später die ägyptische Maria ein, eine schöne Sünderin, die ihr zügelloses Leben in der Einöde gebüßt hatte. Der Tempel führt jetzt ihren Namen, S. Maria Egiziaca. Auch der Vestatempel ihr gegenüber, im späteren Mittelalter Templum Sibyllae genannt, wurde in eine Kirche verwandelt, doch wissen wir nicht, zu welcher Zeit; man nennt sie S. Stefano delle Carrozze, oder S. Maria del Sole nach einem Heiligenbilde. Das sogenannte Haus des Pilatus werden wir später betrachten; alle drei Bauwerke nebst der Brücke und der S. Maria in Cosmedin machen jene Stätte zu einer der anziehendsten in Rom.

Das ist unsere Graphia der Stadt im X. Jahrhundert. Wir erkennen daraus, daß damals das Marsfeld schon stark angebaut war, daß die Hügel Quirinal, Viminal, Esquilin fortfuhren, bevölkert zu sein, daß aber an den Stadtmauern Felder und Weinberge lagen wie heute. Der Coelius, wo eine antike Straße Caput Africae jahrhundertelang fortdauerte, und der Aventin erscheinen besonders angebaut und mit Straßen bedeckt; das Gebiet um das Forum war bewohnt; die Subura dauerte fort. Das glänzendste Viertel aber war die Via Lata. Trastevere mußte auch damals gut bevölkert sein; und endlich hatte Leo IV. durch den Bau der Leonina, des sogenannten »Porticus des St. Peter«, im vatikanischen Borgo eine neue städtische Kolonie gegründet.

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