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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 161
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Langsame Rückkehr der Wissenschaften. Gregor V. Das Genie Silvesters II. ein Fremdling in Rom. Boëthius. Die italienische Geschichtschreibung im X. Jahrhundert. Benedikt vom Soracte. Der Libell von der Imperatorischen Gewalt in der Stadt Rom. Die Kataloge der Päpste. Die Vita St. Adalberts.

Das Licht der menschlichen Bildung kann indes niemals mehr verlöscht werden. Weder der Sturz des Römischen Reichs, noch die Verwüstung durch wandernde Barbaren, noch die erste fromme Wut des Christentums haben das heilige Feuer Griechenlands je auszutilgen vermocht. Die Wissenschaft scheint bisweilen in geheimen Kanälen unter der Oberfläche der Geschichte fortzuströmen, bis sie dann unvermutet irgendwo zutage kommt und scheinbar in springender Weise eine Folge von Geistern entzündet. Als die Kulturarbeit Karls wieder in Barbarei untergegangen schien, wurden plötzlich Deutschland und England Mittelpunkte eines neuen Lebens der Wissenschaft, und von Frankreich ging die Reform des Klosterwesens aus.

Odo von Cluny selbst war nicht bloß ein Heiliger wie Romuald, sondern ein gelehrter Mann, der zu Reims Philosophie, Grammatik, Musik und Poetik studiert hatte. Als er die römischen Klöster reformierte, mußte er auch um die Erneuerung der kirchlichen Wissenschaft bemüht sein; denn Studium und Schule sind Klosterpflichten, die sich mit der Ordenszucht wiederherstellen. Wir kennen zwar keine Dekrete der Päpste jener Epoche in betreff der Kloster- und Pfarrschulen, wie sie Ratherius und Atto im Lombardischen erließen, aber wir setzen sie bei den besseren Päpsten zur Zeit Alberichs voraus. Die Wissenschaften kehrten langsam in die römischen Klöster zurück; wir sahen sogar deren eins auf dem Aventin als Sammelpunkt frommer Mönche sich hervortun. Diese Schwärmer mit dem Zunamen der »Einfältige« oder der »Schweigende« widersprachen freilich jener dreisten Apologie ihres Abts Leo Simplex von dem göttlichen Rechte Roms auf die Unwissenheit keineswegs durch eigene Gelehrsamkeit, indes sie wirkten fördernd auf die ernstere Beschäftigung der Mönche ein.

Die abschreckende Finsternis Roms wurde schon im letzten Drittel des X. Jahrhunderts gebrochen. Die Reihe der Päpste desselben beschlossen endlich ein Deutscher und ein Franzose, indem sie nach langer Zeit den Lateran von der Barbarei reinigten. Wenn der gebildete Gregor V. länger und ruhiger regiert hätte, so würde er seine Reformen auch auf die wissenschaftliche Kultur gerichtet haben, und noch mehr gilt dies von Silvester II. – Gerbert in Rom ist wie eine einsame Fackel in tiefer Nacht. Das Jahrhundert der größten Unwissenheit schloß überraschend genug ein glänzendes Genie, und das XI. Säkulum eröffnete derselbe Silvester wie ein Prophet, indem er die Kreuzzüge voraussah. Rom hat freilich nur die Ehre, ihm einige unruhige Jahre zum Ort für seine Studien gedient zu haben, die hier kein Echo fanden. Wenn die Römer ihren greisen Papst betrachteten, wie er auf einem Turm des Lateran, seinem Speculum, die Sterne beschaute, wie er in seinem Gemach, von Pergamenten umgeben, geometrische Figuren zog, mit eigener Hand eine Sonnenuhr entwarf oder an einem mit Pferdeleder bezogenen astronomischen Globus studierte, so mochten sie vielleicht schon damals glauben, daß er mit dem Teufel im Bunde stehe. Ein zweiter Ptolemaeus schien die Tiara zu tragen, und die Figur Silvesters II. bezeichnet schon eine andere Periode des Mittelalters, die scholastische.

Das Verständnis der griechischen Philosophie wurde diesem Papst – und dies konnte Rom zur Ehre gereichen – durch einen der letzten alten Römer, durch Boëthius, vermittelt. Seine Übersetzungen und Kommentare von Schriften des Aristoteles und Platon wie seine Versionen der Mathematiker Archimedes, Euklides, Nikomachus hielten den Ruhm dieses Senators aufrecht. Im X. Jahrhundert glänzte er als Stern erster Größe; man las ihn so eifrig wie Terenz oder Virgil. Das Modell seines Trostbuchs erkennt man sogar in den Schriften Liutprands, der gleich ihm gerne Metra in seine Prosa mischt. Alfred der Große übersetzte dasselbe ins Angelsächsische, noch später kommentierte es Thomas von Aquino. Gerbert selbst vereinigte in sich wie Boëthius eine Menge von Talenten und Wissenschaften; er ehrte seinen Meister durch ein Lobgedicht, und es ist merkwürdig zu wissen, daß die Aufforderung dazu von Otto III. kam. Derselbe Kaiser, welcher die Leiche des Bartholomaeus von Benevent entführte und Reliquien Adalberts in seiner Basilika niederlegte, errichtete dem Philosophen Boëthius ein marmornes Denkmal zu Pavia, wofür eben Gerbert jene sehr guten Verse geschrieben zu haben scheint.

Die italienische Geschichtschreibung brachte damals noch einige Produkte hervor; in Norditalien schrieb Liutprand seine Bücher, die nicht ohne Leben und Geist sind. Venedig erzeugte seine älteste Chronik, das schätzbare Werk des Diaconus Johannes, Ministers des Pier Orseolo II.; in Kampanien entstand die Fortsetzung der Geschichte des Paul Diaconus, welche man die Chronik des Anonymus von Salerno nennt. Auch in und bei Rom wurden historische Schriften verfaßt. Eine eigentliche Chronik schrieb in der ottonischen Zeit Benedikt vom Kloster St. Andreas in Flumine unter dem Soracte. Der unwissende Mönch wollte eine Weltchronik anlegen, deren ersten Teil er aus verschiedenen Büchern zusammentrug, wie des Anastasius, Beda, Paul Diaconus, Einhard und einiger Chronisten Deutschlands und Italiens. Für die ihm naheliegende Zeit benutzte er außer der Fortsetzung des Liber Pontificalis alles, was ihm berichtet wurde, denn nur von wenigen Ereignissen war er selbst Augenzeuge. Seine Angaben sind auch da, wo er als Zeitgenosse schreibt, nur von zweifelhaftern Wert und sicherlich oft aus unreinen Quellen geschöpft. Die Chronik Benedikts bezeichnet übrigens als ein höchst barbarisches Machwerk den äußersten Grad des Verfalls, zu welchem die Sprache Ciceros herabsinken konnte. Hätte er so italienisch geschrieben, wie er selber sprach, so würde sein Buch ein wichtiges Denkmal der damaligen Lingua volgare geworden sein. Aber er wollte lateinisch schreiben und brachte deshalb ein Absurdum zustande. Seine Chronik kann daher dem Sprachforscher für die Geschichte der Entstehung des Italienischen weniger dienen als andere Schriften, namentlich als Urkunden jener Zeit. Die lateinische Sprache in dieser Chronik und etwa auch in jener des Andreas von Bergamo erinnert an die rohen kirchlichen Ornamentalskulpturen des X. und XI. Jahrhunderts, in denen jedes Blatt und jede Figur den natürlichen Umriß abgeworfen hat.

Benedikt benutzte den Traktat eines kaiserlich gesinnten Zeitgenossen »Von der Imperatorischen Gewalt in der Stadt Rom«. Diese merkwürdige Schrift verherrlicht das Imperium der Karolinger, stellt ihre Kaisergewalt über Rom dar und beklagt deren Verfall durch die Krönung Karls des Kahlen. Der Verfasser ist voll von Irrtümern, wo er von den Zuständen der Stadt vor Karl dem Großen redet, und auch sonst erregt er manchen Zweifel. Seine abgerissene Darstellung ist barbarisch, die Sprache jedoch lesbar; er war schwerlich Römer, eher ein Langobarde, welcher vielleicht im kaiserlichen Kloster Farfa oder auf dem Soracte schrieb, ehe die Reichsgewalt durch Otto I. erneuert wurde. Wenn nun diese Schrift in Farfa entstand, so war sie wohl die einzige, welche dies so arg zerrüttete Kloster im X. Jahrhundert aufzuweisen hatte; und erst nach der Wiederherstellung der Ordnung werden wir dort im XI. die literarische Bemühung des Abts Hugo und die große Tätigkeit des Gregorius von Catina preisen können.

In Rom selbst wurde das unschätzbare Buch der Päpste, welches mit dem Leben Stephans V. abgebrochen war, im X. Jahrhundert fortgesetzt, und zwar in der Form kurzer Tafeln, die man Kataloge nennt. Da nicht einmal mehr von Bauten und Weihgeschenken zu erzählen war, so verzeichnen sie nur kurz Namen, Abstammung, Regierungszeit der Päpste, mit Hinzufügung ärmlicher Berichte von einzelnen Ereignissen. Nichts zeigt so klar die Barbarei Roms im X. Jahrhundert als diese Fortsetzung des berühmten Liber Pontificalis, welcher in seine ersten Anfänge zurücksinkt.

Bald nach dem Tode Adalberts schrieb im Kloster S. Bonifazio auf Ottos Wunsch ein Mönch die Geschichte dieses Heiligen; man hält den Abt Johannes Cannaparius, einen Römer, für den Verfasser des kleinen Buchs; und so ist das bedeutendste literarische Werk Roms im X. Jahrhundert die Lebensgeschichte eines slawischen Apostels. Die Schrift ist für die Kenntnis jener Zeit brauchbar, da ihr Verfasser mit den Hauptpersonen bekannt war. Auch er zeigt sich von den Ideen Ottos III. über die Größe Roms erfüllt. In seiner Begeisterung verstieg er sich bisweilen, wie Johannes Diaconus im Leben Gregors, zu einem kühnen Fluge; er besaß freilich nicht die Kenntnisse jenes Mannes, aber seine nicht schlechte Sprache, obwohl manchmal durch biblischen Schwulst entstellt, erhebt sich weit über den Phrasenreichtum des heiligen Bruno von Querfurt, der dieselbe Lebensgeschichte Adalberts im Jahre 1004 erweitert hat.

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