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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Klagestimmen über den Fall Roms. Hieronymus. Augustinus. Folgen der Einnahme.

Als die zivilisierte Welt durch die tausend vergrößernden Stimmen des Gerüchtes den Fall der Hauptstadt der Erde vernommen hatte, erhob sich ein Klagegeschrei des Entsetzens und der Angst. Die Provinzen des Reichs, seit langen Jahrhunderten gewöhnt, Rom als die Akropolis der Kultur und das geschichtliche Pfand des Bestehens aller bürgerlichen Gesetze, ja der Welt selbst zu betrachten, sahen dieses Heiligtum plötzlich entweiht und zerstört, und indem der Glaube an die Dauer der menschlichen Ordnung dadurch erschüttert wurde, schien der allgemeine Ruin hereingebrochen zu sein, wie ihn Propheten und Sibyllen geweissagt hatten.

Der Fall Roms schreckte selbst Hieronymus aus seiner einsamen Betrachtung auf, in die er in dem fernen Bethlehem über die Prophezeiungen der Propheten Israels versunken war, und von Schmerz ergriffen schrieb er an Eustochius: »Ich hatte eben die achtzehn Bücher der Erklärung des Jesaias beendigt und schickte mich an, zum Hesekiel überzugehen, den ich dir und deiner seligen Mutter Paula oft versprochen hatte, und ich wollte die letzte Hand an mein Werk von den Propheten legen, siehe, da vernehme ich plötzlich den Tod des Pammachius und der Marcella, die Einnahme der Stadt Rom und den Hingang so vieler Brüder und Schwestern. Also verlor ich Besinnung und Stimme, so daß ich Tag und Nacht keinen anderen Gedanken faßte als den, wie allen zu helfen sei, und ich glaubte mich in der Gefangenschaft der Heiligen selbst gefangen. – Da nun aber das hellste Licht des Erdkreises verloschen, da selbst das Haupt des Römischen Reichs vom Rumpfe getrennt worden, und, um es besser zu sagen, mit der einen Stadt die ganze Welt untergegangen war, da ward ich stumm und gedemütigt; ich hatte keinen Laut für das Gute, es erneuerte sich mein Kummer, mein Herz ward heiß in mir, und in meinen Gedanken entbrannte es wie Feuerglut.«

Weiter sagte er: »Wer konnte glauben, daß Rom, welches aus den Spolien der ganzen Erde erbaut war, zusammenstürzen und daß die Stadt zugleich Wiege und Gruft ihrer Völker werden sollte, daß alle Gestade Asiens, Ägyptens und Afrikas von den Sklavinnen und Mägden Roms, der ehemaligen Herrin, sich erfüllen würden, daß das heilige Bethlehem täglich Männer und Frauen, die einst von Adel und Überfluß des Reichtums geglänzt hatten, als Bettler aufnehmen sollte?«

Hieronymus ehrte sich selbst durch diese tief empfundene Klage um das Schicksal der alten Roma, und sein Ausruf: »Meine Stimme stockt und mein Schluchzen unterbricht die Worte, die ich schreibe: die Stadt ist bezwungen, die den Erdkreis bezwang!« erfüllt den Leser noch am heutigen Tage mit Schwermut über die Nichtigkeit aller irdischen Größe. Aber die Stimmen der Römer selbst sind uns nicht mehr hörbar, darum ist es um so erschütternder, die Klage über das Los Roms aus dem Munde eines in Bethlehem einsiedelnden greisen Kirchenvaters zu vernehmen, welcher seine Seufzer an ein schwaches Mädchen, eine Nonne, richtet und das Schicksal der erlauchten Stadt mit der testamentlichen Vorstellung von Moab, Sodom und Ninive verbindet. Die Ahnung jenes großen Römers, der auf den Trümmern Karthagos den einstigen Fall Roms beweint hatte, war nun schrecklich in Erfüllung gegangen. Die Sage aber zeigt uns statt eines in dieser furchtbaren Katastrophe verzweifelnden Helden die jämmerliche Erscheinung des von Eunuchen umringten Kaisers, der in Ravenna eingeschlossen den Verlust Roms mit dem Tode eines Lieblingshuhns verwechselt, welchem er den Namen der Weltstadt beigelegt hatte.

Hieronymus erhob sich in der Leidenschaft seines Schmerzes hoch über seinen Zeitgenossen Augustin. Wenn sich in seinen Klagen noch das Bewußtsein von der alten politischen Größe Roms aussprach, so wurde das Herz des Afrikaners Augustinus durch solche Betrachtungen nicht erschüttert. Das größte Genie unter den Theologen der römischen Kirche war nur vom Enthusiasmus für den Sieg des Christentums trunken, und wir haben keinen Grund, einen solchen Mann zu tadeln, weil er Rom mit Gleichgültigkeit fallen sah. Er hielt das Reich der Römer mit all seiner weltgebietenden Majestät, mit all seinen Gesetzen, seiner Literatur und Philosophie, nur für das fluchwürdige Werk teuflischer Dämonen. Er sah in Rom nur Babylon, die Burg des frevelvollen Heidentums, stürzen und beklagte bei diesem Ruin nur die Erschütterung der davon äußerlich mit betroffenen Kirche, die Flucht und den Tod seiner christlichen Brüder und Schwestern. Er schrieb ihnen einen tröstlichen Traktat, worin er ausrief: »Warum schonte Gott die Stadt nicht? Gab es denn in Rom nicht fünfzig Gerechte unter so viel Getreuen, Klosterbrüdern, Enthaltsamen, unter solcher Menge von Knechten und Mägden Gottes.« Indem er an den Untergang Sodoms erinnerte, freute er sich, zu erkennen, daß Gott, welcher diese Stadt gänzlich vernichtete, Rom nur gezüchtigt habe; denn von Sodom rettete sich keiner, aus Rom aber entwichen viele, um wieder heimzukehren, viele verblieben und fanden in den Kirchen ein Asyl. Augustinus mahnte die gedemütigten Enkel der Scipionen wunderlich genug an die weit größeren Leiden Hiobs; indem er ihnen sagte, daß alle Pein nur zeitlich sei, suchte er ihr Unglück durch die Vorstellung von den Qualen der Verdammten in Gehenna zu mildern. Er schrieb seinen Traktat »Vom Fall der Stadt« und sein berühmtes Werk »Von der Gottesstadt« als Apologie des Christentums gegen die wiederholten Vorwürfe der Heiden, welche die Schuld dieser unausbleiblichen Katastrophe mit Unrecht der christlichen Religion beimaßen, aber doch Gelegenheit genug hatten, in den Deklamationen der Bischöfe offene Schadenfreude über den nahen Sturz der erhabenen Stadt zu finden. Diese Priester verhehlten ihren Haß gegen »Sodom und Babylon« so wenig, daß sich Orosius zu dem Bedauern hatte hinreißen lassen, daß Rom nicht durch die Barbaren des Radagaisus erobert worden sei. Mit dem Sturze der alten Götter, mit dem Falle der Victoria und der Virtus, so sagten jene Heiden, sei die römische Tugend entwichen, und das Kreuz Christi habe sich mit dem Schwert der Barbaren zum Untergange Roms und des Reichs verschworen. Um diese Anschuldigungen zu entkräften, verfaßte Augustinus jene Schriften, in denen ihm die Katastrophe Roms willkommene Texte für schwungvolle Strafpredigten und für hohe Betrachtungen über die göttliche Regierung des Menschengeschlechtes darbot. Er sagte den Heiden, daß sich unter denen, welche frech und unverschämt die Bekenner Christi anklagten, gerade diejenigen befänden, welche dem Tode nicht entgangen wären, wenn sie sich nicht als Christen ausgegeben hätten; denn was die Stadt an Schonung erfahren habe, das sei ihr durch die Gnade Christi zuteil geworden, und was während der Plünderung an Greueln jeder Art verübt worden, das sei nur die gewöhnliche Folge der Kriegsereignisse gewesen.

Das Los der Römer war furchtbar und bejammernswert. Der politische Nimbus der ewigen Stadt war für immer ausgelöscht. Nachdem sie den ersten Fall getan hatte, mußte sie nach den Gesetzen der Dinge immer tiefer stürzen, und der Philosoph jener Tage konnte das schreckliche Dunkel kommender Jahrhunderte voraussehen, wo Rom, in seine Trümmer zurückgesunken, nichts mehr war als eine Totenstätte, auf welcher zwischen umgestürzten Kaiserbildern statt des Thrones des Imperators der Stuhl eines Bischofs stand. Die Aristokratie, mit den uralten Einrichtungen des öffentlichen Lebens verzweigt, die herkömmliche Stütze der Stadt und des Staats, war aus Rom entwurzelt und über die Provinzen der Welt zerstreut. Plötzlich aus dem Besitz ihrer Reichtümer in bettelhafte Entblößung verstoßen, entsetzten die Sprößlinge der berühmten, edlen Geschlechter die fernsten Länder des Reichs durch den kläglichen Anblick ihres hoffnungslosen Elends.

»Es gibt keinen Ort«, so schrieb Hieronymus, »der nicht römische Flüchtlinge birgt.« Viele suchten über Meer im fernen Orient ein Obdach, viele schifften nach Afrika, wo sie Familienbesitzungen hatten; aber der dortige Statthalter Graf Heraklian, der Henker Stilichos, empfing die senatorischen Jungfrauen Roms, um sie an syrische Aufkäufer in die Sklaverei zu verhandeln. Glücklicher als diese versprengten Römer und Italiener konnten solche Flüchtlinge sein, die sich auf die Inseln des Tyrrhenischen Meeres gerettet hatten, wie nach Korsika und Sardinien und selbst nach dem kleinen Igilium, der heutigen Inselklippe Giglio. Rutilius von Namaz sandte ihr im Vorüberschiffen einen dankbaren Gruß zu, weil sie die dorthin geflüchteten Römer, »Rom so nahe und den Goten doch so fern«, geborgen habe.

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