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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 158
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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5. Anfang des Pontifikats Silvesters II. Eine Schenkung Ottos III. Erste Ahnung der Kreuzzüge. Ungarn wird römische Kirchenprovinz. Otto III. auf dem Aventin. Sein Mystizismus. Er kehrt nach Deutschland zurück. Er kommt wieder nach Italien im Jahre 1000. Schwierige Lage Silvesters II. Die Basilika St. Adalberts auf der Tiberinsel.

Silvester II. zeigte unterdes, in welchem Geist er Papst sein wollte. Der französische König Robert wurde gezwungen, einer unkanonischen Ehe zu entsagen, der rebellische Lombarde Arduin in den Bann getan; den Bischöfen ward geschrieben, daß der neue Papst entschlossen sei, Simonie und Unzucht schonungslos zu bestrafen, damit sich das bischöfliche Amt wieder fleckenlos über die Gewalt der Könige erhebe, welche von jenem so weit überstrahlt werde wie das gemeine Blei vom Glanz des Goldes. Silvester fand bei Otto die bereitwilligste Unterstützung, wo es galt, die von Gregor V. erstrebte Kirchenreform durchzuführen; er bedurfte seiner für diesen edlen Zweck, wie um sich selbst in Rom zu behaupten. Während er für das Papsttum eine neue Weltherrschaft zu gründen beschloß, fand er neben sich einen jungen, ruhmbegierigen, vom Ideal alter Herrlichkeit berauschten Kaiser, der eine neue Ära des Reichs von sich selbst zu datieren hoffte. Das Verhältnis des weltklugen Meisters und seines romantischen Zöglings ist deshalb höchst merkwürdig, denn im Grunde erklärten sich ihre Ideen den Krieg. Otto III. fühlte wohl, daß er Kaiser sei, daß er zwei Päpste gemacht habe und auf der Bahn seines Großvaters vorgehen müsse. Er sprach diese Grundsätze aus, als er dem Papst huldvoll acht Grafschaften der Romagna schenkte, welche die Kirche beanspruchte. Er erklärte, daß Rom das Haupt der Welt, die römische Kirche die Mutter der Christenheit sei, aber daß die Päpste selbst ihren Glanz geschmälert, indem sie Kirchengüter für Geld verschleudert hätten. Er sagte ferner, daß bei der Verwirrung des Rechtszustandes Päpste auf Grund der falschen Schenkung Constantins sich Teile des Reiches angemaßt und daß man eine ebenso falsche Schenkung Karls des Kahlen erfunden habe. Er verachte diese Erdichtungen, aber er schenke seinem Lehrer, den er zum Papst gemacht, die Komitate Pesaro, Fano, Sinigaglia, Ancona, Fossombrone, Cagli, Jesi und Osimo. Diese Erklärung, die ihm wohl ernste Männer, seine Kanzler, eingegeben hatten, zeigte ein kaiserliches Bewußtsein, welches Silvester in Furcht setzen konnte.

Er hütete sich, die Lieblingsträume des edlen Jünglings zu zerstören; denn als Otto seinen Lehrer zum Papst erhob, hoffte er an ihm den Förderer seiner Ideen zu finden, und nur der Tod bewahrte ihn vor seiner schmerzlichsten Enttäuschung. Silvester gedachte, diesen jungen Schwärmer zu erziehen, den Kirchenstaat aber durch ihn völlig herzustellen. Er billigte den Vorsatz der bleibenden Residenz des Kaisers in Rom, weil sie ihm Ruhe vor den Rebellen geben mußte. Er schmeichelte Otto auf jede Weise; er sei der Weltmonarch, welchem Italien und Deutschland, Frankreich und das Slawenland gehorchten, weiser als die Griechen, selbst griechischen Stammes; so entzündete er die Phantasie des Jünglings, der zu gleicher Zeit im Banne des Altertums und des Mönchtums lag.

Durch hohe Bildung über seine Zeit erhaben, teilte indes auch Silvester II. manche ihrer Richtungen, weil er ihr Sohn war. Es ist sehr merkwürdig, daß von ihm der erste Aufruf an die Christenheit zur Befreiung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigen erlassen wurde. Die Kirche und das Reich feierten damals neue Triumphe: den Verlust Bulgariens ersetzten bekehrte Sarmaten; Polen ward römisch, die wilden Ungarn, noch vor kurzem die furchtbarsten Verwüster Italiens, dann durch deutsche Waffen gebändigt, unterwarfen sich dem römischen Kultus und deutschen Institutionen in Kirche und Staat. Anastasius oder Astarik, der Gesandte ihres klugen Fürsten Stephan, erschien vor Silvester, von ihm das bekehrte Ungarn durch die königliche Würde belohnen zu lassen. Der Papst legte mit Freuden eine Krone in die Hände des Gesandten; dies geschah mit Ottos Willen, der einem gehofften Vasallen des Reichs das Königtum gab, aber indem sich dieser in Rom die päpstliche Weihe holte, schien seine königliche Würde aus der Macht der Kirche zu fließen; der Papst, welcher schon das Recht besaß, den Kaiser zu krönen, verlieh zum erstenmal auch einem fremden Fürsten wie ein Geschenk Petri das Diadem. Seither beherbergte die Stadt auch friedliche Magyaren, für welche Stephan am St. Peter ein Pilgerhaus gründete, während er zugleich ein ungarisches Priesterseminar stiftete, welches heute mit dem Collegium Germanicum vereinigt ist. Noch jetzt verehrt man den ersten Ungarnkönig in seiner Kirche S. Stefano degli Ungari am St. Peter, wo ehemals das Pilgerhaus stand; die Ungarnkirche aber ist S. Stefano in Piscinula in der Region Parione, wo jenes alte, dem Protomartyr Stephan geweihte Kollegiat gestanden haben soll.

Die Bekehrung Ungarns war eine Wirkung der Mission Adalberts, welchen Otto als seinen Schutzpatron zu vergöttern begann. Er liebte das Kloster auf dem Aventin, wo der Heilige gelebt hatte, er vermehrte dessen Güter und schenkte sogar zu einer Altardecke seinen eigenen, mit apokalyptischen Figuren gezierten Krönungsmantel. In einem Gebäude neben diesem Kloster richtete er seine Hofburg ein und datierte einige Urkunden von hier aus dem »Palast beim Kloster«. Kein Hügel Roms war damals belebter als der jetzt so ganz verödete Aventin; außer den Klöstern Santa Maria, S. Bonifazio und der Hofburg, die von Heiligen und vornehmen Gästen nicht leer wurde, gab es dort viele schöne Paläste, und die Luft galt für besonders gesund.

Während sich Otto die altrömischen Triumphatornamen Italicus, Saxonicus, Romanus beilegte, nannte er sich zugleich Knecht Jesu Christi und der Apostel; er bekannte als seine erhabenste Aufgabe, die Kirche Gottes zusammen mit dem Reich und der Republik des römischen Volkes blühen zu machen. Von solchen Ideen begeistert, versank er von Zeit zu Zeit in mystische Schwärmerei. Griechenland und Rom erhoben seine Seele ins Reich der Ideale, aber die Mönche umstrickten sie wieder und zogen sie in den Bann ihres Klosterglaubens herab: so schwankte der phantastische Geist des kaiserlichen Jünglings zwischen dem Cäsarwahn und der Weltentsagung des Büßers hin und her. Er verschloß sich vierzehn Tage lang mit Franko, dem jungen Bischof von Worms, in eine Eremitenzelle bei S. Clemente in Rom; dann zog er im Sommer nach Benevent und kasteite sich wieder zu Subiaco im Kloster St. Benedikts. Sodann ging er nach Farfa, begleitet vom Papst, von römischen Großen und seinem Günstlinge Hugo von Tuszien; willens, nach Deutschland heimzukehren, scheint er dort Bestimmungen über die Verwaltung Italiens während seiner Abwesenheit getroffen und Hugo zu seinem Vizekönig ernannt zu haben. Durch das Hinscheiden seiner Tante Mathilde, welche während seiner Abwesenheit mit Kraft und Klugheit die Regierung in Deutschland geführt hatte, durch den Tod Frankos in Rom betrübt, noch trauernd um Adalbert und Gregor V., verließ Otto krank die ewige Stadt im Dezember 999, und bald sollte er auch den Tod seiner Großmutter, der Kaiserin Adelheid, erfahren. Die Angelegenheiten Deutschlands riefen ihn; das gefürchtete Jahr 1000 war nahe, und er hatte eine Wallfahrt zum Grabe Adalberts gelobt. Mit sich nahm er mehrere Römer, auch den Patricius Ziazo und einige Kardinäle, während Silvester voll Furcht in Rom zurückblieb. Der Papst sandte ihm noch ein Schreiben nach, ihn zur Rückkehr zu bewegen. »Mich ergreift«, so antwortete ihm Otto, »ehrfürchtige Liebe zu dir, aber die Notwendigkeit zwingt mich, und die Luft Italiens ist meiner körperlichen Konstitution feindlich. Ich scheide bloß mit dem Leibe, mit dem Geiste bleibe ich immer bei dir, und zum Schutz lasse ich dir die Fürsten Italiens zurück.«

Der Besieger des Crescentius, der Hersteller des Papsttums, der Erneuerer des Römerreichs wurde von den Völkern jenseits der Alpen mit Staunen begrüßt. Von den Festen Regensburgs eilte er nach Gnesen, stiftete hier das Erzbistum Polens und zog dann weiter nach Aachen. Dort in der Münstergruft lag Karl bestattet, der Gründer des Römischen Reichs germanischer Nation, welchem der junge Phantast gleich zu werden trachtete. Beim Anblick der Reste des großen Mannes wurde er sich nicht bewußt, daß er selbst die Bahn verlassen hatte, welche von diesem den Königen Deutschlands vorgeschrieben worden war.

Schon im Juni kehrte Otto nach Italien zurück. Das tausendste Jahr des christlichen Zeitalters war erschienen, ohne daß die Welt, wie es die abergläubische Menschheit erwartet hatte, unterging. Das elfte Jahrhundert sollte vielmehr den Völkern eher segensreich als verderblich sein. Während Otto den Sommer in der Lombardei zubrachte, regte sich in Rom der rebellische Geist wieder; die Sabina trotzte dem Papst; in Horta, wohin dieser gegangen war, die Rechte der Kirche wahrzunehmen, bedrohte ihn ein Aufstand und nötigte ihn zur Flucht nach Rom. Dringend forderte er den jungen Kaiser zur Rückkehr auf. Otto, welchen Gregor von Tusculum von den gefährlichen Zuständen in der Stadt benachrichtigt hatte, zog hier an der Spitze eines Heers im Oktober ein; deutsche Bischöfe, die Herzöge Heinrich von Bayern, Otto von Niederlothringen und Hugo von Tuszien begleiteten ihn. Er bezog seine Burg auf dem Aventin, und hier beschloß er, sich für immer seine Residenz einzurichten. Jetzt ließ er auch durch den Bischof von Portus, in dessen Sprengel die Tiberinsel gehörte, die Basilika einweihen, welche er dort zu Ehren St. Adalberts hatte bauen lassen. Diesem von ihm vergötterten Märtyrer hätte er gerne in aller Welt Tempel errichtet wie der Kaiser Hadrian seinem Liebling Antinous. In Ravenna, in Aachen und dort in Rom stiftete er ihm Kirchen. Vielleicht war die Nähe des Aventin der Grund, welcher Otto bewogen hatte, das Tibereiland zum Sitz des Kultus seines Heiligen auszuwählen. Im Aventinischen Kloster hatte dieser gewohnt, und von der Aventinischen Burg konnte der junge Kaiser auf die Basilika niederblicken. Es bestanden damals wohl noch Reste des Tempels des Äskulap auf jener, im Altertum diesem Gott geweihten Insel, und aus ihnen wurde die Kirche gebaut. Der Göttersohn Äskulap erhielt demnach einen Nachfolger in dem heiligen Barbaren Woytech oder Adalbert. Wenn man dort durch den kleinen Klostergarten zum Fluß hinabsteigt, dessen Ufer Binsen umkränzen, sieht man noch die Überbleibsel der Travertinmauern, die einst der Insel die Gestalt eines Schiffes gegeben hatten, und auch das steinerne Bild eines Schlangenstabes, welches daran erinnert, daß die Tiberinsel von der heiligen Schlange aus Epidaurus Insula serpentis Epidaurii genannt worden war.

Für die Kirche seines Heiligen suchte Otto Reliquienschätze aufzutreiben. Von der Stadt Benevent forderte er die Leiche des Apostels Bartholomaeus, aber die Bürger betrogen ihn, so erzählt die Sage, mit den Gebeinen des Paulinus von Nola, und diese führte Otto nach Rom, wo sie als Reste des Bartholomaeus beigesetzt wurden. Als er später den frommen Betrug erfuhr, wollte er ihn an Benevent rächen, doch dies unterblieb. Die von ihm gestiftete Kirche erhielt und führte auch eine Zeitlang den Titel St. Adalbert und Paulinus; aber die barbarische Abkunft ließ den Böhmen in Rom nicht heimisch werden, wo er nur durch einen Akt kaiserlicher Diktatur in den Stadtkultus eingeführt worden war. Die Römer wollten bald nichts mehr von ihm wissen; sie behaupteten vielmehr, daß in jener Basilika der Apostel Bartholomaeus wirklich beigesetzt sei, und so nannten sie dieselbe nach ihm. Als Paschalis II. im Jahre 1113 die Kirche herstellte, wurde in der Inschrift, welche noch heute dort über dem Eingang zu lesen ist, St. Adalberts nicht mehr erwähnt.

Diese Basilika ist das einzige Denkmal Ottos III. in Rom. Sie hat manche Veränderung erlitten, aber ihr Glockenturm und die vierzehn Granitsäulen ihrer Schiffe stammen noch aus der ottonischen Zeit her.

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