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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 153
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Die Herrschaft des Crescentius in Rom. Otto rückt gegen die Stadt. Schreckliches Schicksal des Gegenpapsts. Crescentius verteidigt sich in der Engelsburg. Verschiedene Berichte über sein Ende. Der Mons Malus oder Monte Mario. Grabschrift auf Crescentius.

Wenn damals ein kühner Mann auf dem griechischen Throne gesessen hätte, so würde er es gewagt haben, um den Besitz Roms zu kämpfen. Jedoch Basilius und Constantin schleppten die Last ihrer Herrschaft ruhmlos durch ungewöhnlich lange Jahre hin, und Italien blieb vor einer wiederholten Invasion der Byzantiner bewahrt. Aus Kalabrien zog kein Heer nach Rom, noch erschien eine Flotte in der Tibermündung, und Philagathus bereute bald, der Warnung seines heiligen Landsmannes Nilus nicht Gehör gegeben zu haben. Gregor V. verachtete den Räuber seines Stuhls, und alle Bischöfe Italiens, Deutschlands und Frankreichs schleuderten den Bann auf das Haupt des falschen Griechen. Indes, die Römer anerkannten ihn als Papst, da die kaiserliche Partei vom Terrorismus der Usurpatoren erdrückt war: selbst die Campagna gehorchte ihm; in den Sabinischen Bergen hausten des Crescentius Verwandte, der Graf Benedikt, Gemahl der Theodoranda, und seine Söhne Johannes und Crescentius, welche die Herrschaft des Vetters benutzten, um Güter des kaiserlichen Klosters Farfa an sich zu reißen, wo Hugo Abt war, ein später durch Verdienste ausgezeichneter Mann, der sich jedoch nicht gescheut hatte, vom Papst Gregor seine Würde mit Geld zu erkaufen.

Die Usurpatoren mußten sich sagen, daß die Anstalten ihrer Verteidigung unzureichend seien. Und schon kam Otto III. am Ende des Jahrs 997 die Alpen herab, so lange durch Kriege mit den Slawen in Deutschland aufgehalten. Sein Vetter Gregor trat ihm in Pavia als Vertriebener entgegen; sie feierten dort das Weihnachtsfest, gingen nach Cremona, dann nach Ravenna und nach Rom. Ihre Scharen konnte jener Mönch Benedikt, wenn er noch lebte, am Soracte vorüberziehen sehen und neue Klagen über das Los der unglücklichen Roma anstimmen.

Als sich Otto gegen das Ende des Februar 998 vor der Stadt befand, sah er ihre Tore offen, die Mauern unverteidigt; nur die Engelsburg war von Crescentius und den Seinen besetzt, welche in diesem Kastell oder Grabmal dem Tode zu trotzen gedachten. Hier zeigte das römische Volk, daß es sein Schicksal verdiente; es durfte sich nicht einmal der Verteidigung der Stadt unter Belisar erinnern, sondern nur an die Zeit Alberichs denken, um sich zu sagen, daß auch jetzt ein gleicher Sieg möglich war. Aber die Römer waren von Parteien zerrissen und ein großer Teil des Klerus und Adels kaiserlich gesinnt. Bestürzt floh Philagathus in die Campagna; er verbarg sich dort in einem Turm, um zu Land oder See die Griechen zu erreichen. Die kaiserlichen Reiter holten ihn ein. Mit barbarischer Wut schnitt man dem falschen Papst Nase, Zunge, Ohren ab, riß ihm die Augen aus, schleppte ihn nach Rom und warf den Unglücklichen in eine Klosterzelle. Otto, ohne Hindernis in die Stadt eingezogen, forderte Crescentius auf, die Waffen zu strecken, und da er eine trotzige Antwort erhielt, verschob er die Erstürmung der Burg. Ruhig hielt er Gerichtstage im Lateran und stellte Urkunden für Klöster und Kirchen aus, während der Papst den Wunden des Philagathus einige Zeit zum Heilen ließ. Er berief im Monat März ein Konzil im Lateran; die schreckliche Gestalt des verstümmelten Gegenpapsts zeigte sich hier den Blicken der Bischöfe, und der Anblick seines Elends hätte selbst Sarazenen erweichen müssen. Philagathus wurde aller seiner Würden entsetzt; unter rohen Mißhandlungen riß man ihm die Papstgewänder, in denen er hatte erscheinen müssen, vom Leibe herab; man setzte ihn verkehrt auf einen räudigen Esel, und während der Herold vor ihm her ausrief, daß dies Johannes sei, der sich erfrecht habe, den Papst zu spielen, führte man ihn unter dem Geschrei des Pöbels durch Rom, worauf er im Kerker verschwand. Nichts bezeichnet den Zustand der Menschen besser als die Weise, mit welcher sie ihre Tugenden belohnen und ihre Verbrechen bestrafen, und nachdem wir einige grelle Beispiele der letzten Art aufgestellt haben, läßt sich leicht ein Urteil über die Gesellschaft des X. Jahrhunderts fällen. Wenn es wahr ist, daß damals der Abt Nilus seinen unglücklichen Landsmann zu retten suchte, so muß diese Handlung sein Andenken ehren. Seine Lebensbeschreibung erzählt davon: der fast neunzigjährige Greis ging nach Rom, Philagathus loszubitten, aber die Wünsche des Heiligen wurden nicht erhört, sondern nachdem sein Schützling jene grausame Strafe erlitten, wandte sich Nilus hinweg, nicht ohne zuvor dem Kaiser und dem Papst den Fluch des Himmels zu weissagen, der ihr mitleidloses Herz unfehlbar treffen würde.

Der eigentliche Urheber der Revolution trotzte noch in der Engelsburg. Hier befand sich Crescentius ohne Aussicht auf Rettung, es sei denn durch die Flucht, die er verschmäht zu haben scheint. Verlassen in Rom, wo das Volk ihn sofort verleugnete, um den Zuschauer einer der blutigsten Tragödien zu machen, während die kaiserlich gesinnten Römer ihn gemeinsam mit den Deutschen angriffen; von den Baronen des Landgebiets nicht unterstützt, wo seine sabinischen Vettern abwartend in ihren Burgen lagen, sah er kein anderes Heil als in den Schwertern der getreuen Freunde, die sich mit ihm eingeschlossen hatten und mit ihm zu sterben bereit waren. Denn obwohl sein Ende vorauszusehen war, wurde er doch nicht von den Seinigen verraten, sondern sein Untergang erhöhte nach einer kurzen, aber tapferen Verteidigung den Ruhm seines Namens, welchen das Volk für lange Zeit der Engelsburg anheftete. Dies berühmte Kaisergrab, schon an sich selbst stark wie ein Turm, war im Lauf der Zeit zum Kastell geworden, und schon in der Epoche Karls des Großen wurden auf den Mauern, die von ihm zum Flusse fortgingen, sechs Türme und hundertvierundsechzig Zinnen gezählt. Crescentius hatte diese Befestigungen außerdem vermehrt. Das Grabmal galt als uneinnehmbar; die Kunde von seiner Verteidigung durch die Griechen mußte sich noch erhalten haben, die Flucht König Hugos aus ihm war in aller Gedächtnis, wie daß es jahrelang die Burg des unbesiegten Alberich gewesen, und seit den Goten war überhaupt dies Monument niemals erobert worden. Siegreich schlug Crescentius einige Stürme ab, und Otto war gezwungen, das Grab nach allen Regeln der Kunst belagern zu lassen.

Er übertrug diese Belagerung dem Markgrafen Eckhard von Meißen, der sodann nach dem Sonntag in Albis zum Sturme schritt. Crescentius hielt sich mannhaft einige Zeit. Aber die großen hölzernen Türme und Maschinen, welche die Deutschen gebaut hatten, erschütterten die Burg und den Glauben an ihre Uneinnehmbarkeit. Das Ende des Crescentius ist mit Sagen ausgeschmückt worden. Man erzählte sich sogar, daß er, am längeren Widerstande verzweifelnd, in eine Kapuze vermummt, heimlich in den Palast Ottos kam und zu seinen Füßen um Gnade bat. »Warum« so sagte hierauf der junge Kaiser zu den Seinigen, »habt ihr den Fürsten der Römer, welcher Kaiser, Päpste und Gesetze macht, in die Wohnung der Sachsen eingelassen? Führt ihn auf den Thron seiner Erhabenheit zurück, bis wir ihm einen seiner Titel würdigen Empfang bereiten.« Crescentius, nach der Burg zurückgekehrt, habe sich nun tapfer verteidigt, bis sie erstürmt ward, worauf der Kaiser den Gefangenen vor aller Augen von den Zinnen herabzustürzen befahl, damit nicht die Römer sagten, er habe ihnen ihren Fürsten heimlich geraubt. Eine andere Sage erzählt, Crescentius sei auf der Flucht gefangen, verkehrt auf einem Esel durch die Straßen Roms geführt, Glied für Glied verstümmelt und zuletzt vor der Stadt gehenkt worden. Es fehlte auch nicht an Stimmen, die seinen Fall dem schimpflichsten Treubruche von seiten Ottos zuschrieben. Man erzählte, der Kaiser habe ihm durch seinen Ritter Tammus Sicherheit zugesagt und ihn dann, als er sich in seine Gewalt gegeben, als Majestätsverbrecher hinrichten lassen. Die Wahrscheinlichkeit dieses Treubruchs wurde durch den Übertritt des Tammus zum Mönchstum und durch einige Bußübungen Ottos unterstützt, aber er kann nicht erwiesen werden. Der Widerstand des Crescentius war hoffnungslos und der Kaiser keineswegs genötigt, den Fall der Engelsburg durch so unritterlichen Verrat zu erkaufen. Es mag indes begründet sein, daß der Konsul der Römer zur Kapitulation gezwungen wurde; entweder ergab er sich auf Gnade und Ungnade, oder er streckte mit Wunden bedeckt die Waffen vor den Zusagen der Feldhauptleute, die dann der Kaiser nicht bestätigte. Crescentius, ehedem von diesem begnadigt, hatte seinen Eid gebrochen, den Papst verjagt, den Gegenpapst aufgestellt, mit den Byzantinern unterhandelt: er wußte demnach, daß sein Leben verfallen war.

Das Kastell wurde am 29. April 998 mit Sturm genommen, Crescentius auf den Zinnen der Engelsburg enthauptet, dann hinabgestürzt und endlich an einem Galgen unter dem Monte Mario ausgesetzt. Wenn die italienischen Chronisten erzählen, daß man ihm zuvor die Augen ausriß, die Glieder verstümmelte, ihn auf einer Kuhhaut durch die Gassen der Stadt schleifte, so werden wir nicht den leisesten Versuch machen, zu zweifeln, ob eine solche Roheit für die Nerven Ottos III. und Gregors V. zu angreifend war, da sie die grausamen Mißhandlungen des Gegenpapsts ruhig ertragen hatten. Die Römer konnten nur mit Haß auf jenen Galgen am Monte Mario blicken, dem Berge der nordischen Romfahrer, welcher sich über Ponte Molle wie ein Monument der Geschichte des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation erhebt. Zu Füßen dieses Höhenzuges, über den die alte Via Triumphalis fortzog, lag das Neronische Feld ( campus Neronis), wo das kaiserliche Heer seine Zelte aufgeschlagen hatte; hier hingen Crescentius und zwölf gleich ihm gerichtete Römer, die Regionenkapitäne der Stadt, furchtbare Spolien der verhaßten Fremdherrschaft. Ein Chronist leitet sogar den Zunamen des Berges von diesem für die Deutschen glücklichen Ereignis ab; er heiße davon Mons Gaudii, der Freudenberg; von den Römern aber werde er Mons Malus genannt. Ein anderer zeigt uns die unselige Gemahlin des Crescentius in den Armen roher Kriegsknechte, denen sie als Beute überlassen blieb, aber dies ist Erfindung des römischen Nationalhasses, und bald mußte Stephania in einer ganz anderen sagenhaften Gestalt als Geliebte des Bezwingers ihres Gemahles auftreten. Wir sehen mit mehr Wahrscheinlichkeit die unglückliche Matrone die Leiche des Gerichteten vom Kaiser Otto losbitten und ihr dann unter dem Geleit trauernder Freunde ein christliches Begräbnis geben. Wenn die Römer Grund hatten, den Tod ihres Helden dem Treubruch zuzuschreiben, so wählten sie mit Absicht zum Ort seiner Bestattung die Kirche des St. Pancratius auf dem Janiculus, des Hüters der Schwüre und des Rächers der Meineide seit alter Zeit.

Sie klagten lange um den unglücklichen Crescentius; es ist nicht ohne Ursache, daß sich seither in Urkunden der Stadt bis tief ins XI. Jahrhundert hinein sein Name so auffallend oft wiederfindet; man gab ihn den Söhnen vieler Familien offenbar als Erinnerung an den kühnen Kämpfer um die Freiheit Roms. Man schrieb ihm aufs Grab eine Inschrift, die sich erhalten hat; eine der besten und merkwürdigsten des römischen Mittelalters, von dem schwermütigen Geist der Vergänglichkeit durchhaucht, wie ihn die Trümmerwelt der ewigen Stadt um sich verbreitet.

Wurm im Moder, o Mensch, was strebst du nach goldener Wohnung?
Hier wohl wohnst du dich ein, aber in engerem Schrein.
Der im Glücke so herrlich ob Roma der ganzen gewaltet,
Hier mit dem Winkel begnügt jetzt er sich dürftig und klein.
Wie war schön von Gestalt Crescentius, Herrscher und Herzog,
Sprosse, gewachsen am Stamm hohen erlaubten Geschlechts.
Mächtig war Tyberis Land, da jener noch lebte, und wieder
Stand es dem waltenden Papst ruhig und stille zu Recht.
Denn ihm drehte das Spiel der Fortuna am Leben das Rad um,
Und ihm hat es zuletzt grausiges Ende bestimmt.
Wer auch immer du nahst, das wechselnde Leben noch atmend,
Seufze nur, seufze ihm zu, ihm ja Genosse bist du.
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