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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 152
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Verurteilung der römischen Rebellen. Crescentius wird begnadigt. Adalbert muß Rom verlassen. Sein Märtyrertod. Otto III. verläßt Rom. Aufstand der Römer. Kampf der Stadt gegen Papsttum und Kaisertum. Crescentius verjagt Gregor V. Umwälzung in Rom. Crescentius erhebt Johann XVI. auf den Päpstlichen Stuhl.

Am 25. Mai 996 versammelten Otto und Gregor eine Synode beider Nationen im St. Peter, welche wie frühere Konzile den Charakter eines Gerichtshofes annahm. Nach der Einsetzung eines Papsts aus kaiserlichem Geschlecht sollte die Stadt durch die vereinigte Kraft beider Gewalten gebändigt werden, damit sie dem großen Plane der Wiederherstellung des christlichen Weltreichs kein Hindernis bereite. Die rebellischen Römer, welche Johann XV. vertrieben hatten, wurden vorgeladen, aber ihre Unterwerfung sowohl unter diesen Papst, den sie doch in die Stadt wieder aufgenommen, als unter den Willen Ottos, aus dessen Händen sie den Nachfolger ruhig empfangen hatten, milderte das Urteil der Richter. Die Majestät der jungen Idealisten ließ sich nicht zu den gehässigen Maßregeln der Furcht herab: kein Römer wurde mit dem Tode, nur einige Häupter des Volks, unter ihnen Crescentius, wurden mit Verbannung bestraft. Aber der ans Herrschen nicht gewöhnte edle Sinn Gregors V. bebte selbst vor dieser Strafe zurück, und Rom durch Milde zu gewinnen, erbat er ihre völlige Nachlassung von dem gleich versöhnlichen jungen Kaiser. Crescentius leistete den Untertaneneid und blieb als Privatmann in Rom; doch diese unpolitische Nachsicht machte nur dem Herzen Gregors und Ottos, nicht ihrem Verstande Ehre.

Ein Rebell entging dem Lose der Verbannung unter die Barbaren, welches die Römer selbst des X. Jahrhunderts noch immer dem Tode gleichachteten, aber dies fürchterliche Schicksal traf einen Heiligen. Adalbert verweilte noch immer als Mönch im Kloster S. Bonifazio; jetzt vom Herzog der Böhmen und dem Mainzer Erzbischof wieder zurückgefordert, wurde er nochmals gezwungen, in sein verwaistes Bistum heimzukehren. Die schwärmerische Ehrfurcht, die ihm der junge Kaiser in Rom bewies, schützte ihn nicht vor diesem peinlichen Beschluß. Von seinem treuen Bruder Gaudentius begleitet, wandte er sich unter vielen Tränen nach dem barbarischen Norden zurück. Dort fühlte er sich so wenig heimisch als sein Freund Otto, von dessen idealistischer Natur er das auffallende Abbild im Mönchsgewande war: beide, der Sachse und der Böhme, liebten Rom mit einer tiefen, dämonischen Leidenschaft. Sein Bistum Prag blieb dem ruhelosen Adalbert verhaßt; nachdem er sich eine Zeitlang in Mainz, darin in Tours aufgehalten hatte, suchte er endlich den Märtyrertod unter den wilden Preußen. Er fand ihn am 23. April 997. Seine Leiche wurde vom Polenherzog Boleslaw mit Gold aufgewogen und im Dom zu Gnesen beigesetzt, wo der »Apostel der Polen« seinen ersten Kultus erhielt, und noch heute verehrt man ihn in Rom als Missionar jenes Volks. Sein Andenken erhielt sich im Kloster S. Bonifazio; aus dieser aventinischen Abtei zogen wie aus einer Märtyrerkolonie, durch sein Beispiel angefeuert, einige kühne Apostel in die Wildnisse der Slawen aus. Unter ihnen glänzte Gaudentius als der erste Bischof der seinem Bruder geweihten Kirche in Gnesen; dann Anastasius, welcher ehedem Adalbert nach Böhmen begleitet hatte, hierauf Freund und Rat des ersten Ungarnkönigs Stephan wurde und als erster Erzbischof der Magyaren in Kolocza starb; endlich Bonifatius, ein Verwandter Ottos III., der im Jahre 996 die Kutte in Rom nahm und später den Preußen und Russen das Evangelium predigte.

Unterdes kehrte Otto III., nachdem er in der ewigen Stadt sein Tribunal aufgeschlagen und sie durch eine Amnestie beruhigt hatte, am Anfange des Juni als Kaiser nach Deutschland zurück. Der Zauber, mit welchem Rom seinen Sinn umstrickte, war noch nicht so mächtig, sein Herz dem Vaterlande ganz zu entfremden, und noch fühlte er sich als deutscher König. Kein Geschichtschreiber hat bemerkt, auf welche Weise er den Papst Gregor gegen den Groll der Römer sicherstellte. Die Erfindung stehender Besatzungen, wodurch Könige Städte und Provinzen in Gehorsam halten, war jener Zeit unbekannt; sie konnte nur durch die Treue der Vasallen ersetzt werden, in deren Hände zugleich die höchsten Ämter, namentlich der Gerichtsbarkeit, gelegt wurden. Wenn nun Otto schon damals einen ihm ergebenen Mann zum Patricius, einen andern zum Präfekten machte und aus der Zahl zweideutiger Anhänger die Richter ernannte, so halfen diese Maßregeln dennoch nichts. Seine Entfernung gab alsbald den Römern das Zeichen zur Erhebung: die nationale Partei unter ihnen machte noch einen verzweifelten Versuch, das Joch der Deutschen abzuwerfen, und ihre Anstrengungen, den fatalen Bann zu sprengen, in welchen Papsttum und Kaisertum die Stadt geschlafen hielten, sind unserer Teilnahme in hohem Maße wert.

Die Individualität kämpft ewig gegen das System; denn ihr Recht ist, wenn auch beschränkter in der historischen Geltung, doch von ursprünglicher Natur. Im alten republikanischen Rom bieten die langen Kämpfe der Plebejer gegen den Adel ein bewundernswertes Schauspiel dar; sie waren gesunde Revolutionen des Staatskörpers selbst, und aus ihnen erwuchs die Größe Roms, bis die Gleichheit der Gegensätze erreicht war und die Demokratie dem Kaisertum Platz machte. Unter der Herrschaft der Cäsaren kämpfte Rom nicht mehr, denn die städtischen Gegensätze waren ausgetilgt und die Revolutionen nur auf Palast und Prätorianer beschränkt. Nach langen Jahrhunderten finden wir die päpstliche und kaiserliche Stadt wieder von streitenden Parteien aufgeregt; die Aristokraten, die Bürger, die Milizen kämpfen fortan gegen Papsttum und Kaisertum, und sie rufen zu ihrer Hilfe aus den schon fabelhaften Gräbern des Altertums die Gespenster von Konsuln, Tribunen und Senatoren, welche das ganze Mittelalter hindurch in der ewigen Stadt umzugehen scheinen. Das Kaisertum, welches sie abwerfen wollen, ist keineswegs jene furchtbare Despotie der alten Cäsaren: es ist ein außerhalb der Stadt waltendes, ideelles und theokratisches System. Die Landesgewalt des Papsts, welche sie bestreiten, ist nicht minder ein von aller Absolutie weit entferntes Regiment, an sich machtlos und mittellos; es ist allein stark durch ein die Welt umfassendes moralisches Prinzip. Aber die Stadt Rom sah sich dazu verurteilt, ihre bürgerliche Freiheit der Größe und Unabhängigkeit ihres Hohenpriesters für ewige Zeit zum Opfer zu bringen. Die Natur, welche den Mann treibt, seine Kräfte im Staat und in der Gesellschaft auszudehnen, Ehrgeiz und Ruhm, die immer süße, ob auch eitle Hoffnung kräftiger Menschen, welche ihn anspornen, nach Bedeutung zu streben, fanden sich hier im grellen Widerspruch zu einem Staat, in welchem die weltlichen Kräfte niedergehalten wurden und nur die Priester Auszeichnung fanden. Wenn die römischen Optimaten den Glanz der Grafen oder Fürsten in andern Städten Italiens wie Venedig, Mailand und Benevent, oder wenn später die Bürger Roms die Freiheit und Macht ihrer Standesgenossen in den nördlichen wie südlichen Demokratien betrachteten, so mußten sie allerdings dem Himmel oder seinem Stellvertreter grollen, weil sie selbst zu einem staatlichen Tode auf ewig verdammt waren. Um so mehr mußten sie das, sobald sie sich daran erinnerten, was ihre Vorfahren, die alten Römer, gewesen waren. Indem nun Rom jahrhundertelang das Recht seiner Individualität großen Weltsystemen gegenüber durchzukämpfen suchte, entstanden daraus die seltsamsten Gegensätze: die römischen Kaiser deutscher Nation nannten Völker und Könige ihre Vasallen, schlichteten deren Streitigkeiten, empfingen ihre Huldigungen, vergabten ihre Diademe, aber sie wurden gezwungen, mit römischen Aristokraten in den Straßen Roms zu kämpfen, und vom Pöbel oft angefallen und mißhandelt. Die Päpste schrieben der Welt Gesetze vor, und ferne Könige bebten vor ihrem bloßen Wort, aber die Römer trieben sie ungezählte Male aus der Stadt oder schleppten sie mit Geschrei gefangen in ihre Türme; und endlich erlagen doch diese unseligen Römer immerfort der Gewalt des Systems, vor dessen welthistorischer Bedeutung ihre eigenen tragischen Kämpfe und Bestrebungen oft bis zum Phantastischen und Abenteuerlichen heruntersanken.

Diejenigen indes, welche Römer wie Alberich, Crescentius und ihre Nachfolger als Tyrannen oder Frevler brandmarken, weil sie sich nicht sklavisch den Kaisern und Päpsten unterwarfen, werden wir zu widerlegen uns nicht mehr bemühen. Die Vaterlandsliebe ist eine heilige Tugend und von dem höchsten sittlichen Begriff des Menschen, der Freiheit, unzertrennlich. Der Nationalhaß der Römer gegen die Fremden, ihr Widerwille gegen das Regiment der Priester war zu jeder Zeit erklärlich, weil in der Natur der Dinge begründet. Die Gestalt eines Römers des X. Jahrhunderts werden wir jedoch weder mit dem Gewande griechischer Demagogen, noch mit der Toga des Brutus, noch mit dem phantastischen Mantel des Cola di Rienzo bekleiden; Crescentius war ein kühner Mann, ohne Schwärmereien, ein patriotischer Römer aus der Zeit der tiefsten Barbarei seiner Vaterstadt. Er war schön von Antlitz und Gestalt und von erlauchter Geburt. Gleich Alberich strebte er nach der weltlichen Macht, die, wie die Römer noch am heutigen Tage behaupten, an den apostolischen Füßen des Papsts nur ein Bleigewicht ist, welches ihn vom Himmel, seiner unbestrittenen Domäne, in eine ihm fremde Sphäre hinunterzieht.

Crescentius verschwor sich zum Sturze des deutschen Papsts mit seinen Anhängern. Das Volk fand zur Klage Grund, daß fremde, der römischen Gesetze unkundige Männer das Recht verwalteten und Richter ernannten, die vom Staat nicht besoldet, bestechlich und parteiisch waren. Wenn dieser Vorwurf in den außerrömischen Städten den Grafen galt, so mochte man in Rom über die Parteilichkeit der Judices dativi oder über die Kriminalrichter murren, welche manchen Römer mit Gefängnis, Gütereinziehung und Exil bestraften. Die voraufgegangenen Revolutionen hatten ein strenges Regiment nötig gemacht; viele römische Große werden aus ihren Ämtern verdrängt worden sein, während man zu den obersten Verwaltungsbeamten und Richtern Männer von entschieden kaiserlicher Gesinnung erhoben hatte, und Gregor V. selbst war nicht von dem Vorwurf frei, um Geld Ämter zu vergeben. Indem sich der deutsche Papst mit Deutschen und seinen Geschöpfen umgab und eine strenge cluniazensische Zucht, ja eine Kirchenreform in dem sittenlosen Rom einzufahren beschloß, erschien den Römern die neue Ordnung der Dinge als hassenswürdige Gewaltherrschaft überhaupt.

Ein Aufstand brach los; der Papst flüchtete am 29. September 996. Es ist auffallend, daß sich Gregor nicht der Engelsburg versichert hatte, oder, wenn er dies getan, daß seine Anhänger nicht Widerstand leisteten. Denn der Gewalt des Adels mußte die einzige Festung der Stadt entrissen worden sein, nachdem Otto zur Krönung gekommen war. Obwohl mehrmals in den Händen römischer Großer, war diese Burg doch nicht Privateigentum; als eines der ansehnlichsten Monumente Roms gehörte sie vielmehr dem Staat und wurde später von den Päpsten, gleich der Leonina, ihrem eigenen Werk, als ihr besonderes Eigentum betrachtet und von den Römern als solches anerkannt. Aber weil die Päpste damals nicht im Vatikan residierten, nutzte ihnen die Engelsburg als Zufluchtsort nichts, sie waren in dem unverschanzten Lateran jedem plötzlichen Überfalle wehrlos ausgesetzt. Crescentius nahm die Burg wieder an sich und füllte sie mit Bewaffneten.

Gregor eilte indes nach Norditalien, wo er ein Konzil nach Pavia ausgeschrieben hatte. Hier traf er im Anfange des Jahres 997 mancherlei Bestimmungen in Angelegenheiten der Kirche Deutschlands und Frankreichs; er zeigte den Fürsten wie den Bischöfen, daß sie sich fortan dem römischen Primat zu beugen hatten und daß der Heilige Stuhl gegen die Beschlüsse schismatischer Provinzialsynoden die Grundsätze der Dekretalen Isidors nachdrücklich behaupten werde. Er behandelte seine Vertreibung mit vornehmer Ruhe und forderte in gemäßigter Sprache die deutschen Bischöfe auf, die über den Räuber und Plünderer der Kirche verhängte Exkommunikation zu bestätigen, was geschah. Während ihn der vertriebene Papst aus der Gemeinschaft der Gläubigen stieß, richtete der kühne Rebell seine ephemere Herrschaft in Rom ein, ehe Otto wiederkam, und wohl mit dringenderen Schreiben wird Gregor den Kaiser gerufen haben.

Nach seiner Flucht fand eine allgemeine Revolution in der Verwaltung statt; die bisherigen Judices wurden verdrängt, ihre Stellen mit Nationalen besetzt, und Crescentius nannte sich wieder Patricius oder Konsul der Römer. Seiner Schwäche sich bewußt, suchte er einen Bundesgenossen in Konstantinopel; daß aber der griechische Hof der Umwälzung nicht fremd blieb, darf aus den folgenden Ereignissen geschlossen werden. Ehe noch Otto III. die Kaiserkrone nahm, hatte er dorthin Boten geschickt, wie sein Vater um die Hand einer griechischen Prinzessin zu werben. Diese Gesandtschaft führte der Bischof Johann von Piacenza, ein kalabrischer Grieche aus Rossano, ursprünglich Philagathus genannt. Er verdankte sein Emporkommen aus niedrigen Verhältnissen der Gunst Theophanos, an deren Hof er in großer Armut gekommen war. Hier wurde er bald mächtig: er erlangte erst die reichste Abtei Italiens, Nonantula, und gewann darauf während der Regentschaft der Kaiserin das Bistum Piacenza, welches sogar zu seinen Gunsten durch Johann XV. zum Erzbistum erhoben und von der Metropole Ravenna getrennt wurde. Als er nun im Jahre 995 als Brautwerber nach Konstantinopel gegangen war, hatte er dort lange mit dem Hof unterhandelt und seine ehrgeizigen Hoffnungen durch die Erwählung Gregors V. vereitelt gesehen. Im Frühjahr 997 kehrte er ins Abendland zurück und zwar nach Rom, wohin ihn entweder der Umsturz der Dinge herbeigelockt oder Crescentius selbst gerufen hatte. Entschlossen, um Tyrannis oder Tod zu kämpfen, wollte der Patricius eher die Oberhoheit der Byzantiner anerkennen, als das verhaßte Joch der Sachsen tragen. Er nahm den Griechen Philagathus freundlich auf und bot ihm sogar für eine große Summe Geldes die Papstkrone an. Der verblendete Günstling Theophanos, von den Ottonen mit Gütern überhäuft, durch geistliche Pflichten dem Kaiser wie dem Papst verbunden, da er sowohl bei Otto III. als bei Gregor V. das Patenamt bekleidet hatte, verriet seine Wohltäter, nahm im Mai 997 aus den Händen des Crescentius die Tiara und nannte sich Johann XVI. Er schloß einen Vertrag mit den Römern, die ihn zum Gegenpapst aufstellten; indem er die weltliche Gewalt dem Crescentius und dem Adel überließ, verlangte er wahrscheinlich die Anerkennung der Oberhoheit des griechischen Kaisers, ohne dessen Hilfe er sich nicht behaupten konnte.

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