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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 151
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Fünftes Kapitel

1. Tiefer Verfall des Papsttums. Invektive der gallischen Bischöfe gegen Rom. Feindliche Stellung der Landessynoden. Crescentius reißt die weltliche Gewalt an sich. Johann XV. entflieht. Die Römer nehmen ihn wieder auf. Er stirbt 996. Gregor V. der erste deutsche Papst. Unterwerfung des Papsttums unter das deutsche Kaisertum. Otto III. Kaiser 21. Mai 996.

Das Papsttum zeigte sich damals in seiner äußersten Erniedrigung; die Pontifikate von Verbrechern hatten die Ehrfurcht vor dem Stuhle Petri nicht allein in Rom, sondern auch draußen ausgelöscht. Ein merkwürdiger Beweis dafür ist die berühmte Synode des Jahres 991 zu Reims. Arnulf, Erzbischof dieser ersten Metropole Frankreichs, welche er seinem Oheim, dem Herzoge Karl von Lothringen, durch Verrat in die Hände geliefert hatte, war auf Veranstalten Hugo Capets, des Usurpators des Thrones der Karolinger, dem Urteil versammelter Bischöfe überwiesen worden. Auf die Forderung des Geistlichen, die Sache an die höchste kirchliche Instanz, den Papst zu bringen, erhob sich der Bischof Arnulf von Orléans und sprach: »O beklagenswerte Roma, unsern Vorfahren brachtest du in der Stille das Licht der Kirchenväter, aber unsere Gegenwart hast du mit so schrecklicher Nacht geschwärzt, daß sie noch in der Zukunft ruchbar sein wird. Einst empfingen wir die herrlichen Leone, die großen Gregore; was soll ich von Gelasius und Innocentius sagen, welche alle Philosophen der Welt durch Weisheit und Beredsamkeit übertroffen haben? Was erlebten wir nicht in diesen Zeiten? Wir sahen Johannes mit dem Beinamen Oktavian sich im Schlamm der Lüste wälzen und selbst gegen Otto, den er gekrönt hatte, sich verschwören. Er wurde vertrieben, und Leo, ein Neophyt, zum Papst gemacht. Der Kaiser Otto verließ Rom, Oktavian kehrte zurück, verjagte Leo, schnitt dem Diaconus Johann die Nase, die Finger der rechten Hand, die Zunge ab, mordete mit wollüstiger Wut viele Große der Stadt und starb bald darauf. An seine Stelle setzten die Römer den Grammaticus Benedikt; auch ihn griff der Neophyt Leo mit seinem Kaiser nicht lange nachher an, belagerte und fing ihn, setzte ihn ab und schickte ihn nach Deutschland in ein ewiges Exil. Dem Kaiser Otto folgte der Kaiser Otto, der in unserer Zeit alle Fürsten in den Waffen, im Rat und in der Wissenschaft übertraf. In Rom aber bestieg den Stuhl Petri, noch vom Blute seines Vorgängers triefend, ein entsetzliches Monstrum, Bonifatius, welcher alle menschlichen Frevel überbot. Vertrieben und durch eine große Synode verdammt, kehrte er nach dem Tode Ottos nach Rom zurück, warf einen ausgezeichneten Mann, den Papst Petrus, zuvor Bischof von Pavia, trotz eidlicher Zusage vom Gipfel der Stadt herab, entsetzte ihn und ermordete ihn nach gräßlicher Kerkerqual. Wo steht es geschrieben, daß solchen Ungeheuern, der Schande der Welt, die alles göttlichen und menschlichen Wissens bar sind, die unzähligen Priester Gottes auf dem Erdenrund, welche Wissenschaft und Verdienste schmücken, gehorsam sein sollen?« Der kühne Redner fragte hierauf die versammelten Bischöfe, welche eine so unerhörte Sprache mit Schrecken oder Befriedigung vernahmen, wie man den Papst nennen solle, der im Gewande von Purpur und Gold auf dem Stuhle Petri sitze. »Wenn es«, so sagte er, »nicht die Liebe hat und nur vom Wissensprunk aufgebläht ist, so ist er der Antichrist, der, im Tempel Gottes thronend, sich wie ein Gott den Blicken der Menge darstellt. Wenn ihm aber sowohl die christliche Liebe als das Wissen fehlt, so ist er in Gottes Tempel ein Götzenbild, von dem man geradesoviel Orakel erwarten darf als von einem stummen Marmorstein.« Und er versicherte, daß es in Belgien und Deutschland ausgezeichnete Bischöfe genug gäbe, deren Urteil die Angelegenheit von Reims könne vorgelegt werden, statt daß man sich auf das geistliche Forum jener Stadt berufe, wo jetzt alles dem Käufer feil sei und die Urteile nach dem Goldgewicht abgewogen würden.

Das war die katilinarische Rede gegen das Papsttum des X. Jahrhunderts. Doch so fest stand dies große Institut im Bedürfnis der Menschen begründet, daß es selbst von Zuständen der Auflösung, welche Königreiche würden vernichtet haben, nicht besiegt wurde. Zu den inneren Feinden, dem Verfalle der Kirchenzucht, dem trotzigen Adel der Stadt, dem gebietenden Kaisertum hatten sich auch die Landessynoden gesellt. Seit den Karolingern waren die Bischöfe fast zu unabhängigen Fürsten ihrer Immunitätsgebiete geworden; der Staat lag in ihren Händen, da sie die politischen Angelegenheiten als die ersten Großen des Reiches leiteten und durch Bildung und diplomatisches Geschick alle weltlichen Barone überragten. In dieser Epoche kämpfte demnach das Bistum gegen das Papsttum mit furchtbaren Waffen; der Sieg der Synoden, ja die Abtrennung der Landeskirche Galliens war möglich geworden. Indes, wir werden bald hören, wie Rom auf die Anklagen von Reims her antwortete, und dann dies mit so viel Schmach bedeckte Papsttum wiederfinden, Bischöfe, Fürsten und Könige zu seinen Füßen.

Die letzte Zeit Johanns XV. war stürmisch; dieser Papst blieb wegen seines Nepotismus und seiner Habsucht den Römern verhaßt, so daß man glauben darf, daß nach der Entfernung Theophanos, endlich nach ihrem schon am 15. Juni 991 erfolgten Tode Crescentius das Stadtregiment ganz in seine Hände nahm. Auf der zweiten Reimser Synode im Jahre 995 beklagten sich die französischen Bischöfe, daß ihre und des Königs Hugo Gesandte von Johann XV. unwürdig empfangen worden seien, weil sie dem Crescentius keine Geschenke gebracht hatten; sie versicherten, in Rom werde niemand mehr gehört, außer wenn der »Tyrann« für Gold sich herbeilasse, freizusprechen oder zu bestrafen. Johannes mußte sogar im Jahre 995 nach Tuszien zum deutschgesinnten Markgrafen Hugo entweichen, von wo er den jungen Otto zu einem Romzuge aufforderte. Die Kunde von dessen Anmarsch bewog wirklich die empörten Römer, den Papst wieder in die Stadt zu rufen; sie holten ihn mit Ehren ein und versöhnten sich mit ihm. Er erlebte jedoch die Ankunft seines Befreiers nicht mehr, sondern starb im März oder April 996.

Mit großer Heeresmacht und einem Gefolge vieler Bischöfe und Herren, unter denen Willigis von Mainz der wahre Leiter des Romzuges war, zog der junge Otto III. im Frühjahr 996 von Regensburg über den Brenner die Alpen herab; er feierte Ostern in Pavia, wo er zuerst den Tod Johanns vernahm. In Ravenna brachten ihm römische Gesandte Briefe des Adels, welche ihm versicherten, daß die Römer seine Ankunft herbeiwünschten: der Tod des Papsts setzte sie in Verlegenheit, weshalb sie seinen königlichen Willen wegen der Neuwahl zu vernehmen begehrten. Die Furcht bewirkte diese unterwürfige Haltung, denn Crescentius selbst besaß weder die Macht noch das Genie Alberichs; während der kurzen Zeit, da er, freilich unter minder günstigen Umständen, seine Vaterstadt regierte, erscheint er nur als Faktionshaupt, nicht als Fürst. Der Patricius mußte die usurpierten Rechte Ottos I. auf die Papstwahl in seinem Enkel achten, welcher jetzt, noch ein Knabe, nach Willkür die Tiara verlieh, nachdem sein Großvater die Kaiserkrone aus den Händen eines knabenhaften Papsts empfangen hatte.

Er bestimmte das Papsttum seinem eigenen Kaplan und Vetter Bruno: dieser Geistliche war ein Sohn des Markgrafen Otto von Verona, Herzogs von Kärnten, und durch seine Großmutter Liutgarde ein Urenkel Ottos I. Er war erst dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahre alt, von guter weltlicher Bildung und ausgezeichneten Fähigkeiten, doch leidenschaftlich und ungestüm von Natur. Mit Übereinstimmung der deutschen und italienischen Großen, welche ihn in Ravenna umgaben, ließ Otto den designierten Papst durch Willigis von Mainz und Hildebald von Worms nach Rom geleiten, wo er mit Ehren empfangen wurde. Eine sogenannte Wahl rettete den Schein, und der erste Mann rein deutschen Stammes bestieg als Gregorius V. den Stuhl Petri am 3. Mai 996. Rom hatte durch die entsetzlichsten Zustände dargetan, daß aus seiner Mitte kein würdiger Papst mehr hervorgehen könne; die Wohlgesinnten in Italien, Frankreich und Deutschland begrüßten daher die Ernennung Brunos als ein unverhofftes Glück; der Orden von Cluny jauchzte seinem Freunde zu, und überall erwartete man von einem Papst aus kaiserlichem Stamm die Reform der sinkenden Kirche. Nur die Römer murrten; denn auch der Apostolische Stuhl war an das Sachsenhaus gebracht – ein Sieg der kaiserlichen Macht, welcher alles hinter sich ließ, was selbst Otto der Große erreicht hatte.

Der deutsche Bruno hob den stillschweigend zum Gesetz gewordenen verwerflichen Gebrauch auf, nur Römer auf den Stuhl Petri zu erheben. Denn seit dem Syrer Zacharias waren in 250 Jahren unter 47 Päpsten nur zwei nicht aus Rom oder dem Kirchenstaat hervorgegangen, nämlich Bonifatius VI., ein Tuszier, und Johann XIV., ein Pavese. Das Nationalgefühl der Römer mußte demnach im Tiefsten beleidigt sein; sie hätten auf dem Papstthrone lieber ein Monstrum gesehen, wenn es nur römisch, als einen Heiligen, wenn er sächsisch war. Indes, das Papsttum nahm seit Gregor V. größere Verhältnisse an. Es wurde aus dem lokalen Banne der Stadt und ihrer Aristokratie befreit und wieder in eine universelle Beziehung zur Welt gesetzt. Das große Prinzip, daß die Nationalität des Papsts gleichgültig sei, entsprang aus der Idee des Christentums, welches die Nation in die Menschheit aufgehen läßt. Es war dem kosmopolitischen Begriff vom Oberhaupt der allgemeinen Kirche vollkommen angemessen; ihm verdankte auch das Papsttum zum Teil seine Weltherrschaft. Obwohl nun dies Prinzip keineswegs durch jene Erhebung Brunos oder nach ihm als Gesetz ausgesprochen war, bildete es sich doch nach einiger Unterbrechung folgerichtig von selbst, weil die großen Weltwirkungen mächtiger waren als die Stimmen der Römer, die unablässig einen römischen Papst verlangten. Das ganze Mittelalter hindurch stiegen Römer, Italiener, Deutsche, Griechen, Franzosen, Engländer, Spanier auf den Apostolischen Stuhl, bis nach dem Ende der päpstlichen Weltherrschaft jenes Prinzip erlosch und der wiederum stillschweigend zum Gesetz erhobene Gebrauch, niemals einen Nichtitaliener zum Papst zu machen, die verengerten Grenzen des Papsttums klar bewies.

Nach der Einsetzung seines Vetters kam Otto III. nach Rom, aus den Händen dessen, den er auf den Heiligen Stuhl erhoben hatte, die Kaiserkrone zu empfangen. Feierlich eingeholt, wurde er am 21. Mai im St. Peter gekrönt; und damit hörte auch die Patriziergewalt des Crescentius auf. Nachdem der Kaisertitel dreizehn Jahre lang erloschen gewesen war, sah Rom in seinen Mauern wieder einen neuen Augustus und mit ihm einen neuen Papst. Jener sehnte sich danach, das Reich Karls, wenn nicht Trajans zu erneuern, und neben ihm dieser, als ein neuer Gregor das Papsttum zu einer Weltmacht zu erheben: Bestrebungen, die sich im Innersten befeindeten. Beide im jugendlichen Alter, der eine vierundzwanzig, der andere erst fünfzehn Jahre alt, einander blutsverwandt, boten diese deutschen Jünglinge im alten Rom ein seltsames Schauspiel dar, wenn man sie zusammen auf den höchsten Gipfeln der Macht stehen sah, welche irgend sterbliche Menschen einnehmen dürfen. Die Römer freilich blickten mit Unwillen auf diese blondhaarigen Sachsen, die ihre Stadt und mit ihr die Christenheit zu beherrschen gekommen waren, und Ehrfurcht konnten die unreifen Fremdlinge ihnen nicht einflößen. Wenn nun sie, der Kaiser und der Papst, sich in jenen Tagen in den Gemächern des Lateran ohne Zeugen fanden, so mochten sie einander ewige Freundschaft schwören und schwärmerische Pläne gemeinschaftlicher Weltherrschaft oder der Beglückung des Menschengeschlechtes fassen. Allein die Welt ist ein zu gewaltiger Stoff für glühende Knaben. Der Traum jener römischen Begeisterung dauerte kaum vier Monate: nach drei Jahren aber war der junge Papst, nach sechs Jahren der junge Kaiser nicht mehr.

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