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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 148
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Vermählung Theophanos mit Otto II. in Rom. Benedictus VI. Papst 973. Otto der Große stirbt. Bewegung in Rom. Die Familie der Crescentier. Die Caballi Marmorei. Römische Zunamen in jener Zeit. Crescentius de Theodora. Sturz Benedikts VI. Erhebung des Ferrucius als Bonifatius VII. Seine plötzliche Flucht. Dunkles Ende des Crescentius.

Was Nikephorus dem Kaiser Otto nicht gewährt hatte, bewilligte ihm dessen Nachfolger. Gerade ein Jahr nach seiner Abreise konnte sich der boshafte Liutprand an der Nachricht erfreuen, daß der gewaltige Herrscher des Ostreichs unter den Schwertern von Mördern gefallen sei. Johannes Tzimiskes, der sie in den Palast geführt hatte, bestieg den griechischen Thron am Weihnachtsfest 969; freundlich nahm er die Gesandten Ottos auf, die ihn beglückwünschten, und die Tochter des jüngeren Romanus wurde die Verlobte Ottos II. Diese Prinzessin hatte in ihrer Jugend die gräßlichsten Tragödien ihres heimischen Palasts erlebt; ihren Vater hatte sie an Gift sterben sehen, welches ihm von ihrer eigenen Mutter, der Kaiserin Theophano, gemischt worden war; sie hatte diese in den Armen des Nikephorus erblickt, aus denen sie sich in die seines Mörders Tzimiskes warf, welcher dann die blutige Krone nahm und das üppige Weib in die Einsamkeit eines armenischen Klosters verbannte. Gewöhnt an den Himmel, die Sprache und die Künste des Ostens, ging die junge Theophano zweifelnd nach dem Abendlande, um dort unter den eisernen Kriegsmännern Sachsens in Städten zu leben, welchen Klima und Unkultur ein barbarisches Gepräge gaben.

Die Kaiserbraut kam unter dem Geleite Geros, des Erzbischofs von Köln, zweier Bischöfe und vieler Grafen und Herzöge; sie landete in Apulien und zog am 14. April 972 in Rom ein, wo sie von ihrem Verlobten empfangen ward. Der junge Cäsar war 17 Jahre alt, von knabenhafter und zierlicher Gestalt, aber hochgebildet, kühn und genial; in einem kleinen Körper verbarg er eine Heldenseele. Die junge Braut, kaum mehr als sechzehnjährig, war geistvoll und schön. In die Hände dieses Paars legte jetzt der alternde Otto die Zukunft des Reichs. Johann XIII. krönte Theophano am 14. April und vermählte sie zugleich dem Kaisersohne vor einer Versammlung von Großen Deutschlands, Italiens und Roms, worauf glänzende Feste gefeiert wurden. Indem sich zum erstenmal ein Kaiser des Abendlandes mit einer byzantinischen Prinzessin verband, schien der Osten mit dem Westen versöhnt zu sein; aber der Glanz dieser Vermählung brachte keinen wirklichen Gewinn; ihre Frucht war ein Wunderkind, welches, von einer fast krankhaften Vorliebe für das Griechen- und Römertum erfüllt, sein eigenes Vaterland verachtete. Die kaiserliche Familie kehrte nach den Hochzeitsfesten nach Deutschland zurück, und bald darauf starb Johann XIII. am 6. September 972.

Sein Nachfolger war Benedikt VI., Sohn Hildebrands, eines Römers von germanischem Stamm, zuvor Diaconus in der achten Region, die nicht mehr als Forum Romanum, sondern sub Capitolio bezeichnet wird. Weil sich wegen der Entfernung der Kaiser seine Bestätigung verzögerte, wurde er erst am 19. Januar 973 ordiniert. Seine Erhebung hatte Spaltungen erzeugt; denn trotz des Verlusts ihres Wahlrechts fuhren die Römer fort, Kandidaten des Papsttums aufzustellen. Die kaiserliche Faktion hatte Benedikt vorgeschlagen, aber die nationale Partei wohl schon damals für Franco, des Ferrucius Sohn, gestimmt. Benedikt VI. wurde Papst, weil die Furcht vor dem starken Arm des alten Kaisers, solange er lebte, Rom in Schranken hielt. Aber der große Monarch starb, nachdem er Deutschland zur herrschenden Nation Europas gemacht hatte, am 7. Mai 973, worauf die Römer sofort vom Papst abfielen und ihren Kandidaten an seine Stelle zu bringen eilten. Die Jugend Ottos II., seine Abwesenheit in Deutschland, wo er sich erst der Herrschaft versichern mußte, selbst Versprechungen von seiten der byzantinischen Befehlshaber in Unteritalien gaben ihnen Mut. Nun schien der Augenblick gekommen, die alten Rechte, vielleicht die Freiheit von der Fremdherrschaft überhaupt wiederzuerlangen.

An der Spitze der Nationalen stand damals die mächtige Familie der Crescentier. Gleich den Ahnen Alberichs sind die Vorfahren dieser Römer unbekannt, aber Römer alten Geschlechts waren sie, denn der Name Crescentius und Crescenz wird schon zur Kaiserzeit, wenn auch kaum vor dem III. Jahrhundert, gehört. Zum erstenmal wurde auf dem Placitum Ludwigs III. im Jahre 901 ein Crescentius genannt; dann bemerkten wir denselben Namen unter den Großen Alberichs, sahen hierauf Crescentius vom Marmornen Pferde auf der Novembersynode Ottos I., und wir fanden in den Büchern Farfas verzeichnet, daß dieses Mannes Tochter Theodoranda mit Benedikt, dem Neffen Johanns XIII., vermählt war. Auch hatte ein Johannes, wohl dieses Crescentius Sohn, die Gegenrevolution des Jahres 966 geleitet.

Der Zuname a caballo marmoreo ist einer der merkwürdigsten Roms. Das Marmorpferd, dem er entlehnt war, bezeichnete die beiden kolossalen Rosse und ihre Bändiger, jene berühmten alten Kunstwerke, welche damals, wie die drei Statuen der Constantiner, die heute auf dem Kapitolsplatze stehen, noch auf dem Quirinal vor den Thermen Constantins standen und wahrscheinlich schon die wunderliche Sage der Mirabilien veranlaßt hatten. Die unwissenden Pilger bestaunten diese nackten Riesen, auf deren Piedestalen sie die Namen der größten Bildhauer Athens lasen; sie bezogen dieselben auf die Rossebändiger selbst und erzählten dies: »Einst kamen zwei junge Philosophen Praxiteles und Phidias zum Kaiser Tiberius; er bemerkte sie und fragte erstaunt: ›Warum geht ihr nackt einher?‹ Sie antworteten: ›Weil alles vor uns nackt und offenbar ist und wir die Welt für nichts achten; ja, was du in deiner Kammer in stillster Nacht beraten magst, das werden wir dir wörtlich wiedersagen.‹ Tiberius sagte ihnen: ›Wenn ihr das vermöget, will ich euch geben, was ihr wollt.‹ Sie antworteten: ›Wir wollen kein Geld, sondern nur ein Monument.‹ Als sie nun am folgenden Tage ihm wirklich seine geheimsten Gedanken offenbart hatten, machte er ihnen ihre ›Memorie‹, nämlich nackte, die Erde stampfende Rosse, Sinnbilder der mächtigen Herrscher der Welt; es wird aber ein gewaltiger König kommen, der die Pferde besteigt, d. h. die Gewalt der Fürsten der Welt bändigen wird. Daneben halbnackte Männer, die neben den Pferden stehen, mit erhobenen Armen und geballten Fäusten, denn sie zählen das Kommende; und wie sie selbst nackt sind, so liegt auch alles Wissen vor ihnen bloß. Die von Schlangen umgebene Frau, welche dasitzt und eine Schale vor sich hält, bedeutet die Kirche, die von vielen Schriften umgeben ist; aber niemand kann sie verstehen, der nicht zuvor in jener Schale gebadet hat.« Dies ist die Sage von den Caballi Marmorei. Es scheint demnach, daß damals neben den Rossebändigern noch eine Statue der Hygiaea stand mit der Schlange, die aus einer Schale trank, was dem Volke sinnvoll als das Symbol der Kirche erschien.

Crescentius wurde also von seinem Wohnort mit jenem Zunamen benannt, und ihn führten Römer auch noch in späterer Zeit. Ohne Zweifel hatten diese Crescentier in den Trümmern der Thermen Constantins sich eine Burg eingerichtet, vielleicht auf der Stelle, wo heute der Palast Rospigliosi steht. Viele Personen nannten sich nach ihren Quartieren, und da man diese häufig durch Monumente bezeichnete, so erscheinen die Römer des X. Jahrhunderts mit solchen oft seltsam klingenden Namen, die unser Vorstellen reizen, indem sie uns antike Denkmäler in Erinnerung bringen, deren Kunde bisweilen nur an solche Römernamen geknüpft ist. So begegnen uns Romanus und Gregorius a Campo Martino, Johannes de Campo Rotundo, Sergius de Palatio, Benedictus a Macello sub Templo Marcelli (vom Speisemarkt unter dem Theater des Marcellus), Durantus a Via Lata, Ildebrando a Septem Viis, Gratianus a Balneo Miccino, Johannes a S. Angelo, Franco a S. Eustachio, Riccardo a Sancto Petro in Vincula, Petrus de Cannapara, Bonizo de Colossus, Andreas de Petro, der genannt wird vom Gäßchen des Colosseum. Aus solchen lokalen Bezeichnungen wurden hie und da Geschlechtsnamen des Adels wie S. Eustachio oder S. Statio, aber das Volk nannte bereits einzelne Personen nach ihrer Eigentümlichkeit, woraus dann wirkliche Eigennamen entstanden. So finden wir: Crescentius Fünfzahn, Hadrian Kurzhals, Benedictus Schafsmaul, Johannes Hundertschwein, Leo Kurzhose. Gleichwohl dauerte die gewöhnliche Bezeichnung des Sohnes durch Vater oder Mutter fort, wie Stephanus de Imiza, Leo de Calo Johannes, Azone de Orlando, Benedictus de Abbatissa, Johannes de Presbytero, Crescentius de Theodora.

Der Name Crescentius war schon im X. Jahrhundert so häufig wie die Frauennamen Stephania, Theodora, Marozia. Wie einer vom Marmornen Pferde hieß, so hießen andere de Bonizo, de Roizo, de Duranti, Raynerii, Crescentius Cannulus, Crescentius Stelluto, sub Janiculo, de Polla oder Musca Pullo, de Flumine, de Imperio, a Puteo de Proba (vom Brunnen der Proba) und Squassa Casata (vom erschütterten Hause). Es ist sehr unwahrscheinlich, daß Crescentius vom Marmornen Pferde mit Crescentius de Theodora, wie nun das Haupt der römischen Rebellen hieß, ein und dieselbe Person war. In der Chronik Farfas werden die Zunamen nicht vermischt, dort wird nur vom Crescentius a Caballo Marmoreo gesprochen, das Haupt der Römer im Aufstande gegen Benedikt wird aber anderswo nur Crescentius de Theodora genannt, und man hielt sich damals sehr genau an solche Zunamen. Es ist auch müßige Phantasie, in Theodora jene berüchtigte Senatrix zu finden und ihrem Sohn Crescentius Johann X. zum Vater zu geben. Denn keine Dokumente reden davon. Doch einem erlauchten Patriziergeschlecht gehörte er an und stammte ohne Zweifel von jenem Crescentius, den wir unter den Großen Ludwigs III. bemerkt haben. Dies Geschlecht besaß in der Sabina reiche Güter, und schon im Jahre 967 wird Crescentius als Graf und Rector der sabinischen Landschaft genannt.

Crescentius erregte einen Aufstand; die Römer bemächtigten sich Benedikts VI., warfen ihn in die Engelsburg und erwürgten ihn hier im Juli 974, während sie einen Diaconus, des Ferrucius Sohn, als Bonifatius VII. auf den Stuhl Petri erhoben. Der so gewaltsam eingeführte Papst wird als Römer bezeichnet, doch seine Familie ist unbekannt. Da er auch den Zunamen Franco führte, hat man ihn diesem vielleicht fränkischen Geschlecht zugewiesen, welches in Urkunden des X. Jahrhunderts oft genannt wird. Bonifatius stieg über den lebenden oder sterbenden Benedikt auf den päpstlichen Thron. Seine Zeitgenossen schildern ihn als ein »Monstrum«, und sie sagen ihm nach, daß er mit dem Blut seines Vorgängers bedeckt gewesen sei. Leider sind uns die Ereignisse in Rom nur aus den dürftigsten Notizen bekannt; und kaum wird uns die Erhebung des Bonifatius gemeldet, so hören wir auch von seinem Sturz. Nach einem Monat und zwölf Tagen raffte er den Kirchenschatz zusammen und floh nach Konstantinopel, wo er wie andere Prätendenten Schutz fand, und dies macht glauben, daß seine Erhebung mit der Politik des griechischen Kaisers zusammenhing, welcher gerade damals den deutschen Einfluß auch in Salerno zu verdrängen trachtete. Die Vertreibung des Gegenpapsts konnte nur das Werk der auch in Rom wieder siegreichen deutschen Partei sein, deren Haupt im Süden noch immer der tapfere Eisenkopf Pandulf war.

Auch Crescentius verschwindet aus der Geschichte. Er scheint sich nicht zum Patricius aufgeworfen zu haben; nach dem Siege der Gegenpartei blieb er sogar ruhig in Rom. Denn im Jahre 977 nennt eine Urkunde den Crescentius Illustrissimus, der genannt wird de Theodora, als friedlichen Pächter eines Kastells bei Velletri. Eine andere Urkunde vom 15. Oktober 989 bezieht sich auf ihn, da er schon tot war, nennt ihn einst Konsul und Dux, Gemahl der erlauchten Sergia und Vater des Johannes und Crescentius. Wir glauben ihn endlich, und dies war zeitgemäß, als Mönch im Kloster St. Alexius zu erblicken, wo er seine Sünden büßte, bis er am 7. Juli 984 starb. »Hier liegt«, so sagt eine Grabschrift jener Kirche, »der berühmte Crescentius, der ausgezeichnete römische Bürger und große Herzog; von großen Eltern stammt auch ein großer und hoher Stamm; sein Vater Johannes, seine Mutter Theodora verliehen ihm Glanz. Christus, der liebende Heiland der Seelen, ergriff ihn, so daß er der Welt entsagte, sich auf die Schwelle des heiligen Märtyrers Bonifatius niederwarf und im Mönchsgewande sich dem Herrn weihte. Er hat diesen Tempel mit Geschenken und vielen Äckern reich gemacht. Bitte für ihn, der du dieses liest, daß er endlich die Vergebung seiner Frevel erlange. Er starb am 7. Juli im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 984.«

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