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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 147
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Viertes Kapitel

1. Kaiserkrönung Ottos II. Die Gesandtschaft Liutprands in Byzanz. Praeneste oder Palestrina. Verleihung dieser Stadt an die Senatrix Stephania im Jahre 970.

Volle sechs Jahre hielten die Angelegenheiten Italiens Otto in diesem Lande fest, welches nach ihm noch zahllosen Deutschen Ruhm, aber auch seinen wilden Haß und seine Gräber bot. Er hatte noch in Rom Pandulf, den »Eisenkopf« von Capua, mit Spoleto und Camerino belehnt, so einem treuen Vasallen die schönsten Länder Mittel- und Süditaliens anvertraut und ihm den fortdauernden Krieg gegen die Byzantiner übertragen. Er feierte die Ostern 967 in Ravenna mit dem Papst Johann und stellte auf einem Konzil diese Stadt und ihr Gebiet nebst andern Patrimonien der Kirche wieder her. Dann ließ er seinen Sohn nach Italien kommen, ihm die Nachfolge zu sichern und das italienische Königtum wie das Reich erblich zu machen.

Otto II. zog mit seinem Vater am 24. Dezember in Rom ein und nahm am Weihnachtstage die Kaiserkrone aus den Händen Johanns XIII. Die Ideen seines Vaters entzündeten das Gemüt eines vierzehnjährigen Knaben, der sich unter den Monumenten der Weltgeschichte plötzlich als Cäsar fand. Die Wiederherstellung des weströmischen Reiches war das Ziel der ottonischen Politik; die Unterwerfung Roms und des Papsttums, die Vertreibung der Griechen und Araber aus Italien, die Einigung dieses zerstückten Landes sollten zu ihm führen. Auch mit Konstantinopel wurde ein Bündnis angeknüpft, wie es einst der große Karl begehrt hatte. Otto I. wünschte seiner jungen Dynastie durch Verschwägerung mit dem griechischen Hofe Glanz zu verleihen; aber der dortige Kaiser sah voll Eifersucht die Erneuerung des westlichen Reichs und die auch in Italien wachsende Macht des deutschen Königs, dem bereits die Fürsten von Benevent und Capua als Vasallen gehorchten. Die flüchtigen Söhne Berengars fanden bei ihm Schutz, und leicht konnten sie von Kalabrien aus einen Krieg entzünden, wie es einst der Prätendent Adelgis versucht hatte. Otto schickte eine Gesandtschaft an Nikephorus Phokas, Frieden zu schließen, für seinen Sohn um die Tochter Romanus' II. zu werben. Sein Bote war der geistvollste Mann des damaligen Italiens, Liutprand, nacheinander Höfling und Schmeichler Hugos, Berengars, Ottos, seit 962 Bischof von Cremona. Seine ungewöhnliche Kenntnis des Griechischen, Geist, Witz und höfische Gewandtheit befähigten ihn für die schwierigste aller damaligen Legationen. Er hat von seiner Sendung einen ausführlichen Bericht an Otto aufgesetzt, den wir noch als eine der anziehendsten Schriften jener Zeit lesen, denn mit lebendiger Anschauung entwirft sie ein Bild vom byzantinischen Hof, welches, wenn auch oft genug boshaft entstellt, doch höchst schätzbar ist. Wir beziehen uns auf sie, soweit sie Rom und die Römer betrifft.

Luitprand erreichte die Hauptstadt des Ostens am 4. Juni 968. Er wurde endlich vor Nikephorus Phokas, den ruhmgekrönten Wiedereroberer Kretas, zur Audienz gelassen. Der eitle Höfling sah sich vor einem Helden von rauher Männlichkeit, der sich herabließ, ihn einiger Worte zu würdigen, und er rächte sich an der verächtlichen Behandlung, die er erfuhr, durch das Porträt eines Monstrum. Der Kaiser sagte ihm: »Wir wünschten dich mit Pracht und Großmut zu empfangen, aber die Gottlosigkeit deines Herrn gestattet dies nicht; durch feindliche Invasion hat er Rom an sich gerissen, Berengar und Adalbert wider Recht und Pflicht des Lebens beraubt, die Römer getötet, geblendet, verbannt und die Städte unseres Reichs mit Feuer und Schwert zu bewältigen sich angemaßt.« Diesen Anklagen setzte der nicht verlegene Bischof die Befreiung Roms von der Herrschaft liederlicher Weiber und frecher Aristokraten entgegen und versicherte, daß die Exekutionen an meineidigen Rebellen und nach den Gesetzen Justinians vollzogen worden seien. In den weiteren Unterhandlungen erklärte er, Otto habe der römischen Kirche alle ihre Besitzungen hergestellt, dem Papst alle Kirchengüter in seinem Reich übergeben, und er bezog sich dabei auf die Schenkung Constantins, die damals für echt galt. Der Stolz des griechischen Kaisers, sein feierliches Auftreten, die Ansprüche uralter Legitimität auf Rom und Italien, die Verachtung gegen die Barbaren, das schwerfällige und theatralische Zeremoniell des Hofs sind anziehend geschildert, aber man darf doch zweifeln, ob sich Liutprand wirklich all den kühnen Freimut herausnahm, mit welchem er sich in seinem Bericht gebrüstet hat. Wie einst Basilius Ludwig II. den Kaisertitel Basileus verweigerte, so tat auch noch jetzt Nikephorus, welcher Otto nur Riga wollte genannt wissen. Er betrachtete sich als den alleinigen römischen Imperator, und Liutprand wurde in nicht geringen Schrecken versetzt, als ein Brief Johanns XIII. in Konstantinopel eintraf, der die dreiste oder unwissende Aufschrift: »Dem Kaiser der Griechen« trug. Bei Tisch, wozu er sich herabgelassen, den Gesandten Ottos, doch mit zur Schau getragener Mißachtung, zuzuziehen, warf ihm Nikephorus vor, daß diejenigen, die sich jetzt in Italien Römer nannten, Barbaren oder Langobarden seien. »Die wirklichen Römer«, so entgegnete hierauf der Lombarde, »stammen vom Brudermörder Romulus und von Räubern ab, wir andern aber, Langobarden, Sachsen, Franken, Lothringer, Bayern, Schwaben, Burgunder, verachten die Römer so sehr, daß wir unsere Feinde, wenn wir sie recht schmähen wollen, schlechtweg ›Römer‹ nennen, denn mit diesem einen Namen umfassen wir alles, was sonst unedel, feige, habgierig, wollüstig und lügnerisch heißt.« Die Griechen lächelten, denn sie haßten das abgefallene Rom, und da sie nicht hoffen durften, es den Barbaren zu entreißen, versicherten sie dem Gesandten, Constantin habe den Senat und die römischen Ritter nach Byzanz geführt, in Rom selbst aber nur die Hefe des Pöbels zurückgelassen.

Als indes Liutprand für Ottos Sohn die Hand der kaiserlichen Stieftochter Theophano begehrte, antwortete man ihm: »Wenn ihr herausgebt, was uns gehört, werdet ihr erhalten, was euer Wunsch ist; gebt uns demnach Ravenna, Rom und alles Land zurück, was sich von dort bis zu unsern Provinzen erstreckt; will aber dein Herr ein Bündnis ohne Verwandtschaft schließen, so mag er der Stadt Rom die Freiheit wiedergeben.« Der kaiserliche Minister erklärte auf die Einwendung, daß Otto die Kirche reicher gemacht habe, als sie früher gewesen war, während die byzantinische Regierung die eingezogenen Patrimonien nicht herausgebe: der Kaiser werde das tun, sobald er Rom und das römische Bistum wieder nach seinem Willen verwalte. Liutprand erreichte seinen Zweck nicht. Der eitle Bischof wurde von den feinen Griechen verhöhnt und mißhandelt; er war endlich froh, nach zahllosen Quälereien, die er mit mehr Humor schilderte als ertrug, Konstantinopel am Ende des Jahres 968 zu verlassen.

Wir folgen nicht den Zügen Ottos in Italien, welchen wir bald im Kriege mit den Griechen in Kalabrien, bald in Ravenna und Pavia, zu Weihnachten 970 aber in Rom finden. Die Stadt trug jetzt das kaiserliche Joch ohne Widerstand. Ihre Geschichte verzeichnet kein Ereignis während einiger Jahre nach dem fürchterlichen Blutgericht. Aber bemerkenswert ist ein Diplom Johanns XIII., welches eine berühmte Stadt Latiums betrifft. Das uralte Praeneste, 24 Millien von Rom entfernt, von wo es mit bloßem Auge auf dem Abhange des Gebirges bemerkt wird, hatte damals noch seinen Namen und die Ruinen alter Pracht bewahrt. Sagen der Dichter, Taten der Geschichte zierten diese graue Stadt der Sikuler. Der junge Marius stürzte sich hier in sein Schwert; Sulla hatte diese Stadt über den Leichen ihrer Bewohner zertrümmert und dann den Prachttempel der Fortuna gebaut; Fulvia hatte hier dem Oktavian getrotzt, und mit ihr war Livia, erst Feindin, dann Gattin des Augustus. Die balsamischen Lüfte Praenestes heilten einst den Wüstling Tiberius; die Kaiser, die Poeten, welche alle der Fortuna huldigen, Ovid, Horaz, Virgil liebten die lorbeergschmückte Stadt des Glücks. Sie verfiel in den Zeiten der Barbarei; ihre Tempel, Basiliken und Theater gingen unter oder blieben in Ruinen stehen, und der Schutt begrub dort die herrlichen Werke dreifacher Epochen des Altertums.

Praeneste war eins der sieben alten Suffraganbistümer Roms geworden, unter dem Schutze des heiligen Jünglings Agapitus, der dort am 28. August 274 den Martertod erlitten hatte und noch heute als Patron der Stadt in dem auf den Trümmern des Fortunatempels erbauten Dom verehrt wird. Johann nun gab diese Stadt im November 970 an die Senatrix Stephania in Erbpacht; Praeneste sollte für einen jährlichen Zins von zehn Goldsolidi ihr, ihren Kindern und Enkeln verbleiben, dann aber an die Kirche zurückfallen. In dieser Urkunde haben wir ein Beispiel der damaligen Infeudationen im Römischen.

Wir werden die Enkel Stephanias im Besitze Palestrinas wiederfinden und mit der Geschichte des XI. Jahrhunderts auf Grund der Familienkriege noch öfters dorthin zurückkehren.

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