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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 142
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Stephanus VIII. Papst 939. Alberich unterdrückt einen Aufstand. Marinus II. Papst 942. Neue Belagerung Roms durch Hugo. Sein Sturz durch Berengar von Ivrea. Lothar König von Italien. Friede zwischen Hugo und Alberich. Agapitus II. Papst 946. Tod Lothars. Berengarius König von Italien 950. Die Italiener rufen Otto den Großen. Alberich weist Otto von Rom ab. Berengar wird Ottos Vasall. Tod Alberichs im Jahre 954.

Unterdes war Leo VII. im Juli 939 gestorben und der Römer Stephan VIII. ihm im Pontifikat gefolgt, ein Papst, von dessen Regierung die Geschichte kaum redet, denn die Päpste unter dem Regiment Alberichs gaben ihre Namen nur für Bullen her. Eine vereinzelte Stimme berichtet, Stephan sei in einem Aufstande verstümmelt worden und habe deshalb seine Schmach in menschenscheuer Einsamkeit begraben. Wenn das ein Märchen ist, so wirft es doch Licht auf das Vorstellen der Menschen von dem, was die Päpste damals waren.

Stephan VIII. verdankte seine Würde Alberich; wenn er nun, wie Spätere glauben, durch die Anhänger des Fürsten oder gar auf dessen Befehl so arg mißhandelt worden war, so müßte man annehmen, daß er sich in eine Verschwörung gegen ihn eingelassen hatte. Aber selbst wo von einer solchen erzählt wird, bleibt der Papst ungenannt, und unter den von Alberich Bestraften findet er sich nicht. Daß es nicht an Versuchen in Rom fehlte, den Herrscher zu stürzen, ist klar. Der Klerus, dem er die Gewalt genommen, und viele Eifersüchtige vom Adel liehen den Agenten Hugos ihr Ohr und nahmen Bestechungen an. Der Chronist vom Soracte zieht plötzlich den Schleier von solchen Vorgängen, aber er läßt uns nur undeutlich eine Verschwörung erkennen, an deren Spitze die Bischöfe Benedikt und Marius standen. Sogar die Schwestern Alberichs sollten darin eingeweiht gewesen sein, denn deren eine, so erzählt er, verriet den Plan, worauf die Schuldigen durch Tod, Gefängnis und Geißelung bestraft worden seien. Der kräftige Arm Alberichs drückte Klerus und Adel siegreich nieder; kein Papst wagte, nach der weltlichen Gewalt die Hand auszustrecken, solange er lebte; sondern folgsam stiegen die Stellvertreter Christi auf den Stuhl Petri und sanken still wieder von ihm herab.

Als Stephan VIII. im Jahre 942 gestorben war, setzte Alberich Marinus II. ein. Dies Schattenbild dauerte mehr als drei Jahre, furchtsam den Befehlen des Fürsten gehorchend, »ohne welche der sanfte und friedliebende Mann nichts zu tun wagte«. Siegreich widerstand Alberich auch den fortgesetzten Angriffen Hugos, welcher nicht müde ward, nach der im St. Peter ihm unerreichbar verschlossenen Kaiserkrone zu streben. Er hatte schon im Jahre 931 seinen jungen Sohn Lothar zum Mitkönige ernannt, im Jahre 938 sich zu verstärken gesucht, indem er Berta, die Witwe Rudolfs II. von Burgund, heiratete, seinen Sohn aber mit dessen Tochter, der nachher berühmten Adelheid verlobte. Er suchte ein engeres Bündnis mit den Byzantinern; indes sein Thron in Italien wankte, obwohl er die höchsten Bischofs- und Grafenstellen mit seinen Burgundern besetzt hatte. Man haßte sein arglistiges, tyrannisches Verfahren; die lombardischen Großen waren seiner überdrüssig, und seine erfolglosen Unternehmungen gegen Rom schmälerten sein Ansehen.

Im Jahre 941 erschien er wieder vor der Stadt, wo er sein Hauptquartier bei S. Agnese bezog. Vielleicht lag er den ganzen Winter über vor den Mauern, während Odo von Cluny wieder den Frieden zu vermitteln suchte. Nicht Drohung, nicht Gewalt, nicht hinterlistige Versprechungen öffneten ihm die Tore. Die Römer hielten an Alberich fest, sie sahen die Städte und Landschaften ihres Gebiets verheeren, aber sie blieben treu; und der Geschichtschreiber Liutprand wunderte sich so sehr über den nichtigen Erfolg sowohl der Verwüstungen als der Bestechungen des Königs, daß er den Widerstand des käuflichen Rom einem verborgenen Ratschlusse Gottes zuschreiben mußte.

Die Stadt wurde jedoch von Hugo endlich für immer befreit, denn ein Sturm brach in der Lombardei los, welchen er nicht mehr beschwichtigte. Er hatte dort trotz aller Anstrengungen nicht alle ihm feindlichen Großen verdrängen können. Berengar von Ivrea, Sohn Adalberts, war von Hugo mit seiner Nichte Willa, der Tochter Bosos, vermählt worden; der mächtige Markgraf sollte in dieser Fessel gefangen werden, aber er war dem Verrat durch die Flucht erst zum Herzog von Schwaben, dann zum deutschen Könige Otto zuvorgekommen. Sobald er den Boden Italiens unter Hugos Füßen hinlänglich unterwühlt wußte, kam er im Jahre 945 zurück. Viele Bischöfe erklärten sich sofort für ihn, Mailand öffnete ihm die Tore, die Lombarden verließen Hugos Fahne, um von einem neuen Gewalthaber Bistümer und Grafschaften zu erhalten; aber Hugo schickte seinen liebenswürdigen Sohn nach Mailand, die Großen anzuflehen, wenigstens diesem die Krone zu lassen, und so war die Politik der Italiener beschaffen, daß sie darauf eingingen, um für Berengar einen Gegner bereit zu halten. Weil Hugo die Absicht hatte, die Schätze des Königreichs nach der Provence zu flüchten, ließ ihm Berengar selbst im Namen der in Mailand versammelten Lombarden erklären, daß sie auch ihn nach wie vor als König Italiens anerkennen wollten. Indes, er ging bald darauf nach der Provence zurück und überließ seinem Sohne Lothar das italienische Scheinkönigtum für einige unglückliche Jahre.

Für Rom hatte diese Umwälzung die Folge eines Friedens. Hugo verzichtete im Jahre 946 auf alle seine Ansprüche und überließ Alberich die Herrschaft in der Stadt und ihrem Gebiet. Seither regierte der Fürst der Römer in völliger Sicherheit, während der Papst nach wie vor seinen Befehlen gehorsamte. Marinus II. starb im März 946; ihm folgte Agapitus II., Römer von Geburt, ein besonnener Mann, der sich fast zehn Jahre im Pontifikat erhielt. Mit ihm begann sogar das Papsttum sich zu kräftigen, denn es erscheint wieder in vielen Beziehungen zum Auslande, welche unter seinen Vorgängern nicht bemerkt wurden. Außerdem bereiteten sich Ereignisse vor, die in Rom alles verändern sollten; denn in das grenzenlos erschöpfte Italien trat die Kraft der deutschen Könige ein und fesselte die Schicksale des Landes für lange Jahrhunderte an das Deutsche Reich.

Der junge König Lothar starb plötzlich am 22. November 950 in Turm, vom Fieber oder von berengarischem Gift hinweggerafft. Die burgundische Partei fiel mit ihm, die nationalitalienische erhob sich wieder und setzte die Versuche fort, welche mit Guido, Lambert und Berengar I. gescheitert waren. Am 15. Dezember nahm Berengar von Ivrea die lombardische Krone, auch seinen Sohn Adalbert ließ er zu seinem Mitkönige krönen; und so besaß Italien wiederum zwei einheimische Könige, denen die Kaiserkrone in ferner Aussicht stand. Berengar mag wohl gewünscht haben, seinen Sohn mit der Gemahlin Lothars zu vermählen, um dadurch die burgundische Partei zu gewinnen; doch ist es ungewiß, ob er ihr einen solchen Antrag gemacht hatte. Da die schöne Witwe seines Vorgängers auf dem Throne Italiens der Gegenstand seines Argwohnes war, kerkerte er sie am 20. April 951 in Como ein und dann in einem Turm am Gardasee. Aber die kühne Frau entwich nach Reggio in den Schutz des Bischofs Adalhard, und vielleicht ist es nur eine Sage, daß dieser sie in das Schloß Canossa unter die Obhut Azzos oder Adalberts schickte. Plötzlich trat ein Umschwung der Dinge ein. Adelheid, ihre Anhänger von der Partei Lothars, die Feinde Berengars, vor allem die Mailänder, der Papst Agapitus, welcher, in Rom von Alberich niedergedrückt, zugleich Exarchat und Pentapolis in Berengars Gewalt sah, sie alle richteten ihre Blicke auf Deutschland. Statt an eine nationale Ordnung ihres Landes die Hand zu legen, riefen sie wieder einen Fremdling nach Italien.

Otto, von Schlachtenruhm glänzend, durch königliche Herrschaft und Weisheit ein zweiter Karl der Große, zog mit Waffengewalt von Deutschland herbei. Bei seinem Nahen zerstreute sich das lombardische Heer Berengars: er bot Adelheid seine Hand und vermählte sich mit ihr am Ende des Jahres 951 in Pavia. In seinen kraftvollen Armen war die junge Lombardenkönigin das Symbol des ihm hingebotenen Italiens.

Der Vater Ottos, Heinrich I., ein sächsischer Herzog, hatte in heißen Kämpfen mit Slawen, Ungarn und Dänen wie mit den deutschen Stammfürsten das ostfränkische Reich hergestellt und einen mächtigen Nationalstaat geschaffen. Die Reichsidee aber lebte nach dem Untergange des Staatensystems Karls in der Zeit fort und fand an Otto I., welcher im Jahre 936 den deutschen Thron bestieg, den heldenhaften Mann, der sie zu verwirklichen imstande war. Italien war zerrissen und kraftlos; hätte dieses an Gesittung und Bildung den damals noch halbbarbarischen Deutschen weit überlegene Land in der Mitte des X. Jahrhunderts einen einheimischen großen Fürsten zu seinem Könige aufzustellen vermocht, wie es Alberich war, so wäre der Zug Ottos von Deutschland nicht erfolgt.

Es ist unbekannt, ob Agapitus seine Aufforderung an diesen mit Alberichs Wissen ergehen ließ; wir nehmen es an, denn die Schwächung Berengars mußte dem Princeps der Römer erwünscht sein, weil er voraussah, daß der König Italiens die Versuche Hugos gegen Rom erneuern werde. Allein die Folgen des Zuges Ottos sah weder er noch irgendeines Mannes Einsicht voraus. Der deutsche König war schon mit der Miene die Alpen herabgestiegen, als wollte er eine Pilgerreise nach Rom unternehmen. Er gedachte seine Pläne an den dortigen Zuständen zu messen und wünschte schon im Jahre 952 persönlich in die Stadt zu kommen. Er schickte die Bischöfe von Mainz und Chur nach Rom, wo sie über seine Aufnahme und wohl über viel wichtigere Dinge mit dem Papst unterhandeln sollten; denn diese Boten waren an ihn, nicht an den Tyrannen der Stadt gerichtet, aber die entschiedene Weigerung, ihn aufzunehmen, kam von Alberich, und sie macht der Energie dieses Römers nicht wenig Ehre. Der große König wurde vom Senator aller Römer abgewiesen: er ging mit seiner Gemahlin Adelheid geduldig in seine Staaten zurück.

Berengar, so plötzlich um alle seine Hoffnungen gebracht, ergab sich bald darauf dem Herzog Konrad von Lothringen, Ottos italienischem Statthalter. Er erschien mit seinem Sohn auf dem Reichstage in Augsburg und empfing hier die lombardische Krone als deutscher Vasall, während die Mark Verona und Aquileja dem italienischen Landesverband entrissen und durch königlichen Willen dem Herzog Heinrich von Bayern, Ottos Bruder, überwiesen ward. Gedemütigt kehrte Berengar in sein Königreich heim; das Schwert Ottos schwebte fortan über ihm, wenn ihm auch die inneren Zerwürfnisse Deutschlands noch einige Jahre der Unabhängigkeit ließen. Es scheint, daß er seinen Sitz hauptsächlich in Ravenna nahm. Diese berühmte Stadt, schon lange durch Pavia und Mailand verdunkelt, ja fast in Vergessenheit gebracht, erlangte seither Bedeutung und zog die Aufmerksamkeit der Kaiser auf sich. Weder mehr der Arm des Papsts, dem sie vertragsmäßig gehörte, noch Alberichs reichte bis zu den fernen Provinzen des alten Exarchats, welche von den Königen Italiens nach und nach der Kirche entrissen wurden.

So standen die Dinge in Oberitalien, als der erlauchte Fürst und Senator aller Römer vom Schauplatz der Geschichte abtrat. Alberich starb zu Rom in der Blüte seiner Kraft im Jahre 954. Tag und Monat seines Todes sind unbekannt. Das Glück gönnte es ihm, den Fall seines Vaterlandes unter ein neues Kaiserjoch nicht mit Augen zu sehen. Als er sein Ende nahe fühlte, eilte er nach dem St. Peter (so berichtet der Chronist vom Soracte); er ließ vor der Konfession des Apostels den Adel Roms schwören, nach dem Tode Agapitus' II. seinen Sohn und Erben Oktavian zum Papst erheben zu wollen. Wir zweifeln daran nicht: sein klarer Verstand erkannte, daß die Trennung der weltlichen Gewalt vom Papsttum in Rom für die Dauer unmöglich sei. Das Papsttum aber hatte unter Agapitus durch die Hoffnung auf die Intervention Deutschlands neue Macht erlangt, und früher oder später mußte Otto I. in die Verhältnisse Roms gebietend eingreifen. Dies begriff Alberich. Was sein eigenes Genie vermocht hatte, konnte das mittelmäßige Talent seines knabenhaften Sohnes nicht fortsetzen; er sicherte diesem daher die Herrschaft, indem er die Römer bewog, ihm die Papstkrone zu verleihen. Denn so durfte er hoffen, die Gewalt in Rom wenigstens seiner Familie zu hinterlassen.

Wenn man erwägt, daß die Regierung Alberichs sich zweiundzwanzig Jahre lang während des Wechsels von vier Pontifikaten erhielt, daß sie den wirklichen Ansprüchen der Kirche, den inneren Unruhen eines an Anarchie gewöhnten Adels und Volks nicht minder als den fortgesetzten Angriffen mächtiger Feinde von außen siegreich widerstand, und daß seine fürstliche Gewalt endlich nach seinem Tode auf seinen jungen Sohn übergehen konnte, so muß man diesem »Senator« unter allen Bürgern Roms im Mittelalter die höchste Ehrenstelle zuerkennen. Alberich ist ein Ruhm des damaligen Italiens; denn dies war ein Mann und würdig, Römer zu sein. Er verdiente von seiner Zeit den Namen des Großen, welchen ihm seine auf ihre Abkunft von ihm stolzen Enkel beigelegt zu haben scheinen. Sein Stamm erlosch nicht mit ihm oder seinem Sohne Oktavian, sondern pflanzte sich durch viele Glieder fort und beherrschte im XI. Jahrhundert als das Grafengeschlecht von Tusculum zum zweiten Male Rom.

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