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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 141
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Mäßigung Alberichs. Hugo belagert wiederholt Rom. Er vermählt Alberich seine Tochter Alda. Dessen Beziehungen zu Byzanz. Leo VII. Papst 936. Rückblick auf die Bedeutung des benediktinischen Mönchtums. Sein Verfall. Die cluniazensische Reform. Tätigkeit Alberichs in diesem Sinn. Odo von Cluny in Rom. Fortsetzung der Geschichte von Farfa. Die Provinz Sabina.

Die Chronisten jener Zeit haben den Sohn der Marozia keines jener Laster angeklagt, deren sie seine Mutter und den König Hugo beschuldigten. Wenn sie sich gegen ihn ereifern, geschieht es nur, weil er dem Papst das weltliche Regiment genommen hatte, ihn wie einen Gefangenen hielt und die Kirche zu tyrannisieren schien. Die Parteimänner der deutschen Reichsgewalt schmähten ihn als Usurpator; allein im Grunde war seine Herrschaft wenigstens dem Kaisertum gegenüber keineswegs eine Usurpation; denn dies war damals erloschen, der König von Italien aber besaß keine Ansprüche auf Rom. Wenn die Römer, bei denen die Tradition der Republik oder des Rechts der Kaiserwahl fortlebte, zur Zeit Gregors II., da noch ein legitimer Kaiser regierte, sich die Machtvollkommenheit beimaßen, ihre Regierungsgewalt zu ändern und sie auf den Papst zu übertragen, so glaubten sie um so mehr, jetzt dieselbe Befugnis zu haben, wo es keinen Kaiser gab. Rom war nicht von Pippin noch von Karl an die Päpste geschenkt worden, es hatte sich selber freiwillig ihnen hingegeben. Die karolingische Reichskonstitution, welche die Landeshoheit des Papsts anerkannte, war mit dem Imperium zerfallen, und die Römer nahmen ihr uraltes Recht wieder an sich, darum unbekümmert, daß auch die Rechte des Papsts auf die Stadt durch die Zeit, mehr noch durch tausend rühmliche Werke legitim geworden waren; denn das neue Rom war die Schöpfung der Kirche. Sie wählten also aus ihrer Mitte einen Fürsten, wie sie den Papst wählten, und übertrugen die weltliche Gewalt, welche sie einst diesem zugestanden hatten, jetzt auf jenen.

Durch die Verhältnisse zur Mäßigung gezwungen, begnügte sich Alberich mit der Herrschaft über die Stadt und ihr Gebiet, soweit dasselbe in seiner Gewalt war. Er führte den bescheidenen, aber schönen Titel »Fürst und Senator aller Römer«, ohne sich durch höheren Ehrgeiz verblenden zu lassen; denn um den Titel eines Kaisers der Römer zu gewinnen, hätte er erst die Krone des langobardischen Reichs erobern müssen. Statt sie als Abenteurer Hugo abzukämpfen, beschränkte er sich weise auf den Besitz seiner Macht in Rom, und diese Stadt genoß kaum ein anderes Mal eine gleich große Sicherheit und Ruhe im Innern als während seines langen Regiments.

Die Begier Hugos nach Rache war vorauszusehen. Er kam im Jahre 933 mit einem Heer; er brannte vor Ungeduld, die Stadt zu bestrafen, die Rechte an sich zu nehmen, welche er aus seiner Vermählung mit Marozia herleitete, und die Kaiserkrone zu holen. Obwohl er die Mauern täglich berennen ließ, mußte er doch erfolglos abziehen und sich mit der Verwüstung der Landschaft begnügen. Er kam wieder im Jahre 936 und war nicht glücklicher. Eine Seuche raffte sein Heer hin, und endlich sah er sich gezwungen, mit Alberich einen Frieden zu schließen, welchen Odo von Cluny soll vermittelt haben. Hugo ließ sich herab, dem unbesiegbaren Stiefsohne seine eheliche Tochter Alda zur Gemahlin zu geben; er hoffte, den kühnen Römer zu umstricken, aber er täuschte sich, denn Alberich nahm wohl seine königliche Braut in die Stadt auf, nicht aber seinen Schwiegervater, während er dessen rebellischen Vasallen ein Asyl in Rom gab. Alberich vermählte sich mit Alda, da seine Aussichten auf die Hand einer griechischen Prinzessin fehlgeschlagen waren. Der Chronist vom Soracte erzählt, daß er Benedikt von der Campagna als Gesandten nach Konstantinopel schickte und seinen Palast zum Empfange der Braut herrichtete. »Aber diese Hochzeit«, so sagt er, »ward nicht vollzogen.« Alberich suchte freilich eine Annäherung an den griechischen Hof, um dessen Anerkennung als Fürst zu gewinnen und durch eine so erlauchte Verwandtschaft sich Glanz zu geben. Nach dem Falle des westlichen Reichs war der byzantinische Kaiser wieder furchtbar geworden. Die Erfolge der Griechen brachten sie Rom näher, und die Kaiser des Ostens hörten nie auf, sich als rechtmäßige römische Imperatoren zu betrachten. Eine Verbindung mit ihnen konnte Alberich gegenüber Hugo Anhalt geben, die Byzantiner aber wollten sie eingehen, wenn sich der Gebieter Roms ihnen als ihr Patricius unterwarf. Die Zeit dieser Unterhandlungen ist ungewiß, sie selber sind dunkel, und nur soviel wissen wir, daß Alberich nach der Gunst des Kaisers Romanus strebte und den Papst zwang, dem byzantinischen Patriarchen Theophylakt, des Kaisers Sohn, den Gebrauch des Pallium zuzugestehen, ohne daß seine Nachfolger im Patriarchat die päpstliche Erlaubnis dafür nachsuchen durften. Dies unkanonische Zugeständnis offenbart die Politik Alberichs, aber es beweist nicht, daß er die Absicht hatte, Rom wieder dem Joch der Griechen zu unterwerfen. Seine Unterhandlungen scheiterten vielmehr an den Ränken Hugos und an seiner eigenen Weigerung, Rom zu verraten.

Der Papst Johann XI. starb im Januar 936, nachdem er, auf sein geistliches Amt beschränkt, fünf glanzlose Jahre unter dem wachsamen Blicke seines Bruders durchlebt hatte. Nun wurde einem Benediktinermönch vom Herrscher Roms die Tiara aufgezwungen. Der fügsame Sinn Leos VII. machte ihn für Alberich zu einem sehr brauchbaren Papst; indem er auf die weltliche Gewalt verzichtete, wurde das Verhältnis zwischen beiden nicht erschwert. Leo nannte seinen Gönner und Tyrannen mit unterdrücktem Seufzer den barmherzigen Albericus, seinen geliebten geistlichen Sohn und ruhmvollen Fürsten der Römer. Der Chronist Flodoard widmete diesem Papst einige dankbare Verse, weil er von ihm freundlich empfangen worden war. Er rühmte ihn, wie man einen Priester immer rühmen sollte, als einen nur dem Göttlichen nachstrebenden Frommen, der das Weltliche verachte, und er vermied es, auch nur mit einer Silbe Alberichs zu gedenken. So wurde die Not wirklich zur Tugend.

Der kluge Fürst der Römer hatte einen frommen Mönch auf den Stuhl Petri gesetzt und ließ ihn von apostolischen Tugenden erglänzen. Mit dem Papst vereint bemühte er sich, die Klosterzucht herzustellen. Wir müssen demnach hier einen Blick auf das Mönchtum werfen.

Das Institut Benedikts hatte in vier Jahrhunderten seine kulturgeschichtliche Aufgabe erfüllt und war in Verfall geraten. Jene Aufgabe bestand darin, die neue christliche Gesellschaft bilden zu helfen. Mitten unter den barbarischen Völkern hatten diese Mönche in ihren Vereinen eine wenn auch einseitige, so doch geordnete Gesellschaft dargestellt, deren Form die von einem Vater geleitete, durch Autorität und Liebe zusammengehaltene Familie war. Die Gesetzbücher des bürgerlichen Lebens waren untergegangen; aber die Benediktiner hatten gleichsam einen neuen Zivilcodex geschrieben, und das älteste Gesetzbuch des Mittelalters war die Regel Benedikts. So streuten sie Keime einer Gesellschaft christlicher Bruderliebe in die Barbarei. Während die Welt eine rauchende Brandstätte war, lebten ihre Genossenschaften friedfertig, arbeitsam und fromm, und sie zeigten den rohen Völkern ein bedürfnisloses Reich des sittlichen Ideals, worin Gehorsam und Demut in Blüte standen. Sie bekehrten mit apostolischer Kraft die Heiden, halfen mit dem Evangelium dem Schwerte Karls Provinzen erobern und dehnten auch den Umfang der Kirche aus. Ihre Klöster waren Asyle des Unglücks und der Schuld und zugleich Pflanzstätten der Wissenschaft, die einzigen Schulen des verarmten Menschengeschlechts, die Zuflucht der letzten Reste klassischer Kultur. Ihre Ideen oder Träume verloren sich in die schrankenlosen Fernen des Himmels, und doch säten und ernteten sie zugleich und sammelten die Früchte der Erde in geräumigen Speichern auf. Weil sie selbst Landgüter besaßen und das Feld bearbeiteten, was die praktische Regel Benedikts vorschrieb, wurden sie Gründer von Städten und Kolonien, und unzählige Landstriche verdankten ihnen Wiederanbau, Bevölkerung und Blüte. Die große kulturgeschichtliche Wirkung: durch ein Gesellschaftsprinzip der christlichen Liebe, durch Schulen, Ackerbau, Städtegründung, durch tausendfache Vermittlung des Friedens zwischen den rohen, streitenden Gewalten, durch die Verbindung der weltlichen Elemente mit der Kirche, welche wesentlich die Mönche übernahmen, die Barbarei zu tilgen; diese ruhmvolle Aufgabe wird dem Institut Benedikts eine glänzende Stelle in den Annalen der Menschheit sichern. So viele Reformationen des Mönchtums auch später erfolgten, so viele neue und zum Teil berühmte Orden gestiftet wurden, so erreichte doch deren keine mehr weder die christlichen Tugenden noch die soziale Bedeutung der Stiftung Benedikts; denn sie alle gehörten nur besonderen Tendenzen an und standen im Dienst der Kirche und gewisser Richtungen ihrer Zeit.

Der jähe Verfall der Benediktiner hing übrigens in allen Ländern mit dem Sturze des Reichs und des Papsttums auf das innigste zusammen. Er hatte dieselben Ursachen. Aber das Mönchtum trug in sich mehr als kirchliche und politische Institute einen prinzipiellen Keim der Auflösung. Sobald infolge der neuen staatlichen Ordnung Karls die weltlichen Elemente in den Vordergrund traten, brach der lauernde Widerspruch zwischen Himmel und Erde gewaltsam hervor. Der Menschengeist begann nach langer Entsagung aus der jenseitigen Sphäre herauszutreten und die mönchisch verschmähte Erdenwelt wieder in Besitz zu nehmen. Indem die Wirklichkeit ihr Recht forderte, trat sie in grellen Zwiespalt mit der religiösen Tugend und brachte die fürchterlichsten Zerrbilder hervor. Das zehnte Jahrhundert zeigt daher einen Prozeß heftiger Gärung in der Gesellschaft wie das fünfzehnte, aber in diesen Ideengang einzugehen, ist nicht die Aufgabe des Geschichtschreibers. Er vielmehr mag nachweisen, wie der Verfall des Mönchtums mit dem Reichtum der Klöster begann und wie er aus den hohen Ehrenstellen und Ämtern in Staat und Kirche sich ergab; denn diese steigerten den Ehrgeiz der Mönche, die an den Königshöfen so großen Einfluß gewannen und selbst auf den Stuhl Petri stiegen. Mit unermeßlichen Besitzungen ausgestattet, hatten sich die Klöster in Fürstentümer, die Äbte in Grafen verwandelt, und schon Karl der Große hatte das verderbliche Beispiel gegeben, Abteien an weltlichen Barone zu verleihen. Die Güter dieser Stifte wurden an Nepoten, Freunde und Vasallen der Äbte verschleudert und bald von tausend begierigen Räubern ergriffen. Der Egoismus, die steigende Genußsucht, die unglaubliche Zerrüttung durch das Parteiwesen hatten jedoch nicht mehr schuld an der Zuchtlosigkeit als die Unsicherheit der staatlichen Verhältnisse; und endlich brachte die wiederholte Verwüstung der Klöster durch Ungarn und Sarazenen ihnen den Todesstoß. Viele Abteien waren zerstört, ihre Mönche zerstreut; wo die Klöster noch aufrecht standen, war die Regel gefallen, und das Mönchtum löste sich auf wie die kanonikale Verfassung der Weltgeistlichen, mit welcher sich Ludwig der Fromme einst so viel beschäftigt hatte.

Indes, als der Verfall dieser Anstalten seine äußerste Grenze erreichte, begann eine merkwürdige religiöse Reaktion. Den einfallenden Himmel des Christentums stützten plötzlich einige heilige Männer, die aus dem Staube St. Benedikts schienen aufgestanden zu sein. Mitten in der Angst der Menschheit vor dem nahen Weltende erwachte ein neuer Drang zur Askese, mitten aus dem Chaos frevelvoller Leidenschaften erhob sich wieder siegreich die bußfertige Liebe. Ordensstifter, Eremiten, Büßer, schwärmerisch wie jene der alten Thebais, sproßten aus dem Boden auf; Missionare und Märtyrer durchwanderten die Länder der wilden Slawen; Fürsten und Tyrannen hüllten sich wieder stöhnend in die Mönchskutte, und das finstere Jahrhundert der Kirche begann wie eine schauerliche Nacht von frommen Sternen zu erstrahlen.

Die benediktinische Reform nahm ihren Ursprung in Frankreich, wo Berno in Cluny um das Jahr 910 sein berühmtes Kloster stiftete, nachdem ihm der Herzog Wilhelm von Aquitanien die Villa Cluniacum zu diesem Zweck geschenkt hatte. Die von ihm auf der Grundlage der Regel Benedikts erneuerte Ordnung des Mönchswesens verbreitete sich schnell über Europa. Berno selbst wurde bald von seinem Schüler Odo überboten; denn dies war der Abt, der als Missionar der Klosterreform die Länder durchzog. Seither begann die cluniazensische Kongregation die geistliche Welt zu beherrschen; man hat sie passend mit den späteren Jesuiten und deren Einfluß auch an den Königshöfen verglichen. Denn auch ihr System war darauf berechnet, die moralische Welt in der Herrschaft des Papsts zu konzentrieren; und so fehlte es der Kirche selbst in den trostlosesten Zeiten nicht an Kräften, die aus ihr emporstiegen und ihr neues Leben verliehen. Der Orden Clunys ist das erste Glied in dieser langen Kette streitbarer geistlicher Körperschaften, die bis in die neueste Geschichte hinabreichen.

Odo war vom König Hugo hochgeehrt, nicht minder von Alberich. Mehrmals kam er nach Rom, und seiner bedienten sich dieser und Leo VII., die Klosterzucht herzustellen. In der Stadt selbst übergaben sie ihm im Jahre 936 die Abtei St. Paul, deren Gebäude verfallen, deren Mönche fortgezogen waren oder gesetzlos lebten. Odo führte dort andere Brüder ein und setzte über sie Balduin von Monte Cassino, welches er bereits reformiert hatte. Im Jahre 939 übergab ihm Alberich das suppontinische Kloster St. Elias im römischen Tuszien; er schenkte ihm seinen eigenen Palast bei St. Alexius und Bonifatius zu einer Stiftung, und so entstand das Kloster St. Maria, ein Denkmal jenes berühmten Römers, welches noch heute als Priorat von Malta auf dem Aventin besteht. Überhaupt hatte er Odo zum Archimandriten aller Zönobien im römischen Gebiet bestellt. Die Chronik von Farfa, welche dies berichtet, erwähnt dabei mit keiner Silbe des Papsts, der hinter dem Fürsten in den Hintergrund trat; auch die Klöster S. Lorenzo und S. Agnese verdankten ihm die cluniazensische Reform. Der Fürst von Rom betrachtete aufmerksam den Zustand aller Abteien und Bistümer, die »unter seinem Dominium« standen. Ihr Verfall konnte ihm nicht gleichgültig sein, denn noch mehr als Verarmung des Landvolks und Untergang der Landwirtschaft war damit verbunden. Er suchte ihre Macht zu erhalten, um sie dann mit seinen Anhängern zu besetzen, welche ihm den trotzigen Adel zügeln halfen. Er begünstigte im Jahre 937 auch das Kloster Subiaco, indem er die Privilegien Johanns X. bestätigte, die dasselbe bereits in Besitz des Castrum Sublacense gesetzt hatten, wo nun der Abt den Gerichtsbann durch seinen Vogt ausüben durfte. In Rom bestätigte er demselben Abt das Kloster St. Erasmus auf dem Coelius, welches für immer mit Subiaco verbunden ward.

In seiner Nähe stand die Abtei Andreas und Gregorius; wir erwähnen derselben, weil sich die ausgezeichnetste Urkunde Alberichs darauf bezieht. Er schenkte nämlich dem Abt Benedikt am 14. Januar 945 das Kastell Mazzano mit allem Zubehör und allen Kolonen; dieser Ort, damals ein Familienbesitz Alberichs, liegt noch in der Diözese Nepi, wo des Fürsten Bruder Sergius Bischof war. Ein glücklicher Zufall hat uns eine Abschrift jenes kostbaren Pergaments gerettet, welches von allen Familiengliedern des Senators der Römer unterzeichnet ist. So erscheint der Tyrann Roms als eifriger Förderer des Mönchtums in einer neuen Gestalt, und selbst seinen Schwestern schreibt die Legende die Stiftung des Klosters St. Stephan und Cyriacus bei St. Maria in Via Lata zu. Aber nirgends war die Reform notwendiger als in Farfa. Diese berühmte Abtei, welche die Päpste vergebens in ihre Gewalt zu bringen gesucht hatten, genoß nicht mehr den Schutz eines Kaisers, weil es keinen gab; jetzt aber betrachtete sich der Herrscher Roms auch als Oberherrn derselben.

Wir haben ihren Untergang berichtet und führen nun ihre Geschichte weiter fort. Der Abt Roffred hatte Farfa wieder aufgebaut, doch zum Lohn ermordeten ihn im Jahre 936 zwei seiner Mönche, Campo und Hildebrand. Campo, ein vornehmer Sabiner, war jung ins Kloster gekommen und vom Abt in der Grammatik und Medizin unterwiesen worden. Der Zögling legte von seinen Fortschritten in der letzten Kunst ein gründliches Zeugnis ab, indem er seinem Wohltäter einen wirksamen Gifttrank mischte. Durch Geschenke erwarb er vom Könige Hugo die Würde des Abts, und nun fing er mit Hildebrand ein wüstes Freudenleben an. Nach einem Jahre wurden sie Gegner; der vertriebene Hildebrand warf sich in den Klostergütern der Mark Fermo zum Abt auf, und Farfa blieb jahrelang gespalten. Beide hatten Weiber. Campo erzeugte mit Liuza sieben Töchter und drei Söhne, die er alle fürstlich versorgte. Er verschleuderte das Klostergut unter dem Schein von Pacht- und Tauschverträgen an seine Anhänger und Milites und trat in der Sabina völlig als Fürst auf, während Hildebrand das gleiche in Fermo tat. Dieser lud eines Tags in seiner Residenz St. Victoria seine Frauen, Söhne, Töchter und Ritter zu einem Schmause; als sie alle berauscht waren, ging das Schloß in Flammen auf, und es verbrannten zahllose Schätze, welche Hildebrand aus Farfa in dies Kastell geschleppt hatte. Dem Beispiel der Äbte folgten die Mönche; ein jeder hatte sich mit einer Konkubine kirchlich vermählt. Im Kloster wohnten sie nicht mehr, sondern in den Villen, und sie kamen höchstens sonntags nach Farfa, um einander dort lachend zu begrüßen. Was sie hier Kostbares fanden, raubten sie; sie stahlen selbst die Goldsiegel von den kaiserlichen Diplomen und ersetzten sie durch bleierne; sie nahmen die heiligen Brokatgewänder, ihren Dirnen Kleider, die Altargeräte, ihnen Spangen und Ohrgehänge fertigen zu lassen. Dies Wesen dauerte so ein halbes Jahrhundert fort. Alberich versuchte, ihm Einhalt zu tun, sobald ihm König Hugo in der Sabina freie Hand ließ; denn diese reiche Provinz wollte er Rom unterwerfen, und hier gab es für Odo vollauf zu tun. Er schickte Mönche nach Farfa, die cluniazensische Regel einzuführen, aber weil sich Campo weigerte, sie aufzunehmen und weil die Brüder, die man nachts hatte erwürgen wollen, nach Rom zurückflohen, zog Alberich selbst mit den Milizen nach der Abtei. Er vertrieb den Abt, setzte Cluniazenser ein und übergab dem Mönch Dagobert aus Cumae das Kloster, dem er alles Geraubte herzustellen befahl. Dies geschah im Jahre 947. Jedoch schon nach fünf Jahren wurde der neue Abt vergiftet, und die frevelvollen Zustände dauerten mit einigen Unterbrechungen fort, so daß sie in der Zeit der Ottonen unsere Aufmerksamkeit wieder anziehen werden.

Alberich, welcher auch St. Andreas auf dem Soracte reformierte, dehnte demnach seine Gewalt über die Sabina aus. Diese Landschaft hatte bisher zu Spoleto gehört und scheint damals davon abgetrennt worden zu sein. Denn seit 939 finden sich eigene Rektoren der Sabina, die bald Dux, bald Comes, bald Marchio hießen. Als erster Rector begegnet uns dort im Jahre 939 der Langobarde Ingebald, Gemahl der Theodoranda, einer Tochter des römischen Konsuls Gratianus.

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