Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 130
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

1. Formosus Papst 891. Die Faktion Arnulfs und die Faktion Guidos. Der Gegenkandidat Sergius. Formosus fordert Arnulf zum Römerzuge auf. Arnulf in Italien. Guido stirbt. Lambert Kaiser. Arnulf zieht nach Rom. Er nimmt die Stadt mit Sturm. Er wird zum Kaiser gekrönt im April 896. Die Römer schwören ihm Treue. Seine unglückliche Rückkehr. Tod des Formosus im Mai 896.

Formosus, Kardinalbischof von Portus, bestieg den Stuhl Petri im September 891. Er war, wie es scheint, Römer von Stamm. Wir kennen die bedeutende Vergangenheit dieses ehrgeizigen Mannes. Von Johann VIII. exkommuniziert, hatte er geschworen, nie wieder nach Rom oder in sein Bistum zurückzukehren; dann hatte ihn Marinus dieses Eides entbunden und in Portus wieder eingesetzt. Ruhig lebte er unter dem Pontifikat zweier Päpste, bis er nach dem Tode Stephans V. von seinem Bistum, wie Marinus, unmittelbar auf den Päpstlichen Stuhl gerufen ward, und eine solche Versetzung galt damals für unkanonisch. Formosus hatte ohne Zweifel nach der Tiara getrachtet; um sie zu erhalten, scheint er den Nationalen Versprechungen gemacht und so ihre Stimmen gewonnen zu haben.

Seine Partei sammelte sich indes bald um die Fahne Arnulfs von Deutschland und seines Schützlings Berengar; die Gegner hielten zur spoletischen Fahne Guidos, seines Sohnes Lambert und Adalberts von Tuszien. Denn in diese Gegensätze hatten sich nun die ehemaligen Parteien der Deutschen und der Franzosen in Rom verwandelt. Das Haupt der spoletischen Faktion war der Diaconus Sergius, ein vornehmer Römer, welcher Gegenkandidat des Formosus und sein entschiedenster Widersacher war.

Obwohl der Papst schon jetzt seine Hoffnungen auf Arnulf richtete, zwang ihn doch die Lage der Dinge, den Kaiser Guido anzuerkennen, und dieser ernannte, wahrscheinlich mit der Zustimmung jenes und in der Absicht, die Kaiserwürde in seinem Stamme zu befestigen, seinen jungen Sohn Lambert zum Mitkaiser im Jahre 892. Formosus selbst krönte ihn in Ravenna. Dies tat er widerwillig, denn kein Papst konnte die Entstehung oder Befestigung einer einheimischen Kaiserdynastie in Italien aufrichtig wünschen. Das Glück der Waffen begünstigte Guido; der geschlagene Berengar nahm vergebens seine Zuflucht zu Arnulf von Deutschland, obwohl seine Bitten auch durch die Gesandten des Formosus unterstützt wurden, welcher alsbald von der spoletischen Partei in Rom und von Guido hart bedrängt wurde. Denn dieser verletzte die Grenzen des Kirchenstaats und zog Patrimonien des heiligen Petrus ein. Der Kampf beider Faktionen in Rom drohte zum Ausbruch zu kommen; Formosus forderte daher schon im Jahre 893 Arnulf auf, von den Alpen herabzusteigen, und der König kam am Anfange des folgenden nach Italien. Mailand und Pavia öffneten ihm voll Furcht ihre Tore, selbst die Markgrafen von Tuszien, Adalbert und sein Bruder Bonifatius, gaben sich als Vasallen in seine Gewalt. Indes schon um Ostern kehrte er nach Deutschland zurück, ohne seinen siegreichen Zug durch die Lande Guidos bis Rom fortzusetzen, wohin er vom Papst eingeladen worden war.

Die Zustände hier wurden auch durch den plötzlichen Tod Guidos nicht wesentlich verändert. Dieser Kaiser oder der Tyrann Italiens, wie ihn die deutschen Chronisten nennen, starb infolge eines Blutsturzes am Flusse Taro in Oberitalien am Ende des Jahres 894, und Lambert eilte nun wahrscheinlich nach Rom, um sich von Formosus in der Kaiserwürde bestätigen und feierlich krönen zu lassen. Er war noch sehr jung, von anmutiger Gestalt und ritterlichem Wesen, die beste Hoffnung der nationalen Partei unter den Italienern. Der Papst, von Deutschland nicht unterstützt, fügte sich den Umständen; er erklärte sich bereit, diesen Kaiser väterlich zu schützen, aber er schickte doch wiederum Gesandte an Arnulf, ihn dringend nach Rom einzuladen. Dies mußte die spoletische Partei zum wütendsten Haß gegen Formosus entflammen, der sie an Deutschland verriet. Arnulf brach im Herbst 895 aus Bayern auf, sowohl Berengar als Lambert zu beseitigen und endlich das Königreich Italien und das Imperium an sich zu nehmen. Sein kriegerischer Marsch ist der erste, verhängnisvolle Romzug eines deutschen Königs. Als er den Po überschritten hatte, teilte er sein Heer; die Schwaben ließ er über Bologna nach Florenz ziehen, die Franken führte er westwärts nach Lucca. Die Gerüchte von feindlichen Absichten Berengars und Adalberts von Tuszien beschleunigten den Zug, und Arnulf brach von Lucca, wo er das Weihnachtsfest gefeiert hatte, gegen Rom auf. Der junge Lambert setzte ihm keinen Widerstand entgegen, indem er nur Spoleto zu schützen suchte, aber seine entschlossene Mutter Agiltrude, die Tochter des durch die Gefangennahme des Kaisers Ludwig berühmt gewordenen Herzogs Adelgis von Benevent, hoffte den Feind von der Stadt zurückhalten zu können. Hier war bereits ein wütender Aufstand ausgebrochen; die spoletische oder nationale Faktion, geführt von Sergius und zwei Edlen Constantin und Stephanus, hatte sich des Papsts bemächtigt; Spoletiner und Tuszier waren eingerückt, die Tore versperrt, die Leostadt verrammelt und mit Bewaffneten gefüllt, und ein kühnes Weib war die Seele dieser kriegerischen Rüstung.

Zum erstenmal sollte Rom von den Truppen eines deutschen Königs, von den »Barbaren« Deutschlands belagert werden, und zum erstenmal sollten diese die heilige Stadt und in ihr die Kaiserkrone mit Kriegsgewalt erobern.

Arnulf lagerte im Monat Februar vor dem Tor St. Pancratius; er forderte die Stadt zur Übergabe auf, aber man antwortete ihm mit Hohn. Die Deutschen, anfangs zaudernd und auf heißen Kampf gefaßt, verlangten endlich mit Geschrei, zum Sturm geführt zu werden. Die Mauern wurden mit Leitern oder auf übereinandergehäuften Pferdesätteln erstiegen, einige Tore mit Beilen aufgeschlagen, jenes von S. Pancrazio mit Sturmböcken erbrochen, und die Deutschen rückten am Abend desselben Tags in die Leostadt, wo sie den Papst aus der Engelsburg befreiter in welche ihn seine Feinde geworfen hatten.

Arnulf war nicht mit seinen Truppen eingezogen; dem kaiserlichen Gebrauch gemäß wollte er vom Neronischen Felde seinen Einzug halten und im St. Peter feierlich empfangen werden. Klerus, Adel und Scholen Roms, unter denen die der Griechen vom deutschen Chronisten besonders bemerkt wurde, holten ihn bei Ponte Molle ein und geleiteten ihn in die Leostadt, wo ihn der Papst in hergebrachter Weise auf den Stufen des St. Peter empfing, in die Basilika führte und mit Verleugnung Lamberts zum Kaiser krönte. Der unbekannte Krönungstag fiel in die zweite Hälfte des Februar 896. So wurde der deutsche Bastard Kaiser, und diese unnationale Handlung vergab man Formosus nicht. Nachdem Arnulf vieles, was die Stadt und die Kaisergewalt betraf, geordnet hatte, empfing er in St. Paul auch die Huldigung des römischen Volks. Der Schwur war folgender: »Ich schwöre bei allen diesen Mysterien Gottes, daß ich unbeschadet meiner Ehre, meines Gesetzes und meiner Treue gegen den Herrn und Papst Formosus in allen meinen Lebenstagen treu bin und sein werde dem Kaiser Arnulf, und daß ich mich niemals zur Treulosigkeit gegen ihn mit irgendeinem Menschen verbinden werde; und daß ich dem Lambert, Agiltrudes Sohn, oder seiner Mutter selbst niemals zur Erlangung weltlicher Würde irgend Hilfe gewähren, noch daß ich Lambert selbst oder seiner Mutter Agiltrude oder ihren Leuten je durch irgendeinen Plan oder ein Argument diese Stadt Rom übergeben werde.«

Die spoletische Partei hatte dem Sieger keinen großen Widerstand entgegengestellt; des Grabmals Hadrians, welches nicht lange nachher ein wichtiges Kastell war, wird mit keiner Silbe gedacht, obwohl es nicht bezweifelt werden kann, daß Agiltrude dort eine Besatzung hineingelegt hatte. Die Witwe des Kaisers Guido war gleich nach der Erstürmung Roms in ihr Land mit ihren Truppen abgezogen; die mit ihr verbundenen Römer aber hatten die Waffen gestreckt. Der Zorn Arnulfs konnte daher durch die Vorstellung besänftigt werden, daß ihm die Erstürmung Roms, auf welches er keine Rechte besaß, so wenig Mühe gemacht hatte; es verlautet auch nichts von Hinrichtungen, aber die angesehenen Römer Constantin und Stephan wurden als Majestätsverbrecher nach Bayern ins Exil abgeführt. Arnulf blieb nur fünfzehn Tage in Rom; er setzte zum Vogt der Stadt seinen Vasallen Farold ein und brach dann nach Spoleto auf, wo sich die Amazone Agiltrude zur Verteidigung gerüstet hatte. Eine lähmende Krankheit ergriff ihn jedoch unterwegs, wohl weniger die Folge des Gifts seiner Feindin als jenes, welches er, an maßlose Ausschweifungen gewöhnt, in den Armen seiner Freundinnen eingesogen hatte. Auf seine glänzenden Siege folgte ein fluchtähnlicher Rückzug, und der erste kriegerische Romzug eines deutschen Königs ließ kein wirkliches Resultat zurück.

Der Tod, sei es durch Krankheit oder Gift, befreite zu derselben Zeit den Papst Formosus aus den Gefahren, in welche ihn die Entfernung seines deutschen Beschützers wie die plötzliche Wendung der Verhältnisse durch einen Vertrag zwischen Lambert und Berengar stürzen mußte. Er starb am 4. April 896 nach einer Regierung von vier Jahren, sechs Monaten und zwei Tagen. Kein Monument erinnert an diesen merkwürdigen Papst, aber die Stadt verdankte ihm eine gründliche Restauration des St. Peter und seiner Mosaiken wie die Ausschmückung mancher andern Kirche.

 << Kapitel 129  Kapitel 131 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.