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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 126
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Die Sarazenen verwüsten die Campagna. Klagebriefe Johanns VIII. Liga der Sarazenen mit den süditalienischen Seestädten. Glänzende Tätigkeit Johanns VIII.: er stellt eine Flotte auf, er unterhandelt mit den unteritalischen Fürsten, er besiegt die Sarazenen am Kap der Circe. Zustände in Süditalien. Johann VIII. baut Johannipolis bei St. Paul.

Seit 876 drangen die Mohammedaner in die römische Landschaft ein; sie plünderten die Sabina, verwüsteten Latium und Tuszien und erschienen mehrmals vor den Toren der Stadt. Die Klöster, die Landgüter, die Domuskulte, mühsame Pflanzungen so vieler Päpste, wurden bis in den Grund zerstört, die Kolonen totgeschlagen oder in die Sklaverei geführt, und die römische Campagna verwandelte sich in eine fiebervolle Wüste. In den Klagebriefen Johanns aus den Jahren 876 und 877 an Boso, an Karl den Kahlen, an die Kaiserin Richilda, an die Bischöfe des Reichs, an alle Welt wird wieder der Notschrei Roms vernommen wie in der Langobardenzeit unter Gregor; aber die Krieger Mohammeds waren grimmigere Feinde, als es jene Agilulfs gewesen waren. Die Stadt wußte die Scharen fliehenden Landvolks, der Mönche und Geistlichen, die den Schutthaufen ihrer Kirchen hinter sich gelassen hatten, kaum zu bergen und zu nähren. »Die Städte, die Kastelle, die Dörfer sind mit ihren Bewohnern untergegangen, die Bischöfe zerstreut; innerhalb der Mauern Roms sammeln sich die Reste des gänzlich entblößtem Volks; draußen ist alles Wüste und Einöde, nichts mehr übrig als, was Gott abwende, der Untergang der Stadt. Die ganze Campagna ist entvölkert, nichts ist uns oder den Klöstern und andern frommen Orten, nichts dem römischen Senat zum Unterhalt geblieben, und die Umgegend der Stadt ist so ganz verwüstet, daß man dort keinen Bewohner, nicht Mann noch Kind zu entdecken vermag.« So schrieb Johann an Karl den Kahlen, welchen er jetzt in höchster Not in einen mächtigen Kaiser verwandelt wünschte, und er bat, »sich gleichsam vor seiner Magnifizenz auf den Boden werfend«, flehentlich um Hilfe. Indes, Karl überließ die Stadt, die er bei seiner Krönung mit kaiserlichem Arm zu schützen geschworen hatte, dem Schwert der Sarazenen.

Der Tod des kriegerischen Ludwig II. wurde jetzt ganz Italien fühlbar, während die politischen Zustände des Südens die Eroberungen der Araber erleichterten. Die Religion war kein Hindernis des Verkehrs, ja selbst des Bündnisses zwischen ihnen und den süditalischen Fürsten. Schon zu Ludwigs II. Zeit hatten diese sich der Ungläubigen zu ihren Zwecken bedient, und jener Kaiser hatte laute Klage geführt, daß Neapel ein zweites Palermo oder Afrika geworden sei. Sowohl Handelsvorteile als die Unterstützung, welche ihnen die Sarazenen gegeneinander und gegen die Kaiser des Ostens wie des Westens darboten, bewogen die kleinen Fürsten, sich mit ihnen zu verbinden. Sie kannten außerdem die Absicht der römischen Kirche, welche verlangende Blicke auf die Patrimonien in Neapel und Kalabrien warf, Ansprüche auf Capua und Benevent erhob und die Verwirrung Unteritaliens benutzte, um dort Länder zu gewinnen. Nach dem Falle Baris auf Tarent beschränkt, hatten die Sarazenen neue Flotten gegen Italien ausgesandt; als sodann der Tod ihres kaiserlichen Besiegers ihnen das größte Hindernis hinwegräumte, zwangen sie Neapel, Gaëta, Amalfi und Salerno nicht allein zum Frieden, sondern auch zur Vereinigung mit ihren Scharen, um die Küsten des Kirchenstaats und Rom selbst zu überfallen. Ihr einziger energischer Gegner war jetzt der Papst Johann. Die Tätigkeit, welche dieser Priester entwickelte, beschämte die Könige und ließ ihn selbst von kriegerischem Ruhm erglänzen. Ein solcher Mann verdiente wahrlich, Rom zu beherrschen. Indem er sich dieser furchtbaren Liga gegenübersah, welche, wie es hieß, mit hundert Schiffen im Anzuge war, verlor er nicht den Mut. Er schrieb dringende Briefe an Karl den Kahlen, ihm Hilfe zu senden, und dieser schickte ihm Lambert von Spoleto, welcher im Jahre 876 wieder in sein Herzogtum eingesetzt worden war, und dessen Bruder Guido, daß sie ihn nach Neapel und Capua begleiteten und seinen Versuch zur Sprengung der Liga unterstützten. Aber diese Fürsten waren nur zweideutige Helfer. Johann VIII. eilte im Anfange des Jahres 877 in Person nach Neapel. Seinen Bitten und Drohungen gelang es, Guaiferius von Salerno dem sarazenischen Bündnis abwendig zu machen; er unterhandelte sodann eifrig mit Amalfi, welche schon blühende Handelsstadt damals Pulchar als Wahlherzog oder Praefecturius regierte, und er wandte sich zugleich an die griechischen Admirale Gregor und Theophylakt, ihm Schiffe in den Tiberhafen zu senden.

Nicht Gregor I. hatte in der langobardischen Bedrängnis mehr Energie entfaltet; auch war Johann im Besitz weit größerer Mittel. Er selbst bemannte römische Fahrzeuge, und zum erstenmal konnte von einer päpstlichen, wenn auch kleinen Marine gesprochen werden. Diese Kriegsschiffe nannte man noch wie zu Belisars Zeit Dromonen; sie hatten in der Regel eine Länge von 170 Fuß, waren mit zwei Kastellen auf dem Vorderteil und Hinterteil bewehrt, mit Kriegsmaschinen zum Schleudern, Brennen und Entern versehen und von Galeerensklaven durch hundert Ruder bewegt, während Marinesoldaten die Mitte und die Kastelle einnahmen. Der Besitz dieser kleinen Flotte, die in Portus Stellung nahm, erfüllte den Papst mit Stolz; er schrieb jubelnd an die Kaiserin Engelberga, daß er jetzt der Gaëtaner nicht bedürfe, weil er sich selber Schutz verschaffen könne. Aber seine Bemühungen in Neapel hatten wenig Erfolg, denn der Herzog Sergius II. war nicht zu bewegen, das vorteilhafte Bündnis mit den Arabern aufzugeben. Der Papst schleuderte einen Bannstrahl gegen ihn und seine Stadt, er bewaffnete Guaiferius wider ihn und ließ ohne Umstände zweiundzwanzig gefangenen Neapolitanern die Köpfe herunterschlagen. Er kehrte sodann nach Rom zurück, und da er die Küsten bei Fondi und Terracina von Sarazenen ausgeplündert fand, so rastete er nur fünf Tage in der Stadt, segelte hierauf selbst mit der Flotte von Portus ins Meer, traf die Mohammedaner am Kap der Circe, nahm ihnen 18 Schiffe, befreite 600 Christensklaven und tötete eine Menge von Feinden. Dies war das erstemal, daß ein Papst als Admiral in den Kampf zog; indem nun Johann die Ungläubigen besiegte, richtete er seinen Blick zugleich auf die verwirrten Länder der süditalienischen Fürsten, die er dem Heiligen Stuhl zu unterwerfen hoffte.

Er eilte nach Traetto, welches der Kirche gehörte, eine Liga der Fürsten zustandezubringen, während die griechische Flotte den Sarazenen eine noch größere Niederlage im Neapolitanischen Meere beibrachte. Er unterstützte sodann in Neapel eine Revolution. Denn hier bemächtigte sich der Bischof Athanasius seines Bruders Sergius, riß ihm die Augen aus und sandte ihn in diesem Zustande nach Rom, wo ihn der Papst im Kerker verschmachten ließ. Der Brudermord, die Tat eines Bischofs, wurde von ihm, dem Papst, als ein glückliches Ereignis betrachtet, der Mörder aber mit ausgedungenem Golde bezahlt und mit einem Schreiben belobt. So weit verdrängten die irdischen Bedürfnisse des Königtums den Papst aus der Sphäre apostolischer Tugenden des Priestertums, welches mit jenem moralisch unvereinbar war.

Bald darauf, im Frühjahr 878 eintretende Ereignisse zwangen jedoch Johann VIII. zur Flucht nach Frankreich und zerstörten seine Pläne in Unteritalien. Ehe er Rom verließ, sah er sich sogar genötigt, von den Sarazenen den Frieden zu erkaufen; er zahlte ihnen einen jährlichen Tribut von 25 000 Mancusi Silber. Kurz vorher hatte er mit den Amalfitanern einen Vertrag geschlossen, wonach sie für eine jährliche Summe von 10 000 Mancusi sich verpflichteten, die Küste von Traetto bis Civitavecchia mit ihren Schiffen zu decken, und er war ungehalten, daß jene Republik ihrem Versprechen noch nicht nachgekommen war, ehe er Rom verließ. Als er nun im Jahre 879 aus Frankreich zurückgekehrt war, sah er sich betrogen. Der ruchlose Athanasius, Bischof und Herzog Neapels zu gleicher Zeit, also im kleinen das Abbild des Papsts, schlug die Wege seines Bruders Sergius ein: er scheute sich nicht, mit den Ungläubigen ein Bündnis zu schließen. Denn dieses diente ihm zum Schutze gegen den byzantinischen Kaiser, mit welchem der Papst im Einverständnisse war. Vergebens reiste Johann wieder nach Gaëta und Neapel, vergebens schüttete er sein Gold dort aus, vergebens schleuderte er seinen Bannfluch auf den Verräter. Und auch die Amalfitaner lachten seiner; diese schlauen Kaufleute steckten die 10 000 Goldstücke ein, erklärten dann, daß ihnen vertragsmäßig 12 000 zukämen, und sie fuhren fort, ihre Schiffe zurückzuhalten, mit den Sarazenen aber als Verbündete zu verkehren. Johann exkommunizierte sie, und selten hat ein Papst so viele Bannstrahlen verbraucht wie er. Sie waren bereits die üblichen Waffen in der Rüstkammer des Lateran.

Die Zustände im langobardischen und griechischen Unteritalien verschlimmerten sich seither mit jedem Jahre; Sarazenen und Griechen plünderten jene reichen Gefilde, und oft kämpften sie mit den Neapolitanern unter einem Banner gegen Salerno. Pandulf von Capua, gezwungen, die Oberherrlichkeit des Papsts anzuerkennen, rief die Mohammedaner in sein zersplittertes Land. So war die Furcht katholischer Fürsten vor den irdischen Entwürfen eines Papsts eine der wesentlichsten Ursachen, welche die Sarazenen in Unteritalien sich befestigen ließ. Wenn man die Geschichte jenes Landes in dieser Epoche verfolgt, so macht das freche Ränkespiel, die Kunst des Betrugs wie die brutale Wildheit der Charaktere wahrhaft verwirrt.

Der Bischof Athanasius nahm die Araber als Verbündete gegen Rom und gegen die Griechen in der Nähe seiner Stadt auf, wo sie sich am Vesuv niederließen. Sie setzten sich daselbst um das Jahr 881 fest; sie siedelten sich in Agropolis bei Paestum an; sie bezogen, vom Herzog Docibilis von Gaëta aus Angst vor dem Papst gerufen, erst ein Lager bei Itri, dann ließen sie sich am rechten Ufer des Liris oder Garigliano nieder, in der Nähe der Ruinen jenes Minturnae, in dessen Sümpfen sich einst der flüchtige Marius verborgen hatte. Indem sie dort ein großes Kastell erbauten, behaupteten sie dies furchtbare Raubnest 40 Jahre lang. Sie streiften vom Garigliano aus mordend und plündernd durch das schöne Kampanien, und selbst die berühmten Klöster Monte Cassino und St. Vincens am Vulturnus, einsam blühende Mittelpunkte der Kultur, gingen in Flammen auf und blieben für lange Zeit in Ruinen liegen.

Was Rom betrifft, so sind von jener schweren Bedrängnis durch die Sarazenen nur die Briefe Johanns als Denkmäler übrig. Ein anderes großes Monument dieses Papsts, welches durch jene Gefahr veranlaßt wurde, ist untergegangen. Johann VIII. umgab nämlich die Basilika St. Paul mit einer Mauer, wie Leo IV. den St. Peter so geschützt hatte. Zu einer Befestigung bot der nahe Felsenhügel einen vortrefflichen Anhalt dar; dort wird der Papst ein Kastell aufgeführt haben, aber er ummauerte, wahrscheinlich mit Benutzung des Porticus, welcher vom Tor zur Kirche führte, die ganze dortige Vorstadt und legte ihr den Namen »Johannipolis« bei. Von diesem rühmlichen Denkmal ist auch nicht die geringste Spur zurückgeblieben. Kein Chronist redet von dem Bau der Johannisstadt, die Kunde ihrer Gründung verdanken wir nur der Abschrift des Epigramms, welches über einem Tor der neuen Festung zu lesen war:

Hier ist die rettende Mauer, das Tor, das nimmer besiegte,
    Welches den Frevler verbannt, nehm' es die Gläubigen auf.
Tretet herein hier, Adel und Greis', in der Toga, o Jugend,
    Gottes Gemeinde herein, strebend zum heiligen Dom.
Welche der Priester des Herrn voll Ehrfurcht baute Johannes,
    Schön vom Glanz des Verdiensts, strahlend von heiliger Zucht,
Welche vom Namen Johannis des Achten, des Papstes, benannt ist,
    Johannipolis, sieh, heißet die würdige Stadt.
Mag mit Paulus dem Fürsten der heilige Engel des Herren
    Vor nichtswürdigem Feind immer beschirmen das Tor.
Prangend empor aus weitumfassender Mauer erhob es,
    Baute Johannes es froh, Papst Apostolischen Stuhls,
Daß nach dem Tod ihm selber die Türen des himmlischen Reiches
    Seiner erbarmend in Gott Christus eröffne zum Lohn.
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