Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 124
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

2. Erneuerter Streit um Waldrada. Meineid Lothars. Sein demütigender Empfang in Rom, sein schneller Tod. Der Kaiser Ludwig in Unteritalien. Begriff des Imperium in jener Zeit. Brief Ludwigs an den Kaiser von Byzanz. Schändung des Kaisertums durch den Überfall in Benevent. Ludwig kommt nach Rom. Er wird noch einmal gekrönt. Die Römer erklären Adalgisus von Benevent zum Feind der Republik.

Hadrian führte, was Nikolaus begonnen hatte, in demselben Geiste fort. Die Kirchengeschichte rühmt seine Festigkeit dem Widerspruch der Bischöfe gegenüber; aber wir dürfen nicht einmal flüchtig auf das berühmte achte ökumenische Konzil hindeuten, welches im Jahre 869 zu Byzanz unter dem Vorsitz der päpstlichen Legaten gehalten wurde und wo die Dekrete Nikolaus' I. wegen der Absetzung des Photius ihre Bestätigung fanden.

Unterdes fuhren die Fürsten fort, durch ihre moralische Schwäche die Macht der Päpste zu steigern. Deren Waffen, die Bannstrahlen, wirkten mehr und mehr. Lothar hatte durch seine unselige Leidenschaft für eine Buhlerin eine tiefe Bresche in das Königtum eingerissen; kühn war Nikolaus darin eingedrungen, und Hadrian folgte ihm mit derselben Beharrlichkeit. Bald nach der Wiederherstellung Thiutbergas in ihre Ehe und Rechte war die unglückliche Fürstin, von ihrem Gemahl gemißhandelt, zu König Karl dem Kahlen geflohen. Sie hatte dem Papst Nikolaus ihren Willen erklärt, der Ehe mit einem tyrannischen Fürsten zu entsagen und im Kloster endlich Ruhe zu suchen, aber dies tragische Opfer eines Dogma blieb zu unausgesetzter Qual verdammt. Der Papst hatte ihr die Scheidung von dem Ehebrecher verweigert, es sei denn, Lothar verurteilte sich auch seinerseits zum Zölibat. Er exkommunizierte Waldrada, er richtete einen flammenden Brief an Lothar und drohte ihm mit dem gleichen Bann. Der König, nur in seiner Schwäche für ein Weib stark, ließ diese Demütigungen über sich ergehen; er bat Nikolaus, ihm zu erlauben, sich persönlich in Rom zu rechtfertigen, allein der Papst schlug ihm das ab. Als nun Nikolaus gestorben war, wandte sich Lothar an dessen Nachfolger, hoffend, ihn für seine Wünsche zu stimmen, und Hadrian scheint ihm die Reise nach Rom bewilligt zu haben. Der König bat auch den Kaiser um die Vermittlung beim Papst, sich von Thiutberga trennen und mit Waldrada vermählen zu dürfen, und kündigte ihm seine persönliche Ankunft an. Lothar traf im Juni 869 in Ravenna ein. Die Boten des Kaisers, der mit der Belagerung Baris beschäftigt war, bedeuteten ihn jedoch, nicht weiter vorzudringen, ihn selbst nicht zu belästigen; aber der bezauberte Liebhaber dachte an nichts als an das Glück, welches ihn in den Armen Waldradas erwartete und wofür er die Schätze seines Reichs würde hingegeben haben. Er eilte zu seinem Bruder, er verschwendete Bitten und Geschenke, bis er die Kaiserin Engelberga für sich gewann. Der Kaiser forderte demnach Hadrian auf, sich aus Rom nach Monte Cassino zu begeben, und Engelberga begleitete ihren Schwager dorthin. Lothar bestürmte hier den Papst mit Geschenken, doch er gewann ihm nur soviel ab, daß er ihm am 1. Juli 869 die Kommunion reichte, nachdem der freche König feierlich geschworen hatte, er habe nach der Exkommunikation Waldradas sich nie mehr diesem Weibe genaht. Engelberga reiste von Monte Cassino wieder zu ihrem Gemahl, der Papst aber nach Rom, während ihm auf den Fersen der schamlose Lothar folgte. Sein Empfang in der Stadt war schmachvoll; kein Priester kam ihm entgegen; mit seinem Gefolge schlich er in den St. Peter und bezog unbegrüßt eine Wohnung in dem nahen Palast, wo die Zimmer nicht einmal ausgekehrt worden waren. Der Papst verweigerte ihm die Messe, er lud ihn jedoch zur Tafel in den Lateran und erwiderte die reichen königlichen Geschenke ironisch durch die Gegengabe eines Laena genannten Gewandes, einer Palme und einer Ferula. Der schwache Fürst schied vergnügt von Rom, seine Reise nach Lucca fortzusetzen, wo die Sommerfieber ihn und die Seinigen ergriffen. Er ging weiter nach Piacenza, und dort starb er am 10. August. In seinem Tode erblickte man das Strafgericht des Himmels für Meineid und Buhlerei.

Während Karl der Kahle und Ludwig von Deutschland über die Länder des Toten herfielen, gaben sie dem Papst Gelegenheit, ihnen als Räubern entgegenzutreten, denn der übervorteilte Kaiser hatte ihn selbst um seine Vermittlung gebeten. Ludwig war nämlich fortdauernd in Unteritalien mit dem Sarazenenkriege beschäftigt. Er eroberte endlich Bari, wo er den Sultan gefangennahm, im Jahre 871. Der Neid der Griechen, die ihn bei diesem wichtigen Unternehmen nur schwach unterstützt hatten, wurde dadurch rege; Basilius schrieb einen höhnischen Brief an Ludwig, worin er ihm den Titel Basileus verweigerte und ihn spöttisch Riga nannte. Die Antwort Ludwigs ist sehr merkwürdig. Wir beziehen uns auf sie, um den Begriff des Römischen Imperium in dieser Epoche festzustellen und zu zeigen, daß die Heiligkeit der kaiserlichen Würde durch das eigene Bekenntnis des Kaisers bereits aus der Salbung von der Hand des Papsts abgeleitet wurde.

»Unsere Oheime«, so sagte er, »ruhmvolle Könige, nennen uns ohne Neid Imperator, obwohl sie an Jahren älter sind als wir, denn sie erwägen die Salbung und Weihe, wodurch wir durch Händeauflegen des Papsts und sein Gebet mit göttlichem Willen zum Imperium des Römischen Reichs emporgestiegen sind. Eins ist das Imperium des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, dessen Teil die Kirche auf Erden ist, deren Regierung Gott jedoch nicht dir oder mir allein übertrug, sondern uns beiden, die wir Eins ausmachen sollen.« Er spricht davon, wie die Könige der Franken zum Imperium gekommen seien, und sagt: »Wir haben es schon von unserem Großvater erhalten, nicht wie du meinst durch Usurpation, sondern durch den Willen Gottes, das Urteil der Kirche und des höchsten Pontifex, durch Auflegung der Hände und durch die Salbung. Du sagst zwar, wir sollen uns Imperator der Franken, nicht der Römer nennen, aber du sollst wissen, daß, wären wir nicht Kaiser der Römer, wir auch nicht Kaiser der Franken sein könnten. Denn von den Römern empfingen wir diesen Namen und diese Würde, da bei ihnen zuerst dieser Gipfel höchster Erhabenheit erstrahlte, und wir übernahmen mit ihr die göttliche Regierung des Volkes und der Stadt und die Verteidigung und Erhöhung der Mutter aller Kirchen Gottes, von welcher der Stamm unserer Ahnen zuvor auch das Königtum und dann das Kaisertum empfangen hat. Denn die Fürsten der Franken hießen zuerst Könige, hierauf Imperatoren, nämlich diejenigen, welche dazu durch den Papst mit dem heiligen Öl gesalbt worden sind. So wurde unser Urgroßvater Karl der Große durch die Salbung des Papsts, durch die auf ihn strömende Liebe, zuerst aus unserem Volk und Geschlecht Kaiser genannt und zum Gesalbten des Herrn gemacht, um so mehr, da oft solche zum Imperium erhoben wurden, welche ohne göttliche Operation durch die päpstliche Verrichtung nur durch Ernennung des Senats und Volks die Kaiserwürde erlangten. Einige wurden auch ohne dies bloß durch Zuruf der Soldaten auf den Kaiserthron gesetzt, oder sie bemächtigten sich auf verschiedene Weise des imperatorischen Zepters von Rom. Wenn du aber die Handlung des römischen Papsts verleumdest, so tadle lieber auch Samuel, weil er, Saul verstoßend, den er selbst zuvor gesalbt hatte, David zum Könige zu salben nicht verschmähte.«

Nachdem Ludwig diese geschickte Parallele zwischen dem verworfenen Saul oder dem griechischen Kaiser und David oder dem Frankenkönige gemacht hatte (man erinnere sich, daß Karl der Große sich gern David nennen hörte), sagte er dem Byzantiner zum Schluß: »Wir sind demnach durch unsere Orthodoxie zum Römischen Reich gelangt, die Griechen aber haben nicht allein die Stadt und den Sitz des Reichs, sondern auch das römische Volk verlassen, haben die römische Sprache selbst aufgegeben und sind in die Fremde hinweggewandert.«

Dieser von einem Geistlichen mit Talent verfaßte Brief ist das wichtigste Aktenstück in bezug auf den Begriff vom Römischen Imperium seit Karl dem Großen. Anknüpfend an die Vergangenheit, zieht er aus der Kette historischer Voraussetzungen einen klaren Schluß. Die zwiefache Usurpation gegenüber der Legitimität, David gegenüber Saul, wurde mit der Gnade Gottes und ihrer Wirkung durch den Hohenpriester der Religion bedeckt. Das Salböl, welches der Kaiser auf sich nahm, floß aus jener Quelle, die den Majordomus der Franken geweiht hatte, als er den Merowingern die Krone raubte; und weil die Rechte der Legitimität alle anderen Rechtsquellen politischer und faktischer Natur nicht aufkommen lassen, wurden sie durch den Titel des göttlichen Willens beseitigt. Zwar nennt Ludwig noch die Römer im allgemeinen als Quelle des Imperium, aber nur sehr im Hintergrunde, und indem er nicht mehr der Wahl durch das Volk oder den Reichstag gedenkt, wendet er sich immer wieder an das Urteil der Kirche und die Salbung durch den Papst. Diese Ansicht floß indes zum Teil aus der Politik der Kaiser selbst, welche ihre Würde lieber von der päpstlichen Weihe, das heißt von Gott herleiteten, als von der Wahl der immer trotziger werdenden Vasallen, die das Kaiserturn von sich abhängig zu machen begehrten und das Reich Karls schwächten und zerstückelten, um auf dessen Trümmern mächtig zu sein. Seither geschah es, daß man das Kaisertum als von der päpstlichen Salbung durchaus abhängig auffaßte und daß die Päpste erklären durften, die Kaisergewalt werde von ihnen allein wie ein Lehen und Ausfluß ihrer oberpriesterlichen Macht vergabt.

Eine unerhörte Gewalttat zeigte übrigens noch in demselben Jahre 871 der Welt, wieviel bereits das Imperium an seiner Majestät eingebüßt hatte. Der Sieger von Bari, der Retter Unteritaliens war mit seinen Beuteschätzen nach Benevent gezogen, während sein zerstreutes Heer rebellische Städte unterwarf. Seine Gemahlin Engelberga, seine Großen und Krieger erbitterten die Beneventer durch Raubsucht und Übermut. Adelgis aber, der Fürst des Landes, nach dem sarazenischen Beutegolde lüstern, faßte den kühnen Plan, sich des Kaisers zu bemächtigen, den er oftmals durch Ungehorsam beleidigt hatte, dessen Zorn er fürchtete und dessen Joch er, wie das ganze Unteritalien, nur mit Unwillen trug. Er überfiel ihn im August in seinem Palast. Nach einer wilden Szene des Kampfes und der Gegenwehr von drei Tagen nahm er den kaiserlichen Gast, seine Gemahlin und alle Franken gefangen. Er beraubte sie ihrer Schätze, er hielt sie in mehr als einmonatiger Haft und erzwang dann von Ludwig das eidliche Versprechen, niemals mit einem Heer in das Herzogtum Benevent rücken, nie Rache wegen der erlittenen Mißhandlung nehmen zu wollen. Dann erst gab er, durch die Landung der Sarazenen bei Salerno erschreckt, den Gefangenen die Freiheit. So wurde das Kaisertum auch durch die Vasallen des Reichs mißhandelt und entehrt.

Die Kunde von dieser Schmach machte ein unbeschreibliches Aufsehen. Bänkelsänger sangen davon auf den Straßen, das Gerücht flog über alle Länder, und man glaubte Ludwig tot. Nach Rache dürstend, doch durch das Sakrament gebunden und zugleich froh, größerem Verderben entronnen zu sein, zog der Kaiser seine zerstreuten Truppen zusammen. Er rückte in das Spoletische, wo er den Herzog Lambert seiner Würde entsetzte, und wandte sich dann nach Ravenna. Im folgenden Jahre, um das Pfingstfest 872, kam er nach Rom. Vom Papst mit allen Ehren im Lateran bewirtet, trug er ihm seine Bitte vor, von dem in Benevent ihm abgezwungenen Eide losgesprochen zu sein, was denn vor einer Versammlung der Geistlichkeit und der Großen geschah. Durch seine Rede angefeuert, wurden diejenigen welche ihm oder dem Kaisertum anhingen, von den Erinnerungen des Altertums hingerissen. Das römische Parlament, welches sich sicherlich nicht in den Ruinen des Kapitols, sondern in der Basilika des Lateran oder des St. Petrus versammelte, erklärte Adelgis für einen Feind der Republik, und die Acht wurde gegen den rebellischen Vasallen erlassen. Aber im allgemeinen sah man doch die Schwächung des Kaisertums mit geheimer Freude. Römer und Italiener, die Herzöge, die Bischöfe und Grafen, der Papst, die Sarazenen, die Normannen, sie alle trugen eifrig dazu bei, das Imperium zu stürzen, und als dies durch Mitwirkung des schnellen Verfalles der Dynastie Karls endlich geschah, brachen die schrecklichsten Zeiten über Rom und das Papsttum herein, welches von dem Gipfel der Macht plötzlich in die tiefste Erniedrigung sank.

 << Kapitel 123  Kapitel 125 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.