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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 121
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Sorge Nikolaus' I. für die Stadt Rom. Er stellt die Jovia und die Trajana her. Er befestigt Ostia von neuem. Seine geringen Bauten und Weihgeschenke. Zustand der Wissenschaften. Das Schuledikt Lothars vom Jahre 825. Die Dekrete Eugens II. und Leos IV. wegen der Parochialschulen. Griechische Mönche in Rom. Die Bibliotheken. Die Codices. Die Münzen.

Während des Pontifikats Nikolaus' I. wird nichts von Unruhen in Rom vernommen, sondern die Fülle des Wohlstandes oder doch der Ernten gepriesen. Die Armut wurde reichlich genährt; wie ein römischer Kaiser ließ der Papst sogar Speisemarken, welche mit seinem Namen gezeichnet waren, an alle Darbenden verteilen.

Zwei Wasserleitungen stellte Nikolaus her, die sogenannte Tocia und die Trajana oder Sabatina, die damals in der durch sie versorgten Leostadt die Wasserleitung St. Peters genannt wurde. Da schon Gregor IV. denselben Aquädukt hergestellt hatte, so war er seither entweder durch die Sarazenen beschädigt worden, oder Nikolaus gab ihm eine bessere Richtung und Verteilung. Wegen der schlechten Bauart in jener Zeit verfiel das Gebaute schnell; Nikolaus mußte selbst die Mauern Ostias, die doch erst Gregor IV. neu errichtet hatte, wieder aufbauen und mit festeren Türmen versehen, worauf er eine Besatzung hineinlegte. Ostia war wohl aus Furcht vor den Meerpiraten bereits verlassen, während Portus noch durch die Korsenkolonie erhalten wurde.

Die auffallend geringe Anzahl der Weihgeschenke und Kirchenbauten Nikolaus' I. gereicht diesem Papst nicht zur Unehre. Nach dem Bericht seines Lebensbeschreibers baute er den Porticus an der S. Maria in Cosmedin. Er selbst war ohne Zweifel Diaconus jener Kirche gewesen, weil er sie vor allen anderen auszeichnete; denn außer dem erwähnten Wohnhaus für die Päpste errichtete er dort auch ein schönes Triclinium. In der Diakonie St. Maria nova Leos IV. rührten die Malereien oder Musive von ihm her; im Lateranischen Palast erbaute er ein neues Wohngebäude und bei St. Sebastian ein Kloster.

Wenn sein Lebensbeschreiber Sinn für die wissenschaftliche Kultur gehabt hätte, so hätte er wohl berichten können, daß Nikolaus sie beförderte. Er rühmte wenigstens von dessen Vater, daß er ein Freund der liberalen Künste war und den Sohn in solche Studien einweihte; aber der Zusatz, Nikolaus sei deshalb in jeder Art von heiligen Disziplinen bewandert gewesen, verbietet, an anderes als theologisches Wissen zu denken. Die karolingische Periode ziert jedoch das rühmliche Streben, die Barbarei durch Pflege der Wissenschaften zu mildern. Das Genie Karls und seiner in die klassische Literatur der Römer eingeweihten Freunde gab ihnen einen plötzlichen Aufschwung, und auch seine Nachfolger wirkten in diesem Sinn. Ein glänzender Beweis davon ist das Edikt Lothars I. vom Jahre 825. Indem sich dieser Kaiser beklagte, daß der Unterricht durch die Trägheit der Vorgesetzten fast an allen Orten Italiens aufgehört habe, befahl er die Errichtung von neun Zentralschulen für einzelne Bezirke: nämlich Pavia, welche später berühmte Universität freilich mit Unrecht Karl dem Großen zugeschrieben wird, Ivrea, Turin, Cremona, Florenz, Fermo (für den Dukat Spoleto), Verona, Vicenza und Forum Iulii (Cividale von Friaul). Die ausdrückliche Bemerkung des Verlöschens der Schulen an allen Orten beweist den kläglichen Zustand des Unterrichts in Italien. An höhere Lehranstalten ist nicht zu denken, und was mit dem Begriff »doctrina« bezeichnet wurde, umfaßte nur religiöse Dinge, außer ihnen höchstens die Elemente profanen Wissens, namentlich der Grammatik.

Das Edikt Lothars bezog sich auf das Königreich Italien und nicht auf Rom noch auf die Provinzen der Kirche. Hier aber herrschte dieselbe, wenn nicht eine größere Unwissenheit, wie das einige römische Konzilienbeschlüsse zeigen. Im Jahre 826 erließ Eugenius II. die Verordnung, daß in allen Bistümern und Pfarreien Doktoren angestellt werden sollten, die Wissenschaften und die heiligen Dogmen lehren. Diese Klassifikation beweist, daß auch auf die weltliche Wissenschaft ( artes liberales) in ausdrücklichem Unterschied von der Theologie ( sancta dogmata) Rücksicht genommen wurde; allein es fanden sich kaum Lehrer dafür. Jene profanen Disziplinen erloschen, und als Leo IV. im Jahre 853 das Dekret Eugens bestätigte, setzte er wörtlich hinzu. »Obwohl Lehrer der liberalen Wissenschaft, wie gewöhnlich, selten in den Parochien gefunden werden, so soll es doch nicht an Magistern in der Heiligen Schrift und an Lehrern im Kirchendienst fehlen.«

In Rom konnte dieselbe Klage erhoben werden. Kein Magister, keine Schule von Ruf wird hier genannt. Freilich gab es seit jener Zeit, als die Benediktiner in die Stadt gekommen waren, Klosterschulen, und es bestand jene alte lateranische fort, die ihnen den Ursprung verdankte und worin mehrere Päpste waren gebildet worden. Aber diese Anstalten konnten sich nicht mit den Schulen in Deutschland und Frankreich messen, wie jene zu Fulda, St. Gallen, in Tours, Corvey oder zu Pavia in der Lombardei waren. Keine ausgezeichneten Männer gleich Johannes Scotus, Hrabanus Maurus, Agobard von Lyon, gleich dem Schotten Dungalus in Pavia oder Lupus von Ferrières glänzten in Rom. Das Recht mochte unter allen profanen Wissenschaften noch einiger Pflege genießen, denn infolge des Statutes Lothars mußte es dort Rechtslehrer geben, welche die Gesetze Justinians kannten und in Kompendien lehrten, während zugleich Advokaten und Notare mit dem salischen und langobardischen Gesetz nicht unbekannt sein durften.

Mehrere Päpste hatten griechische Mönche in neuen Klöstern angesiedelt; sie erteilten römischen Geistlichen in ihrer Sprache Unterricht, und wenn auch die Kultur der hellenischen Literatur dadurch nichts gewann, so wurde doch in Rom die Kenntnis des Griechischen erhalten, und die Päpste erzogen in jenen Seminarien einige Männer, die sie als Nuntien in Konstantinopel, als Schreiber und Dolmetscher gebrauchen konnten.

Die Kirchen und Klöster waren zum Teil mit Bibliotheken versehen. Die lateranische dauerte fort, und der rühmliche Titel »Bibliothekar« wird selbst in der Zeit dichtester Finsternis gehört. Das päpstliche Archiv bewahrte die zahllosen Akten der Kirche und die Regesten oder Briefe der Päpste, unschätzbare Urkunden der Geschichte, der lateinischen Sprache jener Jahrhunderte, man kann sagen der wahren römischen Literatur aus der ersten Hälfte des Mittelalters, Schätze, welche im XII. und XIII. Jahrhundert spurlos untergegangen sind und deren Verlust eine tiefe, leicht genug zu beklagende Lücke zurückgelassen hat.

Es ist nicht zu bezweifeln, daß in den Kirchen- und Klosterbibliotheken Roms auch Werke lateinischer und griechischer Literatur vorhanden waren. Denn solche Codices mußten sich noch aus der gotischen Periode hie und da erhalten haben und Abschriften im Laufe der Zeit entstanden sein. Die Klöster des Auslandes besaßen im IX. Jahrhundert manche literarischen Schätze; im Jahre 831 rühmte sich die Abtei von Centulae oder St. Riquier in Gallien, wo einst Angilbert Abt gewesen war, 256 Codices zu besitzen, und es ist merkwürdig zu wissen, welche Bücher der Chronist unter den Profanschriften nennt: Aethicus de mundi descriptione, die Historia Homeri, worin Dictys und Dares von Phrygien, Josephus vollständig, Plinius der Jüngere, Philo, die Fabeln des Avienus, Virgilius, und unter den »Grammatikern«, die in jener Epoche hauptsächlich begehrt wurden, Cicero, Donatus, Priscianus, Longinus und Prosper. Wenn sich solche Bücher in Frankreich vorfanden, sollten sie nicht umso mehr in Rom vorhanden gewesen sein? Der Abt Lupus von Ferrières wandte sich im Jahre 855 an Benedikt III. mit der Bitte, ihm Handschriften von Cicero de Oratore, die Institutionen des Quintilian, den Kommentar des Donatus zum Terenz zu schicken, und er versicherte ihm, daß er dieselben, (nachdem er sie habe kopieren lassen) zuverlässig wieder zurückschicken werde. Nur in römischen Berichten wird profaner Codices nicht gedacht. Wenn in den Lebensgeschichten der Päpste Bücher bemerkt werden, sind es nur Evangelien, Antiphonarien, Missalien, welche man in die Kirchen zu stiften pflegte. Mit Recht betrachtete man sie als köstliche Weihgeschenke und erwähnte ihrer sogar in Grabschriften. Der Kostenaufwand für einen Pergamentcodex war groß, und die mühsame Kunst, ihn zu schreiben und auszumalen, überbot weit diejenige, welche Goldarbeiter und Metallgießer an ihre Leuchter und Vasen verwendeten. Kunstgeübte Mönche brachten ihr einsames Leben über dem Verfassen solcher Codices der heiligen Schriften und der Kirchenväter hin, welche sie mit Pinsel und Feder teils in römischen Unzialen, in Majuskeln oder Minuskeln, teils in schwierigeren langobardischen Charakteren eher zeichneten als schrieben und hie und da mit Miniaturbildern ausstatteten, deren erstes in der Regel den Schreiber oder den beauftragenden Abt oder beide darstellte, den Codex in der Hand, ihn einem Heiligen darzubringen. Die Schwierigkeit der Charaktere hinderte schon an sich die Hand des Schreibenden und zwang ihn zu malen, sodann zierte er seinen Codex mit kunstvollen Initialen in Gold und Farben. Von so liebevollem Fleiß und so sauberer, arabeskenreicher Kunst gibt heute noch der berühmte Karolingische Bibelcodex Zeugnis, welcher dem IX. Jahrhundert angehört und als der größte Schatz des Klosters St. Paul in ihm aufbewahrt wird.

Solche Handschriften erklären zugleich das Wesen jener Zeit, wo die Kunst mit einer tiefen Barbarei rang, deren Spuren sie selbst in ihrer linkischen und noch harten Weise zur Schau trägt. Der Geist des neunten und der folgenden Jahrhunderte hat wie jener der alten Dorier, Ägypter und Etrusker etwas Zeichenhaftes, Rätselvolles und durchweg Symbolisches, was sich in Bild und Schrift, im Gebrauch der Monogramme auf Urkunden und Münzen, in der Anwendung der Arabeske deutlich ausspricht. Die Münze namentlich prägt das Antlitz des öffentlichen Lebens ihrer Epoche ab, und die päpstlichen Münzen dieser Zeit haben entsetzliche Charaktere in Schrift und Bild.

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