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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 120
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Der Streit wegen Waldrada. Nikolaus verdammt die Synode von Metz und setzt Gunther von Köln und Theutgaud von Trier ab. Ludwig II. kommt nach Rom. Exzesse seiner Truppen in der Stadt. Trotz der deutschen Erzbischöfe; Festigkeit und Sieg des Papsts.

Während Nikolaus gegen das griechische Schisma ankämpfte und sorgenvoll die Fortschritte der Mohammedaner in Sizilien und Unteritalien betrachtete, sah er sich zugleich in einen so heftigen Streit mit dem Königshause und der Kirche der Franken hineingezogen, daß er auch dort ein Schisma befürchten mußte. Die Abenteuer einiger vornehmer Frauen gaben dazu die Veranlassung. Die öffentliche Sittlichkeit (wenn man von solcher in jenem Jahrhundert reden darf) war durch auffallende, doch nicht ungewöhnliche Frevel beleidigt worden. Judith, die Tochter Karls des Kahlen und Witwe Ethelwolfs, hatte ihren Stiefsohn Ethelbald geheiratet, ohne daß man diese Verbindung als unsittlich betrachtete. Nach dem Tode ihres neuen Gemahls nach Frankreich zurückgekehrt, reizte dies üppige Weib die Begier des Grafen Balduin; er entführte sie, worauf der König Karl ihn durch eine Synode exkommunizieren ließ. Die Liebenden wandten sich an den Papst, welcher den Vater mit ihnen versöhnte. Zur selben Zeit erregte ein anderes Weib durch ihr zügelloses Leben Aufsehen. Ingiltrude, die Tochter des Grafen Mactifried, vermählt mit dem Grafen Boso, hatte ihren Gemahl verlassen und schweifte in Freuden schon jahrelang in der Welt umher, den Bannfluch des Papsts in den Armen ihrer Buhler überhörend. Aber die Schicksale dieser Frauen stellte das Unglück einer Königin und die triumphierende Frechheit einer königlichen Beischläferin in Schatten.

Der Bruder des Kaisers, Lothar von Lothringen, verstieß seine Gemahlin Thiutberga um seiner Geliebten Waldrada willen. Dies Trauerspiel brachte Länder und Völker, Staat und Kirche in Aufruhr und gab dem Papst Gelegenheit, auf eine Höhe zu steigen, wo er von hellerem Glanz umgeben war, als ihm theologische Dogmen verleihen konnten. Die Haltung Nikolaus' I. gegenüber diesem königlichen Skandal war fest und groß; die priesterliche Gewalt erschien in ihm als eine die Tugend rettende, das Laster züchtigende Sittenmacht und als wahrhaft notwendig in einer barbarischen Zeit, wo es keine öffentliche Meinung gab, welche auch Fürsten richtet. Die verstoßene, mit erdichteter Schande bedeckte Königin, deren Krone Lothar schon auf das Haupt der Buhlerin gesetzt hatte, rief den Beistand des Papstes an. Er übertrug das Urteil der Synode in Metz und drohte dem königlichen Ehebrecher mit dem Bannstrahl, wenn er sich ihr nicht stellte. Seine Legaten, unter denen Radoald von Portus, den schon zuvor die Byzantiner bestochen hatten, waren dem Golde zugänglich, welches für die Römer zu allen Zeiten eine unwiderstehliche Anziehungskraft besaß. Sie zeigten die päpstlichen Briefe nicht vor, sondern erklärten die Ehe Lothars für rechtlich getrennt, Waldrada für seine rechtmäßige Gemahlin. Nur um etwas zu tun, sandten sie den Erzbischof Gunther von Köln und Theutgaud von Trier nach Rom, die Synodalbeschlüsse dem Urteil des Papstes vorzulegen. Unter den vielen Bischöfen, die, nach königlichen Immunitäten und Schenkungen begierig, die Wünsche Lothars gewissenlos unterstützten, waren jene beiden Männer seine vertrautesten Förderer; sie hielten außerdem zum Königtum, um durch dieses den Episkopat dem Papste gegenüber stark zu machen. Als sie nach Rom gekommen waren, übergaben sie hier die Akten der fränkischen Synode voll Hoffnung, den Papst durch Überredung zu gewinnen; aber Nikolaus ließ sie drei Wochen lang nicht vor, dann befahl er ihnen, auf der Synode im Lateran zu erscheinen, und ohne sie zur Verteidigung zuzulassen, ohne Verhör noch Anklage noch Beiziehung fränkischer Bischöfe sprach er die Absetzung und Exkommunikation über sie aus, während er die Beschlüsse der Landessynode von Metz kassierte. Das geschah im Herbst 863.

Die Erzbischöfe eilten hierauf nach Benevent, wo sich der Kaiser befand. Sie beklagten sich über die erfahrene Gewalt, sagten ihm, daß in ihrer Person sein Bruder Lothar und er selber verletzt seien, stellten ihm vor, daß die unbeschränkte Herrschaft des Papsts die kaiserliche und königliche Majestät und die fränkische Kirche zugleich bedrohe, und sie brachten Ludwig in Zorn. Er brach sofort mit einem Heer nach Rom auf, begleitet von seiner Gemahlin Engelberga und den beiden Erzbischöfen, welche wieder einzusetzen er den Papst zwingen wollte. Im Februar 864 traf er in der Stadt ein. Da er, wie das Gerücht verbreitete, in feindlicher Absicht kam, hatte der Papst allgemeine Fasten und Prozessionen angeordnet und die ganze Stadt in Trauer gehüllt. Der Kaiser nahm Wohnung im Palast am St. Peter, nicht vom Papst begrüßt, denn Nikolaus hielt sich im Lateran verschlossen, wo er den Himmel durch unablässige Gebete gegen die »übelhandelnden Fürsten« bestürmte. Vergebens stellten ihm die Barone Ludwigs vor, daß er durch diese Maßregeln unkluger Aufregung den Zorn des Kaisers nur vermehre; die Prozessionen hörten nicht auf, die Stadt zu durchziehen. Ihrer eine bewegte sich nach dem St. Peter und war im Begriff, die Stufen des Atrium hinanzusteigen, als sich einige durch des Papsts Weigerung erbitterte Vasallen und Kriegsknechte Ludwigs auf die Geistlichen stürzten. Sie mißhandelten diese, rissen die Kirchenfahnen nieder und zerbrachen auch das Kreuz der heiligen Helena, in welchem nach dem Glauben der Zeit das Holz des wahren Kreuzes eingeschlossen war. Die Prozession suchte ihr Heil in der Flucht. Eine solche Szene war seit der Gründung des karolingischen Reichs in Rom nicht gesehen worden. Die Harmonie zwischen Papsttum und Kaisertum schien zerstört, und zum erstenmal war der Nationalhaß zwischen Germanen und Römern in der Stadt zum Ausbruch gekommen.

Das Gerücht erzählte, der Papst sei heimlich auf einem Nachen über den Tiber gesetzt und nach dem St. Peter geflohen, wo er zwei Tage und Nächte ohne Speise und Trank zubrachte; der Franke, welcher das Kreuz der heiligen Helena zerschmettert hatte, sei gestorben, der Kaiser selbst vom Fieber ergriffen worden. Die Vermittlung zwischen Nikolaus und ihrem Gemahl übernahm die Kaiserin.

Auf die Zusage der Sicherheit kam der Papst nach dem Palast des Kaisers, wo beide sich lange unterredeten. Er begab sich sodann wieder nach dem Lateran, aber die Erzbischöfe, denen Ludwig nach Deutschland zurückzukehren befahl, löste er nicht vom Bann. Ehe diese deutschen Prälaten Rom verließen, setzten sie eine Schrift auf, worin sie gegen ihre Absetzung in so kühner Sprache protestierten, wie sie wohl nie ein Papst von Bischöfen vernommen hatte; das Streben der Landeskirchen nach Unabhängigkeit fand darin den kräftigsten Ausdruck. In der Einleitung ihres Libells an die Bischöfe Lothringens wagten sie schon diese Rede: »Obwohl uns Nikolaus, welcher Papst genannt wird, sich als Apostel zu den Aposteln zählt und zum Imperator der ganzen Welt aufwirft, hat verdammen wollen, so hat er doch mit Christi Hilfe an uns durchaus Widerstand gefunden, und was er nachher getan, nicht wenig bereut.« Ihre Schrift, welche an den Papst gerichtet war, enthielt sieben Kapitel. Nachdem die Verfasser sein unkanonisches Verfahren verdammt hatten, warfen sie ihm das Anathem auf sein eigenes Haupt zurück. Gunther von Köln, ein sehr entschlossener Mann, hatte seinem Bruder Hilduin, einem Kleriker, aufgetragen, dieses Schriftstück dem Papst persönlich einzuhändigen, wenn er aber dessen Annahme verweigerte, dasselbe auf die Konfession des St. Peter zu legen. Nikolaus tat dies, wie vorauszusehen war, und Hilduin ging alsbald, von Bewaffneten umringt, trotzig in den St. Peter, zu tun, wie ihn sein Bruder geheißen hatte. Die Wächter der Konfession (sie bildeten eine eigene Schola unter dem Titel Mansionarii scholae confessionis St. Petri) umstellten das Apostelgrab, aber die Eingedrungenen streckten ihrer einen tot nieder, warfen die Schrift auf die Konfession und stürmten, mit den Schwertern sich den Weg bahnend, aus der Basilika hinaus.

Dieser Auftritt zeigte, daß sich der Kaiser keineswegs freundlich mit dem Papst verglichen hatte. Er sah ruhig zu, wie sein Kriegsvolk, als ob es in Feindesland wäre, die größten Exzesse beging: Plünderung von Häusern, selbst von Kirchen, Mordtaten, Mißhandlung von Nonnen und Matronen; er selbst verschmähte, die Ostern in Rom zu begehen, verließ die Stadt und feierte dieses Fest absichtlich in Ravenna bei dem grollenden Erzbischof Johannes, welcher seine in Rom erfahrene Erniedrigung nicht vergessen hatte, vielmehr die Gelegenheit des Zwiespalts der deutschen Bischöfe mit dem Papst bereitwillig ergriff, zu den verdammten Prälaten in ein freundliches Verhältnis trat und den Zorn Ludwigs eifrig anschürte. Dieser Sturm beugte jedoch die Kraft des Papsts Nikolaus nicht. Mit der Festigkeit eines alten Römers stand dieser stolze und unbeugsame Geist aufrecht. Er drohte mit den Bannstrahlen, und sie wurden wie wirkliche Blitze gefürchtet; die Bischöfe in Lothringen schickten ihre bußfertigen Erklärungen; sein Legat Arsenius, mit Briefen an die Könige, Bischöfe und Grafen ausgerüstet, welche von Drohungen flammten, trat in Lothringen mit einem Hochmut auf, der an die Prokonsuln des alten Rom erinnerte. Er führte dem vor dem Bannstrahl zurückbebenden Könige mit der einen Hand die verstoßene Gemahlin zu und entzog ihm mit der andern die Geliebte. Das Königtum, schwach und uneinig, von einer schlechten Sache in den Kampf gegen Rom ausgehend, gab dem Papsttum den glänzendsten Sieg in die Hände. Gleichwohl war dies Drama noch nicht ausgespielt; Nikolaus selbst starb darüber, und erst unter seinem Nachfolger wurde der skandalöse Prozeß beendigt.

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