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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Alarich rückt gegen Rom im Jahre 408. Sein Dämon. Ahnungen vom Falle Roms. Erste Belagerung. Die Gesandtschaft der Römer. Tuszisches Heidentum in Rom. Die Belagerung wird abgekauft. Honorius verwirft den Frieden. Alarich zum zweitenmal vor Rom 409. Der Gegenkaiser Attalus. Zug Alarichs nach Ravenna. Er lagert zum drittenmal vor Rom.

Der Gotenkönig hatte kaum einen Grund, über den schmählichen Tod seines ehemaligen Feindes zu trauern, auch wenn er mit ihm als Freund den Osten und den Westen zu teilen gehofft hätte. Dieser einzige ihm überlegene Gegner, welcher ihn aus Italien zurückgeworfen und zu fünfjähriger Untätigkeit gezwungen hatte, war nicht mehr, und dies machte Alarich augenblicklich zum Gebieter über die Geschicke Roms. Er beschloß jetzt, sein Glück nochmals zu versuchen, und brach aus Illyrien in Oberitalien ein, wohin ihn die Rachsucht der Freunde Stilichos und der Ruf der Arianer einluden, während der verweigerte Tribut ihm selbst den Vorwand zum Bruch der Verträge gab. Ein Dämon, so erzählt die Sage, stachelte den furchtbaren Eroberer, welcher bereits das schöne Hellas zertrümmert hatte, unablässig an, auch gegen Rom zu ziehen. Ein frommer Mönch eilte zu dem sich rüstenden Barbarenkönige; er beschwor ihn, die Stadt zu schonen und von der ungeheuren Tat, die er vorhabe, abzustehen; aber der Gote antwortete ihm: »Ich handle nicht aus eigenem Willen; ein Wesen ist es, das mich rastlos quält und treibt und mir zuruft: erhebe dich und zerstöre Rom!« Hieronymus und Augustinus haben den Dämon Alarichs als einen Impuls der Gottheit erklärt, welche die entartete Hauptstadt der Welt um ihrer Sünden willen habe züchtigen wollen; und wer sollte nicht den Dämon in der geschichtlichen Macht erkennen, die den Gotenkönig antrieb, eine unerhörte Tat zu wagen? Der Gedanke, das weltgebietende, nie von einem Feinde bezwungene Rom zu erobern, mußte der menschlichen Vorstellung als etwas Ungeheures erscheinen, während er zugleich auf einen ehrgeizigen Barbaren einen unwiderstehlichen Zauber ausübte. Mit dem Kriegszuge Alarichs begann die Eroberung des entkräfteten Italien durch deutsche Völker; damals zuerst traten die Germanen aus dem unstet fahrenden Leben zielloser Naturkraft heraus und in den Kreis gesetzmäßiger Entwicklungen der Kultur ein; diese Tatsache aber war der Tod des Römischen Reichs. Alarich durfte zunächst hoffen, mit dem Besitze Roms die politischen Verhältnisse Italiens tiefer zu verwirren, aber freilich nicht, sich hier dauernd zum Herrscher zu machen, denn er selbst hatte keinen Rückhalt weder an einem Staat noch an einer Nation und keine Hilfsmittel und Verbindungen solcher Art, wie sie einst dem Pyrrhus und dem Hannibal so große Kraft gegeben hatten.

Die Stadt Rom war noch immer die Verkörperung aller Zivilisation und das Palladium der Menschheit. Selbst als sie aufgehört hatte, der Sitz des Kaisers und der höchsten Staatsbehörden zu sein, blieb sie doch das ideale Zentrum des Reichs. Ihr allen Menschen ehrwürdiger Name war an sich eine Macht. Der Begriff »Rom« und Römisch« drückte die Weltordnung aus. Obwohl diese Stadt nach und nach durch furchtbare Kriege so viele Nationen unterjocht hatte, wurde sie dennoch nicht gehaßt, denn sie alle, selbst die Barbaren, nannten sich mit Stolz die Bürger Roms. Nur zelotische Christen konnten die erlauchte Stadt als Sitz des Götzendienstes verabscheuen; die Apokalypse weissagte den Fall jenes großen Babels, welches alle Völker mit dem Wein der Lust getränkt hatte. Die Sibyllinischen Bücher, die in der Zeit der Antonine in Alexandria entstanden waren, verkündigten den Untergang der Stadt nach dem baldigen Erscheinen des Antichrists, den man sich in der Gestalt des vom Ende der Welt wiederkehrenden Ungeheuers, des Christenschlächters und Muttermörders Nero vorstellte. Das Palladium Roms werde dann seine Kraft verloren haben; doch dereinst werde durch Christus die Macht Roms und der ruhmvollen Lateiner zu neuer Größe emporsteigen. Im Widerspruch zu Virgil stellten die Kirchenväter Tertullian und Cyprianus die Behauptung auf, daß auch das Reich der Römer, wie der Herrschaft der Perser, Meder, Ägypter und Mazedonier, welche ihm vorangegangen war, in der Zeit begrenzt sei und seinem Ende entgegengehe. Die Sage erzählte, daß Constantin, durch ein Orakel aufgefordert, das neue Rom am Bosporus erbaut habe, weil das alte dem unrettbaren Untergange geweiht sei.

Der Andrang sarmatischer und germanischer Völker gegen die Grenzen des Reichs im IV. Jahrhundert lieh diesen Weissagungen mehr Wahrscheinlichkeit, und ein dämonischer Schrecken wurde durch die bestimmte Erwartung verbreitet, daß die Stadt in die Gewalt der Barbaren fallen müsse, von denen zumal die Christen schon seit lange glaubten, daß sie Rom, wie Ninive oder Jerusalem, durch Feuer zerstören würden. Kein Wunder, wenn sich bereits zur Zeit Constantins eine Stimme hören ließ, welche mit dem Falle Roms den Untergang der Welt verkündete. »Wenn dieses Haupt des Erdkreises«, so sagte der Redner Lactantius, »gefallen und in Flammen aufgegangen sein wird, wie die Sibyllen es weissagen, wer zweifelte dann, daß aller menschlichen Dinge und der Welt Ende gekommen sei? Denn dies ist die Stadt, welche noch die Welt aufrecht hält, und mit Inbrunst haben wir den Gott des Himmels zu bitten, es möge, wenn anders sein Wille aufgeschoben werden kann, nicht eher, als wir glauben, jener fluchwürdige Tyrann erscheinen, der diese Freveltat verübt und jenes Licht verschüttet, bei dessen Ausgehen die Welt selbst vergehen wird.«

Mit dem ersten Auftreten der Goten in Italien hatte diese Furcht eine bestimmte Gestalt angenommen. Sie verleiht dem Gedichte Claudians vom gotischen Kriege einige Züge jener tiefen, geisterhaften Schwermut, welche die Ahnung des unvermeidlichen Unterganges erregt. »Erhebe dich«, so ruft der Dichter, »ehrwürdige Mutter, befreie dich von der niedrigen Furcht des Alters, o Stadt, gleichaltrig dem Pole. Dann erst wird die eiserne Lachesis ihr Recht an dir nehmen, wenn der Don Ägypten, der Nil den Mäotischen Sumpf bespült!« Aber diese kühnen Apostrophen waren nur Seufzer entsetzter Furcht. Sobald sich Alarich regte, ergriff ein panischer Schrecken Rom, und Claudian selbst hat ihn lebhaft geschildert. Kaum war im Jahre 402 der König der Goten an den Po gerückt, als die Römer sich schon einbildeten, die Pferde der Barbaren wiehern zu hören. Da packte man Hab und Gut zusammen, da rüstete man die Flucht nach Korsika, nach Sardinien, nach den griechischen Inseln; da starrte man mit abergläubischer Angst in den verfinsterten Mond und erzählte sich von grauenvollen Kometen, von Traumbildern und schrecklichen Wunderzeichen, während die alte Deutung, daß die zwölf Geier des Romulus zwölf Jahrhunderte des Bestehens der Stadt geweissagt hätten, nun in Erfüllung gehen zu wollen schien. Damals hatte Stilicho Rom gerettet, aber er lebte nicht mehr, und die Generale des Honorius, Turpilio, Varanes und Vigilantius, vermochten nicht sein Genie zu ersetzen. Der Hof in Ravenna verwarf die Friedensvorschläge Alarichs und seine mäßigen Geldforderungen im stolzen Bewußtsein der Majestät, doch nicht der Kraft des Reichs. Er fühlte sich in den adriatischen Sümpfen sicher und überließ Rom seinem Geschick. Diese Stadt war nicht mehr der Sitz der Reichsgewalt, welche selbst nicht einmal durch deren Eroberung getroffen werden konnte; »denn Rom war da, wo der Kaiser war.«

Der Gotenkönig setzte über den Po schon bei Cremona; weit und breit das Land verheerend, zog er über Bologna nach Rimini und ohne Widerstand die Flaminische Straße herab. Er umlagerte sodann die Mauern Roms mit seinen dichten Schwärmen skythischer Reiter und mit den Massen seines nach Blut und Beute verlangenden gotischen Fußvolks.

Alarich unternahm keinen Sturm, er umschloß die Stadt, legte seine Heerhaufen vor jedes ihrer Haupttore, schnitt alle Zufuhr vom Lande wie vom Meere ab und wartete auf die unausbleibliche Wirkung seiner Maßregeln. Die Römer hielten sich in den neu befestigten Mauern Aurelians und suchten den Feind durch den Anblick des blutigen Haupts eines erlauchten Weibes abzuschrecken. Serena, die unglückliche Witwe Stilichos, Nichte des Kaisers Theodosius, weil Tochter von dessen Bruder Honorius, lebte in ihrem Palast zu Rom, wohin ihr die Eunuchen ihre vom Kaiser verstoßene Tochter Thermantia zurückgebracht hatten, denn in zweiter Ehe hatte sich derselbe mit diesem kaum der Kindheit entwachsenen Mädchen vermählt, nachdem ihre ältere Schwester Maria gestorben war. Der Senat argwöhnte, Serena habe die Goten aus Rache herbeigerufen und stehe mit ihnen im Einverständnis. Er befahl ihren Tod durch Henkershand. Die Prinzessin Placidia, des Honorius Schwester und durch Theodosius die Muhme Serenas, damals einundzwanzig Jahre alt, willigte in diesen kläglichen Mord. Sie wohnte gerade in den Gemächern des Palatium, und zugleich lebten in Rom noch andere fürstliche Frauen auf ihrem Witwensitze, Laeta, einst Gemahlin des Kaisers Gratian, und deren greise Mutter Pisamena. Doch der Senat täuschte sich in dem Wahn, die Goten würden nach Serenas Tode ihre Hoffnung, in die Stadt eingelassen zu werden, aufgeben und abziehen. Hunger und Pest wüteten darin. Jene edlen Fürstinnen verkauften ihr Geschmeide, um die Not des Volks zu lindern.

Der verzweifelte Senat schickte endlich den Spanier Basilius und den Tribun der kaiserlichen Notare Johannes ins Lager der Goten, um wegen eines Friedens zu unterhandeln. Die Abgeordneten sagten Alarich, was ihnen unklugerweise aufgetragen war: das große römische Volk, an Krieg gewöhnt, sei zu einer Verzweiflungsschlacht bereit, wenn er es durch unbillige Bedingungen aufs Äußerste treibe. »Das Gras«, so entgegnete hierauf der Barbarenkönig diesen armseligen Schauspielern im abgetragenen Heldenpurpur Roms, »wird um so leichter gemähet, je dichter es ist.« Er verlangte für seinen Abzug die Auslieferung aller Kostbarkeiten an Gold und Geräten und aller Sklaven barbarischer Abkunft. Als ihn einer der Gesandten fragte, was er denen in Rom übrigzulassen gedenke, antwortete er kurz: »Das nackte Leben!«

In dieser verzweifelten Lage nahm die altrömische Partei ihre Zuflucht zu den Mysterien der gestürzten Götter. Tuszische Greise, in den alten Augurien, den Künsten ihrer Heimat, noch erfahren, welche vielleicht Pompejanus, der heidnische Präfekt der Stadt, herbeigerufen hatte, erboten sich, Rom durch Herabbeschwören der Blitze von der Feindesnot zu befreien, wenn der Senat auf dem Kapitol und in den übrigen Tempeln nach altem Gebrauch die feierlichen Opfer vollziehen wolle. Der heidnische Geschichtschreiber Zosimus, der von diesem Vorschlag erzählt, behauptet sogar, daß selbst der Bischof Innocenz das Vorhaben dieser Auguren zugelassen, obwohl nicht gebilligt habe, aber er ist aufrichtig genug, einzugestehen, daß sich das Heidentum als vollkommen tot erwies, denn niemand wagte, den Opfern beizuwohnen; man schickte die Zauberer heim und wandte sich zu wirksameren Mitteln.

Nach einer zweiten Gesandtschaft erklärte sich Alarich mit einem Lösegelde von 5000 Pfunden Gold und 30 000 Pfunden Silber zufrieden; er verlangte außerdem 3000 Stück in Purpur getränkter Felle, 4000 seidene Wämser und 3000 Pfunde Pfeffer, eine Forderung barbarischer Luxusbedürfnisse. Um die große Summe des baren Geldes aufzubringen, reichte eine Zwangssteuer nicht aus; man griff demnach die verschlossenen Tempelschätze an; man schmolz Bildsäulen von Gold und Silber ein, und dies beweist, daß noch genug kostbare Statuen in Rom zu finden waren. Unter diesen dem Schmelzofen überlieferten Opfern beklagte Zosimus vor allem die nationale Figur der Virtus, mit welcher auch der letzte Rest von Tapferkeit und Tugend bei den Römern zugrunde gegangen sei.

Sobald Alarich die Geldsumme empfangen hatte, gestattete er den hungernden Römern einige Tore zum Ausgange, einen dreitägigen Markt und die Zufuhr vom Hafen. Er selbst entfernte sich und schlug im Tuszischen ein Lager auf; mit sich führte er nicht weniger als 40 000 Barbarensklaven, welche nach und nach aus der Stadt und den Palästen ihrer Herren zu ihm geflohen waren. Er wartete auf die Antwort vom Hofe Ravennas, wohin Gesandte des Senats gegangen waren, um Anträge des Friedens und Bündnisses dem Kaiser in seinem Namen vorzulegen. Honorius oder sein Minister Olympius verwarf diese Vorschläge, obwohl die Forderungen Alarichs nicht übertrieben groß waren. Denn er wollte sich mit einem jährlichen Betrage von Gold und Getreide, mit Noricum, Dalmatien und beiden Venetien und mit der Würde eines Generals der kaiserlichen Heere begnügen.

Unter den Gesandten, welche Rom an den Kaiser abschickte, befand sich auch der Bischof Innocentius; aber weder seine Mahnungen, noch die Bitten und Vorstellungen der übrigen Boten, welche die Not Roms mit finstern Farben ausmalten, brachten Eindruck hervor, und Alarich erfuhr bald darauf in Rimini, wohin ihn der neue Minister Jovius eingeladen hatte, die verächtliche Weigerung des Honorius, ihm den Titel eines Generals des Reiches zu verleihen. Er zog jetzt zum zweitenmal gegen Rom, doch zuvor sandte er italienische Bischöfe zu Honorius, ihm vorzustellen, daß er die ehrwürdige Stadt, welche schon seit mehr als einem Jahrtausend das Haupt der Welt sei, mit ihren herrlichen Monumenten unfehlbar den Flammen und der Plünderungswut von Barbaren preisgebe, wenn er auf dem Krieg bestehe. Er verringerte seine Ansprüche; er verzichtete selbst auf jede Würde im Reich; mit Noricum, mit einem Betrage an Getreide und einem Freundschaftsbündnis, welches ihm gestatte, seine Waffen gegen die Feinde des Kaisers zu wenden, wolle er zufrieden sein. Indes die Minister erklärten: sie hätten auf des Kaisers Haupt geschworen, nie mit dem Barbaren Frieden abzuschließen, und eher dürfe man Gott als dem Kaiser rneineidig werden.

Die Mäßigung des Gotenkönigs wird nicht hinreichend durch jene Achtung vor der Autorität des Reichs erklärt, welche alle, selbst die kühnsten Barbaren empfanden. Eroberer schreckt niemals Ehrfurcht, sondern nur Furcht zurück, und Alarich mußte sich vorstellen, daß er, auf seine vereinzelten, schlecht verpflegten Heerhaufen angewiesen, einer flüchtigen Gewalt über die Stadt die beschränkte, aber durch öffentlichen Staatsvertrag gesicherte Besitzung einer Provinz im Reiche vorzuziehen habe. Als er wieder vor Rom erschien, erkannte er, daß es für seine zu Belagerungen ungeschickten Krieger eine verzweifelte Aufgabe sein müsse, die Mauern Aurelians zu durchbrechen oder zu ersteigen. Er beschloß daher, die Stadt zu umschließen und auszuhungern. Zu diesem Zweck bemächtigte er sich des wichtigen Portus, des Hafens von Rom an der rechten Tibermündung, wodurch er sich in den Besitz aller Vorratsquellen der Stadt setzte.

Sein nächster Plan war, eine politische Umwälzung in Rom durchzuführen, weniger weil er dadurch Honorius wirklich zu entthronen hoffte, als weil er eine Kaiserpuppe brauchte, die seinen eigenen Forderungen den Schein legitimer Anerkennung gab. Das gequälte Volk der Römer willigte in die Vorschläge der gotischen Agenten, sich von Honorius loszusagen und Alarich als Protektor Roms anzuerkennen. Ein Aufstand zwang den Senat, mit dem Gotenkönige zu unterhandeln. Auf dessen Vorschlag wurde der Kaiser für entsetzt erklärt und der Stadtpräfekt Attalus im Cäsarenpalast auf den kaiserlichen Thron erhoben. So fern lag dem Gotenkönige der Gedanke, diesen Thron selbst einzunehmen; er begnügte sich vielmehr, die legitime Dynastie umzustürzen und an ihrer Stelle einen Römer durch Beschluß des Senats und Volks als Kaiser aufzustellen, dem er dann selber huldigte. Sofort empfing er von Attalus die Würde eines Generalissimus des Reichs, während der Gote Athaulf, sein Schwestermann, zum Präfekten der Reiterei ernannt wurde.

Der römische Pöbel beglückwünschte Attalus, beklatschte die Ernennung des Tertullus zum Konsul und hoffte auf Circusspiele und reiche Geschenke. Nur die Familie der Anicier blieb dieser tumultuarischen Umwälzung fern, was vom Volk übel vermerkt wurde. Dieses mächtige Geschlecht, das Haupt der christlichen Aristokratie in Rom, fürchtete mit Grund eine Reaktion des Heidentums. Denn Attalus selbst war Heide; er hatte sich zwar, den Goten zuliebe, die das arianische Christentum bekannten, von einem ihrer Bischöfe taufen lassen, doch er erlaubte nicht nur, die alten Tempel wieder aufzuschließen, sondern er ließ selbst das Labarum mit dem Monogramm Christi auf seinen Münzen fort und setzte darin statt des Zeichens des Kreuzes die Lanze und das Bild der römischen Victoria.

Das gotische Heer brach sodann, mit den Truppen des Attalus vereinigt, zur Belagerung Ravennas auf. Alarich führte den Gegenkaiser mit sich, und kaum zeigten sich die Goten vor den Mauern jener Stadt, so entsank auch schon dem Kaiser Honorius der Mut. Er ließ sich sofort auf Unterhandlungen ein; er erbot sich sogar, Attalus als Mitregenten anzunehmen. Doch das ward abgelehnt. Der Gegenkaiser würde wohl große Erfolge errungen haben, wenn er die Absichten Alarichs mit Einsicht und Kraft unterstützt hätte; aber der ehemalige Präfekt Roms wollte die Ratschläge seines Schöpfers nicht hören; er verachtete die Barbaren; er tat auch nichts, um Afrika, zu dessen Eroberung ihm der Gotenkönig Truppen geben wollte, den Kaiserlichen zu entreißen. Er war ein untauglicher Mensch, weder Staatsmann noch General. Der Abfall seines Ministers Jovius bestärkte indes Honorius im Gedanken an die Flucht nach Konstantinopel, bis das plötzliche Erscheinen von sechs Kohorten im Hafen Ravennas ihm wieder Mut gab. Die Festigkeit dieser Stadt vereitelte alle Anstrengungen Alarichs, welcher übrigens fortdauernd mit dem Kaiser unterhandelte. Er gebrauchte seine Kreatur Attalus nur als ein wirksames Schreckbild; er nahm ihm endlich in Rimini Purpur und Diadem wieder ab, schickte diese Insignien nach Ravenna und behielt den Exkaiser nebst dessen Sohn Ampelius als Gefangene in seinem Lager. Doch in Ravenna zog man die Friedensunterhandlungen in die Länge.

Das Erscheinen des Sarus, eines kühnen Gotenhäuptlings und Todfeindes Alarichs, sein plötzlicher Angriff auf Athaulf, dessen Truppen er überfiel, endlich seine Aufnahme in die Mauern Ravennas überzeugten den Gotenkönig, daß man ihn absichtlich täuschte. Er brach daher sein Lager ab und zog nochmals gegen Rom. Wenn er die Hauptstadt des Reichs bisher aus manchen Rücksichten geschont hatte, beschloß er jetzt, sich ihrer mit Gewalt zu bemächtigen und sie als Kriegsbeute zu behandeln. Der elende Honorius gab sie preis, zufrieden, daß der Feind von Ravenna abgezogen war.

Goten und Hunnen lagerten jetzt auf den Höhen vor Rom, dessen Plünderung ihnen der König versprochen hatte. Auf dem vatikanischen Gebiet zeigte sich diesen barbarischen Kriegern die Basilika St. Peters und darüber hinaus am Ufer des Tiber jene andere St. Pauls; die Häuptlinge sagten ihnen, daß sie ihre Gedanken von diesen mit Gold und Silber erfüllten Heiligtümern abzuwenden hätten; aber alles andere, was an Herrlichkeiten die Mauern Aurelians umschlossen, solle das Ihrige sein, wenn sie dieselben würden erstiegen haben. Ihre gierigen Blicke betrachteten diese Wunder der Architektur, eine unermeßliche Welt von Palästen und Straßen, aus denen Obelisken und einzelne mit vergoldeten Standbildern gekrönte Säulen sich erhoben; sie sahen Tempel in langen Linien majestätisch aufgereiht, Theater und Circus in gewaltigen Kurven aufsteigen, Thermen mit schattigen Hallen oder mit stumpfen und breiten Kuppeln in der Sonne schimmern, und endlich riesige Paläste der Vornehmen, welche ebenso viele reiche Städte innerhalb der Stadt schienen, und wo sie die köstlichen Gemächer von Kleinodien erfüllt und von der üppigen Blüte der Frauen Roms bewohnt wußten. Ihre barbarische Phantasie war von Märchen über die Schätze der Stadt erfüllt, welche sie aus dem Munde der fahrenden Väter am Ister und am Mäotischen Sumpf gehört hatten, und ihrer bestialischen Gier konnte die ihnen unzugängliche Vorstellung, daß dies die Stadt der Scipionen, des Cato, des Caesar, des Trajan sei, welche der Menschheit die Gesetze der Zivilisation gegeben hatten, keinen erhöhten Reiz verleihen. Sie wußten nur, daß Rom die Welt mit Waffengewalt unterworfen und daß es ihre Reichtümer in sich aufgehäuft habe, Schätze, die, noch von keinem Feinde geplündert, ihnen als Kriegsbeute zufallen sollten. Und ihrer waren so viele, daß sie Perlen und Edelsteine wie das Korn aufzumessen und Wagen mit goldenen Vasen und mit gestickten Prachtgewändern zu belasten hofften. Die struppigen Sarmaten in Alarichs Heer, in Tierfelle gehüllt, mit Bogen und Köcher bewaffnet, und die starken Goten, in erzene Panzer gekleidet, rohe Kinder der Natur und der kriegerischen Wanderung, konnten sich den Luxus römischer Künste nicht einmal begreiflich machen; sie fühlten nur dunkel, daß sie sich in Rom wie in ein Wollustbad aller Sinne hinabtauchen würden, und sie wußten, daß die Römer entweder kraftlose Schlemmer oder mönchische Asketen geworden seien.

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