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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 112
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Valentinus I. Papst. Gregor IV. Papst. Die Sarazenen dringen ins Mittelmeer. Sie stiften ihr Reich in Sizilien. Gregor IV. baut Neu-Ostia. Verfall der Monarchie Karls. Ludwig der Fromme stirbt. Lothar alleiniger Kaiser. Die Teilung von Verdun im Jahre 843.

Der Nachfolger Eugens, Valentinus I., ein Sohn des Römers Petrus aus der Via Lata, starb schon nach 40 Tagen. Hierauf wählte man zum Papst den Sohn eines edlen Römers Johannes, welcher zuvor Kardinal von St. Marcus gewesen war. Er nannte sich Gregor IV.; die Weihe empfing er erst, nachdem die kaiserliche Bestätigung eingetroffen war.

Die Zeit drohte mit furchtbaren Stürmen. Im Norden wankte die junge Monarchie Karls durch Zwiespalt seines schnell verkommenden Hauses; im Süden drängten Sarazenen und Mauren von Afrika, Kandia und Spanien immer mächtiger ins Mittelmeer, lüstern nach dem Besitze Italiens, da bereits Spanien von ihren Glaubensgenossen erobert worden war. Schon seit langem kreuzten sarazenische Piraten im Tyrrhenischen Meer, Inseln und Küsten des Festlandes plündernd, weshalb bereits zur Zeit Leos III. an den römischen Ufern Wachen aufgestellt und Türme errichtet wurden. Im Jahre 813 überfielen sie Centumcellae (Civitavecchia); sie plünderten Lampadusa und Ischia, landeten auf Korsika und Sardinien und schwärmten in den Gewässern Siziliens.

Der dortige Patricius hatte im Jahre 813 einen zehnjährigen Frieden erkauft, allein eine Militärrevolution entschied schon am Anfange des Jahres 827 das Schicksal dieser schönen Insel. Der byzantinische General Euphemius empörte sich, doch die dem griechischen Kaiser treugebliebenen Truppen des Armeniers Palata vertrieben ihn nach Afrika. Der Verräter machte dort dem Herrscher Kairawans, Ziâdet Allah, den Vorschlag, die reiche Insel mit seiner Hilfe zu erobern, wofür er dann die Anerkennung als Kaiser forderte. Araber, Berber, flüchtige spanische Mohammedaner, die Blüte Afrikas trug eine Segelflotte an die Küste Siziliens, wo sie am 17. Juni 827 bei Mazara landeten. Palata ward geschlagen, die Eroberer rückten vor Syrakus, und da sie diese feste Stadt nicht bezwingen konnten, erstürmten sie zunächst Palermo am 11. September 831.

Mit Sizilien fiel das Bollwerk, welches die Sarazenen noch vom Festlande Italiens getrennt hatte. Dessen südliche Provinzen wurden seither der Schauplatz für die blutigen Kämpfe der Kaiser des Ostens und Westens und der afrikanischen Sultane. Als der Papst den Fall jener Insel vernahm, wo die Feinde des Christentums im nahen Palermo den Sitz eines arabischen Reiches errichteten, mußte er für Rom selbst fürchten. Die Stadt lag von der Seeseite dem Feinde offen, denn die morschen Mauern von Portus und Ostia konnten ihn nicht hindern, wenn er den Tiberfluß empordringen wollte. In den Ruinen jener Kastelle lag wohl noch eine römische Besatzung, allein die Zahl der Einwohner schmolz durch Flucht täglich zusammen. Ostia war damals lebhafter als Portus, denn die Schiffe, welche noch Rom besuchten, bedienten sich des linken Tiberarms, der noch immer fahrbar war. Unter Trümmern alter Tempel, Thermen und Theater stand dort die Kirche der heiligen Aurea, und hier wohnte der Bischof, der angesehenste unter allen suburbikaren Bischöfen, welcher das Vorrecht besaß, den Papst zu konsekrieren. Gregor beschloß, Ostia zu befestigen, aber der Verfall der alten Stadt überzeugte ihn, daß es besser sei, sie neu zu gründen. Er baute diese Neustadt aus dem Material der alten, deren Monumente dadurch gründlich zerstört wurden; er umgab sie mit festen Mauern, auf deren Zinnen Wurfmaschinen aufgestellt wurden. Der Papst nannte die vollendete Stadt von sich selbst Gregoriopolis; doch dieser schwerfällige Name erhielt sich nicht. Das Jahr der Gründung Neu-Ostias ist unbekannt. ohne Zweifel geschah sie bald nach der Eroberung Palermos durch die Muselmanen.

Während das Vordringen dieser die Christenheit ängstigte, machte der frevelvolle Streit und Krieg der Nachkommen Karls miteinander jede Abwehr durch das Kaisertum zweifelhaft. Das neue Römische Reich schien sich schon jetzt auflösen zu wollen, denn die Krone seines großen Stifters wurde auf dem Haupte seines eigenen Sohnes und durch die frechen Hände seiner Enkel entehrt. Die rohen Zeiten der Merowinger kehrten nach Karl wieder; Herrschsucht, Habgier und Wollust, Eigenschaften der alten Frankendynastie, verdarben auch das neue Fürstengeschlecht; die Kinder erhoben sich gegen den Vater, und das ganze Reich war von unnatürlicher Empörung entflammt. Die Erscheinung des großen Karl konnte jetzt einem Blitzstrahl verglichen werden, der aus der Nacht gekommen, die Erde eine Weile erleuchtet hatte, um dann wiederum die Nacht hinter sich zurückzulassen.

Im Jahre 819 hatte sich Ludwig der Fromme zum zweitenmal vermählt mit Judith, der Tochter des Herzogs Welf von Bayern, des ersten Fürsten dieses auch in der Geschichte Italiens verhängnisvollen Namens. Sie hatte ihm im Jahre 823 einen Sohn Karl geboren, zum Verdruß der Prinzen Lothar, Pippin von Aquitanien und Ludwig von Bayern. Denn die ursprüngliche Erbteilung wurde jetzt verändert, der junge Prinz mit einem Teil des Reiches ausgestattet. Zwischen dem schwachen, von der Geistlichkeit beherrschten Vater und den trotzigen Söhnen stand ein frecher Minister, Bernhard, Herzog von Septimanien, der Erzieher des jungen Karl, und, wie man aussprengte, der Geliebte der Kaiserin. Die Söhne empörten sich gegen den Vater. Lothar erhob im Jahre 830 die Waffen in Italien, Pippin überfiel den Kaiser in Frankreich, und beide forderten von dem Gefangenen, daß er der Krone entsage und sich in ein Kloster zurückziehe. Allein das Volk führte ihn auf den Thron zurück, und die Brüder entzweiten sich. Im Jahre 833 wieder einig, begannen sie Krieg von allen Seiten. Sie lagerten im Elsaß ihrem Vater gegenüber, und dorthin hatte Lothar auch den Papst berufen oder mit sich geführt, den Frieden zu vermitteln. Aber Gregor IV. erschien den Franken nur als Friedensstörer, der die rebellischen Söhne begünstigte; der alte Kaiser empfing ihn ohne Zeichen der Verehrung, voll Argwohn; die Bischöfe seiner Partei (sie sträubten sich noch entschieden gegen die Suprematie des Römischen Stuhls) erklärten sogar, daß der Papst, wenn er gekommen sei, zu exkommunizieren, als Exkommunizierter davon gehen werde. So richtete Gregor im Lager der Brüder nichts aus und kehrte endlich »ohne Ehre« nach Rom zurück.

Das Oberhaupt der Kirche war Zeuge gewesen, wie die Söhne den Vater, nachdem sein bestochener Anhang ihn verlassen hatte, gefangengenommen, wie Bischöfe ihre frivolen Staatsgründe unterstützt hatten, und er hörte nachher, daß ein Konzil zu Compiegne den entthronten Kaiser in den Bann getan habe. Er selbst hatte nur eine zweideutige Vermittlung durchzuführen gesucht, deren Ausgang sein Ansehen verkleinerte. Zu dem höchsten Werk des Priestertums berufen, die empörte Natur durch Liebe zu versöhnen und zwischen Fürsten und Völkern Frieden zu stiften, zeigte er sich nur selbstsüchtig auf seinen Vorteil bedacht.

Nachdem die Brüder das Reich geteilt und sich aufs neue entzweit hatten, nachdem mit Hilfe Ludwigs von Deutschland der Kaiser den Thron wieder bestiegen hatte, war Lothar nach Italien gegangen. Der Papst, welcher seine Handlungen öffentlich nicht billigen durfte, hatte den gottlosen Sohn ermahnen müssen; und Lothar vergriff sich jetzt an den Kirchengütern, ja seine Beamten töteten sogar Leute des Papsts. Der Kaiser selbst wollte nach Rom kommen, sein von Schuld und Unglück beladenes Haupt am Apostelgrabe zu erleichtern, und da er seine Absicht nicht ausführen konnte, schickte er Boten an den Sohn und den Papst. Gregor sandte seine Nuntien nach Frankreich, aber Lothar vertrieb sie, so daß die päpstlichen Briefe nur heimlich über die Alpen gelangten. Dies sind Vorgänge des Jahres 836, und mit so tiefem Schweigen ist die Geschichte der Stadt Rom bedeckt, daß sie der Geschichtschreiber ergreift, um die Kluft der Zeit mit ihnen auszufüllen.

Der unselige Ludwig starb am 20. Juli 840; und Lothar, welchem er Krone, Zepter und Reichsschwert übergeben hatte, bestieg jetzt als alleiniger Kaiser den Thron. Jedoch der Streit entflammte mit neuer Wut, so daß ein wilder Bürgerkrieg begann, welchen Gregor vergebens zu stillen suchte. Nachdem Lothar das Schwert gezogen, um die Einheit der Monarchie gegen seine Brüder zu verfechten, nachdem er in der mörderischen Schlacht bei Auxerre (am 25. Juni 841) überwunden worden war, vertrugen sich die Parteien endlich durch die epochemachende Teilung zu Verdun im Jahre 843, wodurch die Monarchie Karls in ihre nationalen Völkergruppen zerfiel und Deutschland, Italien und Frankreich sich voneinander zu scheiden begannen. Der Kaiser Lothar erhielt alle italischen Reiche mit der »Römischen Stadt«, worauf er seinen Sohn Ludwig II. zum Könige Italiens ernannte. Dies war die Gestalt, welche das Reich Karls, jene auf den Prinzipien des Christentums errichtete Theokratie, schon ein Menschenalter nach der Krönung des großen Kaisers angenommen hatte.

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