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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 109
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zweites Kapitel

1. Lothar wird Mitkaiser. Empörung und Fall des Königs Bernhard. Lothar König von Italien. Seine Krönung in Rom. Er schlägt dort ein kaiserliches Tribunal auf. Prozeß mit Farfa. Gewaltsame Hinrichtung römischer Großer. Paschalis weicht dem kaiserlichen Richterspruch aus. Sein Tod.

Ludwig der Fromme beschloß, nach dem Beispiele seines Vaters in seinem ältesten, noch sehr jungen Sohne sich einen Mitkaiser zu ernennen. Dieser Gebrauch wurde aus dem altrömischen Reich schon deshalb auf das neue übertragen, weil dadurch dessen Einheit und Erblichkeit gesichert schien. Aber kaum hatte Lothar in der Aachener Reichsversammlung die kaiserliche Würde angenommen, als der Neid der übrigen Prinzen erweckt wurde. Murrend gingen die Brüder Pippin und Ludwig nach ihren Königssitzen in Aquitanien und Bayern, und der ehrgeizige Bastard Bernhard erhob die Waffen in offener Empörung. Karl hatte ihn, wie einst Pippin, nur als Statthalter ins Königreich Italien gesetzt, doch der natürliche Wunsch nach Unabhängigkeit mußte in den italienischen Königen bald rege werden. Das Verlangen der Italiener nach nationaler Selbständigkeit wurde zum erstenmal, und zwar in Oberitalien laut, wo die Langobarden, obwohl schon längst latinisiert, dennoch ihr altes Stammrecht, ihre Familien- und Volkstraditionen lebhaft bewahrten, und wo Mailand angefangen hatte, das einst herrschende Pavia zu überstrahlen. Der Sturz des langobardischen Königtums hatte dies bildsame und fleißige Volk nicht vertilgt; es verbreitete sich von den Alpen bis tief nach Apulien hinein. Wenn man die Stadt Rom ausnimmt, wo indes auch langobardische Geschlechter lebten und Männer desselben Stammes den Stuhl Petri bestiegen, so hielt jener germanische Stamm die höchsten Angelegenheiten Italiens fortdauernd in seinen Händen. Während der finstersten Jahrhunderte waren es wesentlich die Langobarden, welche diesem Lande Helden, Fürsten, Bischöfe, Geschichtschreiber, Dichter und endlich freie Republiken gaben. Auf ihrer Kraft ruht daher ein großer Teil des geschichtlichen Lebens Italiens überhaupt; eine unwiderlegliche Tatsache, welche heute manche Italiener vergebens verleugnen, indem sie der Geschichte zum Trotz von einer italienischen Nation schon in Jahrhunderten reden, wo es eine solche gar nicht gegeben hat, oder vergessen, daß diese Nation wesentlich aus der Verschmelzung der gotisch-langobardischen und der lateinischen Rasse entstanden ist. Wenn wir nun selbst in dieser Epoche von einer italienischen Nation reden, so haben wir deren Begriff auf sein historisches Maß vorweg beschränkt. Die lombardischen Großen dachten nicht mehr an die Wiederherstellung der untergegangenen Dynastie des Desiderius, aber sie sehnten sich, das verhaßte Frankenregiment loszuwerden. Die Bischöfe, durch die Privilegien Karls und Ludwigs zu fürstlicher Macht gelangt und schon daran gewöhnt, in allen politischen Fragen gleich Landeshäuptern die erste Stimme zu haben, trieben den jungen Bernhard vorwärts. Unter ihnen war selbst Thiodulf, zwar Bischof von Orléans, doch Langobarde von Geburt, ferner Wolfold von Cremona und der angesehenste von allen, Anselm von Mailand. Der unbesonnene König sah sich indes bald enttäuscht. Die Brüder Pippin und Ludwig erhoben sich nicht, und bei der raschen Annäherung des kaiserlichen Heers gegen die Grenzen Italiens verließen ihn seine Scharen. Der ratlose Jüngling eilte nach Cavillon, dem Oheim sich zu Füßen zu werfen, sei es, daß er gemachten Zusagen traute oder aus Verzweiflung sich dazu entschloß; das erste ist wahrscheinlicher, denn sonst würden ihn seine Mitverschworenen nicht begleitet haben. Der Kaiser warf ihn und sie in den Kerker. Bernhard wurde in Aachen zum Tode verurteilt, und obwohl Ludwig ihn begnadigte, ließ er es doch zu, daß man den Unglücklichen blendete. Dies byzantinische Urteil wurde, wie das Gerücht wissen wollte, auf Befehl der rachsüchtigen Kaiserin Irmingard in so barbarischer Weise vollzogen, daß Bernhard drei Tage darauf, nach Ostern 818, starb. Dasselbe Schicksal teilte sein Freund Reginhar, Sohn des Grafen Meginhar, einst kaiserlicher Pfalzgraf, während die gefangenen Bischöfe durch Spruch des fränkischen Klerus ihres Amts entsetzt und in Klöster verwiesen wurden. Der Kaiser hatte aus Schwäche dem Andringen seiner Gemahlin und seiner Räte nachgegeben; als ihm jedoch gemeldet wurde, sein Neffe sei tot, beweinte er ihn bitterlich, und er bekannte sich schuldig, das grausame Urteil zugegeben zu haben. Er unterzog sich noch vier Jahre später einer öffentlichen Buße wegen dieses und anderer Vergehen; eine Handlung, die das kaiserliche Ansehen schwächte, die moralische Gewalt der Bischöfe steigerte. Sie trösteten den Kaiser, indem sie ihn an das Beispiel des reumütigen Theodosius und sich selbst an das strafende Richteramt des Bischofs Ambrosius erinnerten. Es wird nicht berichtet, daß Paschalis sich bei Ludwig verwendet habe, das Schicksal Bernhards zu mildern. Wir nehmen dies jedoch an, denn es lag im Charakter jener Zeit, daß bei einem so außerordentlichen Falle der Kaiser die väterliche Stimme des Papsts vernahm. Nach Bernhards Tode blieb sein Thron zwei Jahre lang unbesetzt, nicht zum Verdruß der römischen Kirche, welcher das italienische Königtum bereits unbequem geworden war.

Die Zustände Roms in dieser Zeit sind in so tiefes Dunkel getaucht, daß die Geschichte der Stadt nur fragmentarisch in solchen Ereignissen sichtbar wird, die mit dem Reiche zusammenhängen. Lothar, der älteste Sohn Ludwigs, bereits zum Kaiser ernannt, wurde auch zum Könige Italiens erklärt; beide Würden vereinigten sieh somit zum erstenmal nach Karl dem Großen in einer Person. Obwohl ihm sein Vater schon im Jahre 820 die Krone Italiens gegeben hatte, schickte er ihn doch erst zwei Jahre später nach Pavia. Er hatte ihn mit Irmingard, der Tochter des mächtigen Grafen Hugo, vermählt und bei dieser Gelegenheit die gefangenen Bischöfe begnadigt; dann hielt er im August 822 einen Reichstag zu Attigny, wo er Lothar befahl, nunmehr in sein Königreich abzugehen. Er gab ihm als Beirat den Mönch Wala, der schon Bernhards Minister gewesen war, und Gerung, einen Beamten seines Hofs; gleichwohl beabsichtigte er nicht, dem Könige Italiens eine beständige Residenz in Pavia zu gestatten. Lothar war vielmehr dorthin abgesandt worden, nur um die Angelegenheiten des Landes zu ordnen und Recht zu sprechen; er wollte, nachdem er diese Aufträge kaum ausgeführt hatte, nach Frankreich zurückkehren, woraus man erkennt, daß der argwöhnische Vater das Bleiben seines Sohns in Italien nicht wünschte. Paschalis, welcher von der Abreise Lothars hörte (es war kurz vor Ostern 823), ließ ihn aus begreiflichen Gründen dringend nach Rom einladen, die Krönung und Salbung von päpstlicher Hand zu empfangen.

Lothar folgte mit Wissen seines Vaters dieser Aufforderung. Mit kaiserlichen Ehren eingeholt, wurde er am Ostertage im St. Peter vom Papst gekrönt und vom römischen Volk als Augustus ausgerufen; der erste Kaiser seit Karl, der in Rom die Krone nahm, da doch sein Vater Ludwig vom Papst in Reims gekrönt worden war. So wußte die römische Kurie das Prinzip zu behaupten, daß Rom die Quelle des Imperium und daß die päpstliche Salbung für jeden obschon durch Reichstagsbeschluß ernannten und gekrönten Kaiser unerläßlich sei. Paschalis bekannte jetzt, nachdem er den jungen Kaiser gesalbt hatte, daß dieser gleich seinen Vorgängern die imperatorische Gewalt über das römische Volk besitze; und Lothar übte sie sofort aus, indem er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts in Rom das Recht sprach.

Ein Prozeß, welchen der Papst damals gegen den Abt von Farfa erhob und verlor, ist der Bemerkung wert. Dies reiche Benediktinerkloster stand ehemals unter dem Schutz der Langobardenkönige, dann genoß es die gleichen Privilegien von den Karolingern. Es konnte eine Urkunde Karls des Großen vom Jahre 803 aufweisen, welche seine Immunität bestätigte. Im Jahre 815 hatte es ein gleiches Pergament vom Kaiser Ludwig erlangt, wodurch es erklärt ward als stehend unter seinem »Privilegium, Mundiburdium und kaiserlichen Schutz, auf daß die Mönche in Frieden für ihn und die Dauer des Reiches beteten«. Kein Bischof durfte Tribut oder Census von Farfa erheben. Die Mönche genossen völlige Exemtion; sie wählten aus ihrer Mitte den Abt, und der Papst selbst hatte kein anderes Recht als das seiner Konsekration. Außer den Diplomen der Könige und Kaiser, welche in ihren Schränken lagen, besaßen sie nicht minder die Bestätigungsbullen der Päpste. Stephan IV. hatte noch wenige Tage vor seinem Tode alle Privilegien und Güter Farfas anerkannt, wofür er dem Kloster nur einen jährlichen Zins von 10 Gold-Solidi auferlegte. Aber Farfa scheint durch kaiserliche Vermittlung auch von dieser Verpflichtung sich befreit zu haben, denn in der Bestätigungsbulle Paschalis' I. von demselben Jahr wird jenes Zinses nicht mehr erwähnt. Indes, von Zeit zu Zeit bemühten sich die Päpste, die lästigen Freiheiten der Abtei zu schmälern. Schon Hadrian und Leo III. hatten mehrere Klostergüter eingezogen, und während Lothars Anwesenheit in Rom behauptete der Anwalt des Papsts vor dem kaiserlichen Richterstuhl, Farfa stehe »zu Recht und Herrschaft der römischen Kirche«.

Aber der Abt Ingoald brachte die kostbaren Diplome seines Archivs mit sich; er bewies die verbriefte Exemtion, und der Urteilsspruch des kaiserlichen Gerichts zwang die päpstliche Kammer zur Herausgabe aller widerrechtlich eingezogenen Grundstücke des Klosters.

Das kräftige Auftreten Lothars hatte den Unwillen der Geistlichkeit in Rom erregt, während die Feinde der weltlichen Herrschaft des Papsts sich dem jungen Fürsten begierig anschlossen. Die Spaltung der Stadt in eine päpstliche und kaiserliche Partei begann mit dem neuen Kaisertum und dauerte durch Jahrhunderte fort. Ein Ereignis brachte sie in Rom bald nach Lothars Abreise plötzlich zur Erscheinung. Der junge Kaiser war nach der Lombardei zurückgegangen und schon im Juni bei seinem Vater eingetroffen, als in Rom ein Tumult stattfand, der ohne Zweifel aus den gleichen Ursachen der Empörung gegen Leo III. entsprang. Boten meldeten am kaiserlichen Hoflager, in Rom seien zwei Minister des päpstlichen Palasts, der Primicerius Theodor und sein Schwiegersohn, der Nomenclator Leo, im Lateran erst geblendet, dann enthauptet worden; der Papst Paschalis selbst habe den Mord befohlen oder angeraten. Jene Römer (Theodor war noch im Jahre 821 Nuntius in Frankreich gewesen), vom höchsten Adel, entschieden kaiserlich gesinnt und in der einflußreichen Stellung, welche schon früher rebellische Pläne begünstigt hatte, strebten wohl nach dem Umsturz des päpstlichen Regiments. Sie wurden ergriffen und im Lateran von des Papsts Dienstleuten hingerichtet. Der Kaiser Ludwig hörte die Klagen der Römer und sandte sofort seine Missi zur Untersuchung ab. Aber noch zuvor trafen die Boten des Papsts ein, ihn zu entschuldigen und zu erklären, daß er es auf eine Untersuchung ankommen lasse. Nun reisten die kaiserlichen Richter ab, im Juli oder August 823; doch in Rom überraschte sie die Erklärung, daß Paschalis ihr Urteil ablehne. Mochte er dessen Folgen zu fürchten haben oder nicht, er vermied es, sich jenen Richtern zu stellen, und nahm zu einem schon erprobten Auswege die Zuflucht. Er legte nämlich vor den kaiserlichen Legaten und dem römischen Volk im Patriarchium des Lateran den Reinigungseid ab. Er verteidigte zugleich die Mörder, verfluchte die Ermordeten als Hochverräter und erklärte ihren Tod als einen Akt der Gerechtigkeit. Die Gesandten kehrten in Begleitung päpstlicher Legaten nach dem Frankenlande zurück, von dieser unerwarteten Wendung der Dinge zu berichten. Der Kaiser war unwillig; er fühlte die Pflicht, seinen römischen Untertanen ein Beschützer und gerechter Richter zu sein; auch seine eigenen Rechte forderten die strengste Untersuchung gegen die Mörder, aber da das Verfahren des Papsts dies verhindert hatte, mußte auch er das Geschehene auf sich beruhen lassen. Was er den Römern und dem Papst sagen ließ, wissen wir nicht.

Paschalis starb indes unter ähnlichen Verhältnissen wie Leo III. Auch er ging an dem Widerspruch der weltlichen und geistlichen Gewalt des Bischofs zugrunde. Aufgeregt durch jene Ereignisse, von einem großen Teil der Römer gehaßt, wurde er am Anfange des folgenden Jahrs durch den Tod dahingerafft. Die Römer ließen es nicht zu, daß seine Leiche im St. Peter beigesetzt wurde, und sein Nachfolger mußte sie in einer anderen, von Paschalis selbst erbauten Basilika bestatten, welche wahrscheinlich Santa Prassede war.

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