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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 106
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Pippin stirbt im Jahre 810. Bernhard König von Italien. Ludwig I. wird in Aachen zum Mitkaiser der Römer gekrönt. Tod Karls des Großen. Seine weltgeschichtliche Bedeutung. Mangel der Lokalsagen von ihm in der Stadt Rom.

Das Haus Karls, dessen Schicksale in die Geschichte der Stadt so tief eingriffen, war kaum minder unglücklich als jenes des Augustus. Der Stifter einer neuen kaiserlichen Dynastie sah seine Lieblingskinder vor sich sterben: Pippin, erst 32 Jahre alt, wurde am 8. Juli 810 in Mailand hingerafft. Seine Pläne, durch die Eroberung Venetiens und Benevents Italien zu vereinigen, hatte er nicht ausgeführt, und von seinem Sterbebette sah er mit Kummer auf die zarte Jugend seines einzigen, unehelichen Sohns. Karl bezeichnete den jungen Bernhard zum Könige Italiens, aber seine förmliche Einsetzung erfolgte erst im Jahre 813, obgleich er schon das Jahr zuvor, geleitet von Wala, dem Enkel Karl Martells, und von dessen Bruder Adelhard, dem Abt von Corvey, nach Pavia geschickt worden war; denn diese edlen Männer sollten dem Jünglinge als Ratgeber zur Seite stehen. Der Kaiser war unterdes auch durch den Tod seines Sohnes Karl tief erschüttert worden. So vereinsamt und sein nahes Hinscheiden vor Augen, beschloß er, den einzigen Erben seiner Monarchie, Ludwig von Aquitanien, zum Mitkaiser der Römer zu ernennen. Er verlieh ihm mit Zustimmung der Großen seines Reichs zu Aachen am 11. September 813 die Kaiserwürde. Die fränkischen Chronisten erzählen, Karl selbst habe ihm die Krone entweder übergeben oder aufgesetzt, oder ihm geboten, sie mit eigenen Händen vom Altar zu nehmen und sich aufs Haupt zu setzen. Das Parlament bestand aus dem hohen Adel und Klerus der Franken, welche von allen Teilen des Reichs herbeigekommen waren. Auch Ludwig wurde demnach durch einen allgemeinen Wahlakt zum Kaiser ernannt, aber die Weise seiner Wahl war doch eine andere als die der Erwählung seines Vaters. Diese hatte in Rom stattgefunden, und obwohl der Senat der Franken ihn miterwählt, war doch den Römern und dem Papst, welcher die Krönung vollzog, die Haupthandlung zugefallen, ja die Erhebung zum Imperator Romanorum war wesentlich als Akt des Willens der Römer und der Weihe durch den Papst erschienen, und sie wurde später ausdrücklich so betrachtet. Dagegen ging die Cäsarwahl in Aachen aus der Zustimmung des Parlaments der schon gegründeten Monarchie hervor, und weder der Papst noch ein stellvertretender Bischof salbte und krönte den Erwählten, sondern mit eigener Hand setzte sich der Sohn die väterliche Krone aufs Haupt. Unter den Versammelten werden nirgends Römer genannt: wenn aber wirklich Boten des Papsts, wenn Duces und Bischöfe aus den römischen Landen anwesend waren, so gingen sie gleich den Grafen und Prälaten des Königreichs Italien in der allgemeinen Reichsversammlung auf, und Karl betrachtete die Stadt Rom, die Quelle des Imperium, als inbegriffen in seinem Reich, wie es Pavia, Mailand oder Aquileja waren. Der mächtige Kaiser trat demnach den Ansprüchen des Papsts entgegen, und jener glänzende Augenblick in Aachen war geradezu ein Wink für seine Nachfolger. Wenn seine schwachen Erben ihn begriffen hätten, so würde sich die Geschichte des Papsttums wie des Kaisertums leicht verändert haben. Aber wir werden sehen, daß der deutsche Wahlakt im Strom der dogmatischen Ansichten jener Zeit folgenlos unterging. Dieselbe Reichsverfassung verlieh auch Bernhard, dem Sohne Pippins, die Bestätigung als König von Italien.

Wenige Monate darauf, am 28. Januar 814, starb Karl in Aachen, nachdem er das Leben eines Helden und Weisen auf 71 Jahre gebracht hatte. Der Wiederhersteller des römischen Kaisertums wurde in der von ihm erbauten Marienkirche bestattet, wie es scheint, in einem antikrömischen Sarkophag, der mit der Darstellung des Raubes der Proserpina geschmückt war. Wenn man die drei Perioden Roms miteinander vergleicht, welche im Völkerleben als Gipfel immer sichtbar bleiben werden, jene Caesars und des Augustus, wo die römische Weltmonarchie gestiftet wurde, jene Constantins, wo das Christentum zur Herrschaft kam, endlich die Zeit Karls, wo sich aus dem Ruin des alten Reichs das germanisch-römische Kultursystem erhob, so steht diese letzte an Bedeutung in keiner Weise zurück. Die Epoche Karls des Großen war reich an Neugestaltungen und wahrhaft schöpferisch; sie beschloß die Völkerwanderung und versöhnte die Germanen mit Rom. Das Altertum, die verschüttete Schatzkammer des Wissens und der schönen Bildung, ließ sie der verarmten Menschheit nicht verlorengehen, sondern sie zuerst fing ohne Vorurteil an, dasselbe wieder zu beleben und in den Prozeß der geistigen Entwicklung als eine wesentliche und unsterbliche Kraft aufzunehmen. Die große Tradition von dem Orbis terrarum oder der Welteinheit, welche das mit dem Christentum zu gleicher Zeit entstandene römische Cäsarenreich einst politisch erstrebt hatte, nahm die Zeit Karls des Großen wieder auf, und sie verwandelte das alte Imperium in die abendländische Monarchie, welche im Prinzip der christlichen Religion ihren innersten Zusammenhalt finden sollte. Karl war der Moses des Mittelalters, der die Menschheit durch die Wüste der Barbarei glücklich hindurchgeführt hatte und ihr einen neuen Codex politischer, kirchlicher und bürgerlicher Konstitutionen gab. In seinem theokratischen Reich stellte sich der erste Versuch dar, den neuen Völkerbund als christliche Republik aufzurichten.

Der Kaiser hatte einen Teil seiner Schätze den 21 Metropolitankirchen des Reiches vermacht. Ihrer fünf lagen in Italien: Rom, Ravenna, Mailand, Aquileja und Grado. Unter den Seltenheiten seines Palastes befanden sich zwei silberne Tische, der eine viereckig, mit dem Reliefbilde Konstantinopels geschmückt, der andere rund und mit dem Abbilde Roms bedeckt. Jenen schenkte er dem St. Peter, diesen der Kirche Ravennas. Beide Denkmäler hochmittelalterlicher Kunst sind untergegangen. Die Lebensbeschreibung Leos III. gedenkt des nach Rom geschenkten Tisches nicht, obwohl ein anderes Weihgeschenk Karls, ein großes goldenes Kreuz, mehrmals im Buch der Päpste erwähnt wird; aber der Chronist Ravennas sah den Tisch mit dem Abbilde Roms, denn dem Testament gemäß schickte ihn der Kaiser Ludwig an den Erzbischof Martin, und das seltene Kunstwerk traf in Ravenna ein, als Agnellus ein Knabe war.

Rom erhielt noch ein reiches Vermächtnis von kostbaren Gefäßen, und so war Karl, welcher der Kirche so viele Privilegien, so große Besitzungen und so zahlreiches Gold und Silber geschenkt hatte, freigebiger als irgendein Herrscher vor und nach ihm. Er ist der wahre Gründer des Kirchenstaats und der Macht der Päpste gewesen, deren spätere schrankenlose Ausdehnung er niemals geahnt hat. Denn er selbst, obwohl der frömmste Sohn der Kirche, welche er als das festeste Band seines Reichs und das göttliche Prinzip der menschlichen Bildung betrachtete, hatte sich dennoch keineswegs blindlings in ihren Dienst gegeben. Er achtete die Immunität des Metropoliten Roms, die er geschaffen hatte, aber er vergaß nie, daß er der Herrscher der ganzen Monarchie sei. Seine Völker betrachteten ihn als den obersten Lenker auch aller kirchlichen Angelegenheiten; er richtete Bistümer und Klöster ein; er erließ kirchenrechtliche Vorschriften; er ordnete die Volksschule; er gab den Konstitutionen der Kirche seine oberherrliche Bestätigung, indem er sie als Gesetze in seinen Codex aufnahm, und der Episkopat wie die Synoden standen unter seinem bestimmenden Einfluß.

Die dankbare Kirche verlieh später Karl den Nimbus der Heiligkeit. Ihre Kämpfe mit den Hohenstaufen hatten in dem großen Monarchen den frommen Stifter des Kirchenstaats, die Kreuzzüge in ihm den christlichen Helden wieder ins Gedächtnis der Menschen gebracht. Gleich Oktavian oder Caesar war er sagenhaft geworden; ein Papst aus dem südlichen Frankreich, Calixtus II., war es, welcher die berühmte Geschichte Turpins vom Leben Karls und Rolands, vielleicht sein eigenes Werk, im Jahre 1122 für echt erklärte. Wie schnell aber in Rom selbst die Gewalt Karls mythisch zu werden begann, lehrt ein Chronist, welcher vor dem Ende des X. Jahrhunderts im Kloster des Berges Soracte eine barbarische Chronik geschrieben hat. Schon er erzählte von dem Zuge Karls nach dem Heiligen Grabe, und da er diese Fabel schwerlich selbst erfunden, sondern schon als Tradition überkommen hatte, wird ihr Ursprung noch um ein halbes Jahrhundert zurückzuverlegen sein. Indes der sagenhafte Karl wurde in Rom nicht national, weil der geschichtliche es nicht gewesen war. So gut ein Fremdling wie Theoderich der Große, wenn auch römischer Kaiser, entschwand er dem Bewußtsein der Römer schon deshalb, weil sich die Erinnerung an ihn an kein Lokal oder Monument in der Stadt anlehnte. Es ist bemerkenswert, daß die Mirabilien Roms mit keinem Wort Karls des Großen erwähnt haben.

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