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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 96
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

Die Aufrichtung des Thrones der Sultane in Konstantinopel wirkte niederschmetternd auf Venedig, und die fränkischen wie griechischen Dynasten des hellenischen Festlandes und Archipels. Der beredte Doge Francesco Foscari suchte vergebens den Rat der Pregadi zu dem heroischen Entschluß zu entflammen, mit Waffengewalt die Ehre Venedigs wiederherzustellen. Die niedergebeugten Kaufherren eilten vielmehr, durch Gesandte an den Sultan die vollendete Tatsache anzuerkennen und die Handelsprivilegien, die Faktoreien und Kolonien der Republik durch einen demütigen Vertrag mit Mehmed II. zu retten. Die Despoten im Peloponnes, Thomas und Demetrios, von denen keiner es wagte, nach dem Tode des Bruders den Kaisertitel anzunehmen, erkauften vom Sultan eine letzte Frist ihrer Herrschaft in Patras und Misithra. Selbst jetzt noch spotteten diese Tyrannen jenes Eides, sich als Brüder zu lieben, welchen sie einst in die Hände ihrer alten frommen Mutter Irene, ihres kaiserlichen Bruders Konstantin und des byzantinischen Senats geschworen hatten; sie lagen vielmehr miteinander im Krieg, und sie mißhandelten ihre Untertanen mit schamlosem Übermut. Phrantzes, der nach dem Untergange Konstantinopels Minister des Fürsten Thomas wurde, hat ihre Bruderkriege ausführlich beschrieben; sie bilden das trostloseste Kapitel in der Geschichte des Peloponnes. Dort erhoben sich im Jahre 1453 gegen jene Despoten die Albanesen, die einzigen Stämme Moreas, die noch die Waffen und die Freiheit liebten. Dreißigtausend Krieger an Zahl versuchten sie, erst unter der Führung des Peter Bua, dann des ehrgeizigen griechischen Archonten Manuel Kantakuzenos, was ihre heldenhaften Stammgenossen Georg Balsch, Johann Spata, Arianites und der große Skanderbeg in Albanien erreicht hatten, nämlich ein unabhängiges Skipetarenreich in der Halbinsel aufzurichten. Sie bewarben sich um den Schutz der Republik Venedig, deren Oberhoheit sie anerkennen wollten. Für ihre Besitzungen Modon und Koron fürchtend und argwöhnend, daß sich die Genuesen oder Katalanen Moreas bemächtigen könnten, schickte die Signorie im Juli 1454 Vettore Capello zu den Despoten Thomas und Demetrios mit dem Auftrage, ihnen die Trauer Venedigs um den Fall des Kaisers und Konstantinopels auszusprechen und beide zum Frieden mit den Albanesen zu ermahnen. Capello begab sich sodann auch zu den Häuptern der Aufständischen.»Commissio data Ser Victori Capello oratori ad partes Amoreae«, 16. Juli 1454 (Sathas, Mon. Hist. Hell. I, p. 149). Der Gesandte sollte im Falle der Gefahr auch dahin wirken, daß Clarenza, Patras, Korinth und Vostitsa in den Besitz der Republik kämen. Allein seine Vermittlung hatte keinen Erfolg. Die in Patras und Sparta belagerten Palaiologen riefen vielmehr die Türken zu ihrer Rettung herbei, worauf es dem Pascha Turahan nach blutigen Kämpfen gelang, die Albanesen unter billigen Bedingungen zur Unterwerfung zu nötigen.

In Athen herrschte zu dieser Zeit Franco als türkischer Vasall. Haß und Furcht verleiteten ihn zu einer gewaltsamen Handlung, die dann seinen Sturz zur Folge hatte. Er ließ die Herzogin Chiara im Schloß Megara umbringen, wie Chalkokondylas behauptet, wegen ihrer verbrecherischen Verbindung mit jenem venezianischen Contarini. Da er diesen als Prätendenten fürchtete, hoffte er ihn durch die Ermordung seiner Gattin fortan unschädlich zu machen. Contarini war mit dem kleinen Sohne Nerios II. am Hofe Mehmeds in Adrianopel geblieben oder dort festgehalten, und jetzt trat er als Kläger gegen Franco auf, dem er durch seine eigenen Frevel den Weg nach Athen gebahnt hatte.

Mehmed II., der Ränke dieser Abenteurer überdrüssig geworden, befahl alsbald dem Sohne Turahans, das Herzogtum Athen zu einer türkischen Provinz zu machen. Eine schreckliche Hungersnot wütete in Hellas, und die Gemüter des abergläubischen Volks erschreckte die Erscheinung eines Kometen. Omar Pascha rückte in Attika ein, das Land verheerend und viele Einwohner zu Sklaven machend. Im Gebiete Athens wurde damals der Ort Sepolia zerstört. Dies war der alte Demos Sypalettos in der Nähe der Akademie und des Turms des Timon.Surmelis, Attika, p. 106. Noch Spon, Voyage II, p. 195, pries Sepolia wegen seiner schönen Gärten. Ein Threnos auf den Fall Athens beklagt die Zerstörung des Fleckens. Es gab unter den Athenern eine Partei, die aus Haß gegen die Franken die Osmanen als ihre Befreier willkommen hieß, zumal sie sich mit der Hoffnung schmeichelte, von dem türkischen Regiment nicht nur die vollkommene Duldung, sondern auch die Herstellung der griechischen Kirche in ihre alten Rechte und Besitzungen zu erlangen.Damals mag Isidoros griechischer Metropolit gewesen sein (nach Phrantzes II, c. 19, p. 203). Die Unterstadt, die sich ohne Kampf dem Feinde ergab, erfuhr jedoch alle Greuel barbarischer Eroberung schon deshalb, weil der hartnäckige Widerstand der Akropolis die Janitscharen in Wut versetzte.Der bezeichnete Threnos spricht von diesen Greueln: ενέπρησαν τά οσπίτια μετά του̃ πλούτου όλου...

Franco, der sich in diese geworfen hatte, wies die Stürme Omars tapfer zurück; demnach mußte die Burg durch neue Verteidigungswerke selbst gegen die Geschütze der Türken haltbar gemacht worden sein. Zwei Jahre lang vermochten die letzten Franken und die Schar ihnen treu gebliebener Athener die Akropolis gegen die Angriffe der neuen »Perser« zu behaupten. Ihr Mut war um so ehrenvoller, als ihnen nirgends Aussicht auf Entsatz geboten wurde. Das Schicksal der unbedeutenden Stadt Athen hatte für das Abendland keine Wichtigkeit, seitdem Konstantinopel gefallen war. Die verzweifelten Rufe um Rettung, die aus der bedrängten Burg dorthin gelangten, wurden nicht beachtet.Franc. Sansovino, Hist. univers. dell' origine et imperio de Turchi, Ven. 1600, p. 120.

Vergebens beschwor Franco den venezianischen Bailo im nahen Negroponte, einen Entsatz zu wagen. Der Konnetabel Athens und namhafte Bürger boten der Republik, durch die Vermittlung des Ritters Francesco vom Hause der Giorgi, die Akropolis an. Auch andre Dynasten in Griechenland ermahnten den Dogen, dem Sultan zuvorzukommen, und sie eilten, ihre nicht mehr zu rettenden Besitzungen den Venezianern für Geld anzutragen. Allein die vorsichtige Signorie konnte nichts mehr tun, als den Rektoren Negropontes befehlen, alle Inseln und Häfen, die venezianisch werden wollten, in diesem Vorsatz zu bestärken.Befehl an die Rektoren Negropontes 12. Okt. 1456 (Secreti XX, fol. 105): »Significastis nobis ea que nobilis vir Franciscus Georgio miles nobis nuntiavit... de oblatione facta sibi per Chyr Dimitri Assani de loco Mocli, et de oblatione Johannis Spagnoli de castro Damala, Ligurii et Fanari que sunt sita juxta mare versus sinum Egine. Et de oblatione Contestabilis Athenarum et aliquorum civium deinde pro castro Athenarum...« Da gerade damals eine päpstliche Flotte unter dem Befehl des Kardinals Scarampo im Archipel erscheinen sollte, so gebot der argwöhnische Doge dem Bailo, bei der Landung dieses Kriegsvolkes in Euböa alle nötigen Vorsichtsmaßregeln zu treffen.

Unterdes suchte der Pascha Omar um jeden Preis Herr der Akropolis zu werden und sich mit diesem Erfolge zu schmücken, während der Sultan selbst seinen grausigen Triumphzug durch Morea hielt. Er bot Franco die mildesten Bedingungen. »Sohn des Antonio«, so ließ ihm der türkische General sagen, »du bist mit dem Hofe des Großherrn wohl bekannt, welcher dir die Herrschaft über diese Stadt für einige Zeit verliehen hat; da er nun ihre Herausgabe verlangt, so weiß ich nicht, wie du dieselbe gegen seinen Willen wirst behaupten können; dein Widerstand kann nur kurz sein. Suche die Gnade des Sultans zu gewinnen, dann wird er dir Theben und Böotien geben und dir gestatten, mit allen deinen Schätzen ungekränkt aus der Stadtburg abzuziehen.«Chalkokond. IX, p. 455. Der hoffnungslose Franco überzeugte sich, daß ihm keine andere Wahl übrigbleibe; er nahm die Bedingungen Omars an, verlangte aber die feierliche Bestätigung seiner Zusagen durch den Sultan selbst. Nachdem sie ihm eidlich verbürgt worden waren, übergab er den Türken die Akropolis.

Der Fall der Stadtburg Athens ereignete sich im Juni 1458, als noch der Papst Kalixt III. regierte, der am 6. August starb.Phrantzes spricht von der Einnahme Athens durch den Sultan im Juni, und so auch das Chron. Breve. Dem Vertrage gemäß verließ der letzte Acciajoli, begleitet von seiner griechischen Gemahlin, einer Tochter des moreotischen Dynasten Demetrios Asen, von seinen drei Kindern und einem armseligen Gefolge von Dienern, die Akropolis und zog nach Theben ab, dessen Lehnsbesitz ihm Mehmed in Gnaden zugewiesen hatte.

Obwohl der fränkische Staat in Attika zwei und ein halbes Jahrhundert gedauert hatte, erweckt doch der traurige Abzug des letzten Herzogs von Athen kaum eine Regung des Mitgefühls, während der Abzug des letzten Maurenkönigs aus Granada, welcher 35 Jahre später erfolgte, noch heute ein tragischer Gegenstand selbst für die Empfindung von Christen ist. Die Frankenherrschaft in Athen erlosch in der Stille, ohne daß ihr Fall das Gemüt der Mitlebenden erschütterte; denn schon damals begann die in keiner Beziehung mehr wichtige Stadt in Vergessenheit zurückzusinken. Und was bedeutete ihr Los gegen den Untergang der Weltstadt Byzanz? Das Abendland erscholl von den Elegien der Rhetoren, welche Fürsten und Völker zum Kreuzzuge gegen die Türken aufriefen; allein weder in den prunkvollen Reden und Bullen Pius' II. noch in den hochtrabenden Deklamationen der Dichter und Gelehrten, selbst nicht in den Reden Bessarions wird der unglücklichen Stadt gedacht. Auch die damaligen byzantinischen Geschichtsschreiber bemerken ihren Untergang nur flüchtig und ohne ihm eine Klage zu weihen. Auf Phrantzes machten der Freiheitssinn, der Heldenmut und Unternehmungsgeist der Bürger Malvasias solchen Eindruck, daß er dem Ruhme derselben ein paar Seiten widmete, doch von Athen spricht er kaum. Daß aber das Schicksal der ruhmvollsten aller Städte unter ihren griechischen Bürgern doch einen Weheruf erweckte, beweist die Elegie eines ungenannten Zeitgenossen dieses Ereignisses, welcher ein Athener gewesen sein muß. Sein Threnos reiht sich den vielen Klagestimmen um den Fall Konstantinopels an.Θρη̃νος τη̃ς Κονσταντινωπόλεως, vom Rhodesier Georgillas, (Ellissen, Annal. III, p. 1) und Legrand, Bibl. grecque vulgaire, 1880, vol. X. Unter den Threni dieser Art hat den meisten historischen Wert die Constantinopolis des Brescianers Ubertinus Pusculus (Ellissen III, 2. Abt.). Er ist ein barbarisches Schmerzgeschrei nicht nur der als »Athena« personifizierten Stadt, sondern auch der von Verzweiflung sinnlos gewordenen Muse der Hellenen. Der Abfall von den klassischen Distichen des Michael Akominatos zu diesen unartikulierten Lauten erscheint so groß, daß man davor erschrickt.Περὶ τη̃ς αναλώσεως καὶ τη̃ς αιχμαλώσεως η γέγονεν υπὸ τω̃ν Πέρσων εισ ’Αττικὴν ’Αθήνα, von Gabriel Destouni in der Petersb. Bibl. gefunden und ediert, Petersb. 1881. Dies Gedicht von 69 politischen Versen in verderbtester Volkssprache und schlechtestem Stil muß gleich nach der türkischen Einnahme Athens verfaßt worden sein. Der Autor war sicher ein Geistlicher; er rühmt Athen namentlich als Lehrerin der drei großen Kirchenväter Gregor von Nazianz, Basileios und Chrysostomos. Am Schluß wendet er sich an die Jungfrau als künftige Retterin.Sp. Lambros (Parnassos 1881, p. 251) glaubt das Gedicht abgefaßt nach dem zweiten Erscheinen des Sultans in Athen 1460, allein die darin erwähnten Grausamkeiten gehören eher der Zeit der Belagerung der Akropolis durch Omar an. Destouni bemerkt, daß jenen drei Kirchenvätern die neue Universität Athen im Jahre 1837 geweiht worden ist.

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