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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 95
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Siebentes Kapitel

Konstantin ruft die Hellenen zur Freiheit auf. Murad II. erstürmt das Hexamilion. Die Despoten des Peloponnes unterwerfen sich. Konstantin XI., letzter griechischer Kaiser. Mehmed II., Sultan. Tod Nerios II. Die Herzogin-Witwe und Contarini. Franco, Herzog von Athen. Fall Konstantinopels. Aufstand der Albanesen in Morea. Fall des Herzogtums Athen. Kriegszug Mehmeds II. im Peloponnes. Unterwerfung des Landes. Der Sultan besucht Athen. Aufhören des christlichen Kultus im Parthenon. Ende der letzten Palaiologen in Achaia. Zweiter Besuch Mehmeds in Athen. Tragisches Ende des letzten Herzogs von Athen und seines Hauses. Der Parthenon wird zur Moschee eingerichtet.

1.

Nerio II. war nach Athen zurückgekehrt, nur um neuen Stürmen entgegenzusehen. Denn Konstantin, der älteste der Brüder des Kaisers Johannes, hatte sich zum Herrn des größten Teiles des Peloponnes gemacht und seinen Sitz in Misithra genommen, dessen Fürstentum ihm von seinem Bruder Theodor II. im Jahre 1443 abgetreten worden war. In dem aufreibenden Kampf mit Verrat, Feigheit und allen Lastern der sinkenden Griechenwelt war er selbst von dieser Verderbnis nicht unberührt geblieben, aber es lebten doch in ihm ein höherer Sinn und das Bewußtsein der ehemaligen Größe seines Vaterlandes. Er war des Gedankens fähig, das untergehende Byzanz im Peloponnes wieder aufzurichten. Vielleicht wäre ihm das geglückt, wenn er nicht dort die Herrschaft mit seinen elenden Brüdern hätte teilen müssen, was alsbald zu endlosem Hader führte.

Konstantin benutzte die Zeit, wo der Sultan Murad in den Donauländern, zumal durch den gewaltigen Aufstand der Albanesen unter Georg Kastriota, beschäftigt war, um die Griechen auch in Hellas zur Freiheit aufzurufen, womöglich dieses Land mit dem Peloponnes zu vereinigen und so einen griechischen Nationalstaat zu erschaffen. Der Papst, Venedig und Ungarn forderten den kühnen Palaiologen nicht vergebens auf, ihrem Bunde gegen die Osmanen beizutreten, denn Eugen IV. hatte im Herbst 1443 die Polen und Ungarn zu einem Kreuzzuge in Bewegung gesetzt, dessen Führer der junge Polen- und Ungarnkönig Vladislav III., der Sohn Jagellos, und der magyarische Held Hunyadi waren. Im November 1443 wurde Murad bei Nissa geschlagen, und nur der strenge Winter in den Eisfeldern des Haimos nötigte die Sieger zum Rückzuge über die Donau.

Nachdem Konstantin das Hexamilion auf dem Isthmos wiederhergestellt hatte, wendete er sich im Verein mit seinem Bruder Thomas zunächst gegen Nerio, den Vasallen der Türken. Er brach im Frühjahr 1444 in Böotien ein, besetzte Theben und Levadia, bedrohte von dort aus selbst Athen und nötigte den Herzog, seine Oberhoheit anzuerkennen, sich zur Zahlung jährlichen Tributs zu verpflichten und ihm Truppen zu stellen. Sodann zog er weiter nordwärts nach dem Pindos, ermunterte die Wlachen und Albanesen in den Landschaften Thessaliens, das Joch der Ungläubigen abzuwerfen, und besetzte Zeitun, Lidoriki und andre Orte.Chron. Breve zu 1444. Chalkokond. VI, p. 319. Diese glücklichen Erfolge machte die augenblickliche Schwächung des Sultans möglich, welcher im Sommer 1444 den Frieden zu Szegedin hatte schließen müssen, wodurch er Serbien, die Herzegowina und die Walachei verlor. Unglücklicherweise ließ sich, infolge der Kunde eines Aufstandes des Emirs von Karaman in Kleinasien, der König Vladislav durch den Kardinal Julian Cesarini zum Bruch des Friedens verleiten; seine furchtbare Niederlage und sein Tod in der Schlacht bei Varna am 10. November waren die Folge jener Treulosigkeit, und dieser Unglückstag entschied auch das Los Griechenlands.

Nerio, welcher damals wenig mehr als Athen besaß, hatte keinen Sinn für die Freiheitsbestrebungen der Griechen, die ihn, wenn sie verwirklicht wurden, um sein Herzogtum würden gebracht haben. Er war nur notgedrungen Verbündeter und Vasall Konstantins geworden; dies aber hatte den Sultan so sehr aufgebracht, daß er dem Pascha Omar, einem Sohne Turahans, befahl, mit der thessalischen Streitmacht in Böotien und Attika einzufallen. Omar verwüstete diese Landschaften und kehrte dann mit Beute beladen nach dem Norden zurück. Nach der Schlacht bei Varna beeilte sich Nerio, durch Gesandte die Verzeihung des Großherrn zu erlangen; er gelobte ihm, in sein altes Lehnsverhältnis zurückzukehren und den hergebrachten Tribut zu zahlen, worauf ihn der Sultan zu Gnaden annahm und ihn in seinen Ländern wiederherzustellen versprach.

Den Abfall Nerios von der Sache der Griechen bestrafte jetzt Konstantin durch einen Kriegszug gegen Athen, welches er besetzte; doch zog er aus Attika ab, da die drohende Bewegung Turahans in Thessalien ihn dazu nötigte.Chalkokond. VI, p. 320ff. Der Sultan forderte von ihm die Herausgabe aller von ihm eingenommenen Städte; Konstantin verweigerte sie, und so blieben die Dinge unentschieden, bis im Frühjahr 1446 Murad Ernst machte.

Von Turahan und Nerio dringend zu einem Zuge nach dem Peloponnes aufgefordert, vereinigte er bei Serres große Heeresmassen zu dieser entscheidenden Unternehmung. Der griechische Despot schickte zwar Friedensboten an ihn, aber er hatte den Mut, den Isthmos und das nördlich davon gelegene Hellas für sich zu beanspruchen, worauf der Sultan die Abgesandten, unter denen sich auch der Geschichtsschreiber Chalkokondylas befand, ins Gefängnis werfen ließ und nach dem Süden aufbrach.Chalkokond. VI, p. 343. Kein Feind stellte sich ihm an den Thermopylen entgegen, da sich die Griechen hinter das befestigte Hexamilion zurückgezogen hatten. Er zog in Theben ein, und hier stieß sein Lehnsmann Nerio mit einer Kriegerschar zu seinen Fahnen.

Mit gewaltigen Streitkräften und dem Troß seiner Wagen und Kamele bewegte sich Murad nach dem Isthmos, wo er bei Mingiä haltmachte. Die Wälle des Hexamilion trennten die Lager der Osmanen von denen der Griechen, welche Konstantin und sein Bruder Thomas aus der ganzen Halbinsel aufgeboten hatten.Dukas, c. 32, schätzt deren Masse auf 60 000 Mann. Es war die letzte große Kraftanstrengung der Hellenen, und es war das barbarische Asien, welches, wie ehemals zur Zeit des Xerxes, im Begriffe stand, sich auf den Peloponnes zu stürzen. Die Türken hatten sich bereits die furchtbarste Erfindung des Abendlandes, die Artillerie, dienstbar gemacht, und diese war im Jahre 1446 so vervollkommnet, daß die Mauern der griechischen Städte ihr keinen Widerstand mehr leisten konnten.

Drei Tage hindurch rissen Kanonen und Minen Breschen in die Schanzen des Isthmos, worauf am 10. Dezember der Sturm begann. Das letzte Bollwerk der Freiheit Griechenlands fiel nach einem verzweifelten Kampf am 14. in die Gewalt der Janitscharen und Serben.Chalkokond. VII, p. 345. Den 14. Dez. gibt an Joannicus Cartarus (Chron. Gréco-Rom., p. 267). Die Griechen beschuldigten die Albanesen des Verrats (Dukas, c. 32). Der verzweifelnde Konstantin sah seine Scharen fliehen, versuchte sie vergebens wieder zu sammeln und warf sich dann, da Korinth nicht hinreichend zum Widerstande gerüstet war, in das Innere Lakoniens. Dreihundert Griechen, die auf einen Hügel bei Kenchreä geflohen waren, ließ der Sultan niederhauen; 600 Gefangene kaufte er von den Janitscharen los, um sie dann den Manen seines Vaters als grausiges Schlachtopfer darzubringen. Dem flüchtigen Despoten schickte er einen Heerhaufen unter Turahan nach, während er selbst sich westwärts nach Achaia wandte.

Er nahm und verwüstete Korinth, verbrannte das von den Einwohnern verlassene Sikyon (Basilika) und Vostitsa und rückte dann vor Patras. Die Bürger dieser Handelsstadt hatten sich nach Lepanto und andern venezianischen Plätzen auf der Küste Ätoliens geflüchtet, nur 4000 Männer und Frauen waren zurückgeblieben, welche alle von den Türken zu Sklaven gemacht wurden.’Αφίκετο επὶ Πάτρας τη̃ς ’Αχαΐας πόλιν ευδαίμονα (Chalkokond. VII, p. 349). Doch die feste Burg verteidigte sich mit so großem Heldenmut, daß der Sultan ihre Belagerung aufzuheben beschloß. Da die Despoten des Peloponnes, am fernern Widerstande verzweifelnd, mit ihm um Frieden unterhandelten, zog er nach Theben zurück, mit sich schleppend die Beute verheerter Städte und 60 000 Kriegssklaven. Das von seinen flüchtigen Bewohnern fast verlassene und ausgeplünderte Theben sah jetzt zum ersten Mal das orientalische Gepränge des Sultanhofs und unter den siegestrunkenen Paschas und Würdenträgern der Pforte auch die klägliche Gestalt des Herzogs von Athen, des dienstbaren Schützlings des Großherrn.

Nach Theben, welches fortan als dem türkischen Reiche zugehörig betrachtet wurde, schickten Konstantin und Thomas ihre Bevollmächtigten; sie erkauften den zweifelhaften Fortbestand ihrer peloponnesischen Herrschaft als türkische Vasallen durch die Verpflichtung einer von ihren Ländern zu zahlenden Kopfsteuer. Seit diesem Augenblick wurde, so urteilte der Geschichtsschreiber Chalkokondylas, der Peloponnes, ein Land, welches vorher frei gewesen war, dem Sultan untertänig. Indes schon lange zuvor hatten die dortigen Dynasten dem Großherrn Tribut gezahlt.

Ein Jahr nach diesem Frieden starb, am 13. Oktober 1448, der Kaiser Johannes VIII. nach einer unseligen Regierung von dreiundzwanzig Jahren. Er hinterließ als Erben seine drei Brüder Konstantin, Thomas und Demetrios. Schon am Rande des Abgrundes stehend, welcher ganz Hellas verschlingen sollte, hatte Demetrios den Ehrgeiz, seinem ältesten Bruder die Purpurfetzen des byzantinischen Reiches streitig zu machen. Allein die Großen der Hauptstadt schickten ihre Abgeordneten nach dem Peloponnes; auf den Trümmern des alten Sparta wurde am 6. Januar 1449 Konstantin XI., der letzte Nachfolger Konstantins des Großen, zum Kaiser der Romäer ausgerufen und gekrönt.Phrantzes III, c. 1 , p. 205.

Dies geschah freilich mit der demütigenden Erlaubnis des türkischen Sultans, zu welchem er am Anfange des Dezember seinen Rat Phrantzes als Unterhändler geschickt hatte. Konstantin segelte dann auf katalanischen Schiffen am 12. März nach Byzanz. Murad II., dessen Siegen und Staatsklugheit das Türkenreich ein neues glänzendes Zeitalter seiner Entwicklung zur ersten Macht auch in Europa verdankte, starb am 5. Februar 1451, worauf sein gewaltiger Sohn, der erst 21 Jahre alte Mehmed II., den Thron der Osmanen bestieg.

In demselben Jahre starb auch Nerio II., der Herzog von Athen.

Der Stamm der griechischen Acciajoli war damals auf zwei Mitglieder herabgekommen, den kleinen Sohn Nerios, Francesco, und den Sohn des Herzogs Antonio, Franco mit Namen, welcher am türkischen Hofe in Adrianopel als Geisel und zugleich als Günstling des Sultans ein ehrloses Leben führte. Die Witwe Nerios, Chiara, die Tochter des Niccolo II. Giorgio, des Herrn von Karystos und titularen Markgrafen von Bodonitsa, schickte alsbald Gesandte an die Pforte mit dem Gesuch, ihr als Vormund des Sohnes das Herzogtum Athen zu überlassen, was sie auch durch Zahlung großer Geldsummen erreichte. Sie würde fortan als Schutzbefohlene des Sultans ihre Tage im Propyläenpalast ruhig beschlossen haben, wenn sie nicht das Opfer einer rasenden Leidenschaft geworden wäre, und an diese hat sich dann der tragische Untergang des Hauses der Acciajoli wie des Herzogtums Athen geknüpft.

Das schöne, noch junge Weib entbrannte in Liebe zu einem edlen Venezianer, Bartolommeo vom Hause der Contarini, dessen Vater Priamo Kastellan von Nauplia gewesen war.Priamo, Sohn des Antonio Nadalino; Capellari, Il Campidoglio Veneto, Mskr. in Bibl. Marciana vol. I. Von Bartolommeo berichtet er nichts. Chalkokond. nennt den Vater Priamo (IX, p. 453). Buchon, Nouv. Rech. I, p. 187, gibt ihm die Namen Piero Almerio; die richtige Benennung bei Hopf II, S. 128. Er selbst war in Handelsgeschäften nach Athen gekommen, wo ihn die Herzogin kennenlernte. Da Contarini bereits mit der Tochter eines venezianischen Senators vermählt war, sannen die Liebenden auf Mittel, dies Hindernis ihrer Verbindung hinwegzuräumen; Chiara aber wollte den Venezianer als ihren rechtmäßigen Gemahl auf den Herzogstuhl Athens erheben, und sie war es, die ihn zum Verbrechen verführte.Chalkokond. IX, p. 453. Der Verblendete eilte nach seiner Vaterstadt, wo seine Gattin zurückgeblieben war, tötete diese durch Gift, kehrte dann nach Athen zurück und vermählte sich mit der Herzogin. Zur Ehre des lateinischen Metropoliten der Stadt wollen wir annehmen, daß derselbe über die Freveltat Contarinis nicht aufgeklärt war. Erzbischof aber scheint damals Nikolaus Protimo gewesen zu sein, ein Angehöriger des mit den Acciajoli verschwägerten Hauses dieses Namens in Euböa. Er war in derselben Zeit an der Redaktion der Assisen Romanias beteiligt, welche die Signorie Venedigs dem Bailo der Insel und einer Kommission von Euböoten im Jahre 1421 übertragen hatte. Aus der Vergleichung der dortigen und der venezianischen Handschriften der Assisen ging dann das vom Senat der Republik im Jahre 1452 anerkannte Gesetzbuch hervor.Brief des Dogen Francesco Foscari an den Bailo Lorenzo Onorati vom Jahre 1453. Canciani, Lib. consuet. Imp. Romanie, Barbaror. leg. antiquae III, p. 497.

Das hochfahrende Wesen Contarinis beleidigte unterdes die Athener, und die Anhänger des Hauses Acciajoli fürchteten mit Grund ein zweites Verbrechen, die Beseitigung des jungen Francesco, des Erben Nerios, durch den frechen Eindringling. Als sie beim Sultan Klage erhoben, suchte der Usurpator diesen und jene zu besänftigen, indem er öffentlich erklärte, daß er nur die Vormundschaft über den rechtmäßigen Erben Athens bis zu dessen Großjährigkeit zu führen beabsichtige. Da diese Beteuerung den Unwillen des athenischen Volkes nicht beschwichtigte, ging er selbst mit dem Knaben nach Adrianopel, um sich beim Sultan zu rechtfertigen und, wie er hoffte, die Bestätigung der Vormundschaft zu erlangen. Er begegnete am türkischen Hofe jenem Sohne des Herzogs Antonio, Franco, welcher nur die Gelegenheit abwartete, um selbst zur Gewalt in Athen zu gelangen, und diese bot sich ihm jetzt dar. Mehmed II. war nicht gesonnen, Attika in die Hände der Venezianer kommen zu lassen, die im Sommer 1451 die Insel Ägina in Besitz genommen hatten, sowohl gemäß des mit den Caopena gemachten Vertrages als des Testaments Antonellos, welcher kinderlos gestorben war. Die Ägineten selbst überlieferten ihre Insel mit Freuden der Republik.»Homines et universitas terre et insule Leyene«, Beschluß des Senats, 2. Aug. 1451 (Senato I, Mar. IV, fol. 108). – Stefano Magno (Annali Veneti Bibl. Marciana, T. VI, a. 1451). Arnà, der Bruder Aliotos und Onkel Antonellos, war schon früher von diesem vertrieben worden (Mar. I, fol. 86, 24. März 1442). Venedig fand ihn mit Renten ab.

Der Sultan schickte Franco als Herzog nach Athen, wo er vom Volk mit allen Ehren aufgenommen wurde. Er bezog den Palast auf der Akropolis, nahm hier sofort die Fürstin Chiara fest und ließ sie in das Schloß Megara abführen. Dies geschah im Jahre 1455. Jenes erbärmliche Trauerspiel verbrecherischer Leidenschaften und des Kampfes nichtsbedeutender Menschen um eine Minute fürstlichen Daseins konnte noch in Athen aufgeführt werden, obwohl sich eben erst das ungeheure Schicksal am Bosporos vollzogen hatte. Denn am 29. Mai 1453 war Konstantinopel in die Gewalt Mehmeds II. gefallen, und der letzte der Konstantine hatte auf den Trümmern des Reichs den Heldentod gefunden.

Die Eroberung der großen Weltstadt, die ein Jahrtausend lang der Geschichte des Ostens ihren Namen und Charakter gegeben, die antike Bildung mit dem Christentum verbunden und der griechischen Kirche Beistand und Einheit verliehen hatte, besiegelte die Knechtschaft der hellenischen Hälfte des alten Römerreichs. Diese versank jetzt, vom lateinisch-germanischen Europa abgerissen, in die Barbarei des Türkentums. Der gewaltsame Versuch, den das Abendland seit den Kreuzzügen gemacht hatte, den griechischen Orient mit dem Westen wieder zu vereinigen, hatte nur die Folge gehabt, das Reich Konstantins in Stücke zu zerschlagen und um so leichter zur Beute der Osmanen zu machen. Der Orient, einst blühend unter den Hellenen, den Römern, den Byzantinern, wurde unter der türkischen Herrschaft nur das Leichenfeld seiner ehemaligen Kultur. Die Mächte Europas, durch dynastische Kriege miteinander beschäftigt, zertrennt und gelähmt, waren, wenige erfolglose Anstrengungen abgerechnet, tatenlose Zuschauer erst des planvollen Vorschreitens, dann des Triumphs der osmanischen Eroberer geblieben. Der erschütternde Fall Konstantinopels erweckte nur das eitle Klagegeschrei der abendländischen Humanisten und die wirkungslosen Aufrufe des Papsts zu einem neuen Kreuzzuge. Da jeder große und kleine Unglücksfall die darunter leidenden Menschen aufreizt, seine Ursachen zu erforschen, die eigene Schuld zu leugnen und auf andre Schultern abzuwälzen, so betrachteten die Griechen die Eroberung der Hauptstadt des Reichs als ein Strafgericht, welches Gott über die Palaiologen wegen der kirchlichen Union verhängt habe. Der Papst aber und das ganze von Haß gegen die Byzantiner erfüllte Abendland behaupteten, daß die schreckliche Katastrophe die verdiente Strafe für das kirchliche Schisma sei.Die Ansicht der Priester war sicherlich nicht vernünftiger als die der latein. Humanisten, die im Falle Konstantinopels die Strafe für das von den Griechen zerstörte Troja zu sehen glaubten (Chalkokond. VIII, p. 403). Der unglückliche Geschichtsschreiber Phrantzes hat diese Urteile in einer langen Auseinandersetzung zu widerlegen gesucht und sich schließlich mit einer prophetischen Überzeugung getröstet. Denn wie das Reich der Assyrer von den Babyloniern, das babylonische von den Persern, das persische von den Makedoniern, das makedonische von den Römern, das römische von den Osmanen zerstört worden sei, so werde auch dieses zur bestimmten Zeit untergehen. Seine Berechnung, oder vielmehr diejenige des Astrologen Stephanos von Alexandria, daß das Reich der Sultane 365 Jahre bestehen werde, hat sich freilich nicht als richtig erwiesen. Die Osmanenherrschaft in Konstantinopel dauert schon 435 Jahre; sie befindet sich heute fast schon in demselben Zustande der Auflösung, in welchem sich das griechische Reich unter den letzten Palaiologen befunden hatte, und die Stunde seines Sturzes wird vielleicht der Anbruch einer neuen Epoche im Leben der Menschheit sein.

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