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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 92
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Sechstes Kapitel

Cyriacus von Ancona. Die Altertumswissenschaft. Die Ruinenwelt Athens. Sammlung von Inschriften, Berichte und Zeichnungen des Cyriacus. Mirabilienhafte Anschauungen von den alten Monumenten. Fragmente athenischer Stadtbeschreibung.

1.

Cyriacus de' Pizzicolli war um das Jahr 1391 in Ancona geboren, jener lebhaften Handelsstadt, die eine lange Verbindung mit dem byzantinischen Reiche besaß und sich fortdauernd neben Venedig, Genua, Barcelona und Marseille am Levantehandel beteiligte. Ursprünglich zum Kaufmanne bestimmt, wurde er von der humanistischen Geistesströmung seiner Zeit erfaßt, und mit dem angeborenen Triebe, die Welt zu sehen, vereinigte sich in ihm die Begeisterung für das klassische Altertum.

Seine Zeitgenossen unter den Führern der Renaissance, für deren Tätigkeit die Höfe Eugens IV. und dann Nikolaus' V., des Federigo von Urbino, des Cosimo Medici und der Gonzaga in Mantua die Mittelpunkte bildeten, Männer wie Poggio, Traversari, Manetti, Nicoli, wie Leonardo Aretino, Guarino von Verona, Flavio Biondo waren ihm an Wissenschaft überlegen. Aber während diese Philologen und Antiquare griechische Handschriften entdeckten, abschrieben und übersetzten und vor allem die Grundlagen der römischen Altertumswissenschaft legten, während große Meister, wie Leon Battista Alberti, durch die Anschauung der Ruinen Roms und die Kenntnis der Regeln des Vitruv die Prinzipien der antiken Baukunst wieder einführten, erschloß der enthusiastische Forscher Cyriacus der abendländischen Wissenschaft auch die monumentalen Gebiete des Orients. Er besuchte wiederholt Griechenland und den Inselarchipel, Kleinasien und Syrien, selbst Ägypten.Francisc. Scalamontius, Vita Kyriaci Anconitani (Colucci, Delle Antichità Picene XV, p. 50ff.). Kyriaci Anc. Itinerarium... Flor. 1742, ed. Laur. Mehus, Einl. – Teraboschi VI, 1, p. 158. Mazzuchelli, Scrittori d'Italia I, 2, p. 685.

In diesem außerordentlichen Manne schien der Reisende Pausanias wiedererstanden zu sein, welcher im 2. Jahrhundert die alten Kulturländer aus wissenschaftlichem Triebe durchwandert hatte und dem die Nachwelt ihre wesentliche Kunde von der Topographie, den Denkmälern und Kunstschätzen der griechischen Städte verdankt. Ihm ähnlich an Leidenschaft, wenn auch ein Barbar an Wissen im Vergleich zu ihm, durchzog dreizehn Jahrhunderte später die längst verwüsteten Provinzen des hellenischen Ostens der Kaufmannssohn der Handelsstadt Ancona, der einzigen griechischen Kolonie Mittelitaliens, die einst die Syrakuser gegründet hatten.

Man würde Cyriacus zu hoch stellen, wollte man glauben, daß es Enthusiasmus für das Land der Hellenen als die Heimat des Geistes und der Schönheit gewesen ist, was ihn dorthin getrieben hat. Es war vielmehr die Leidenschaft des Antiquars, die ihn erfüllte. Er sammelte Medaillen, Kunstwerke und Bücher, zeichnete Denkmäler ab und scheute keine Mühe, antike Inschriften an ihrem Ort abzuschreiben. Dadurch wurde er der Begründer der epigraphischen Wissenschaft. Seine Sammlung von Epigrammen, welcher er den Titel Commentaria des Altertums gab, war der hauptsächliche Gewinn seines rastlosen Wanderlebens. Seine Reisen umfaßten den Zeitraum von 25 Jahren, da er sie 1412 mit Ägypten, Rhodos und Kleinasien begonnen hatte und um 1447 mit Asien und Griechenland beschlossen zu haben scheint.Corp. I. Latin. III, XXII ff.; VI, 1, p. XL ff. De Rossi, Insc. Chr. Ur. Romae II, pars I, 1888, p. 356ff., dazu Synopsis Vitae et Itin., p. 385ff.

Cyriacus hatte seinen Blick an den Monumenten Roms geübt, wohin er zum ersten Mal am 3. Dezember 1424 gekommen war und im Jahre 1432 zurückkehrte, nachdem sein venezianischer Freund Gabriel Condulmer als Eugen IV. den heiligen Stuhl bestiegen hatte. Am Ende des Jahres 1435 machte er sich zu neuen Reisen nach Griechenland auf. Er war im Dezember in Korfu, ging im Januar nach Epiros, besuchte Dodona, dann Ätolien, kam am 26. Februar nach Patras, am 21. März nach Delphi, der erste Abendländer, der dort Epigramme abschrieb. Sodann durchzog er Böotien, sammelte Inschriften in Levadia, Orchomenos, Theben und Euböa.

Athen erreichte er am 7. April 1436, als Nerio II. dort regierte, und verweilte hier im Hause seines Gastfreundes Antonio Balduino bis zum 22. April.Epigrammata reperta per Illyricum a Cyriaco, Rom 1747, p. XXXVII. – Corp. I. Latin. VI, I, p. 93. Er beschränkte seine Forschungen auf das Stadtgebiet, ohne weiter vorzudringen als bis Eleusis, wo er nichts als große Trümmer, darunter diejenigen einer Wasserleitung, bemerkte. Den Piräus fand er ganz verfallen, mit ungeheuern Fundamenten von Mauern, den Resten zweier Rundtürme, und den großen Marmorlöwen am Hafen.»Et ad faucem ingens marmoreus Leo.« Am Hafen stand eben nur dieser eine Löwe. Von Athen ging er weiter nach Megara, dann nach dem Isthmos, dessen von Kaiser Manuel hergestellte Mauer er von den Türken zerstört fand, sodann nach Korinth, nach Sikyon und über Patras zum Herzog Carlo II. in Leukas. Er besuchte Korfu, bereiste Epiros und Dalmatien und kehrte von dort nach Italien zurück.

Den Herzog Nerio traf er später nach dessen Vertreibung aus Athen, wahrscheinlich in Florenz, wieder, wohin er selbst im Jahre 1439 gekommen war, um mit den vielen bedeutenden Männern persönlich zu verkehren, die das Unionskonzil dort versammelte. Dann führten ihn seine Reisen noch einmal nach Athen zurück, im Jahre 1447. Er schrieb von diesem Besuche einem Freunde: »Als ich mich zum Florentiner Nerio Acciajoli, dem gegenwärtigen Fürsten Athens, begab, in Gesellschaft seines leiblichen Vetters Nerio, fanden wir ihn auf der Akropolis, der hohen Burg der Stadt.« So gebrauchte Cyriacus für das »Kastell Sethines« den antiken Begriff.»Eum in Acropoli summa civitatis arce comperimus.« Brief aus Chios, 29. März 1447, bei G. Targioni Tozzetti, Relazioni d'alcuni viaggi fatti in diverse parti della Toscana, Edit. 2, V, 439. Da er in diesem Briefe Nerio mit keinem jener im Munde schmeichelnder Humanisten gewöhnlichen Fürstenprädikate geehrt hat, wie »humanissimus, liberalissimus, literarum cultor amantissimus« und dergleichen, so mag er entweder von jenem Acciajoli nicht viel Aufmerksamkeit erfahren oder in ihm keinen hochgebildeten Mann gefunden haben.

Die Acciajoli konnten übrigens als Herren der alten Musenstadt Athen nicht ganz außer Zusammenhang mit der humanistischen Richtung ihrer Zeit geblieben sein. Sie hatten einen Vorzug vor den großen Mäzenen ihres Vaterlandes Italien, nämlich diesen, der griechischen Sprache mächtig und durch sie möglicherweise mit manchen Resten der hellenischen Literatur bekannt zu sein. Die Tatsache freilich, daß sich die italienischen Entdecker antiker Handschriften, soviel uns bekannt ist, nicht nach Athen als einem Fundorte solcher gewendet haben, beweist, auch wenn manche Beziehungen dieser Art verschwiegen geblieben sind, zum mindesten, daß die Stadt der Philosophen im Abendlande nicht als besonderer Büchermarkt gegolten hat. Viele Kodizes sind von andern Orten Griechenlands nach Europa gebracht worden, wie aus dem Peloponnes, aus Modon, Nauplia, Monembasia; vom Athos und von Konstantinopel nicht zu reden; und treffliche Kalligraphen hat die Insel Kreta geliefert.»Athenis paucos in Bibliothecas nostras occidentales translatos codices vidimus...« Montfaucon, Palaeogr. Graeca, p. 111; p. 76 nennt er als Abschreiber eines Florentiner Kodex des Polybius den in Siena beschäftigten Athener Antonios Logothetos im Jahre 1435. Als Janos Laskaris in den Jahren 1491 und 1492 für die Florentiner Bibliothek der Medici in Griechenland und der Levante Forschungsreisen machte, erwarb er Kodizes in Korfu, Arta, Thessalonike, auf Kreta und im Peloponnes, in den Athosklöstern und in Konstantinopel.Legrand, Bibliogr. Hellen., I, CXXXIII. K. K. Müller, Neue Mitteilungen über Janos Laskaris und die Mediceische Bibl. (Zentralblatt für Bibliothekwesen 1884, S. 333ff.). Unter den von ihm nach Florenz gebrachten Handschriften befand sich auch die einzige vom Kommentar des Proklos zur Republik Platos, und dieser schöne Kodex des 10. Jahrhunderts hatte nach einer Notiz auf seinem ersten Blatte dem Athener Harmonios angehört. Ob die Handschrift deshalb von Laskaris in Athen selbst erworben wurde, bleibt indes zweifelhaft.Siehe: Procli commentar. in Remp. Platonis partes ineditae, ed. R. Schöll (Anecd. varia graeca et lat. II, Berol. 1886, p. 4).

Wenn die Acciajoli in ihrem eigenen Palast auf der Akropolis eine Sammlung seltner griechischer Bücher angelegt hätten, so würde ein solcher Schatz dem forschenden Blicke des Cyriacus schwerlich entgangen sein, und er hätte dann irgendwo eine Bemerkung darüber gemacht.Von einer ehemaligen Bibliothek des Hauses Nerio Acciajoli hat ein später Cyriacus, der Athener Pittakis, welcher diesen Taufnamen trug, sicherlich nur gefabelt. Er versah daraus, wie er behauptete, Fallmerayer mit dem bekannten, von ihm selbst falsch datierten Briefe der Athener an den Patriarchen (Fallmerayer, Welchen Einfluß..., S. 29). So versäumte er nicht aufzuzeichnen, daß er in Kalabryta bei dem klassisch gebildeten Georg Kantakuzenos eine ansehnliche Büchersammlung vorfand und aus ihr den Herodot und manche andre Schriften erhielt.Epigrammata reperta, p. XIX. Auch in Korfu brachte er Kodizes an sich.Itinerarium, p. 29.

Man darf sich immerhin vorstellen, daß schon die Acciajoli in ihrem Propyläenpalast eine Sammlung von klassischen Kunstwerken besaßen, wie Jahrhunderte später der französische Konsul Fauvel in seinem Hause zu Athen.Pouqueville IV, p. 76. Wenigstens läßt sich eine Leidenschaft solcher Art bei den Herzögen Athens zu einer Zeit voraussetzen, wo in Italien die ersten Museen entstanden, wo Päpste und Kardinäle in Rom Statuen, Medaillen und Gemmen sammelten, wo die Medici und Rucellai in Florenz Antikenkabinette anlegten und man anfing, in Griechenland nach Kunstwerken zu forschen. Wenn es sich auch nicht nachweisen läßt, daß in der Frührenaissance Italiens, als der Ruhm der alten griechischen Autoren wieder auflebte, aber die Namen Phidias, Praxiteles und Myron dort nur noch sagenhaft waren, plastische Bildwerke ersten Ranges aus Hellas nach dem Abendlande gebracht wurden, so mußte doch manche Antiquität durch die Vermittlung der Seefahrer und Kaufleute dort hingelangen. Mancher köstliche Marmor wird die Begierde der Venezianer und Genuesen gereizt haben.

Der Westfale Ludolf oder Ludwig von Sudheim, der von 1336 bis 1341 den Orient bereiste, bemerkte folgendes: »Nicht weit von Patras liegt die Stadt Athen, wo einst das Studium der Griechen blühte. Sie war vor Zeiten die edelste aller Städte, doch jetzt ist sie fast verlassen. Denn es gibt in Genua keine Marmorsäule noch irgendein gutes Werk aus bearbeitetem Stein, welches nicht von Athen hergebracht worden wäre. Ganz Genua ist aus Athen aufgebaut, wie Venedig mit den Steinen Trojas erbaut ist.«Ludolfi de Itin. Terrae Sanctae Lib., ed. Deyks, Stuttg., Lit. Verein XXV, 1851, c. 17. »Haec civitas quondam fuit nobilissima, sed nunc quasi deserta. Nam in civitate Januensi non est aliqua columna marmorea vel aliquod opus bonum lapideum sectum, nisi sit de Athenis ibid. deportatum, et totaliter ex Athenis civitas est constructa, sicut Venetia ex lapidibus Troiae est aedificata.« – Kürzer lautet die Stelle in der Ausgabe Ludolfs von Neumann nach der Redaktion des Nicol. de Hude, Arch. de l'Orient Latin 1884, II, p. 331, wo der Zusatz »Pergama« zu »Troya« beweist, daß Ludolf hier nicht an Trau gedacht hat, sondern an das alte Troja. Indes auch Genua leitete sich von den Trojanern ab. »La riche, noble et ancienne cité de Jennes, fondée jadis par Janus, descendu des haultes lignées troyennes.« (Livre des Faits de Jean Bouciquaut II, c. 2, am Ende der Chronik des Froissart, ed. Buchon, Paris 1835). Diese seltsame Ansicht Ludolfs von der Entstehung der Prachtbauten Genuas und Venedigs stützt sich auf die Gründungssagen der beiden herrlichen Städte; aber sie kann auch versteckte Tatsachen andeuten, nämlich diese, daß jene Seerepubliken während ihrer langen Herrschaft in den griechischen Meeren Altertümer und köstliches Material massenhaft in ihre Heimat fortgeschleppt haben. Was Athen selbst betrifft, so haben die Venezianer solche Plünderungen bis zum Jahre 1688 fortgesetzt.

Der Trieb der Italiener, Antiquitäten zu sammeln, richtete sich naturgemäß nach Griechenland. Griechische Medaillen bewunderte man in Venedig; den berühmten Traversari entzückte dort eine Goldmünze der Berenike, und Cyriacus zeigte demselben Humanisten im Jahre 1432 zu Bologna goldene und silberne Münzen des Lysimachos, Philippos und Alexander.Ambros. Camald. Ep. VIII, p. 35. Die Florentiner blieben in diesem Eifer nicht zurück, und gerade sie standen durch ihre eigenen Landsleute, die Acciajoli, in lebhaftem Verkehr mit Athen. Doch wissen wir nicht, ob sie von dorther Kunstwerke entführt haben. Poggio, der in seinem Landhause im Val d'Arno Antiken sammelte, gab einem im Orient reisenden Minoriten den Auftrag, ihm Bildsäulen der Minerva, der Juno, des Dionysos und ähnliches aus Chios mitzubringen, wo in einer Grotte mehr als hundert Statuen entdeckt worden seien.Poggii Ep. 18, 19, Append. Hist. de Varietate Fortunae.

So waren die hellenischen Länder in den Ruf gekommen, Fundgruben schöner Werke des Altertums zu sein, und das Abendland würde sie reichlich ausgebeutet haben, wenn nicht mitten in derselben Zeit, wo die Leidenschaft und das Verständnis für die antike Kunst in Italien lebhafter wurden, die Türken die Schatzkammern Griechenlands wieder verschlossen hätten.

Athen war gleich Rom und fast jeder andern Stadt antiken Ursprungs mit zahllosen Fragmenten des Altertums überstreut, die entweder vernachlässigt im Staube lagen oder für das gemeine Bedürfnis verwendet wurden. Herrliche Vasen und Sarkophage dienten als Tröge oder Wasserbehälter, Marmorplatten aus Theatern und Odeen als Türschwellen oder als Werktische der Handwerker; Skulpturen jeder Art waren von verständigen Priestern in Kirchen oder von Bürgern in ihre Wohnungen eingemauert. Als der französische Forscher Spon im Jahre 1675 Athen besuchte, sah er hier viele Häuser, über deren Türen Statuetten oder Bruchstücke von Reliefs eingefügt waren, und er bemerkte, daß sich in den meisten Kirchen wie auch in Privatwohnungen antike Inschriften befanden.Voyage de Grèce II, p. 219. Die Sitte, Häuser mit solchen Resten zu zieren, war sicher sowohl in Athen wie in Rom so alt wie der Untergang des Heidentums. Der Jesuit Babin beschrieb in derselben Zeit Spons Athen als eine Stadt mit engen Straßen ohne Pflaster, mit ärmlichen Häusern, nicht von Holz wie die Konstantinopels, sondern von Stein, und aus dem Material antiker Trümmer erbaut.Babin, p. 778 (Abdruck von Wachsmuth, Stadt Athen I). Das Aussehen Athens im 17. Jahrhundert konnte aber von dem Bilde der Stadt im 15. nicht zu sehr verschieden sein.

Zur Zeit der Acciajoli war dieselbe, die wenigen großen Ruinen und die in Kirchen verwandelten Tempel abgerechnet, mit ihren Kunstschätzen so gut unter die Oberfläche der neuen Stadt herabgesunken wie das alte Rom. Schuttmassen und Gärten bedeckten die Agora, den Kerameikos, die Ufergelände des Ilissos, die Südabhänge der Burg und die Stätte des Olympieion. Die bewundernswürdigen Grabmäler vor dem Dipylon und auf der Straße der Akademie, welche erst zu unserer Zeit teilweise wieder ans Licht getreten sind, lagen unter der Erde, denn da sich in der Reihe der athenischen, von Cyriacus kopierten Inschriften keine von jenen Denkmälern vorfinden, so mußten dieselben schon im Schutt verborgen gewesen sein. Zahllose Kunstwerke waren auf der Akropolis begraben, wo Trümmer und Häuser den alten Boden bedeckten. Der Zufall mußte hier oft genug manches klassische Bildwerk an den Tag bringen, und jeder Spatenstich eines Nachgräbers würde auf der Stadtburg wie im ganzen Gebiete Athens zu kostbaren Entdeckungen geführt haben. Allein weder der künstlerische noch der dilettantische Trieb dazu, noch die Altertumswissenschaft waren schon so weit vorgeschritten, daß irgendein halbwissender Antiquar unter den Athenern oder einer der Herzöge selbst auf den Gedanken gekommen wäre, topographische Untersuchungen und Ausgrabungen zu machen. Denn daß solche von dem baulustigen Antonio Acciajoli wirklich angestellt worden seien, ist nur eine Vermutung, die sich durch kein Zeugnis bestätigen läßt.Von Antonio behauptet Hopf II, S. 90, daß er, wie aus den Reisefragmenten des Cyriacus hervorgehe, die Künste mit lebendigem Sinn für das Altertum hegte und mannigfache Ausgrabungen veranstalten ließ. Wo aber steht das in den Reisefragmenten geschrieben? Das Aufhören der periegetischen Wissenschaft in Athen selbst wird durch die lange Herrschaft der unwissenden Franken hinreichend erklärt, unter deren Fürsten kein einziger den Ehrentitel eines Mäzen erworben hat. Auch hat kein abendländischer Reisender, soviel uns bekannt ist, vor Cyriacus in Athen antiquarische Studien gemacht. Der Presbyter Cristoforo Buondelmonte, der seit 1413 die Küsten und Inseln Griechenlands besuchte und von 1417 bis 1421 sein Isolarium verfaßte, hielt es, obwohl er selbst Florentiner war, doch nicht der Mühe wert, sich mit Athen zu beschäftigen.Er schickte seinen ›Liber Insularum Archipelagi‹ im Jahre 1422 von Rhodos dem Kardinal Orsini nach Rom. Ausgabe von L. Sinner, Berlin 1824.

Erst Cyriacus brachte den Sinn der Renaissance dorthin. Wenn er auch neben seiner Kenntnis der griechischen Sprache, die er aus Liebe zum Homer in Konstantinopel erlernt haben soll, nicht hinreichende Gelehrsamkeit besaß, so war doch sein Auge durch eifrige Forschung auf langen Reisen geübt, während er mit den Begründern der Altertumswissenschaft in Italien in persönlichem Verkehre stand.In demselben Jahre 1447, wo er zum zweiten Mal in Athen war, überreichte Flavius Blondus dem Papst Eugen IV. seine ›Roma Instaurata‹.

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