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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 90
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Fünftes Kapitel

Tod des Antonio Acciajoli. Umwälzung in Athen. Die Herzogin-Witwe und der Archont Chalkokondylas. Der athenische Geschichtsschreiber Chalkokondylas. Die Chroniken von Morea. Nerio II., Herzog von Athen. Er wird vertrieben und geht nach Florenz. Das Florentiner Unionskonzil. Rückkehr Nerios II. nach Athen.

1.

Nach einer Regierung von 32 Jahren, der längsten, die ein Frankenherzog Athens überhaupt erreicht hat, starb der kinderlose Antonio Acciajoli im Sommer 1435, plötzlich durch einen Schlaganfall hinweggerafft.Chalkokond. VI, p. 321. Phrantzes II, c. 10, p. 159, gibt das Datum an. Mit ihm endete die letzte Pause zweifelhafter Wohlfahrt, welche die Athener genossen hatten. Attika konnte jetzt in die Gewalt der Türken oder der Byzantiner im Peloponnes fallen. Auch die Republik Venedig mußte sich daran erinnern, daß sie die Stadt Athen besessen und dann an Antonio verloren hatte; allein sie war mutlos geworden und wagte nichts mehr. Sie befahl dem Bailo Negropontes, wenn die Türken oder die Erben Antonios Athen besetzen sollten, das nicht zu hindern, aber andre davon abzuhalten und womöglich die Stadt selbst in Besitz zu nehmen.Oktob. 1435 »... quid scriptum fuit regimini Negropontis super locis Athenarum et castri que tenebat quond. Antonius de Azaiolis, vid. quod si Turci aut heredes dicti Antonii ipsa intromittant, non se impediant, sed si alii illa acciperent, ipsi potius ea possendo habere accipiant.« (Sathas, Mon. Hist. Hell. I, n. 131, p. 199).

Die nächsten berechtigten Erben des Verstorbenen waren die Söhne seines Vetters Franco, Nerio und Antonio Acciajoli, die er selbst mit den Töchtern des in Venedig hoch angesehenen Niccolo Giorgio, Herrn von Karystos, vermählt hatte, und dieser war als Gemahl der Benvenuta Protimo mit dem Herzog Antonio verschwägert gewesen. Nerio hatte Chiara, Antonio Maria geheiratet, der erste dieser Brüder aber war vom Herzoge zu seinem Nachfolger ausersehen worden. Jedoch diese Willensbestimmung wurde von seiner eigenen Witwe Maria Melissena und einer mit ihr verbündeten Griechenpartei bestritten.

Erst gegen das Ende des Frankenregiments regte sich, wie wir bemerkt haben, eine solche Partei in Athen. Seit der Invasion der Lateiner, die den einheimischen Archontenadel entweder ausgetilgt oder doch in ein geschichtsloses Dunkel zurückgedrängt hatten, haben wir, und das erst im 14. Jahrhundert, nur in dem Stande der Notare wieder eingeborene Athener namhaft werden sehen.Es ist bedeutend, daß sich auch unter Antonio im Jahre 1432 ein Grieche, wohl Athener, als Kanzler der Stadt findet: Χαλκοματα̃ς Νικόλαος, νοτάριος καὶ καντζηλιέρης πόλεως τω̃ν ’Αθηνω̃ν (Buchon, N.R. II, p. 290). Das griechische Nationalelement wuchs nach dem Sturze des Katalanenstaates in Attika zu immer größerer Kraft auf. Während die spanische Kompanie stets einen politischen und nationalen Zusammenhang mit Sizilien und Aragon gehabt hatte, entbehrten die Acciajoli solches Rückhaltes; sie mußten daher dem Griechentum immer mehr Zugeständnisse machen. Dies hatte in dem hergestellten Erzbistum Athen seinen festen Halt gefunden; zugleich aber mußte auf dasselbe die Restauration des Hellenismus in dem endlich wieder griechisch gewordenen Peloponnes mächtig einwirken. Es ist auch kaum gewagt zu behaupten, daß jene hellenistische Renaissance, welche Plethon in Sparta unternahm, in Athen ein Echo fand. Dieser Patriot, der das griechische Volk sittlich und politisch reformieren wollte, konnte unmöglich ohne Verbindung mit Athen und Hellas geblieben sein.

Das damalige Haupt der athenischen Nationalpartei war Chalkokondylas, ein naher Verwandter der verwitweten Herzogin, dessen Familienursprung sonst unbekannt ist. Der Name seines Geschlechts wird auch zu Chalkondyles zusammengezogen, und später findet sich in Athen die Form Charkondyles.Zesios im Deltion d. hist. u. ethnol. Gesell. II, p. 23. Der Fürstin selbst, einer Griechin aus erlauchtem peloponnesischem Hause, widerstrebte es, die Herrschaft über die Länder ihres Gatten an ihr gleichgültige Verwandte desselben gelangen zu sehen. Der löbliche Plan, den sie mit ihrem Vetter machte, Athen den Franken zu entziehen und endlich den Griechen zurückzugeben, konnte freilich nicht ohne die Zustimmung des türkischen Oberlehnsherrn, des allmächtigen Schiedsrichters Griechenlands, ausgeführt werden. Sie schickte deshalb, gleich nach dem Tode Antonios, jenen Chalkokondylas mit großen Geldsummen an den Hof in Adrianopel, um Murad zu bestimmen, ihr und ihrem Vetter die Regierung des Herzogtums zu verleihen.Der Geschichtsschreiber Chalkokond., Sohn jenes Mannes, schreibt: ή τε γυνὴ αυτου̃ έπεμπεν ες βασιλέα τὴν αρχὴν επιτραπη̃ναι αυτη̃ τε καὶ τω̃ τη̃ς πόλεως αμείνονι, εαυτη̃ς δὲ προσήκοντι, πατρὶ δὲ ημετέρω (VI, p. 320ff.). Allein der Großherr verachtete das ihm gemachte Anerbieten von 30 000 Goldstücken Tributs, weil er selbst nach seinem Gefallen über Attika verfügen wollte. Der athenische Archont wurde ins Gefängnis gesetzt, konnte aber nach Konstantinopel entrinnen, wo er sich nach dem Peloponnes einschiffte. Auf dieser Fahrt wurde er von griechischen Korsaren festgenommen und in Ketten zum Sultan zurückgebracht, der ihm verzieh.

So scheiterte der Versuch eines athenischen Magnaten, sich zum Tyrannen seiner Vaterstadt aufzuwerfen: Er war, soviel wir wissen, der erste und letzte dieser Art, welchen die griechische Nationalpartei während des Bestandes des fränkischen Herzogtums gewagt hat. Wenn es demnach Chalkokondylas nicht gelang, seinen Namen in das Register der Kleinfürsten seines Vaterlandes einzutragen, so hat ihn wenigstens sein in Athen geborener und erzogener Sohn in der Geschichte der Literatur unsterblich gemacht. Überhaupt geschah es erst kurz vor dem Falle Griechenlands in die osmanische Knechtschaft, daß dort wieder einige namhafte Männer der Wissenschaft erschienen. Gemistos Plethon erleuchtete mit seinem Talent das kleine Sparta; gleichzeitig machte sich Georg Phrantzes, ein Monembasiote, als Staatsmann bemerkbar, derselbe, welcher später im Exil zu Korfu zum Geschichtsschreiber des Falles seines Vaterlandes unter die Gewalt der Türken geworden ist. In derselben Zeit brachte auch Athen einen Nachfolger des Dexippos hervor, Laonikos Chalkokondylas, den Sohn jenes Archonten.

Es ist eine sehr merkwürdige Tatsache, daß Anfang und Schluß der unvergleichlichen Geschichtsschreibung der Griechen durch dieselben nationalen Ursachen veranlaßt worden sind. Wie einst die Perser den wesentlichen Anstoß zur griechischen Historiographie gegeben hatten, so taten dies jetzt die Türken. Aber Chalkokondylas und Phrantzes, die Nachahmer des Herodot und Xenophon, waren unglücklicherweise vom Schicksal dazu verurteilt, die Unterjochung ihres Vaterlandes durch die neuen Perser darzustellen. Es bedurfte für Laonikos einer nicht geringen Selbstverleugnung, um die Geschichte seiner Nation von 1297 bis 1463 zu schreiben, da sie unter seinen Händen zu derjenigen der aufsteigenden Größe und des blutigen Triumphs der Osmanen werden mußte. Sein Werk ist das Erzeugnis einer wüsten und ungeordneten Gelehrsamkeit, doch dient es, gleich andern byzantinischen Geschichtsbüchern jener Zeit, als hauptsächliche Quelle für die Kenntnis des Todeskampfes Griechenlands.Die Ausgabe der ›Historiae Laonici Chalcocondylae Atheniensis‹ des Imm. Becker in Niebuhrs Corpus Scriptor. Hist. Byz. ist bekanntlich sehr fehlerhaft. Laonikos starb in Italien im Jahre 1490. Ein zweiter Chalkokondylas, mit Namen Demetrios, welcher zu Athen im Jahre 1424 geboren war, scheint ein leiblicher Bruder des Geschichtsschreibers gewesen zu sein.Nach einer biograph. Notiz des Antonio Kalosynas, eines kretischen Arzts aus dem 16. Jh. (abgedr. von Hopf, Chron. Gréco-Rom., p. 243) waren beide Männer Brüder; doch bezweifelt Legrand, Bibl. Hellénique I, XCIV, die Glaubwürdigkeit des Kalosynas. Er nahm in der Reihe der Griechenlehrer Italiens, neben Georg von Trapezunt, Argyropulos, Theodor Gaza, Laskaris und Musuros, eine hohe Stelle ein; er lehrte in Perugia, Florenz und Mailand, wo er im Jahre 1511 starb. Er hatte die ersten Mailänder Drucke des Homer, Isokrates und Suidas besorgt und eine griechische Grammatik, Erotemata genannt, verfaßt. Auch sein Sohn Basileios machte sich in Italien als Philologe berühmt.

Die Ursachen der moralischen Unfruchtbarkeit, zu welcher sonst die Stadt des Plato während des ganzen Mittelalters verdammt blieb, bedürfen übrigens kaum einer Erklärung. Die Quellen des Geistes sind nicht wie Flüsse an denselben Gebirgsstock desselben Landes für immer gebunden, sondern sie versiegen hier und brechen dort hervor, je nachdem sich die Elemente der Menschlichkeit auf einem Punkte erschöpfen oder sammeln. Wenn die Flamme der Wissenschaft in Athen nicht erloschen wäre, so würden Italien, Frankreich, Deutschland und England wahrscheinlich zu langer Finsternis verurteilt geblieben sein. Man darf das schöne Gleichnis von dem Fackellaufe in der athenischen Festprozession auf das Wandern der Wissenschaft anwenden. Schon im Mittelalter stellte man die Ansicht auf, daß es sich mit dieser ganz so verhalte wie mit der politischen Weltmonarchie. Auch das Studium der Wissenschaften wurde als eine geistige Monarchie aufgefaßt, die von Nation zu Nation fortgewandert sei. Alberich von Trois Fontaines behauptete in seiner bis 1241 reichenden Chronik: »Wie die Weltmonarchie von den Assyrern durch verschiedene Reiche zu den Ostfranken, d. h. den Deutschen, gelangt ist, so ist die Philosophie oder Weisheit von den Chaldäern durch mehrere Völker zu den Galliern oder Westfranken gekommen, und zwar auf diese Weise: Abraham kam aus Chaldäa und lehrte zuerst in Ägypten Astrologie und Arithmetik; aus Ägypten kam die Weisheit zu den Griechen, besonders in der Zeit der Philosophen; von dort wanderte sie zu den Römern unter den Scipionen, wo sie Cato und Cicero besessen haben, und unter den Cäsaren, wo Virgil, Horaz, Ovid, Seneca und Lukan in ihrem Besitze gewesen sind. Von Rom ist sie nach Spanien, neuerdings aber nach Frankreich gekommen, seit den Tagen der berühmten Männer Berengar, Lanfranc und Anselmus.«Chron. Alb. Trium Fontium, Mon. Germ. XXIII, p. 793. Bei Vincenz von Beauvais ist es der gelehrte Alkuin, der das Studium von Rom nach Paris gebracht hat, nachdem es die Römer von den Griechen herübergenommen hatten. Im ›Livre de Clergie‹ oder ›Imagène del monde‹ preist ein französischer Dichter die Einführung der Wissenschaften in Frankreich, wo sie jetzt zu Paris in Blüte stünden, wie vor Zeiten in Athen, einer Stadt von großem Adel.»Clergie regne ore à Paris, ensi comme elle fist jadis a Athènes qui sied en Grèce, une citiez de grant noblesse« (Hist. Litt. de la France, T. XXIII, p. 304). In einem Schauspiel von der Geburt des Herrn tritt der König Ägyptens mit seinem Gefolge auf, und dieses singt Verse zum Lobe der Philosophen, worin es heißt, daß ihre Sekten von Athen aus ganz Griechenland mit der Quelle der Weisheit getränkt haben, welche dann nach Hesperien hingeflossen sei.Carm. Burana, Bibl. des Lit. Vereins, Stuttg. 1847, XVI, p. 92. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts stellte der Philosoph und Geschichtsschreiber Nikephoros Gregoras dieselbe Ansicht vom Fortwandern der Wissenschaft auf, die aus Ägypten nach Persien und Chaldäa und weiter nach Athen gekommen sei; auch von dort sei sie ausgewandert und jetzt einem Vogel gleich, der, aus seinem Nest vertrieben, umherschweife.Hist. Byz. VIII, 7, p. 326. Ähnlich hat sich noch am Ende des 16. Jahrhunderts Martin Crusius zu Tübingen in seiner Germano-Gräzia über die Wanderung der Wissenschaft aus Ägypten nach Persien und Chaldäa, dann nach Athen und in das Abendland ausgesprochen.

Der Kulturforscher, welcher aus Liebe zu Athen in dem barbarischen Zeitalter nach einigen fortglimmenden Lichtfunken auf dem antiken Musenaltar sucht, muß sich schon begnügen, wenn er aus irgendeiner versteckten Nachricht die Kunde gewinnt, daß es dort im 14. und 15. Jahrhundert noch Menschen gab, welche wertvolle Handschriften besaßen oder kopierten.1339 machte der Priester Kamelos in Athen Abschriften medizinischer Werke des Oribasios und Myresos (Hopf I, S. 434). 1435 schrieb ein Antonius aus Athen den laurentianischen Polybius (Gardthausen, Griech. Paläogr., S. 412).

Sehr empfindlich, aber begreiflicher als alles andere ist der völlige Mangel eingeborner städtischer Geschichtsschreiber in Athen und in Hellas überhaupt. Da die byzantinischen Chronographen es verschmähten, sich mit dem geschichtlichen Fortleben der Hellenen zu beschäftigen, so hätte die Nachwelt solche Kunden nur von diesen selbst zu schöpfen vermocht. Man hat zwar behauptet, daß jede griechische Stadt im Mittelalter ihre Lokalchroniken besessen habe, in denen, wie in den Akten der Heiligen, die geschichtlichen Traditionen niedergelegt worden seien, und daß diese Chroniken, die sich nur in Zypern erhalten haben, durch die Türken vernichtet worden seien.Einleit. zu Leontios Machaira, Publ. de l'école des langues orientales vivantes, II. Serie, vol. II. Dies ist möglich, allein es ändert leider nicht die Tatsache, daß wir nichts von dem Dasein solcher Geschichtswerke in Athen und andern Hellenenstädten wissen.

Nur Morea zeichnete sich durch eine nationale Chronik aus, die sich glücklicherweise durch Abschriften in ein paar Bibliotheken des Abendlandes hinübergerettet hat. Während uns die Geschichte Athens unter den fränkischen Herzögen durch keine Schrift überliefert ist, besitzen wir die griechische und französische Chronik der Eroberung des Peloponnes durch die Franken: kostbare Denkmäler beider daselbst während des 14. Jahrhunderts geredeter Sprachen, und trotz der Fabeln und Irrtümer, welche sie enthalten, auch von historischem Wert; denn diese Chroniken sind wesentlich Geschichtsbücher. Die griechische hat die Form eines vulgären Heldengedichts, welches sich von der Prosa nur durch das politische Versmaß unterscheidet. Da sie breiter und voller angelegt und origineller ist als die französische in Prosa, so hat dies die Ansicht begründet, daß die letztere nur eine ihrer Versionen sei. Sie wurde auch ins Italienische übersetzt und im Auftrage des berühmten Heredia selbst in katalanischer Sprache bearbeitet.Die Auffindung der franz. u. griech. Chronik war die glücklichste Tat des verdienten Buchon. Er veröffentlichte den französischen Text des ›Livre de la Conqueste‹ nach dem von ihm 1845 in Brüssel entdeckten Mskr., den griechischen zuerst 1841 nach dem Pariser Mskr., welches schon Du Cange gekannt hatte, und dann nach der vollständigen Kopenhag. Hdschr. Der ›Liv. d. l. Cq.‹ entstand vor 1346. Während die griech. Chronik mit 1292 endigt, schließt jener mit 1304, wozu noch ein chronol. Abriß bis 1322 kommt. Buchon ist für die Priorität des franz. Texts. Im folgt Tozer (The Franks in the Pelop., Journal of Hell. Stud. IV, 1883). Schon Ellissen (Anal. II) bezweifelte die Gründe Buchons. Ein junger amerik. Gelehrter, Dr. John Schmitt, hat dieser Streitfrage eine Dissertation gewidmet: Die Chronik von Morea, eine Untersuchung über das Verhältnis ihrer Handschriften und Versionen zueinander, München 1889, und sich für den griech. Text als Original entschieden. – Die arag. Bearbeitung ist ein Abriß jener Chronik, doch mit Nachrichten aus andern Quellen und bis 1377 fortgeführt. Siehe die Einleitung des Herausgebers Alfred Morel-Fatio.

Der glückliche Gedanke, die Eroberung Moreas durch die fränkischen Helden in einem volkstümlichen Werke darzustellen und ihre Taten wie die Schicksale ihrer Abkommen während des ganzen 13. Jahrhunderts der Nachwelt zu überliefern, entstand naturgemäß in der Zeit, wo das Fürstentum der Franken im Peloponnes wenn auch noch nicht im Erlöschen, so doch schon im tiefen Sinken war. Der Plan zu einem solchen Buche konnte nur von einem Franken Moreas gefaßt werden; und vielleicht ist die Anregung dazu durch einen Fürsten oder großen Lehnsträger gegeben worden. Man hat hier an Bartolommeo Ghisi gedacht, weil auf der Handschrift der französischen Chronik verzeichnet steht, daß derselbe das Buch der Eroberung in seinem Schlosse zu Theben besessen habe. Allein, obwohl Ghisi mit der Würde des Konnetabel Achaias bekleidet war, so war er doch nicht Moreote, sondern Venezianer von Stamm, und deshalb konnte er von keiner so lebhaften Begeisterung für die Geschichte des Hauses Villehardouin und Moreas beseelt sein, als ein solcher Auftrag voraussetzt. Dies ist sicher, daß der Verfasser des griechischen Epos ein von fränkischem Nationalgefühl tief durchdrungener Mann gewesen ist; er verherrlicht nicht nur das Frankentum, sondern er gibt seiner Geringschätzung der Griechen und ihrer Kirche den rücksichtslosesten Ausdruck. Sein Werk konnte daher kaum auf griechische Leser oder Zuhörer, vielmehr wesentlich nur auf Franken, und zwar nicht im Abendlande, sondern in Griechenland selbst berechnet sein. Zugleich aber zeigt sich der Chronist mit allen griechischen Verhältnissen vollkommen vertraut; während er geschichtliche und geographische Namen Moreas, soweit sie französisch sind, verstümmelt oder volkstümlich umformt, begeht er keinen Irrtum, wenn solche griechisch sind, und er schreibt in dem Vulgär des Landes. Man hat daher in ihm einen Gräko-Franken oder Gasmulen erkennen wollen.

Immerhin ist diese Verschronik eine bedeutende Erscheinung in der Kulturgeschichte des fränkischen Griechenlands. Sie beweist das Überwiegen des hellenischen Sprachelements dort in solchem Grade, daß auch die Franken sich dasselbe anzueignen genötigt waren. In demselben 14. Jahrhundert verließen die Normannen in England den ausschließlichen literarischen Gebrauch des Französischen und Lateinischen, und nach dem Vorgange von Richard Rolle und Laurence Minot trat Chaucer als der Schöpfer der englischen Dichtersprache auf. Da wir keine sprachlichen Seitenstücke zur griechischen Verschronik aus Theben, Athen und Sparta besitzen, so berechtigt sie uns freilich nicht dazu, sie als Beweis für einen ähnlichen Prozeß unter den Franken in Griechenland geltend zu machen, wie er in der Literatur Englands sich vollzogen hat.

Die Sprachverschmelzung ist in Britannien viel weiter gegangen als im fränkischen Hellas. Obwohl das Englische durchaus ein germanisches Idiom blieb, da es die angelsächsische Flexion festhielt, so wurde dasselbe doch durch die massenhafte Aufnahme französischer Wörter zu jenem Gemisch des Romanischen und Germanischen, welches auf dem gesamten Sprachgebiete einzig dasteht. Diese Gegensätze hat das Englische durch die germanische Umformung und Aussprache der französischen Laute zu verwischen gesucht, aber gerade dies hat dasselbe zu einer der lautlich häßlichsten Sprachen gemacht, und doch schrieb in ihr der größte Dichter aller Zeiten seine unsterblichen Werke, während ihre wunderbare Einfachheit sie mehr als jede andere zur internationalen Weltsprache befähigt.

Die Umbildung des Griechischen ins Neuhellenische durch grammatischen Verfall, durch das Schwinden der Kasusflexionen, den Verlust der Modi und des Infinitivs hat dagegen nichts mit der sprachlichen Einwirkung des Lateinischen und Romanischen zu tun. Die Verbindung der Griechen mit fremden, zumal über sie herrschenden Völkern veranlaßte die Aufnahme von Fremdwörtern in den vaterländischen Sprachschatz; mit Ausdrücken aus der Sprache des Gesetzes und der Verwaltung der Römer wurde schon das amtliche und literarische Griechisch der Byzantiner durchsetzt, und das Neugriechische der Frankenzeit ist angefüllt mit französischen und italienischen Lehnwörtern nicht nur für Begriffe feudaler und militärischer Eigenschaft. Dieselbe Entlehnung ausländischer Wörter zeigt mehr oder weniger jede lebende Sprache, in auffallender Weise die deutsche, besonders in der Epoche ihrer Verwilderung nach dem dreißigjährigen Kriege; und selbst noch am heutigen Tage bedarf es einer nicht geringen Anstrengung, sie von unnötigen französischen Wörtern zu reinigen.Man lese unsre kriegswissenschaftlichen Bücher. Wenn sich noch in dem großen Werk des deutschen Generalstabes über den Krieg in Frankreich, dem Deutschland seine nationale Wiedergeburt verdankt, zahllose Ausdrücke finden, wie an der »Tete« marschieren, an der »Lisiere« des Waldes usw., so ist das ein sprachliches Kauderwelsch, wie es ähnlich das Griechische des Machäras von Zypern und der Chronik von Morea aufweist.

Im ganzen war der Genius der hellenischen Kultursprache trotz ihres Verfalles doch zu mächtig, als daß er sich mehr hätte gefallen lassen als das Eindringen von nicht griechischen Worten ins Lexikon. Trotz der langen Herrschaft der Venezianer ist weder in Kreta noch in Korfu, noch Negroponte und in den Kolonien des Peloponnes ein gasmulischer Mischdialekt entstanden. Nur ist die Überfüllung der Sprache der Chronik von Morea mit Fremdwörtern immerhin sehr groß. Leider sind wir nicht imstande, hier einen Vergleich mit der attischen Volkssprache des 14. Jahrhunderts anzustellen. Wir besitzen keine schriftlichen Überlieferungen von ihr, denn die wenigen griechisch geschriebenen Akten, die aus der Kanzlei der Acciajoli zu uns gelangt sind, zeigen, daß ihre Verfasser, herzogliche Notare, sich eines reineren Griechisch amtlich bedient haben.

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