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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 89
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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3.

Antonio hielt Hof auf der Akropolis, denn Athen war wieder zur Hauptstadt des geschmälerten Herzogtums geworden.Dies lehren Urkunden wie der Handelsvertrag mit Florenz (1422) und der Brief des Lorenzo di Palla an Nerio (1423) mit der Aufschrift »Athenis, in curia nostri domini Antonii«. Theben, welches unter der katalanischen Herrschaft der Regierungssitz gewesen war, hatte diesen Rang verloren; doch muß die Kadmeia mit ihrem Schloß wieder in wohnlichem Zustande gewesen sein, so daß sie zeitweise zur Residenz der Acciajoli dienen konnte. Denn ausdrücklich erwähnte Cyriacus von Ancona im Jahre 1436 der »aula regia« Thebens, wo er alte Inschriften abschrieb.

Es würde von nicht geringem Interesse sein, zu wissen, welches Leben der Hof des Fürsten auf der alten Stadtburg führte, womit man sich dort außer der Politik beschäftigte, und endlich, wie Athen selbst zu jener Zeit beschaffen war. Allein kein reisender Beobachter hat eine Schilderung davon zurückgelassen. Chalkokondylas hat besonders von Antonio gerühmt, daß er Athen ausgeschmückt habe. Nach seiner Versicherung war der Herzog im Besitze großer Reichtümer, und deshalb konnte er während seiner langen Regierung vollenden, was möglicherweise schon sein Vater Nerio begonnen hatte. Auch dieser soll in Athen schöne Gebäude aufgeführt haben.Das bemerkt freilich erst Fanelli, Atene Attica III, § 588: »Applicò l'animo suo... ad accrescere le magnificenze di quella capitale con sontuosi edificii e strade spaziose.«

Alle solche Angaben sind indes wertlos, da wir keinen Stadtplan Athens aus dem 15. Jahrhundert noch irgend bestimmte Nachrichten über athenische Anlagen der Acciajoli besitzen. Der vornehmste Gegenstand für ihre Baulust konnte nur die Akropolis sein. Die Geschichte dieser stärksten Burg Attikas, welche bis auf die Türkenzeit in Dunkel begraben ist, würde für uns auch nur so weit Wichtigkeit haben, als durch die mittelalterlichen Bauten die dortigen Altertümer Veränderungen oder Zerstörungen erlitten. Sie war das Kastell Setines der Franken und blieb immer eine Festung bis zum Abzuge ihrer letzten griechischen Besatzung im Jahre 1836. Das Lob, welches ihr Niccolo Machiavelli erteilte, daß sie die schönste Burg der Welt sei, enthält zwar kein so entschieden ästhetisches Urteil, als es Pedro IV. von Aragon ausgesprochen hatte, aber sicherlich dachte auch jener Florentiner nicht an die Stärke der Mauern und Bastionen, sondern eher an die herrliche Lage des Kastells und seine prachtvollen antiken Denkmäler.

Daß die Acciajoli die Akropolis stärker befestigten und zu einem militärischen Platze ersten Ranges zu machen suchten, darf freilich nicht bezweifelt werden. Schon die La Roche und dann die Spanier mußten die Burg Athens mit neuen Verschanzungen versehen haben. Fränkische Bastionen hielten bis 1821 die Wasseradern der Klepsydra beim Paneion versteckt, welche also in die Festung hineingezogen waren.Curtius, Archäol. Zeitg. 1854, S. 203. Allein so dunkel sind für uns die Neubauten und Restaurationen der Stadtburg unter der Regierung aller Frankenherzöge, daß wir selbst den Ursprung des sogenannten Frankenturms ebensowenig kennen als die Zeit der Aufführung jener »valerianischen Mauer«, die ein kleines Stadtgebiet mit der Akropolis verband.

Der Frankenturm, welcher schwerlich ohne Grund vom Volk der Athener diesen Namen erhalten hatte, stand auf dem Stylobat des südlichen Flügels der Propyläen, dem Tempel der Nike Apteros gegenüber, ein roher, viereckiger, unverjüngter Bau mit einem einzigen Eingange im Westen und einer hölzernen Treppe im Innern. Er war 26 m hoch, fast 8 m breit und durchaus den Frankentürmen in Böotien ähnlich.Ulrichs, Reisen und Forschungen in Griechenl., I, S. 215, fand ihn vollkommen gleichend dem Turm in Tegyrä. Seine Maße bei Burnouf, La ville et l'acropole d'Athènes, p. 75. Quadern von Piräusstein und einzelne Blöcke von pentelischem Marmor bildeten sein Material. Bei seiner Errichtung hatte man den Niketempel unversehrt gelassen, aber einen Teil des Propyläenflügels zerstört oder eingebaut und Marmorsteine daraus verwendet. Seine Bauweise lehrte, daß er vor dem Gebrauch der Kanonen in Griechenland aufgerichtet worden war.Dörpfeld, Die Propyläen der Akropolis Athens, Mitteil. des Deutsch. Arch. Inst. 1885, S. 38. Für fränkisch haben den Turm gehalten Finlay (Hist. of G. IV, p. 170), der ihn in die Zeit der La Roche setzt, wie F. Lenormant, Voie Eleusinienne, p. 454. Hopf (Monatsberichte der K. Preuß. Akad. d. W. 1864, S. 213) hält ihn für katalanisch, was unerweisbar ist. Leake, Topogr. Athens, schreibt ihn dem Nerio zu als einen der Wachttürme, die sich durch Attika, Böotien und Phokis verfolgen lassen. Seiner Ansicht folgt A. Bötticher, Die Akropolis von Athen, S. 21. Auch Beulé und Burnouf halten ihn für ein Werk der Acciajoli.

Der plumpe Turmkoloß, von dessen Plattform der Blick des Wächters das Meer und die Straßen Attikas umfassen konnte, blieb jahrhundertelang das fernhin sichtbare Wahrzeichen der mittelalterlichen Stadt Athen, deren barbarisches Zeitalter er darstellte, wie ehedem der eherne Athenekoloß des Phidias die klassische Zeit dargestellt hatte. Er wurde im Jahre 1874 abgetragen und fiel so als Opfer des modernen Purismus der Athener, wie im Jahre 1887 der schöne Turm Pauls III. auf dem Kapitole Roms gefallen ist, um dem Nationaldenkmal des Gründers der italienischen Einheit Platz zu machen. Wenn jenes Prinzip der Reinigung antiker Monumente von den als barbarisch angesehenen Zutaten des Mittelalters, welches in unseren Tagen eben auch in Rom zur Anwendung kommt, irgendwo entschuldigt werden kann, so darf dies in Hinsicht auf die Akropolis Athens der Fall sein. Freilich ist ein solches Verfahren an sich stets mit Verlusten für die historische Kenntnis verbunden; denn die Denkmäler einer geschichtlichen Epoche werden dadurch zugunsten einer andern vernichtet, und die Verbindung der Zeiten und Schicksale, welche Städte ehrwürdig macht, die Geschichte aber erst zum Bewußtsein des Weltzusammenhanges erhebt, wird für immer zerstört. Die Befreiung der Akropolis Athens von allen ungriechischen Zutaten wurde schon im Jahr 1835, in der ersten Begeisterung für das wiedererstandene Hellenentum, begonnen. Man brach damals auch den Palast der Acciajoli ab, nur den Turm ließ man stehen.Auf Kosten Schliemanns wurde der Turm abgebrochen. Edward Freeman tadelte diesen »Vandalismus« (Klio, Aug. 1877, und The Academy 1885, p. 9). Der Architekt Lysandros Kavtanzoglos suchte hierauf die Athener durch die Behauptung zu entschuldigen, daß der Turm ein schlechtes türkisches Bauwerk gewesen sei (Athenaion VI, 1878, p. 287ff.). Seiner Ansicht folgte Richard Bohn, Die Propyläen der Akropolis in Athen, 1882, S. 7. Beim Abbruch kamen Skulpturfragmente, Quadern aus den Propyläen und Inschriften an den Tag, unter denen eine auf Publius Herennius Dexippos. S. A. Kumanudis im Athenaion IV, 1875, p. 195ff. Dieser ausgezeichnete Archäologe hat die Zerstörung des Turms zuerst verteidigt.

Mit völliger Sicherheit ist den beiden ersten Acciajoli der Ausbau ihres Propyläen-Schlosses zuzuschreiben. Die ursprüngliche Anlage eines Palasts auf der Stadtburg muß freilich älter sein als die Frankenherrschaft: Sie gehörte wahrscheinlich schon der byzantinischen Zeit an. So viel ist jetzt urkundlich sicher, daß schon vor den Acciajoli, und bestimmt während der katalanischen Herrschaft, der »Palast der Burg Sethines« bestanden hat.»Capella de S. Barthomeu del palau del Castell de Cetines«, angeführter Erlaß des Königs Pedro IV. Dort zog demnach Nerio I. ein, als er sich der Akropolis bemächtigt hatte. Da nun die Herzöge vom Hause der Acciajoli ihren bleibenden Sitz in Athen nahmen, so erneuerten und vollendeten sie den von ihnen vorgefundenen Burgpalast in solcher Weise, daß sie daraus ein florentinisches Schloß machten. Die Grundbestandteile und zugleich der architektonische Schmuck desselben gehörten den Propyläen an. Diese prachtvollen Kolonnaden aus pentelischem Marmor mit ihren fünf Eingängen, den Giebelfronten und der schönen gefelderten Decke standen zum größten Teil noch unversehrt, denn erst im Jahre 1656 hat sie eine Pulverexplosion auseinandergesprengt, und auch dann verhinderte die Festigkeit des Baues dessen gänzlichen Untergang.

Die Acciajoli, wenn nicht schon ihre Vorgänger, verfuhren bei der Einrichtung des Schlosses mit diesem herrlichen Monument im ganzen so glimpflich, wie die Athener mit dem zur Kirche eingerichteten Parthenon verfahren waren.Beulé, a.a.O., I, p. 60, hat freilich den Herzog Nerio beschuldigt, die Propyläen arg beschädigt zu haben, indem er in die Marmormauern Türen und Fenster einbrechen und Stockwerke aufsetzen ließ; dagegen hat Burnouf, a.a.O., p. 78, geurteilt, daß die Acciajoli nur die Interkolumnen vermauerten und dort Fenster anlegten. Er hält diese Zwischenmauern, wie sie Wilkens 1816 und Leake 1821 gesehen haben, für unzweifelhaft florentinisch. Siehe dazu Richard Bohn, Die Propyläen..., S. 7ff. Sie gestalteten die Propyläen durch Einmauerung der westlichen Kolonnaden zu einem länglichen Viereck um, aus dessen Wänden auf beiden Außenseiten die dorischen Säulen heraustreten. Das Viereck war durch den mittleren Durchgang in zwei Hälften geteilt, deren jede zwei herrliche Säle nebeneinander enthielt. Um noch mehr Wohnungsräume für den herzoglichen Hof zu schaffen, wurde der Nordflügel erhöht, und man führte den Neubau bis gegen das Erechtheion fort.

Die schöne, einst mit den Gemälden des Polygnot und Zeuxis geschmückte Aula, die sogenannte Pinakothek, auf dem linken Vorsprunge der Propyläen, hatte zwei antike Fenster und eine Vorhalle von drei Säulen. Ein Stockwerk wurde ihr aufgesetzt; Zinnen krönten dieses; so schloßartig ist die Pinakothek auf Abbildungen der Akropolis noch im Jahre 1831 dargestellt.W. Gell, Raccolta delle vedute della Grecia, Rom 1831. Die Aula selbst war zu einer Kapelle benutzt worden, deren Gewölbebogen auf einer Säule in der Mitte ansetzten.Erst 1837 wurden Säule und Bogen entfernt. Buchon, Grèce continentale, p. 127. Es ist immerhin wahrscheinlich, daß diese Kapelle schon in byzantinischen Zeiten dort eingebaut worden ist. Urkundlich wird sie erst im Jahre 1380 erwähnt; sie war damals dem hl. Bartholomäus geweiht. Elf Jahre später vollzog in ihr der Herzog Nerio einen Vertrag mit den Boten des Fürsten Amadeo von Savoyen, und in dieser Urkunde heißt sie nur schlechtweg »Kapelle des Palasts der Stadt Athen«.»Datum in civitate Athenarum in capella palacii ipsius civitatis.« Als würdiger Aufgang diente dem Schloß der Acciajoli die große Marmortreppe, deren damaliger Zustand uns freilich unbekannt ist. Man hat sogar, doch ohne Grund, behauptet, daß sie erst von Nerio angelegt worden sei.Burnouf, p. 83ff. Beulé I, p. 128ff. bezieht sich dagegen auf die Inschrift (bei Roß, Demen Attikas, S. 35) εφ' ω̃ν καὶ τὸ έργον τη̃ς αναβάσεως εγένετο, welche in die Zeit zwischen Augustus und Hadrian gehört, und er hält diese Anabasis für die von den Kaisern erneuerte Treppe. Neuere Forscher halten die Treppenanlage für römisch, etwa aus 38 n. Chr. Ivanoff, Sulla grande scalinata de' Propilei..., Annal. d. Inst. 1861, p. 275ff. Richard Bohn, a.a.O., Milchhöfer (Denkm. des klass. Altert. v. Baumeister, Artikel Athen, S. 201).

Die Verbindung des Modernen mit dem Antiken mußte dem Palaste der Herzöge Athens einen seltsamen Charakter geben, welcher an das mittelalterliche Senatshaus der Römer über dem Tabularium auf dem Kapitol erinnern konnte. Keine Urkunde hat uns die Namen der Architekten aufbewahrt, die es gewagt haben, die berühmtesten Werke des Altertums zu einem Neubau umzugestalten. Wenn sie Florentiner waren, so bauten sie das Herzogschloß in Athen vielleicht in derselben Zeit, als Filippo Brunelleschi, der erste Baumeister der Renaissance, die Kuppel des Florentiner Doms und dann den Palast Pitti errichtete. Von den Monumenten der Akropolis gelangte damals schwerlich eine bestimmte Kunde zu Brunelleschi. Er und seine großen Zeitgenossen, Michelozzo und Leon Battista Alberti, hatten ihre Inspirationen zu dem neuitalienischen Baustil wesentlich aus den Ruinen Roms und dem Vitruv geschöpft; vielleicht würde sich dieser florentinische Renaissancestil noch in andern Formen ausgesprochen haben, wenn jene Meister Griechenland gesehen hätten.

Schon die Hofhaltung des Herzogs mußte, neben den Bedürfnissen der militärischen Besatzung und des Erzbistums, die Bevölkerung auf der Stadtburg bedeutend vermehrt haben. Man darf daher annehmen, daß sich die ganze Felsfläche derselben, wo immer Platz dazu war, mit Häusern bedeckte. Auf den Stadtplänen, die von den französischen Kapuzinern Athens, von Spon und dem Ingenieur Verneda im 17. Jahrhundert angefertigt worden sind, zeigt sich der Raum zwischen dem Parthenon und den Burgmauern von kleinen Häusern angefüllt. Obwohl diese Pläne die Akropolis als türkische Festung darstellen, so mußte der Anbau von Wohnungen dort doch schon der Frankenzeit angehören.

Worin sonst die Neubauten und Verschönerungen Athens bestanden, welche Chalkokondylas dem Antonio Acciajoli zugeschrieben hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Wahrscheinlich hat der Geschichtsschreiber hier nur eine Phrase gebraucht oder wesentlich den Burgpalast im Sinne gehabt; denn wo er von dem späteren Besuche des Eroberers in Athen erzählt, weiß er doch nur zu sagen, daß dieser Sultan die »alte Herrlichkeit« der Stadt bewundert habe. Die letzten Herzöge Athens benutzten Gartenanlagen in der Unterstadt; namentlich scheinen sie an der Enneakrounos oder der Kallirrhoe Bäder und eine Villa erbaut zu haben.Dies nach dem Wiener Anonymus (Abdruck bei C. Wachsmuth, Stadt Athen, S. 735). In jenem Bezirk am Ilissos lag eine aus einem kleinen ionischen Heratempel errichtete Kirche, welche den Titel der Panagia vom Stein trug (εις τὴν Πέτραν), und eine andre Kapelle in der Nähe wurde vom Volk Hagios Phrankos genannt, vielleicht weil sie von den Acciajoli erbaut worden war.A. Mommsen, S. 56ff. Wachsmuth, Stadt Athen I, p. 22. Juleville, p. 490. Den Heratempel sah und zeichnete noch Stuart. Die Türken zerstörten ihn im Jahre 1771. Im Jahre 1674 sah man an der Ilissosbrücke eine zerstörte Kirche mit dem Wappen dieses Geschlechts.Cornelio Magno, Relaz. della città di Atene, p. 49. Wegen der lebhaft gewordenen Handelsverbindung mit Florenz darf man wohl den ersten Acciajoli auch die Ausbesserung des Hafens Piräus zuschreiben, wenn auch die Ansicht, daß Antonio dort die Marmorlöwen aufgestellt hatte, ein Irrtum ist.»Fece mettere in sulla bocca de Porto Pireo due lioni di marmo« (Origine degli Acciajoli, p. 175).

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