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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 83
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

In Athen regte sich die lange unterdrückte Nationalpartei. Eine solche erschien hier zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt unter fränkischer Herrschaft. Einheimische Archontengeschlechter waren demnach dort wieder emporgekommen, und sie schlossen sich an das griechische Erzbistum an. Der Metropolit Makarios mußte durch die Schenkung Athens an die lateinische Kirche in Wut versetzt sein; von Nationalhaß verblendet, unterhandelte er heimlich mit den Türken, und einige Monate nach dem Tode Nerios rückte der Pascha Timurtasch von Thessalien mit einem Heerhaufen in Attika ein. Er besetzte ohne Widerstand die Unterstadt Athen. Nur die von den Spaniern während ihrer Herrschaft durch Schanzen verstärkte Akropolis hielt der tapfere Burgvogt Matteo de Montona, einer der Exekutoren des Testaments Nerios.In venezianischen Urkunden wird der Name durchaus Montona, nicht Mentona geschrieben. Es gab in Istrien ein Kastell Montona, von woher Matteo stammen mochte.

In seiner Bedrängnis schickte er Boten nach Negroponte und trug dem dortigen venezianischen Bailo Andrea Bembo an, ihn durch einen Entsatz zu befreien und die Burg wie die Stadt Athen für die Republik in Besitz zu nehmen, unter Bedingungen, welche die Freiheiten und Rechte der Athener gewährleisteten. Bembo genehmigte diesen Antrag mit dem Vorbehalt der Bestätigung des Dogen. Er schickte von Euböa Kriegsvolk hinüber, welches die Türken zum Abzuge aus Athen und aus Attika nötigte. Montona öffnete hierauf den Venezianern die Akropolis, und am Ende des Jahres 1394 wurde das Löwenbanner von S. Marco zum ersten Mal auf den Zinnen der Burg des Kekrops aufgezogen.Navagero, Stor. venet. (Muratori XXIII, p. 1075). Da in dem venezianischen Senatsbeschluß vom 18. März 1395 gesagt wird, daß der Bote des Montona schon seit mehreren Monaten in Venedig sei, so kann die Besetzung Athens durch den Bailo nicht, wie Hopf annimmt, Anfang 1395 geschehen sein.

Andrea Bembo meldete das wichtige Ereignis dem Dogen, und Matteo de Montona schickte zu diesem als seinen eigenen Bevollmächtigten Leonardo von Bologna, um die Republik aufzufordern, die vollendete Tatsache der Besitznahme Athens anzuerkennen und die vertragsmäßigen Zusagen des Bailo zu bestätigen. Die Signorie Venedigs konnte die kühne Tat ihres ersten Ministers in der Levante nur mit Genugtuung aufnehmen, wenn auch die Folgen derselben vielerlei Bedenken erregen mußten; denn der Erwerb Athens und Attikas mußte bei allen Feinden der Republik auf heftigen Widerspruch stoßen, bei dem Sultan, den Byzantinern im Peloponnes und den Erben Nerios. Allein Venedig hatte das unbestrittene Recht und die Pflicht, Athen zu schützen und zu retten. Am 18. März 1395 faßte der Senat den Beschluß, den Besitz der Stadt zu behaupten.»Intromissio Athenarum« (Archiv Venedig, Deliber. Miste del Senato I, vol. 43, fol. 50) »Intromissio« ist soviel als »acceptatio«, und die Negation von »intromittere« ist »dimittere«. Ich habe diese Urkunde veröffentlicht in den Sitzungsberichten der K. Bayer. Akad. 1888.

In diesem Akt erklärte er, daß es unstatthaft sei, diese aufzugeben, weil sie sonst in die Gewalt der Türken fallen müsse, wodurch die benachbarten Besitzungen, die der Republik so teuer seien wie die Pupille des Auges, dem Untergange ausgesetzt sein würden. Venedig übernahm die Stadt Athen mit der ausdrücklichen Anerkennung aller ihrer Rechte, Freiheiten und Privilegien und althergebrachten Gewohnheiten, deren Aufrechterhaltung bereits der Bailo Negropontes dem Matteo de Montona in seinem mit ihm gemachten Vertrage eidlich zugesagt hatte. Zum Lohn für die Dienste dieses tapferen Kapitäns, »welcher der wesentliche Urheber der Übergabe Athens an Venedig sei«, wurde ihm aus den Einkünften der Stadt eine jährliche Rente von 400 Hyperpern ausgesetzt; eine geringere erhielten Leonardo von Bologna und zwei andere Athener, Giacopo Columbino und der Notar Makri, ein Grieche, welche gleichfalls für die Venezianer bemüht gewesen waren.

Die Neuordnung der Verhältnisse Athens behielt sich die Republik für die Zeit vor, wo sie über den Betrag der Einkünfte der Stadt genügend werde aufgeklärt sein. In dem Beschluß des Rates wurde ausdrücklich auf das Testament Nerios Bezug genommen, kraft dessen die Republik die Herrschaft Athens zu übernehmen habe.»Quod dominium dicte civitatis Athenarum recipiatur er asumatur gubernandum et regendum per dominationem nostram secundum formam testamenti D. Nerii de Azaiolis.« Die Schenkung der Stadt an die Kirche wurde mit Schweigen übergangen. Da der Marstall des verstorbenen Herzogs, aus welchem die Marienkirche ihre wesentlichen Einkünfte beziehen sollte, durch Diebstahl der Pferde geschmälert worden war, die Beschützung Athens aber gerade jetzt größere Kosten verursachte, so wurde bestimmt, daß die Zahl der Domherren vorläufig auf acht herabzusetzen sei. Der künftige venezianische Rektor sollte mit zwei Bevollmächtigten oder Prokuratoren der Marienkirche die Einkünfte und den Unterhalt des Kapitels regeln.

Die Besitznahme Athens durch die Republik Venedig machte großes Aufsehen in den benachbarten Staaten Griechenlands. Gleich nachdem sie geschehen war, unternahm Carlo Tocco feindliche Streifzüge nach Argos und selbst nach Attika.Auf die Beschwerden Venedigs schickte er dorthin Gesandte. In einem Briefe an den Dogen vom 26. Mai 1396 in »castro S. Georgii de insula mea Cephalonie« nennt er sich »vr. fidelis civis filius et servitor Karolus Dux Lucate et Comes Cephalonie palatinus« (Commem. IX, fol. 14). Auch waren Unruhen von seiten der mit den Türken verbundenen griechischen Nationalpartei zu fürchten. Der Bailo Negropontes versicherte sich deshalb vor allem des Führers dieser; er ließ Makarios festnehmen und schickte ihn nach Venedig. Hier blieb der Erzbischof eingekerkert; da man ihm auch dort Schuld gab, mit den Türken zu unterhandeln, befahl der Papst Bonifatius IX. am 27. Mai 1396 dem Bischof Gilbert von Cittanuova, ihn unter Prozeß zu stellen.»Copia litter. apost. obtentar. contra Macaronum archiep. Athenar. Dat. Romae VI. Kal. Junii P. N. a. VII« (Commem. IX, fol. 15).

Die Regierung Athens übergab die Republik einem ihrer Edlen mit dem Titel des Podesta und Kapitäns, wie auch Nauplia und Argos von einem solchen verwaltet wurden.»Scribatur potestati et capitaneo Athenarum« (in einer Person), wird in Erlassen Venedigs gesagt (Sathas, Mon. Hist. Hell. II, n. 212), oder auch einfach »potestas. Ser. Nicolaus Victuri iterum potestas Athenarum« (3. Aug. 1400, ibid., n. 222). Allein, so wenig reizten das damalige Athen und die geringe Besoldung des Amts die stolzen Nobili, dasselbe zu übernehmen, daß der Doge Antonio Venier anfangs manche Weigerung erfuhr. Der erste Venezianer, welcher sich mit dem Titel des Podesta Athens schmückte, war Albano Contarini. Er wurde dazu am 27. Juli 1395 auf zwei Jahre ernannt, mit einem Gehalt von 70 Pfund, wovon er einen Notar, einen venezianischen Gehilfen (socius), vier Diener, zwei Knechte und vier Pferde zu unterhalten hatte.Der Bailo Negropontes erhielt jährlich 1000 Hyperpen, mußte einen Sozius haben, dem er jährlich 20 Hyp. und 2 Roben zu geben hatte, ferner 1 Notar und 8 Diener (Arch. Ven., Bifrons fol. 71). Zugleich wurden für die Akropolis zwei Schützenhauptleute mit sechs Dukaten monatlichen Soldes eingesetzt; von ihnen mußte einer am Tage, zur Nachtzeit aber mußten beide sich im Kastell befinden.»Duo capta ballistariorum«; auch als »castellani« bezeichnet. Am 20. April 1400 befiehlt die Republik dem Podesta Athens an Stelle des entlassenen Joannes Valacho, »unius ex castellanis... alium castellanum sive caput« zu ernennen (Sathas II, n. 212). Da die Besatzungen von Burgen in jener Zeit äußerst geringe waren, so schien es der Republik ausreichend, wenn Contarini jene der Akropolis mit zwanzig Ballistarii verstärkte. Im Falle des größeren Bedürfnisses von Kriegsvolk und Geldern zur Beschützung der Stadt wurde der Podesta angewiesen, sich an die Kastellane von Modon und Koron oder an den Bailo Negropontes um Unterstützung zu wenden.Bestallung für Albano Contarini (Misti Vol. 43, cart. 76 , ohne Datum). Da vorher ein Erlaß vom 27. Juli 1395 steht, mag die Commissio desselben Datums sein. Am 18. Juli war Contarini schon ernannt, denn da wird vom Senat bestimmt, daß im Falle der auf seinen Posten abgehende Contarini die Galeere Negropontes nicht ausgerüstet finde, ihn nach Athen zu führen habe entweder die Galeere von Candia oder vom Archipel (Misti XLIII, cart. 71).

Im Sommer 1395 langte Contarini in Athen an, wo er im Palast der Acciajoli auf der Akropolis seine Residenz nahm. Wahrscheinlich empfand die Stadt, deren Rechte und Gemeindeverfassung keine Änderung erfuhren, bald die Wohltaten der venezianischen Regierung, allein sie und Attika waren in solche Armut versunken, daß Contarini im folgenden Jahre von der Republik eine Anleihe von 3000 Dukaten begehrte, die diese auch auf zwei Jahre bewilligte.»Considerata paupertate dicte terrae, ut non perveniat ad extremitatem (Misti XLIII, cart. 155, 6. Oct. 1396, Ind. V).

Das Herzogtum Athen konnte jetzt als erloschen angesehen werden; Korinth, welches nur durch Nerio mit ihm verbunden worden war, gehörte dem Despoten Theodor von Misithra, die Megaris dem Tocco, Böotien dem Antonio Acciajoli; nur Attika war gleich der Landschaft Argolis in der Gewalt Venedigs. Aber auch andre Gebiete, ehemalige Provinzen oder Baronien des Herzogs von Athen, wurden in dieser Zeit von der Flut der türkischen Invasion hinweggerissen.

Bajasid hatte im Jahre 1393 Widdin, Nikopolis und Silistria eingenommen, den letzten Bulgarenkönig Sisman beseitigt und dessen Land seinem Reiche einverleibt. Er hatte sodann die noch dem Kaiser gehörigen Städte am schwarzen Meer und das Küstenland Makedoniens an sich gebracht, während er Konstantinopel durch ein vor den Mauern gelagertes Heer von der Außenwelt abgesperrt hielt. In Serres versammelte er an seinem Hof die ihm tributpflichtigen Fürsten Griechenlands, unter denen sich auch der Despot Theodor, Manuels Bruder, befand. Ihrer ohnmächtigen Ränke überdrüssig, beschloß er, endlich an die Eroberung der hellenischen Provinzen zu gehen. Er schickte seine Kriegsscharen über den Othrys; sie nahmen Larissa, Pharsala und Zeitun, stiegen in das Tal des Spercheios hinab, besetzten das ehemals mit dem Herzogtum Athen verbundene Neopaträ und brachen sodann durch die unverteidigten Thermopylen in Phokis und Lokris ein.Nach der Chronologie des Chalkokondylas, welcher die Hauptquelle für diesen ersten großen Türkenzug nach Griechenland ist, fand derselbe durchaus vor der Schlacht bei Nikopolis statt.

In Salona herrschte damals noch Helena Kantakuzena, die Witwe des letzten Fadrique, oder vielmehr es schaltete dort als verhaßter Tyrann ihr Geliebter, ein Priester. Ein Teil der Griechen stand mit den Türken im Bunde; der Erzbischof von Phokis, Seraphim, soll der Verräter seines Landes gewesen sein und den Sultan in diese schönen Jagdgründe herbeigerufen haben. Kaum erschienen die Türken, so öffnete Helena ihnen die Tore der Stadt. Sie wurde von Bajasid in anständiger Haft gehalten, während ihre Tochter Maria in seinen Harem hinüberwanderte. So endete das Haus der Grafen von Salona; diese Stadt wie die Landschaft Phokis wurden türkisch.Einige Stellen bei Chalkokond. (lib. II, p. 67ff.) sind verderbt; er nennt ausdrücklich Don Luis als Herrn von Sula und verstorbenen Gemahl Helenas. Was die Chronik von Galaxidi von dem Ende des letzten Grafen Salonas berichtet, ist ganz verworren, zeigt aber immer ein schreckliches Trauerspiel, dessen Heldin ein frevelvolles Weib war. Noch heute erinnern dort, in dem alten Amphissa der Lokrer, die starken Türme der Akropolis und eine fränkische Kirche an die Zeiten der Stromoncourt und der Katalanen.

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