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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 78
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

Die Lebenskraft der Spanier in Hellas hatte sich erschöpft; wie alle Frankenkolonien in Griechenland, welche nicht gleich denjenigen Venedigs in unmittelbarer Verbindung mit dem Volk und der Regierung ihres Mutterlandes blieben, waren auch sie entartet. Die Invasion der Navarresen hatte sich mit dem Ausgange des sizilianischen Königshauses und dem Parteiwesen, welches die Folge davon war, vereinigt, am die soldatische Verfassung der Kompanie aufzulösen. Der neue Herrscher aber aus dem Hause Aragon, in seinem fernen Lande von den Angelegenheiten Siziliens wie Sardiniens in Anspruch genommen, besaß weder hinreichende Mittel noch Willenskraft genug, um sich im Herzogtum Athen zu befestigen, was er nur mit dem Aufwande großer Mittel durch ein zahlreiches Kriegsvolk unter tüchtigen Kapitänen vermocht hätte.

Der kühne Mann, welcher die Katalanen endlich aus dem schönen Lande vertreiben sollte, stand dazu gerüstet und bereit. Er war kein Kriegsheld, sondern ein kluger Spekulant und Kaufmann, der Erbe des Glücks wie eines Teiles der Reichtümer seines Adoptivvaters Niccolo Acciajoli. Nerio hatte von Korinth und Megara aus den Verfall des Katalanenstaats mit steigender Genugtuung beobachtet und eine Zeitlang der dortigen dynastischen Umwälzung durch Pedro IV. ruhig zugesehen, weil auch ihm viel daran lag, die Navarresen nicht im Herzogtum sich festsetzen zu lassen. Als aber diese aus dem Lande gewichen waren, wo der König von Aragon ihm nicht furchtbar sein konnte, nahm er seine Stunde wahr.

Die Venezianer legten ihm keine Schwierigkeiten in den Weg. Auf Euböa selbst besaß er mächtige Freunde. Dort war damals das Haus der Saraceni angesehen, welches aus Siena stammen mochte, wo noch ein schöner Palast dieser Familie steht. Dem Haupt der Familie Saraceno de Saraceni hatte die Republik Venedig im Jahre 1370 ihr Bürgerrecht erteilt.»Vir circumspectus et prudens Saracenus de Saracenis quond. Guillelmacii ejusd. nostre civitatis Negropontis burgensis originarius civis prefatae civitatis...« 25. Aug. 1370 (Commem. VII, fol. 139). Der Name lautet in Urkunden Pedros IV. Sarrasi de Sarrasi.

Die Gemahlin Nerios, Agnes Saraceno, scheint die Tochter dieses Mannes gewesen zu sein. Durch ihn gewann er die Unterstützung des Bailo Negropontes, welchen er, unter dem Vorwande, mit den Venezianern vereint die türkischen Korsaren von den Küsten Euböas und Korinths abzuhalten, bewog, ihm eine bemannte Galeere zu vermieten.Nach den ›Estratti degli Annali Veneti di Stefano Magno‹ (Chron. Gréco-Romanes, p. 183) geschah das schon 1383. In Misti XXXVIII, fol. 10, steht ein Beschluß des venez. Staatsrats vom 20. Febr. 1382, welcher dem »Duca di Creta« befiehlt, die Galeeren für Nerio auf ein Jahr zu armieren. Obwohl Herr des Hafens Korinth, aus welchem er Piraten auslaufen ließ, besaß Nerio doch keine eigenen Kriegsschiffe: Denn diese zu bemannen würden ihm die Venezianer nicht gestattet haben. Auch seine Truppenmacht konnte nur unbedeutend sein; sie bestand hauptsächlich aus Albanesen und Türken in seinem Solde. Nichts ist daher kläglicher als der Untergang der einst so furchtbaren Katalanenherrschaft durch die geringen Mittel, die er dazu verwendete.

Uneinigkeit unter den Großen der Kompanie während der Abwesenheit Rocabertis und der Streit um die Erbtochter des Luis Fadrique erleichterten das Unternehmen Nerios. Auch dieser warb um die junge Maria für seinen eigenen Schwager Pietro Saraceno. Ihre stolze Mutter Helena verachtete den Emporkömmling und verlobte das Mädchen mit Stephan Dukas, einem serbischen Kleinfürsten in Thessalien, was alle Franken und Griechen, zumal die Despoten in Misithra und Thessalonike, gegen sie aufbrachte.Zurita II, p. 387, und Indices, p. 360, wo er sagt, daß diese Verbindung den Sturz der Katalanen nach sich zog. Deshalb bekriegte sie der beleidigte Nerio, indem er zugleich ihre Verbündeten, die Katalanen, angriff.

Im Jahre 1385 rückte er mit einem Heerhaufen von Megara in Attika ein. Da sich kein Vizekönig mehr im Herzogtum befand, lag die Regierung desselben noch in den Händen der Brüder Roger und Anton Lauria. Sie warfen sich dem Feinde entgegen, erlagen aber im Kampf, und Nerio zog ungehindert in die Unterstadt Athen ein. Dies geschah in der ersten Hälfte des Jahres 1385, worauf er den Titel Herr von Korinth und dem Herzogtum annahm.So schon in einer Urkunde vom 5. Juli 1385, nach Hopf, S. 26. Nur in der Akropolis, welche sich wenige Jahre zuvor gegen die Navarresen siegreich behauptet hatte, setzten die Spanier einen verzweifelten Widerstand fort; sie schickten eilende Boten an den Hof des Königs, ihn zu schleuniger Hilfe aufzurufen.

Pedro IV. erkannte jetzt den großen Irrtum, den er begangen hatte, als er das Herzogtum Athen ohne Generalvikar und ohne Truppen ließ. Er sah sich vergebens nach Verbündeten um. In jenem Briefe, welchen er am 17. Juli 1385 an die Häupter der navarresischen Bande in Morea schrieb, bezeichnete er als gemeinschaftliche Feinde im Herzogtum nur die Griechen und Türken, so daß es scheint, er habe damals noch keine Kunde von der Eroberung Athens durch Nerio gehabt. Aber es ist ebenso auffallend, daß er dieses Ereignisses auch nicht ein Jahr später gedachte, als er am 17. August 1386 denselben Navarresen ankündigte, daß er im nächsten Frühling Bernardo de Corella mit starker Kriegsmacht nach dem Herzogtum absenden werde.Wenn das Stillschweigen Pedros rätselhaft erscheint, so ist der Nationalstolz Zuritas lächerlich; dieser Annalist Aragons sagt kein Wort von der Eroberung erst der Stadt und dann der Burg Athen durch Nerio. Er dankte dem Majotto und Superan für die guten Dienste, die sie ihm dort leisteten, und versicherte, daß sein Vizekönig mit ihnen ein Herz und eine Seele sein werde, dies um so mehr, als zwischen ihm selbst und dem Könige von Navarra der engste Freundschaftsbund bestehe.An Bordo S. Superan, Kapitän des Kriegsvolks in Morea, und Majotto de Cocarell, Bailo von Morea, Barcelona, 17. Aug. 1386 (Rubio, n. 40, p. 259).

Pedro glaubte schon deshalb die Navarresen für sich gewinnen zu können, weil sie selbst von Nerio als Feinde angesehen wurden, da sie sich der Besitzungen des Hauses Acciajoli in Morea bemächtigt hatten. Indes, es verlautet nichts davon, daß sie dem Könige tatsächlich Hilfe geleistet haben. Seit der Abberufung Rocabertis hatte er seine griechischen Länder mit so großer Nachlässigkeit behandelt, daß es scheint, er selbst habe ihr Besitztum für wertlos oder für unhaltbar angesehen. Statt des neuen Vizekönigs Corella schickte der König dorthin nur geringes Kriegsvolk unter Don Pedro de Pau. Diesem letzten spanischen Kapitän Athens gelang es, im Piräus zu landen und sich in die Akropolis zu werfen, die er länger als ein Jahr tapfer verteidigte.Zurita, p. 391.

Pedro IV. starb am 5. Januar 1387. Sein Nachfolger auf dem Throne Aragons war sein Sohn Juan, und dieser ernannte seinen Freund Rocaberti nochmals zum Generalvikar im Herzogtum, wohin er mit einer Flotte abgehen sollte. Seine Ernennung meldete er dem Kapitän Achaias, Bordo von St. Superan, aus Barcelona am 17. April 1387.Rubio, n. 53, p. 271.

Am aragonischen Hofe befand sich zu jener Zeit Gerald Rodonells, von Pedro de Pau aus der Akropolis Athens als sein Bote abgesendet. Diese Burg war trotz ihrer Einschließung durch die Truppen Nerios noch immer imstande, mit Spanien zu verkehren. Gerald sollte dem neuen Könige im Namen jenes Kapitäns für alle diejenigen Kastelle huldigen, die er noch behauptete, und Juan befahl ihm, diese Huldigung dem Visconde zu leisten.Zurita, p. 391, a. 1387.

Demnach mußten noch einige Festungen, namentlich in Böotien, die Fahne Aragons aufrechthalten. Nerio aber konnte ungehindert die Belagerung der Akropolis fortsetzen lassen und in derselben Zeit, mit dem Bailo Negropontes vereint, den türkischen Piraten eine empfindliche Niederlage zufügen, wozu ihm die Signorie Venedigs Glück wünschte.»Memorandam victoriam obtentam per... dominum Raynerium contra Turcos vostro etiam auxilio mediante«, an den Bailo (Misti XL, fol. 17 , Febr. 1386). Um so mehr ging der Senat auf das Gesuch Nerios ein, ihm zur Verfolgung der Piraten eine Galeere zu stellen, deren Ausrüstung er bezahlen wollte. Der Herzog von Kreta wurde angewiesen, sie zu armieren und dann für 8 Monate in den Dienst Nerios zu stellen, unter dem Befehl des Supracomes Giovanni Soranzo (Misti XL, 6. Febr. Ind. IX). Noch am 10. Aug. 1386 war die Galeere nicht ausgerüstet (ibid., fol. 37) Wenn Rocaberti mit einer Flotte wirklich nach dem Piräus gelangte, so kam er zu spät.Zurita (Indices, p. 363 zum Jahr 1387) verzeichnet, daß der Visconde am 18. März aus Barcelona nach dem Peloponnes in See ging. Die Überlieferung aller dieser Tatsachen ist sehr mangelhaft. Durch die äußerste Not gedrängt, an der Hoffnung auf Entsatz von Spanien her verzweifelnd, übergab der mannhafte Kapitän Pedro de Pau endlich die Akropolis. Das Datum dieses Ereignisses ist unbekannt, doch muß es im Jahre 1387 geschehen sein. So zog der Neffe des Großseneschalls Niccolo Acciajoli als Herr in die Stadtburg ein, und der Katalanenstaat Athen erreichte sein Ende.

Die Umwälzung des politischen Regiments des Herzogtums durch den florentinischen Eroberer vollzog sich mit überraschender Schnelligkeit. Von dem Könige Aragons preisgegeben und ihrem Schicksale überlassen, wagten die katalanischen Großen nirgends mehr einen Widerstand. So ruhmvoll einst der Einzug ihrer Väter in Hellas gewesen war, so ruhmlos war jetzt ihr eigener Abzug aus diesem Lande, in dessen Volke sie keine Wurzeln gefaßt hatten, sondern stets nur eine Kolonie von Fremdlingen geblieben waren. Sie erlitten dasselbe Los, welches ihre Vorfahren den Burgundern bereitet hatten. Aus allen ihren Leben und Besitzungen weichend, kehrten die Spanier nach Sizilien und Aragon zurück. Weder die Zeit noch die Art ihres Fortganges hat irgendein Geschichtsschreiber bemerkt. Die Lauria, die Novelles, Puigparadines, Fuster, Ballester verschwanden in Attika so völlig, daß die sorgsamste Forschung heute keine Spur dort von ihnen entdecken kann.Rubio, a.a.O., Anhang p. 113. Zurita, p. 403, zeigt im Jahre 1392 die Brüder Roger und Nikolaus Lauria unter den Baronen Siziliens. Chalkokond., L. II, p. 69, sagt, daß die Spanier teils nach Italien zurückkehrten, teils bis an ihren Tod in Griechenland blieben, unter diesen Don Luis von Sula. Manche Katalanen geringeren Standes nahmen Dienste als Söldner bei verschiedenen Fürsten.Epam. Stamatiadis, p. 248. Es ist ganz irrig, was der meist aus Abarca schöpfende Peña y Farel (Annal. de Cataluña, Barcel. 1709, II, p. 159) behauptet, daß die Nachkommen der Katalanen bis 1452 in Griechenland fortdauerten »en su antiguo splendor«. Nur an wenigen Orten behaupteten sich noch spanische Geschlechter eine kurze Zeit, wie in Salona und auch in Ägina, wo eine Nebenlinie der Fadrique fortdauerte. Diese Insel war nach dem Tode des Don Luis an Juan, den Sohn Bonifatius' von Aragona, zurückgegeben worden; als dieser im Jahre 1385 starb, folgte ihm daselbst eine Erbtochter, deren Name unbekannt ist. Nerio aber scheint diese letzte Fadrique von Ägina, wie man annehmen darf, infolge eines Vertrages nicht belästigt zu haben. Sie vermählte sich im Jahre 1394 mit Antonello Caopena, vielleicht einem Spanier von Geschlecht, dessen Haus die Insel noch eine Weile besitzen durfte.Stammtafel bei Hopf, Chron. Gréco-Romanes, p. 475.

Die Tatsache, daß eine Kompanie von tapferen Söldnern siebzig Jahre lang das edelste Land der Hellenen so vielen Feinden zum Trotz beherrschen und sich in der Geschichte Athens unsterblich machen konnte, ist immer bewundernswert. Unter den vielen Soldgenossenschaften, welche in Europa namhaft und furchtbar geworden sind, hat keine den Ruhm der Katalanen erreicht. Allein auch sie sind nur eine unorganische Erscheinung im Leben Griechenlands, nur fremdartige Schmarotzergewächse, die ein unberechenbarer Zufall auf den klassischen Boden verpflanzt hatte. Die vielgepriesenen, heroischen Kämpfe dieser Kriegerkaste waren für die menschliche Kultur entweder nutzlos oder verderblich, und sie bilden nur eine denkwürdige Episode in dem blutigen Epos des abendländischen Soldatentums im Mittelalter.

Weder in Athen noch sonstwo in Griechenland haben die Katalanen Denkmäler ihrer Herrschaft zurückgelassen, oder solche sind spurlos untergegangen. Selbst auf der Akropolis, wo sie sicherlich manche Veränderungen, besonders durch Anlage von Befestigungen, hervorbrachten, ist kein Überrest davon entdeckt worden.Bournouf, La ville d'Athènes, p. 59. Münzen der Kompanie sind nicht bekannt. Solche wurden überhaupt weder von dieser noch von den sizilianischen Herzögen Athens für dieses Land eigens geprägt. Die Münzen Friedrichs II. von Sizilien und seiner Nachfolger sind auch mit dem Titel »Dux Athenarum et Neopatriae« bezeichnet.

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