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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 76
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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3.

Die Vertreter Thebens, der Hauptstadt des Herzogtums, von wo viele Bürger nach Euböa entflohen waren, während sich die Stadtburg noch in der Gewalt der Navarresen befand, hatten sich nur in Salona vereinigen können und dort am 22. Mai 1380 Bernardo Ballester zu ihrem Bevollmächtigten gewählt. Da auch Levadia noch von jener Bande besetzt war, so konnten es nur Flüchtlinge dieses Orts sein, welche am 1. Juni in demselben Salona den gleichen Mann zu ihrem Boten wählten, nachdem ihn auch Luis Fadrique zu seinem eigenen Prokurator ernannt hatte. So waren es Theben und Levadia und der Graf von Salona, die ihrerseits Forderungen an den König Pedro stellten. Anderer Magnaten und Gemeinden, wie Neopaträ, Bodonitsa, Demetrias, geschieht keine Erwähnung, was freilich nicht ausschließt, daß auch sie ihren Vertrag mit der Krone Aragon machten. Die Kapitulationen lehren, daß »die glückliche Genossenschaft des Heeres der Franken« nicht mehr in ihrem alten politischen Organismus fortbestand. Pedro IV. schloß nur Verträge mit fast selbständig gewordenen Feudalherren und einigen Städten, ohne der Kompanie weiter zu gedenken.

Ballester überbrachte die Artikel von Salona dem Könige, welcher sie gleichzeitig mit den Kapiteln Athens bestätigte und beschwor. Diese Urkunde ist in Sprache und Form der athenischen so vollkommen gleich, daß ihre Übereinstimmung eine Verständigung der beiden Führer der Partei Aragon, Luis Fadrique und Romeo Belarbre, voraussetzt. In den Kapiteln Salonas ist übrigens weder von Theben noch von Levadia irgend die Rede; vielmehr beziehen sie sich durchaus nur auf Luis Fadrique. Es ist daher wahrscheinlich, daß die sehr kurze Urkunde nicht vollständig wiedergegeben ist.

Der mächtige Generalvikar des letzten Herzogs Athens aus dem sizilianischen Hause Aragon war nicht verlegen, sich seine Dienste von dem neuen Herrscher bezahlen zu lassen. Seine Forderungen zeigen, daß die Triebfeder alles Handelns in dem sich auflösenden Katalanenstaat der Egoismus der Großen geworden war. Luis Fadrique verlangte für sich die Grafschaft Malta, die den Novelles entrissene Burg Sidirokastron, die Insel Ägina und den Besitz solcher Kastelle, die er noch von Rebellen erobern würde, ehe der neue Vizekönig angelangt sei. Der König war durch die außerordentlichen Dienste seines Blutsverwandten zu dem Bekenntnisse genötigt, daß er ihm die Herrschaft in den Herzogtümern zu verdanken habe;»E havets induits les gents dels ducats que sien sots nostra senorya«, Lerida 18. Sept. 1380 (Rubio, n. 24). er bewilligte daher alle seine Forderungen, und nachdem er dies beschworen hatte, leistete ihm der Prokurator Ballester die Huldigung.Die Formel ist wie im Akt der Athener: »Idcirco de mandato ipsor. principalium meorum... eligo et recipio vos dictum dom. Regem sicut jam de facto dicti principales mei vos elegerunt et receperunt in meum et eorum Regem et princip. Ducem et Dom. vostrosque successores Reges Aragoniae et Comites Barchinone« – Ilerda 1. Sept. 1380. Zeugen wie im Instrument Athens.

Am 11. September 1380 kündigte der neue Landesherr dem Kastellan und Rate Athens an, daß er ihren Treueid empfangen und ihre Wünsche genehmigt habe. Indem er sie aufforderte, in ihren guten Diensten zur Verteidigung des Landes fortzufahren, meldete er ihnen, daß Rocaberti demnächst mit Kriegsvolk kommen werde, um die Herzogtümer gegen die Feinde sicherzustellen.»Als amats e feels nostres los Castellans sindichs promens e consell dela universitat de Cetines.« (Rubio, n. 19). Mit diesem Schreiben sollte der Bischof von Megara nach Athen zurückkehren. Boyl hatte den König gebeten, ihm eine Verstärkung der Besatzung der Stadtburg mitzugeben, und dieser ließ zu solchem Zweck zwölf Bogenschützen ausrüsten. Man wird daraus erkennen, wie geringe in jener Zeit vor der Anwendung der Kanonen die Bemannungen von Burgen gewesen sind. So war die bretonische Besatzung der Engelsburg, welche ein Jahr lang (1378–1379) die Stadt Rom auf das heftigste bedrängte, nur 75 Mann stark.

In seinem Befehl an den Schatzmeister bemerkte Pedro, daß er die Verstärkung für notwendig halte, weil das Kastell Setines der reichste Edelstein der Welt sei und von solcher Art, daß alle Könige der Christenheit nicht seinesgleichen erschaffen könnten.»Con lo dit castell sia la pus richa joya qui al mont sia e tal que entre tots los Reys de cristians envides lo porien far semblant, havem ordonat quel dit bisbe sen mene los dits homens« – Lerida 11. Sept. 1380 (Rubio, n. 20).

Das Wort und der Begriff »Akropolis« waren den damaligen Menschen unbekannt. So preist der Dichter Lambert le Tors in seiner Alexandreide Athen als sehr fest, weil es über dem Meere gelegen sei; doch der Akropolis gedenkt er dabei so wenig als Boccaccio in der Theseide, weil weder er noch dieser den antiken Namen in seinen Quellen vorgefunden hatte.»Mult por est forte Ataines, car ele siet sor mer.« (Alexandr., p. 46). Die Spanier, wie alle Franken, nannten die Stadtburg Athens das Kastell Setines. Das überschwengliche Lob derselben im Munde eines aragonischen Königs ist nach langen Jahrhunderten das erste Zeugnis davon, daß man im Abendlande wieder ein Bewußtsein von ihrer unvergleichlichen Schönheit hatte. Denn jenes Urteil Pedros ist ein durchaus ästhetisches; es sind die damals noch wohlerhaltenen antiken Monumente der Burg gewesen, welche diesen Eindruck auf die Spanier machten. Sicherlich waren es die Abgesandten Athens gewesen, die dem Könige dieselbe geschildert, vielleicht ihm Zeichnungen von ihr mitgebracht hatten. Der katalanische Forscher, welchem wir die Herausgabe dieser und anderer Urkunden über Pedro IV. als Herzog von Athen verdanken, hat aus jenem Ausspruch des Königs mit Recht den Schluß gezogen, daß die Katalanen in Athen keineswegs so jedes Gefühls für das Schöne beraubte Barbaren gewesen sind, als man sie darzustellen pflegt. Pedro IV. selbst war ein gebildeter Mann, ein Astrolog und Alchimist und ein trefflicher Troubadour. Wie sein Großvater Jayme I. hat auch er in katalanischer Sprache eine Chronik seiner Regierung verfaßt.Cronica del rey de Aragona D. Pedro IV. el Ceremonioso, ed. Antonio de Bofarull. Barcel. 1860. Über ihn D. Prospero Bofarull, Los condes de Barcelona, Barcelona 1836, II, p. 271ff. Da er sich zur Zeit, als er jene Worte diktierte, in Lerida befand, so darf man voraussetzen, daß dortige Gelehrte einigen Anteil an der Ansicht des Königs hatten, welche wie ein plötzlicher Lichtstrahl der beginnenden Renaissance erscheint. Lerida besaß seit 1300 die älteste vom König Jayme II. gestiftete, sodann vom Papst Bonifatius VIII. mit Privilegien ausgestattete Universität Kataloniens, auf welcher Philosophie und liberale Künste neben dem Recht und der Medizin gelehrt wurden. Freilich wissen wir nichts davon, daß katalanische Magister jemals Studienreisen nach Athen gemacht hatten, und wir können nicht nachweisen, auf welchen versteckten Wegen eine Vermittlung der Kunde des hellenischen Altertums von dort nach Spanien gedrungen ist. Gerade unter Pedro IV. blühten die Wissenschaften und die Dichtkunst in Katalonien und Aragon.

Es ist bemerkenswert, daß der Aragone Juan Fernandez de Heredia, der Zeitgenosse der Katalanenherrschaft in Athen, als einer der ersten Förderer der humanistischen Bildung geglänzt hat. Dieser berühmte Großmeister des Ordens der Johanniter war ein Freund Pedros IV., den er im Bürgerkriege gegen die aragonische Union kräftig unterstützt hatte. So flüchtig auch Heredias Aufenthalt in Rhodos und Griechenland gewesen war, so muß er doch dort einige Kenntnis der hellenischen Literatur erworben haben. Durch einen rhodischen Grammatiker, Dimitri Talodiki, ließ er die Biographien Plutarchs erst ins Neugriechische übersetzen, woraus sie dann ein Dominikaner, der Bischof von Tudernopolis, ins Aragonische übertrug.Mehus, Vita Ambrosii Traversarii, p. 294. Seine Beziehungen zum Peloponnes veranlaßten Heredia, die französische Chronik Moreas in aragonischer Sprache bearbeiten zu lassen. Er sammelte eine Bibliothek von Handschriften in seinem Palast zu Avignon. Seine humanistische Bildung und seine Leidenschaft für die Wiederbelebung der klassischen Studien machten diesen Spanier zu einem der hervorragendsten Vertreter der Frührenaissance neben Petrarca, Boccaccio und Coluccio Salutato. Mit diesem gefeierten Staatskanzler von Florenz seit 1375 hatte sich Heredia schon zuvor in Avignon befreundet.Heredia ließ den Reisebericht Marco Polos ins Spanische übersetzen und die großen Chroniken ›De Espanya‹ und ›De los conquiridores‹ zusammentragen, deren Handschriften der Escorial bewahrt; Karl Herquet, Der Johannitergroßmeister Heredia, in der Zeitschr. für Allg. Gesch., Cotta, Stuttgart, Jahrg. 1887, S. 789.

Pedro IV. zeichnete die Prokuratoren Athens durch Gnaden aus; er begünstigte besonders den Bischof von Megara, welchem er Güter schenkte, die Besitzungen des Rebellen Oliveri Domingo in Theben verlieh und eine Rente aus den Einkünften der Kapelle des heiligen Bartholomäus zuwies, die im Palast der Stadtburg Athens eingerichtet war. Dies ist die erste geschichtliche Erwähnung eines herzoglichen Palasts auf der Akropolis und der daselbst befindlichen Kapelle.»Per rao de la capella de Sant Barthomeu del palau del castell de Cetines...« Erlaß an Rocaberti, Lerida 10. Sept. 1380 (Rubio, n. 34). Der König schlug Boyl außerdem dem Papste als Erzbischof Thebens vor. Auf sein Gesuch nahm er einen Priester Scordiolo unter die Zahl der zwölf Domherren der Kirche Athens auf.Ecclesie Sedis de Cetines (ibid.). Es mochte auch durch die Verwendung Boyls geschehen, daß Pedro dem gesamten Klerus der Herzogtümer und dessen fränkischen und griechischen Einsassen alle Rechte und Freiheiten gab, welche die aragonische Geistlichkeit genoß.Lerida, 10. Sept. 1380 (n. 37, p. 254). Er befahl zugleich seinem Vizekönige, dafür zu sorgen, daß den Kirchen die ihnen rechtswidrig entzogenen Güter zurückgegeben würden.N. 37, p. 254. Da jenes Privilegium auf die Griechen ausgedehnt wurde, so mußte deren Kirche wieder zu erstarken begonnen haben.

Überhaupt suchte der König von Aragon als neuer Landesherr des Herzogtums Athen ein besseres Verhältnis zu den Griechen, unter denen er manche tapfre und treue Anhänger zählte. Zu seiner Zeit gab es in beiden Herzogtümern drei Erzbistümer: Athen mit vierzehn Suffraganen, von denen vier im Dukat selber lagen, nämlich Megara, Daulis, Salona und Bodonitsa; das Erzbistum Theben, welches ohne Suffragane war, und das von Neopaträ mit dem Bistum Zeitun.Liste aus dem Archiv Aragon (Rubio, n. 42). Sie hat dem Annalisten Zurita vorgelegen (II, lib. 10, n. 30). Die Diözese Athen hatte nach der Einrichtung durch Innozenz III. elf Suffraganbistümer gehabt; es waren demnach später drei hinzugekommen, während die ehemaligen Suffragane Thebens von Kastoria und Zaratora nicht mehr genannt werden.

Pedro belohnte noch andre verdiente Anhänger, sowohl Griechen als Franken, mit Privilegien und Gütern. So wurde Bernardo Ballester im Besitz des Kastells Stiri in Böotien bestätigt und Jakob Ferrer, der bei der Eroberung Levadias sein Eigentum verloren hatte, mit den dortigen Besitzungen eines Rebellen ausgestattet. Den Bürgern Thebens und Levadias bewies der König seine Erkenntlichkeit für ihre mannhafte, wenn auch unglückliche Verteidigung. Da sich der größte Teil derselben zu Negroponte befand, behandelte er diese Flüchtlinge als die Bürgerschaften jener Städte im Exil. Er zeigte ihnen die Ernennung Rocabertis zum Generalvikar und gebot ihnen, demselben zu gehorsamen. Weil dieser Erlaß vom letzten April 1381 datiert, so waren Levadia und Theben damals noch von den Navarresen besetzt.N. 3, p. 218 in Saragossa. Die folgenden Urkunden desselben Datums zeigen, daß das Jahr 1380 (statt 1381) bei Rubio ein Versehen ist.

Levadia war die erste Eroberung der Katalanen in Böotien gewesen und von ihnen mit dem Frankenrecht begabt worden. Vielleicht bestand deshalb in keiner andern griechischen Stadt ein so gutes Verhältnis zwischen ihnen und den Eingeborenen. Die Bürger derselben hatten es auch vorgezogen, auszuwandern, statt den Navarresen zu gehorchen. Zum Lohn bestätigte ihnen Pedro alle ihnen von seinen Vorgängern erteilten Privilegien.Saragossa, 9. Mai 1381 (Rubio, n. 45). Unter den Zeugen des Akts: »Ffelipus Dalmatii vicecomes Rochabertini«. Zu Levadia, wie in Theben, befand sich eine Kirche des Sankt Georg, welcher seit den byzantinischen Zeiten in Böotien und Attika einer der verehrtesten Heiligen war. Als kostbarste Reliquie wurde sein Haupt in jener Kirche Levadias verwahrt. Der König Pedro setzte deshalb dort eine Kommende der Ritterschaft St. Georgs ein.Rubio, n. 28. Dieser militärische Orden lag ihm sehr am Herzen. Seine Vorgänger auf dem Throne Aragons hatten ihn zu Alfama im Bistum Tortosa gestiftet, und auf seine eigene Bitte war er durch eine Bulle Gregors XI. am 15. Mai 1372 neu bestätigt worden.Antonio de Bofarull, Hist. critica de Cataluña, Barcel. 1876, IV, p. 636. Pedro belieh mit den Insignien desselben, dem weißen Mantel und roten Kreuz, Don Luis Fadrique, Juan Aragona von Ägina und Jofre Zarrovira.18. Mai 1381 (n. 51). Doch wollte der König die Reliquie besitzen; er befahl Rocaberti, dieselbe auf passende Weise an sich zu nehmen; 24. Juli 1381 (n. 29).

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